Kapitel 1

 

DETECTIVE IVAN Bekker betrat humpelnd das Polizeirevier. Die Zusammenarbeit der beiden Abteilungen war von Anfang an ein völliges Desaster gewesen. Ivans Vorgesetzter im Drogendezernat und der Leiter der für organisierte Kriminalität zuständigen Abteilung gerieten ständig aneinander. Erstaunlicherweise war es ihnen dennoch gelungen, bereits mehrere Hauptakteure des von der Russenmafia ins Leben gerufenen Drogenrings dingfest zu machen. Allerdings war es beim letzten Einsatz anstelle der vorgesehenen problemlosen Festnahme zu einer wilden Schießerei zwischen den Lagerhallen gekommen.

Glücklicherweise hatte es auf ihrer Seite trotz Schusswunden und anderer Verletzungen keine Toten gegeben.

Noch nicht.

Ivans Blick wanderte an seinen Kollegen vorbei, die an ihren Computern arbeiteten, telefonierten oder schrieben, und blieb an dem leeren Schreibtisch bei Inspector Nadars Bürotür hängen. Kurt, ein Freund, war blutüberströmt in einen Krankenwagen geladen und von seinem Partner Simon begleitet abtransportiert worden. Einer ihrer eigenen Männer war schwer verletzt und es gab noch keine Informationen über seinen Zustand. Es war unfair. Kurt und Simon gehörten eigentlich zur Mordkommission und waren lediglich als Verstärkung am Einsatz beteiligt gewesen, doch Kurt war von einer verirrten Kugel getroffen worden.

Er stapfte in den Umkleideraum und entledigte sich seiner Schutzausrüstung. Bevor er auch die blutbespritzte Kleidung darunter ausziehen konnte, stürmte jedoch Inspector Sergio Martelli, der Leiter des Drogendezernats, in den Raum.

„Bekker, in mein Büro. Sofort.“

Sein ohnehin oft schroffer Chef klang ernsthaft verärgert. Großartig. Das hatte Ivan gerade noch gefehlt. Dabei wünschte er sich doch nur eine warme Dusche und die Gelegenheit, zum Krankenhaus zu fahren und nach Kurt zu sehen. Seit Kurts ehemaliger Partner Ben vor fast einem Jahr bei einem Einsatz ums Leben gekommen war, hatte Kurt Ivans Aufmerksamkeit erregt. Er hatte sich nicht direkt von ihm angezogen gefühlt, doch ihm war eine Veränderung aufgefallen. Vor einigen Wochen hatte Kurt ihn schließlich zu einem Bier eingeladen und Ivan gestanden, dass er schwul sei. Wie die meisten schwulen Polizisten plante Kurt, diese Tatsache für sich zu behalten. Ivan, der selbst offen dazu stand, stellte die große Ausnahme dar.

Obwohl es ihnen vor dem heutigen Fiasko nur dreimal gelungen war, sich zum Essen oder zu einem Bier zu treffen, betrachtete Ivan den Mann als Freund. Der jetzt verdammt noch mal nicht einfach sterben konnte.

Ivan warf einen wehmütigen Blick auf die Duschen und zupfte an seinem feuchten, blutigen T-Shirt.

„Sofort, Bekker!“ Die Stimme seines Chefs hallte durch den Raum wie die eines Feldwebels – mit dem er von allen verglichen wurde. Wie man hörte, hatten Martellis Kollegen in der Polizeischule nicht lange gebraucht, um seinen Vornamen Sergio erst in Serge und dann in Sarge zu ändern, als wäre er wirklich Feldwebel. Mittlerweile hielten die meisten Leute die Bezeichnung für seinen tatsächlichen Dienstgrad und Martelli schien das Wortspiel zu gefallen.

Ivan schlug seinen Spind zu und stapfte zum Büro seines Chefs. Wenn das Blut Martellis Besucherstühle ruinierte, war es nicht sein Problem.

Im Flur war von Martelli nichts zu sehen. Offenbar hatte seine dröhnende Stimme den gesamten Weg vom Büro zur Umkleide zurückgelegt. Ivans Schritte verlangsamten sich, während in seinem Innern Wut gegen Erschöpfung ankämpfte.

