Kapitel 1

 

 

JEDER HAT seine Lieblings-Jahreszeit. Meine ist definitiv der Sommer. Sicherlich begann unsere Liebesbeziehung, als ich noch ein Kind war, das drei Monate Ferien hatte, mit nichts anderem zu tun, als mich unweigerlich in Schwierigkeiten zu bringen. Aber erst, als ich älter wurde, begriff ich, dass ich während der langen, heißen Tage des Sommers wirklich keinerlei Erwartungen zu erfüllen hatte. Es würde immer noch früh genug sein, sich Gedanken über die Zukunft zu machen, über die Schule und das neue Semester, wenn der Sommer vorüber war.

Während des Sommers allerdings, war alles möglich.

Ich hob meinen Kopf und hielt einen Augenblick inne. Mitten auf dem Asphalt des Parkplatzes, den ich gerade im Begriff war, zu überqueren, blieb ich stehen und genoss einfach die sanfte, warme Brise, die über meine Haut glitt. Die Stadt, in der ich jetzt lebte, hieß Incline Village und lag nördlich des Lake Tahoe. Hier wurde es niemals zu heiß und das war einer der Gründe, warum ich mein Zuhause so sehr liebte.

Noch vor sechs Monaten hätte ich niemals geglaubt, dass ich jemals irgendeinen Ort als Heimat bezeichnen könnte, aber das war, bevor ich Logan Church begegnete. In diesen wenigen Wochen war ich von einem Ausgestoßenen und Heimatlosen zum Seelengefährten eines Semel, eines Stammesführers geworden, und damit auch wieder Teil eines Clans.

Ich wurde nicht nur als ein Werpanther geboren, sondern auch als Reah. Wäre ich als Frau zur Welt gekommen, hätte meine Existenz einen Sinn gehabt, aber ich war, was ich war, und so war mein Weg ein steiniger gewesen. Reahs verbanden sich ausschließlich mit einem Semel und da Semel immer männlich waren, war der einzig mögliche Partner für mich ein Mann. Und während das, was ich fühlte, für mich immer einen Sinn ergeben hatte – es waren Männer, nicht Frauen, die mich faszinierten – hatte der Stamm, bei dem ich aufgewachsen war, und auch meine Eltern, schnell entschieden, dass ich eine Monstrosität wäre. Seit ich mit sechzehn aus der Gemeinschaft ausgestoßen worden war, gab es nur meinen besten Freund Crane und mich, und keinen Platz, den wir ein Zuhause hätten nennen können. Bis ich Logan Church begegnete, meinem Gefährten.

Jetzt, als ein anerkannter Reah, bestand mein Leben nicht mehr einfach nur aus meinem Freund Crane und mir, sondern stattdessen auch aus meinem Gefährten und dessen Familie und meinem neuen Clan. Ich war noch immer ganz benommen und völlig überwältigt, fühlte mich schier begraben unter einer Lawine von Verpflichtungen und Protokoll und der ganzen Inanspruchnahme meiner Zeit. Es war schon beängstigend und in der letzten Woche war alles noch schlimmer geworden.

Und was das Schlimmste war, ich hatte keinen blassen Schimmer, wie ich die Geschehnisse auch nur ansatzweise meinem Gefährten erklären sollte.

Ich ließ es zu, dass der Duft der Wildblumen und die leichte Brise vom See, zusammen mit dem holzigen Aroma eines Feuers, das in der Nähe brannte, mich von meinen Gedanken ablenkten. Die Gerüche folgten mir, als ich begann, meinen Weg fortzusetzen. Diese faulen Tage des Sommers trugen ihren Namen zu Recht. Ich wollte einfach nur in einer Hängematte vor mich hindösen und die Vorkommnisse der vergangenen Woche aus meinem Gedächtnis streichen.

Ich winkte im Vorbeigehen verschiedenen Mitgliedern meines Teams zu, als sie mir eine gute Nacht wünschten. Es fühlte sich gut an, zu wissen, dass sie mein Gesicht vermisst hatten. Ein Restaurant zu führen war harte Arbeit, aber was es so lohnend machte, waren die Menschen, die dort für mich arbeiteten, und ich wusste, dass meine Leute zu den besten gehörten. Als mein Telefon klingelte und das Display anzeigte, dass der Anruf von Zuhause kam, war ich ernsthaft in Versuchung, den Anruf einfach zu ignorieren. Wider besseres Wissens nahm ich den Anruf entgegen.