Die anderen Beamten im Flur machten einen großen Bogen um ihn, was Ivan ihnen nicht vorwerfen konnte – vermutlich sah er aus wie aus einem Horrorfilm entflohen. Genau genommen sah er mit seinem dunkelblonden Haar und den von seiner Mutter geerbten slawischen Gesichtszügen dem russischen Gangster, den er an diesem Tag erschossen hatte, verdammt ähnlich. Ivan war noch immer mit seinem Blut beschmiert. Man gewann nicht, indem man jemanden tötete. Noch inmitten des Kugelhagels war Ivan hinübergestürzt und hatte sich bemüht, den Mann zu retten. Es war ihm nicht gelungen. Während sich die meisten anderen Verbrecher auf dem Weg ins Gefängnis befanden – einige würde man sicher ausweisen –, befand sich Ivans Widersacher auf dem Weg zur Leichenhalle. Als die Sanitäter eingetroffen waren, hatten sie herausgefunden, dass der Name des jungen Mannes Dmitri war. Ivan hatte gehört, man könne seinen ersten Toten niemals vergessen. Jetzt wusste er, warum.

Ohne zu klopfen oder ein Wort zu sagen, stolzierte Ivan in Martellis Büro und ließ sich auf den rechten der blauen Stühle fallen. Martelli hätte es verdient gehabt, das verdammte Ding anschließend neu beziehen lassen zu müssen.

Martelli, der gerade in einen Bericht vertieft war, schien ihn nicht zu bemerken.

Ivan rutschte auf seinem Stuhl herum. Er hätte schon lange geduscht haben können.

Irgendwann ließen sich Verärgerung und Ungeduld nicht länger unterdrücken. „Was zum Teufel ist so dringend, Sarge, dass ich mich nicht erst umziehen konnte?“

„Schließen Sie die Tür, Bekker.“

Seine Wangen und sein Hals glühten. Ob man tatsächlich vor Wut kochen konnte? Dann stand Ivan nämlich kurz davor. Er stand auf und schlug die Tür mit einem so lauten Knall zu, dass er noch nachhallte, als er bereits wieder saß.

Martelli zog eine graue Augenbraue hoch und starrte ihn an. „Musste das sein?“

Ivan erwiderte den Blick, ohne zu antworten. Im Zweifelsfall schwieg man lieber, als etwas Falsches zu sagen.

„Was ist da draußen passiert?“

Er betrachtete Martelli aus zusammengekniffenen Augen, um seine Laune genauer zu ergründen. Eindeutig verdammt verärgert. Dabei konnte Ivan nicht der Einzige sein, der nach dem heutigen Tag einen Menschen auf dem Gewissen hatte. Der Kugelhagel hatte an ein kleines Kriegsgebiet erinnert. Sicher stand nicht nur ihm eine Untersuchung der Special Investigations Unit bevor.

Trotzdem: Auch wenn es nicht in seiner Absicht gelegen hatte, jemanden zu töten, hatte er sich nicht falsch verhalten. Also zuckte er mit den Schultern und schilderte den Einsatz aus seiner Sicht. Martelli und die SIU würden sehr viele Beamte befragen müssen, um sich ein lückenloses Bild der Ereignisse machen zu können.

„In Ordnung. Gute Arbeit. Allerdings brauche ich das noch schriftlich, bevor Sie gehen.“

„Bevor ich gehe?“ Was sollte das? Er hatte nicht vor, an diesem Tag noch einen Bericht zu schreiben. Nicht, solange sich Kurt in unbekannter Verfassung im Krankenhaus befand.

„Ja, darauf muss ich leider bestehen.“

 „Warum, Sarge?“ Ivan schlug mit den Fäusten auf die Armlehnen, doch es reichte nicht. Er stand so schwungvoll auf, dass der Stuhl beinahe umkippte, und begann, im Raum auf und ab zu gehen. Zwar war er nicht so groß wie einige der anderen Polizisten, konnte durch seine hart erarbeiteten Muskeln jedoch durchaus einschüchternd wirken. Leider ließ sich Martelli nicht beeindrucken. Verdammt. Andererseits spielte Ivan sich normalerweise nicht so auf, wie es einige andere Idioten unter seinen Kollegen für nötig hielten – weshalb er häufig unterschätzt wurde.

Doch sein Vorgesetzter kannte Ivan, und während dieser wie eine Wildkatze durch das Zimmer tigerte, schaute er ihm geduldig zu, als hätte er es mit einem verängstigten Kätzchen zu tun.

Nur war es auch jetzt noch nicht genug. Ivan wirbelte herum, riss den Stuhl von den Beinen und sah zu, wie dieser gegen die Wand prallte. Er ballte die Hände zu Fäusten. Irgendetwas zu schlagen wäre – zumindest für einige Sekunden – ein gutes Gefühl gewesen. Nur gab es in diesem verdammten Büro nichts, woran er sich nicht die Hand verletzt hätte – die Hand, in der er seine Dienstwaffe halten musste.

„Besser?“, erkundigte sich Martelli.