„Hallo?“

„Jin?“

Mein Herz beschloss, einen Schlag zu überspringen und ich blieb abrupt stehen, eingefroren mitten in der Bewegung, direkt neben meinem Jeep. Allein die Stimme dieses Mannes sandte eine Hitzewelle durch meinen Körper.

„Jin?“

„Logan… du bist zu Hause?“ Meine Stimme bebte und ich musste mich daran erinnern, einfach weiterzuatmen. „Wann bist du zurückgekommen?“

„Du klingst nicht gerade begeistert.“

War ich doch und auch wieder nicht, alles zur gleichen Zeit. „Doch, ich bin froh. Nur etwas überrascht. Du hattest etwas von zehn Tagen gesagt, aber heute sind es erst sieben.“

„Darf ich nicht früher nach Hause kommen?“

„So habe ich das nicht gemeint.“

„Also bist du froh, dass ich wieder da bin?“

Er klang unsicher.

„Natürlich bin ich das“, sagte ich hastig, „aber wann bist du…“

„Erst vor ein paar Minuten. Mikhail und ich sind…“ Er wurde offensichtlich von etwas abgelenkt. „Wo bist du?“

Was sollte ich sagen?

„Und wo sind alle anderen? Das Haus ist völlig verlassen. Als Mikhail und ich heimkamen, war keine Seele hier. Wie ist das überhaupt möglich?“

Wenn zwölf Leute in einem Haus zusammenlebten, jetzt nur noch elf, da Simone offiziell ausgezogen war, um zu heiraten - sich zu verbinden – war wohl zu erwarten, dass wenigstens einer von ihnen Zuhause war, wenn der Mann nach einer wochenlangen Reise nach New York heimkehrte. Das bei seiner Ankunft niemand da gewesen war, um ihn zu begrüßen, musste ihm sehr seltsam vorgekommen sein.

„Ich will dich sehen.“

Da war dieser unterschwellige Befehlston in seiner Stimme, auch wenn er den Satz nicht als Order formuliert hatte und ich ihn deswegen, Gott sei`s gedankt, einfach ignorieren konnte. Ich war erleichtert, denn auf gar keinen Fall wollte ich ihm in meinem gegenwärtigen Zustand gegenüber treten.

„Okay?“

„Ja.“

„Was soll das heißen?“

„Es soll heißen, dass ich in ein paar Tagen Zuhause sein werde, aber…“

„In ein paar Tagen?“

„Ja. Du hattest gesagt, dass du länger fort sein würdest, da wollte ich sichergehen, dass ich es auch wäre und nun habe ich Pläne gemacht, die ich nicht so einfach absagen kann.“

„Warum solltest du dein Zuhause verlassen wollen? Du liebst es doch, dort zu sein.“

Und damit hatte er Recht – das tat ich. Nachdem ich so lange heimatlos gewesen war, war unser Zuhause, mal abgesehen von meinem Arbeitsplatz, der Ort an dem ich normalerweise anzutreffen war.

„Jin, was ist los?“

„Was soll denn los sein“, fragte ich leichthin.

„Was für Pläne hast du, die du nicht ändern könntest?“

„Logan –„

„Bei wem bist du gerade?“

Ich räusperte mich. „Bei niemandem.“

Er schwieg eine ganze Weile, so als würde er nachdenken. „Jin.“

Ich hatte eigentlich vorgehabt, mir an diesem Abend eine Geschichte zurechtzulegen; jetzt war ich einfach nicht auf ihn vorbereitet. Ich spielte kurz mit dem Gedanken, ihm zu sagen, dass ich für meinen Boss nach Las Vegas fliegen musste oder etwas in der Art. Aber schon die Idee, meinen Gefährten anzulügen, tat mir weh. Die Alternative allerdings, nämlich die Wahrheit zu sagen, war auch nicht viel besser.

„Jin?“

„Ich bin noch hier.“

„Was zur Hölle geht da vor sich? Wo sind die anderen und warum zum Teufel willst du mich nicht sehen? Ich war eine ganze Woche lang fort; hast du mich denn überhaupt nicht vermisst?“

Tatsache war, dass ich ihn viel zu sehr vermisst hatte und das war auch der Grund des ganzen Schlamassels, nach allem was Abbot gesagt hatte.

„Jin…Liebling.“ Seine Stimme klang jetzt sanft und rauchig, voller Gefühl. „Warum willst du mich nicht sehen?“

„Das will ich doch… unbedingt“, ich steckte so was von in der Klemme. Was sollte ich bloß sagen? „Ich will nur nicht, dass du mich siehst, wenn ich nicht gut aussehe.“ Und das war im Grunde genommen die Wahrheit, eben bloß nicht die ganze.

„Du siehst immer gut aus.“

Es war schön, dass er das dachte, aber ich sah keinesfalls immer gut aus und im Moment war ich weit jenseits davon. Ich war übel zugerichtet und meine Verletzungen waren gerade erst dabei, zu verheilen. Als Werpanther erholte ich mich viel schneller als ein normaler Mensch, aber ich hatte viel Blut verloren und hatte tiefe Wunden davongetragen und ich sah immer noch ziemlich mitgenommen aus. Meinen Arbeitskollegen hatte ich erzählt, dass ich einen Autounfall gehabt hätte. Als ich zum ersten Mal danach im Restaurant erschienen war, nur um die Arbeitspläne für die nächste Woche bekanntzugeben und die Gehaltschecks zu verteilen, waren sie nicht sicher gewesen, ob ich mein Bett schon hätte verlassen sollen. Hätte ich ihnen die Wahrheit gesagt, nämlich dass ich in einen Kampf mit zwei Werpanthern geraten war, hätten sie mich für verrückt erklären lassen.

„Bist du bei der Arbeit?“

„Eigentlich bin ich schon im Weggehen“, sagte ich, denn ich war tatsächlich im Begriff, in meinen Wagen zu steigen und den Parkplatz des Restaurants zu verlassen. „Ich werde zu meinem Freund Eddie fahren und…“

„Jin“, unterbrach er mich, „was ist los?“

Ich verstummte, denn diese Unterhaltung bewegte sich eindeutig in die falsche Richtung. Ich durfte nicht zulassen, von ihm nach Hause beordert zu werden.

„Jin?“

„Mist. Ich hatte gehofft, mir bliebe mehr Zeit.“

„Mehr Zeit für was?“

Ich durfte ihm doch nicht sagen, dass ich nur versuchte, das Leben eines Mannes zu retten.

„Jin?“

Ich atmete seufzend aus. „Du wirst wirklich sauer sein, weißt du.“

„Ich bin jetzt schon ziemlich sauer“, fuhr er mich an. „Weil du nicht mit mir reden willst und versuchst, mir etwas zu verheimlichen. Ich frage dich nochmal, was zur Hölle ist hier los?“

„Sieh mal…. Es war nicht Abbots Schuld.“

„Was?“

„Na ja, eigentlich war es das ja doch, aber - “

„Ich habe keine – Abbot George?“

Auf die Bitte von Kellen Grant, eines andere Semel, hin, des Führers eines Clans von Werpanthern, hatte Logan zugestimmt, das sein Vollstrecker, Yuri Kosa, einen anderen für seinen Stamm ausbildete. Kellens Sheseru wurde während eines Menthuel, eines Kampfes um die Ehre, getötet und so wurde dessen Bruder, als der nächste in der Blutlinie, der neue Vollstrecker des Clans. Abbot George war etwas über einen Monat bei uns, als Logan abreiste, um Simones Verbindungs-Zeremonie in New York vorzubereiten.

„Jin?“

Ich stöhnte, denn er hatte mich angebrüllt und mich daran erinnert, dass er der dominante Teil in unserer Partnerschaft war. Er war der Semel, der Anführer, und ich war sein Gefährte. Schmerzliches Verlangen sammelte sich in meiner Leistengegend.

„Was ist passiert? Sags mir.“

Seine Stimme war ein tiefes Knurren und meine Gedanken schweiften ab, zur letzten Nacht, die wir gemeinsam im Bett verbracht hatten. Er wollte mich fesseln und ich ließ ihn gewähren. Die Fesseln bestanden aus einigen seiner seidenen Krawatten und sie konnten mich nur halten, weil wir beide es so wollten. Wir beide wollten, dass diese Fantasie wahr wurde.