Ivan öffnete seine Fäuste und ließ sich auf den zweiten Stuhl fallen. Die Schadenfreude darüber, auch den anderen Stuhl mit Blut und Schmutz zu beschmieren, war keine ausreichende Entschädigung dafür, an diesem Tag noch einen Bericht schreiben zu müssen.

„Wollen Sie jetzt vielleicht meine Gründe hören?“ Die Missbilligung in Martellis Stimme war nicht zu überhören.

Ivan kratzte mit dem Fingernagel über einen angetrockneten Blutfleck auf seinem Handrücken, der das hastige Händewaschen überstanden hatte.

„Von mir aus.“ Seine Mutter hätte ihm einen Klaps auf den Hinterkopf verpasst, wenn er in diesem Ton mit ihr gesprochen hätte. Glücklicherweise war Martelli nicht seine Mutter.

„Sie, Kessel und Gillespie sind beurlaubt, während die SIU Nachforschungen anstellt. In den anderen Abteilungen wird es ähnlich aussehen, da bisher zehn Todesopfer bekannt sind, obwohl der Einsatz unblutig verlaufen sollte. Das wird für mich noch ein ziemliches Nachspiel haben.“ 

„Aber was soll mein verdammter Bericht daran ändern, Sarge?“

Nach einem verstohlenen Blick durch das Büro antwortete Martelli so leise, dass Ivan sich vorbeugen musste, um ihn zu verstehen: „Ich habe einen Auftrag für Sie. Ganz inoffiziell.“

Ivan richtete sich überrascht auf. Martelli hatte große Pläne für eine Zukunft in der Politik – unterstützt von seiner vermögenden, weltgewandten Frau –, sobald er seine fünfundzwanzig Jahre im Dienst hinter sich hatte. Aus diesem Grund hielt Martelli sich grundsätzlich strikt an die Regeln. Dass er jetzt plötzlich vorschlug … Was genau schlug er eigentlich vor?

„Wovon sprechen wir hier?“

„Sie sind einer meiner besten Detectives, Bekker.“

Tatsächlich? Ivan machte seine Arbeit verdammt gut, doch es überraschte ihn, dass Martelli ihn für einen der Besten hielt. Vielleicht war es Martelli unangenehm, einem schwulen Mann Anerkennung zu zollen. Martelli leitete seine Abteilung auf effiziente Weise, überhörte jedoch grundsätzlich die Beleidigungen und Beschimpfungen, die sich Ivan regelmäßig von einigen Kollegen anhören musste. In dieser Hinsicht beneidete er Kurt, denn Inspector Nadar von der Mordkommission ging politisch korrekt vor und bestrafte dieses Verhalten. Glücklicherweise kam Ivan mit dem Großteil der Männer gut aus – ein paar schwarze Schafe gab es immer. Nur wie sollte er Martelli jetzt antworten?

„Okay“, sagte er schließlich nur.

Martelli nickte, als hätte er auf eine Bestätigung gewartet. Das Gespräch war wirklich seltsam. „Wir wissen beide, dass wir heute noch Glück hatten. Nur einer unserer Männer wurde lebensgefährlich verletzt. Wenn man bedenkt …“ Martelli zögerte.

„Wenn man was bedenkt?“

Martelli runzelte seine künstlich gebräunte Stirn. „Wenn man bedenkt, dass es bei uns eine undichte Stelle gibt. Vielleicht sogar Schlimmeres.“

Ivan holte tief Luft. Er hatte sich bemüht, diesen Verdacht zu verdrängen, doch in seiner ganzen Laufbahn war er bei einem Einsatz noch nie auf so gut organisierten Widerstand getroffen.

„Schlimmeres?“

„Darüber möchte ich noch nicht spekulieren. Stattdessen möchte ich, dass Sie der Sache während Ihrer Beurlaubung als verdeckter Ermittler nachgehen. Ich bitte Sie nur ungern darum, aber wir haben einen Hinweis erhalten, dem wir nachgehen müssen. Und dafür brauche ich Sie.“

Ivan lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und musterte Martelli. Diese Bitte wich so weit von den Vorschriften ab, dass es schon nicht mehr lustig war. Sollte etwas schiefgehen, konnte es unter Umständen das Ende seiner Karriere als Polizist bedeuten. Andererseits verlief bei diesem Beruf nicht immer alles so korrekt und vorschriftsmäßig, wie man es sich vielleicht wünschte. Außerdem hatte er ohnehin bereits mehrmals über einen Berufswechsel nachgedacht. Er war Polizist geworden, um zu helfen und zu einer besseren Welt beizutragen. Ihm war nicht klar gewesen, dass er dazu sein Privatleben würde aufgeben müssen.

„Was genau muss ich tun?“

„Uns ist zu Ohren gekommen, dass eines der aufstrebenden jungen Mitglieder in Razhins Organisation einen Mitbewohner sucht. Sie sollen den neuen Mitbewohner spielen, um herauszufinden, ob tatsächlich eine Verbindung zu Razhin besteht, und uns in diesem Fall möglichst viele Informationen über ihn zu beschaffen. Wenn wir ihm nicht endlich das Handwerk legen, wird der heutige Einsatz kein Einzelfall bleiben.“

Als Kopf der Russenmafia in Toronto war Viktor Razhin für den Drogen- und Menschenhandel verantwortlich, den sie betrieb.

Martelli klopfte mit einem Finger auf den Tisch. „Meinen Informationen zufolge besitzt der Junge zwei Immobilien und hat die letzten Monate damit verbracht, sich einen Namen mit Marihuana zu machen.“

„Marihuana? Gibt Razhin sich mit solchen Kleinigkeiten ab?“

„Soweit ich weiß, hat der Junge selbstständig angefangen – und Gras ist nun mal ungefährlicher und erfordert ein wesentlich geringeres Startkapital als der Handel mit Kokain, Crack oder Meth.“

„Und mittlerweile ist er erfolgreich genug, um Razhins Aufmerksamkeit zu erregen? Unser Jungunternehmer scheint ein kluges Köpfchen zu sein. Nur warum sollte so jemand einen Mitbewohner brauchen?“

Martelli reichte ihm schulterzuckend ein Blatt Papier. „Keine Ahnung. Finden Sie es heraus, wenn Sie können, aber konzentrieren Sie sich auf die Verbindung zu Razhin. Das Wichtigste steht hier drauf. Vernichten Sie es, bevor Sie das Revier verlassen.“

„Es gibt noch nicht mal eine Akte?“ Ivan runzelte die Stirn.

„Zu gefährlich. Selbst die kleinste Information in der Datenbank könnte unseren Maulwurf alarmieren.“

Ivan überflog das Blatt, fand aber abgesehen von ein paar Namen, Adressen und Telefonnummern kaum brauchbare Informationen. Parker Wakefield. Kein Foto, keine Kopie des Führerscheins, keine Übersicht seiner belegten Kurse, keine Kreditauskunft. Nur die Tatsache, dass er die University of Toronto besuchte, zweiundzwanzig Jahre alt war und einen Freund namens Neil Travers hatte. Ivan bemühte sich um einen neutralen Gesichtsausdruck. Offenbar vertraute Martelli ihm, doch die Sache mit dem „besten Detective“ war nur leeres Gerede gewesen. Martelli hatte ihn ausgesucht, weil er der einzige offen schwule Mann unter den Detectives war (auch wenn Ivan abgesehen von Kurt noch ein paar andere verdächtigte). Eins der homophoben Arschlöcher zu schicken wäre für Martelli ein zu großes Risiko gewesen.

„Ich bin ein bisschen zu alt für die Uni oder einen Mitbewohner. Wie erklären wir das?“

„Sie sind ein geschiedener Mann, der von seiner Frau bis aufs Hemd ausgezogen wurde. Ich hoffe auf ein bisschen Anteilnahme von seiner Seite. Außerdem schuldet mir die Wohnungsvermittlerin der Universität einen Gefallen und wird Sie als den geeignetsten Kandidaten darstellen.“

„Frau?“ Ganz toll. Ein weiterer Einsatz, bei dem er den Hetero spielen musste. „Heißt das, ich habe wenigstens Trish als Unterstützung dabei?“ Seine Partnerin hätte die perfekte wütende Ehefrau abgegeben. Während die meisten Kollegen sie für eine furchtbare Zicke hielten, gefiel es ihm, dass sie sich nichts gefallen ließ und so direkt und schlagfertig war. Sie verstanden sich großartig.

Martelli schüttelte den Kopf und Ivan verspürte einen Stich. Wenn Trish eine Verräterin wäre, hätte Ivan es verdammt noch mal gewusst.

„Wenn Trish sowieso nicht dabei sein soll, warum kann ich dann nicht einfach ein schwuler Mann sein, der sich von jemandem getrennt hat?“ Die Wahrheit ließ sich am besten verkaufen.