„Jin?“

„Hab` dich so vermisst“, wisperte ich.

„Ich dich auch“, erklärte er mir in brummigem Ton und mit tiefer Stimme. „Sag mir was los ist, mein Liebling.“

Verloren im Ton seiner Stimme, mit vor Verlangen nach ihm schmerzenden Körper, ließ ich beinahe mein Handy fallen. Ich räusperte mich und riss mich zusammen. „Logan, ich – „

„Du sprichst von Abbot George, oder? Dem Burschen, den Yuri trainiert?“

Trainiert hatte.

„Ja“, erklärte ich beinahe feierlich.

Es entstand eine Pause, während ihm die Erkenntnis dämmerte. „Was hat er getan?“

„Es war ein Irrtum.“

„Was war ein Irrtum?“

„Denk bitte immer daran, dass es ein Irrtum war.“

„Jin, Gott hilf mir, bist du – „

„Es geht mir gut.“

„Warum sollte es dir nicht gutgehen?“ Seine Stimme klang jetzt hart. „Was versuchst du – „

„Es war ein Irrtum.“

„Das hast du schon mal gesagt. Was zum Teufel ist passiert, erzähle es mir einfach.“

Ich zuckte zusammen, als ich den eisigen Tonfall hörte. „Okay, also ich denke, weil ich dich so sehr vermisst habe und weil ich dein Reah bin - “

„Jesus, das ist ja wie Zähne ziehen! Jetzt sag mir verdammt noch mal einfach, was passiert ist!“

Er war nicht wirklich wütend auf mich und ich wusste das, aber er war verärgert.

Die Pheromone“, seufzte ich. „Mir war gar nicht klar, dass ich… aber Abbot sagte, es war, als wäre ich in Hitze.“

„Abbot sagte.“ Seine Stimme wurde noch tiefer und dann folgte tödliche Stille.

Ich gab einen wimmernden Laut von mir.

Es gab ein paar schleifende Geräusche, gedämpft, und dann: „Jin.“

Mikhails ruhige Stimme überflutete mich mit Erleichterung. Mit ihm konnte ich reden. Der Sylvan unseres Stammes, der Lehrer, der Berater. Er war eine stetige Quelle der Stärke und die Stimme der Vernunft. Jeder beichtete bei Mikhail und ich bildete da keine Ausnahme. „Hi“, ich grinste breit und stieß einen tiefen Seufzer aus. „Wie war eure Reise?“

Am anderen Ende der Leitung erklang ein tiefes, sehr männliches Grunzen. „Ich werde dir alles über New York erzählen, wenn wir uns sehen, aber jetzt will ich erst mal wissen, was hier in der Zeit passiert ist. Mein Semel verlangt es und ich tue das auch. Warum bist du nicht in deinem Zuhause, mein Reah, und wo ist dein Sheseru?“

Ich dachte einen Augenblick darüber nach, wie ich es ihm sagen sollte.

„Erzähle es mir einfach.“

Aber es war einfach alles so schnell gegangen. In einem Moment war ich noch in der Küche und kochte Spaghetti und im nächsten drehte ich mich um und stand direkt vor Abbot George, dem Sheseru, der ausgebildet wurde, dem Panther aus Kellen Grants Clan der Selket. Als der Reah meines Stammes, dem Gefährten des Anführers, sollte ich mich nicht alleine mit ihm in einem Raum befinden, aber in meinem eigenen Zuhause nahm ich es mit den Regeln nicht gar so genau. Wenn du in meinem Haus bist, vertraue ich dir.

„Hey“, ich lächelte ihn an. „Wie geht das Training mit Yuri voran? Willst du immer noch ein Sheseru sein oder hast du`s aufgeben?“

Seine Augen wurden schmal, als er mir näher kam. „Mein Semel, Kellen Grant, hat eine Yareah zur Gefährtin genommen, eine Frau, die er selbst gewählt hat, keine Reah, die für ihn vorbestimmt wurde als er geboren wurde. Er hat keine Seelengefährtin. Er hat keine Reah.“

„Ja klar“, stimmte ich ihm zu und drehte mich wieder zum Herd um. „Die Spaghetti sind nicht so gut, wie die von Logans Mum, aber ich denke sie sind OK. Möchtest du welche?“

Er antwortete nicht, sondern kam mir noch näher, drängte mich zurück und presste sich an mich.

„Abbot?“

„Ein wahrer Sheseru ist dazu bestimmt, der Vollstrecker des Semel zu sein und der Beschützer der Reah, oder nicht?“

„Ein Sheseru tut, was sein Semel von ihm verlangt“, stellte ich richtig. „Würdest du bitte einen Schritt – „

„Ich habe das Gesetz gelesen. Ein Sheseru ist der Streiter der Reah.“

„Wenn der Stamm eine Reah hat“, berichtigte ich ihn. „Wenn es keine Reah gibt, dann – „

„Ein Sheseru ist ohne Reah verloren.“

„Nein, er beschützt stattdessen die Yareah…“ Ich konnte mich nicht konzentrieren; ich fühlte mich plötzlich völlig erschöpft. „Würdest du vielleicht… würdest du etwas zurücktreten“, schlug ich ihm vor, weil ich sicher war, dass er keine Ahnung hatte, wie unwohl ich mich seinetwegen fühlte.

„Ein Sheseru ist dazu bestimmt, eine Reah zu beschützen“, sagte er ausdruckslos und bedrängte mich noch mehr.

„Halt“, sagte ich sanft aber bestimmt.

„Ich hatte gedacht, dass es das selbe wäre“, sagte er mit sonorer Stimme und ließ dabei seine Fingerspitzen über eine Seite meines Nackens gleiten. „Reah oder Yareah… Ich hatte ja keine Ahnung, bis ich hierher kam.“

„Abbot.“ Ich hatte gerade seinen Namen ausgesprochen, als zwei Männer, die ich noch nie zuvor gesehen hatte, die Küche betraten.

„Was wollen…“

„Es ist nicht dasselbe. Ein Reah ist… ein Wunder, und jetzt, nachdem ich dir hier begegnet bin, sehe und fühle ich den Unterschied. Ich muss hier an deiner Seite bleiben; Logan muss Yuri verbannen und mich als Sheseru akzeptieren.“

Er hatte völlig den Verstand verloren und bevor sich seine Hand um meine Kehle schließen konnte, wich ich zurück, soweit ich noch konnte, bis mein Rücken gegen die Küchentheke stieß. „Yuri ist Logans Sheseru und das wird er bleiben, bis – „

„Seit Logan fortging, ist es, als seist du in Hitze“, wisperte er und ich bemerkte, wie unnatürlich weit seine Pupillen waren und sah den Schauer, der ihn durchfuhr. Ich begann mich zu fragen, wo Yuri war. „Ich denke, ein Sheseru sollte sich um alle Bedürfnisse seines Reah kümmern, solange der Semel abwesend ist.“

In seinen Augen war fast kein Weiß mehr zu sehen. Nur riesige, geweitete Pupillen verfolgten jede meiner Bewegungen. Und was zum Teufel sollte der um all seine Bedürfnisse Kommentar bedeuten?

„Ich denke, du brauchst mich… dein Körper schreit geradezu nach mir.“

Wer würde so sprechen? „Du solltest ins Wohnzimmer gehen und etwas fernsehen“, schlug ich vorsichtig vor und beobachtet ihn. Meine Nackenhaare stellten sich auf, als mein Blick auf die beiden anderen Männer fiel. „Und nimm deine beiden Freunde mit, es sei denn, sie möchten vorher etwas essen.“ Ich bemühte mich mit aller Kraft, meine Stimme ruhig und entspannt klingen zu lassen.

„Ich habe noch nie zuvor einen Mann begehrt“, gestand er mit leiser Stimme. „Aber ich bin auch noch niemals einem Mann begegnet, der so ist wie du, Jin Rayne.“

Mir gefror das Blut in den Adern. Und das nicht aus Angst, sondern vor Wut. Wie konnte er es wagen, Logan so zu behandeln? Wie konnte er es wagen, der Unantastbarkeit unseres Zuhauses Gewalt anzutun? Ich war der Seelengefährte eines Semel, vollkommen unberührbar und hier glaubte dieser Mann, er könne mich für sich beanspruchen? Mein Gefährte war der stärkste männliche Panther, dem ich jemals begegnet war und dieser Mann vor mir glaubte, er könne es mit ihm aufnehmen? Mich nehmen? Er erdreistete sich anzunehmen, ich würde irgendetwas anderes als meinem Semel brauchen? Das war obszön.

„Raus aus meinem Haus“, befahl ich mit kalter, harter Stimme.

„Reah“, er schnitt mir den Weg ab und stürzte sich auf mich. Das Tablett wurde mir aus den Händen geschleudert und er grapschte mit beiden Händen nach meinem Gesicht und riss mich vorwärts. Sein Mund war auf meinem und seine Zunge presste sich gegen meine Lippen, als er mich rückwärts über die Arbeitsfläche bog.

Ich schubste und kämpfte, aber er war so viel stärker und größer als ich und seine Hände waren überall, als es mir endlich gelang, seinen Mund von meinen Lippen zu lösen. „Hör auf“, stieß ich hervor und bemühte mich sehr, ihn nicht anzuschreien, aus Angst um ihn und vor dem Verstoß, den er im Begriff war zu begehen. Meine Wut hatte sich in Sekunden in Angst um sein Leben verwandelt. Ich hätte mich einfach verwandeln können und wäre ihm dann mit Leichtigkeit entkommen, aber wenn mich irgendjemand in meiner Pantherform gesehen hätte, wäre die Frage aufgetaucht, warum ich mich in meinem eigenen Zuhause in ein Tier hätte verwandeln sollen. Was hatte mich dazu gebracht, mich zu verwandeln? Warum bestand für mich die Notwendigkeit, zu kämpfen? Und wenn diese Fragen erst einmal gestellt werden würden, würde mein Sheseru, Yuri Kosa, diese Männer töten. Aus diesem Grund wollte ich nicht, dass uns irgendjemand sah oder hörte.

Doch in dem Moment, als auch die anderen Hand an mich legten, vergaß ich meine Sorgen um ihre Sicherheit.

Der Küchentisch wurde leergefegt und ich wurde darauf geworfen, mit dem Gesicht nach unten, meine Arme weit ausgestreckt und von starken Händen fest auf die Tischplatte gedrückt. Fremde hielten meine Handgelenke umklammert, während Abbot seine Leistengegend gegen meine Hüfte rieb. Seine Hände zerrten an meiner Gürtelschnalle, in dem ungeschickten Versuch, sie zu öffnen. Zuerst hatte ich geglaubt, es wären nur drei Männer gewesen, aber zu meinem Entsetzen bemerkte ich nun, dass ich mich geirrt hatte. Es waren vier.

Mir blieb keine Wahl. Wie Wasser zerfloss ich unter ihren Händen, mein Körper verwandelte sich binnen eines Lidschlags vom Mann zum Panther. Erschrockenes Keuchen erfüllte den Raum, während ich mich vom Tisch auf den Boden abrollte, verwickelt in meine Jeans und mein T-Shirt, aus denen ich mich aber in Sekundenschnelle befreit hatte. Ich war dankbar, dass ich barfuß gewesen war, als ich in die Küche kam. Ich hatte nicht bemerkt, dass Abbots Vorliebe für mich zur Besessenheit geworden war, aber er hatte offensichtlich meine Geschwindigkeit unterschätzt. Ich war so viel schneller, als er angenommen hatte. Ihre Unfähigkeit, meinen Bewegungen auch nur mit ihren Augen zu folgen, bevor ich die Küche ganz durchquert hatte, war der Beweis dafür.

„Reah“, hauchte Abbot, der gerade dabei war, sich blitzartig seiner Kleidung zu entledigen, um sich ebenfalls in seine Pantherform zu verwandeln.

„Lasst uns von hier verschwinden“, rief ihm einer der Männer zu, während ein anderer bereits dabei war, sich davonzumachen.

Es war meine Schnelligkeit. Es war angsteinflößend, dabei zuzusehen, wie sich etwas so rasch verwandeln konnte.

„Abbot!“

Aber er war gefangen im Nebel der Verwandlung vom Mann zum Tier.

„Du hast gesagt, er wollte es. Niemals hast du erwähnt, dass er sich gegen dich wehren würde!“, schrie der Fremde in meiner Küche, als er seinen Freund zurückließ und durch die Hintertür in die Nacht hinaus floh.

„Jin… wo bist … du…“

Yuris plötzliches Auftauchen beraubte mich der Chance zur Flucht. Alles was ich tun konnte, war ihn vor der Attacke zu schützen, die er niemals hätte kommen sehen.

Und trotzdem ich doppelt so weit von ihm entfernt war, wie die andere Katze, schaffte ich es doch, ihn zu erreichen, bevor Abbot es konnte, und ich warf ihn unter mir zu Boden, nahm ihm jede Möglichkeit, seine Klauen und Zähne in der Brust meines Sheseru zu versenken. Aber in meiner Überheblichkeit unterschätzte ich seine Gewandtheit und Schnelligkeit. Als er sich herumwand und seine Fänge in meine Seite schlug, fühlte ich den furchtbaren Schmerz, als hätte man mich geschlagen und zur selben Zeit ein Messer in meine Eingeweide getrieben.

Hitze breitete sich in meiner Flanke aus und weil ich kurzzeitig zu benommen war, um mich zu wehren, schickte mich der anschließende, harte Kopfstoß auf die Bretter.

Rasiermesserscharfe Krallen zerfetzten meine Seite und ich erkannte, dass der Schwall von Blut mein eigenes war. Ich konnte Yuris zornigen Aufschrei hören, sah, wie seine Kleidungsstücke auf mich fielen, als er sie sich vom Körper riss, um sich verwandeln zu können.

Ich war mitten in ihren Kampf geraten und bei dem Blutverlust war ich nicht so schnell oder stark, wie ich es normalerweise war. Mein Körper wurde hin- und hergerissen, herumgewirbelt, wie ein Spielzeug, wieder und wieder wurde auf mir herumgetrampelt, ich wurde zerquetscht und zerfleischt, bevor es mir endlich gelang, mich aus dem tödlichen Knäul zu befreien.

Ein Blick auf die beiden Kontrahenten, die Brutalität ihres Kampfes, genügte mir, um zu erkennen, dass es ein Kampf auf Leben und Tod war, falls es mir nicht irgendwie gelang, sie zu trennen. Ich wollte mich gerade zwischen sie werfen, als mich starke Hände am Nacken packten und mich an Ort und Stelle festhielten.

„Warte“, sagte Crane von irgendwo über mir und die Stimme meines besten Freundes klang hart, während er sich neben mich kniete. „Du blutest“, warnte er mich. „Verwandle dich wieder zurück, damit ich mir das ansehen kann.“

Aber dafür blieb mir keine Zeit.

„Lass ihn los, du Idiot, bevor Yuri Abbot umbringt.“

Crane erhob sich neben mir in einer einzigen, fließenden Bewegung, als Markel, ein anderer Panther des Clans und Cranes Rivale um die Gunst von Logans Schwester Delphine, zu meiner Rechten erschien.

„Jin ist der Einzige, der schnell genug ist, um sie auseinander zu bringen ohne ernsthaft verletzt zu werden.“

„Er ist doch schon verletzt!“, brüllte Crane ihn an. „Und es interessiert mich einen Scheißdreck, ob Abbot draufgeht. Er ist sowieso schon so gut wie tot.“

„Wovon zur Hölle redest du?“, schrie Makel ihn an und schubste ihn so hart, das Cranes Hände von meinem Nacken gerissen wurden. „Wir sind für seine Sicherheit verantwortlich, solange er bei uns ist. Glaubst du denn, dass sein Semel es so einfach hinnehmen wird, wenn er in unserem Haus verletzt wird? Benutz doch mal deinen Verstand!“

Ohne ein weiteres Wort stürzte sich Crane auf Markel und beide Männer gingen in einem Wirbel aus Armen und Beinen zu Boden. Als sie kurze Zeit später wieder auf die Füße kamen, um sich die Kleider vom Leib zu reißen, verwandelte ich mich wieder zurück und schrie sie an, aufzuhören und mir zu helfen. Oder ich versuchte es jedenfalls – was wirklich herauskam war eine abgewürgte Version meiner Stimme.

Ich musste mich an der Küchentheke festhalten, um nicht zu Boden zu gehen. Als ich wieder aufblickte, sah ich Crane und Markel, die in ihrer Pantherform aufeinander losgingen, ein Wirbel aus Klauen und Zähnen, beide mit Mordlust in ihren Augen. Eigentlich war Crane gekommen, um mir zu helfen, aber jetzt, wo sich ihm eine Gelegenheit bot, seinen Rivalen auszuschalten, würde er sie nutzen. Das Tier, das ein Teil von ihm war, verlangte es. Und als mein Blick wieder zu Yuri zurückzuckte, der gerade von Abbot und noch einem Panther angegriffen wurde, erkannte ich, was mein Sheseru nicht sehen konnte.

Mich in einen Panther verwandelnd hechtete ich durch den Raum und landete auf Yuris Rücken. Ich stieß ihn hart zu Boden, presste ihn flach gegen die Fliesen unter uns und schützte ihn so vor dem Angriff des dritten Panthers. Fangzähne bohrten sich in meinen Nacken und scharfe Krallen rissen meine andere Seite auf. Scharfe, sengende Hitze überflutete mich, als wir durch dessen Schwung von Yuri herunterrollten und ich anschließend gegen den Ofen geschleudert wurde. Abbots Zähne verfehlten meine Halsschlagader nur um Millimeter, aber bevor er eine zweite Chance bekam, wurde er von mir fortgerissen. Plötzlich war Yuri da und hielt ihn von mit fern, auch wenn der Panther seine Klauen in meinem Rücken vergraben hatte. Der Schmerz durchzuckte mich wie ein elektrischer Schlag, konstant und stetig anschwellend. Der Biss in meine Schulter, tief und allesdurchdringend, ließ mich in Agonie aufheulen.

Ein Schaudern durchfuhr mich, als mein Kopf hart auf den Boden geschmettert wurde und für einen Moment verschwamm alles vor meinen Augen. Dann wurde das furchtbare Gewicht von mir gehoben und verschwand. Ich drehte meinen Kopf und sah neben mir einen Mann auf dem Boden liegen, dessen Kehle herausgerissen war. Blitzartig hatte er sich, während er starb, zurückverwandelt. Im Tod wird die Form des Mannes enthüllt.

Yuri war plötzlich wieder über mir, sein goldenes Fell mit Blut verschmiert. Selbst in meiner Panik erkannte ich, dass ich meinem Retter ins Gesicht blickte. Wo war Abbot geblieben? Wo der andere Panther? Einer war vor dem Kampf geflohen, einer war tot, und so blieben nur noch Abbot und ein Anderer übrig. Als Yuri davonsprang, hatte ich meine Antwort. Ich sah zwei Panther vor ihm durch die Küchentür davonhechten, im selben Moment, als Crane Markel durch das Erkerfenster schleuderte, das Logan erst vor einem Monat hatte einbauen lassen. Sie hatten einfach weitergekämpft, die Tatsache vollkommen ignorierend, dass ich in einem Kampf auf Leben und Tod gefangen gewesen war. Sie hätten jederzeit eingreifen und dem Kampf ein Ende setzten können, aber keiner von ihnen hatte es getan. Und außerdem hatten sie etwas zerstört, das Logan geliebt hatte. Er hatte in der Küche einen Ort geschaffen, nur für ihn und mich. Einen ruhigen Winkel, einen Zufluchtsort an dem wir ungestört gemeinsam frühstücken konnten, vervollkommnet mit einem Fenster, durch das wir auf die Wälder blicken konnten. Ich schätzte es sehr, schon allein, wegen dem Gedanken, der dahinter steckte. Und nun war es fort.

Nun, da die Bedrohung vorbei war, verwandelte ich mich zurück und fand mich allein, nackt und zitternd vor Schmerzen wieder, als ich versuchte, aufzustehen.

In diesem Moment war ich entsetzt. Ich blutete und meine Körpertemperatur fiel rasch ab. In diesen kurzen Augenblicken fürchtete ich tatsächlich, sterben zu müssen.

„Warte.“

Ich war mir nicht sicher, wann genau ich angefangen hatte, zu erzählen, wann die Erinnerungen in meinem Kopf in einen Monolog ausgeufert waren, aber dem flauen Tonfall in Mikhails Stimme nach zu urteilen, hatte ich schon viel zu viel gesagt.

„Nur damit ich das richtig verstehe“,