Martelli schnaubte. „Seien Sie nicht albern. Das wirkt bei Weitem nicht so tragisch wie eine Scheidung. Wir wollen doch Mitgefühl in ihm hervorrufen, damit er sich öffnet.“

Hätte Ivan nicht bereits gesessen, hätten ihm vermutlich seine Beine den Dienst versagt. Er konnte kaum atmen. Es war wie ein Schlag ins Gesicht. Obwohl er länger mit Colin zusammengelebt hatte, als die meisten Ehen in seinem Umfeld andauerten, sollte die Beziehung weniger wert sein? Zugegeben, sie waren nie verheiratet gewesen. Ivan war nicht sicher, wie das bei einem schwulen Polizisten funktionieren würde und Colin hatte ihn nie dazu gedrängt. Trotzdem war Ivan glücklich gewesen – bis er im letzten Herbst einmal früher nach Hause gekommen war und Colin mit einem anderen Mann in ihrem Bett vorgefunden hatte. Und sein Schmerz, seine Enttäuschung, wurde jetzt als unbedeutend abgetan?

Warum war das Leben als schwuler Mann ein ständiger Kampf? Es machte diesen Beruf so ermüdend, besonders heute. Vor allem, da Martelli es eilig zu haben schien und ihm vermutlich nicht die Gelegenheit geben würde, beim Krankenhaus anzuhalten und herauszufinden, wie es Kurt ging … ob er überhaupt noch lebte.

„Dann verlangen Sie also nicht von mir, ihn zu verführen?“ Martellis verwirrtem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, war es Ivan nicht völlig gelungen, den beißenden Sarkasmus zu unterdrücken.

„Nein! Nein. Selbst wenn die Sache mit dem Bettgeflüster zwischen zwei Männern funktionieren würde, wäre er viel zu jung für Sie.“

Ivan zog bei Martellis nachdrücklichen Worten und seinem heftig errötenden Gesicht eine Augenbraue hoch. Auch wenn seine Frage nicht ganz ernst gemeint gewesen war, verstand er nicht, warum sein Chef sich so dagegen wehrte. Wäre er aus Sicht der meisten Schwulen mit seinen vierunddreißig Jahren nicht praktisch schon tot gewesen, hätte es ihn vielleicht sogar gekränkt, dass Martelli ihm nicht zutraute, einen Zweiundzwanzigjährigen zu verführen. Am heutigen Tag fühlte er sich allerdings noch nicht einmal in der Lage dazu, einen halb blinden Zweiundneunzigjährigen zu verführen.

In den letzten Monaten hatte er sich ziemlich ausgelebt, aber bei einem One-Night-Stand war bei Weitem nicht so viel Geschick nötig wie bei einer erfolgreichen Liebesfalle. Außerdem wurde bei einem solchen Einsatz normalerweise nicht von ihnen verlangt, tatsächlich mit jemandem zu schlafen. Das machte es einem zu schwer, objektiv zu bleiben.

„Wenn Sie meinen. Aber was passiert jetzt mit der SIU? Muss ich nicht für die Nachforschungen zur Verfügung stehen? Und was ist mit meiner Waffe?“

Martelli holte ein billiges Handy hervor und schob es über den Schreibtisch. „Benutzen Sie das hier. Ich habe mir ebenfalls eins besorgt, mit dem ich Sie über Ihre Termine informieren kann. Niemand wird erwarten, dass Sie den ganzen Tag zu Hause herumsitzen.“

Termine. Hatte er mit seiner erfundenen Ehefrau auch seine Arbeit verloren? Oder musste er von nun an wirklich den ganzen Tag irgendwo herumhängen und vorgeben zu arbeiten? Doch obwohl dieser Einsatz immer mieser klang, war er ebenfalls nicht wild darauf, in seine halb leere Wohnung zurückzukehren.

„Wie sieht es mit einem Auto aus?“ Als verdeckter Ermittler konnte er sein eigenes nicht benutzen. Erstens wollte er einen der wenigen Luxusgegenstände in seinem Leben nicht in Gefahr bringen und zweitens konnte es Razhins Leuten Hinweise auf seine wahre Identität liefern.

Martelli schüttelte den Kopf. „Kein Auto.“

Nein, natürlich nicht. Warum sollte ihm bei einem inoffiziellen Einsatz auch ein Auto zur Verfügung stehen? Das schlechte Gefühl, das an ihm nagte, seit er den Jungen niedergeschossen hatte, nahm noch zu. Sollte er das wirklich tun? Sollte er seine Karriere – das Einzige, was ihm noch geblieben war – für eine unausgegorene verdeckte Ermittlung aufs Spiel setzen? Und das für einen Vorgesetzten, der den seelischen Schock und die Trauer seiner Trennung nicht nachvollziehen konnte?

„Sir, ich …“

„Sie müssen es einfach tun“, unterbrach ihn Martelli mit einem flehenden Blick. „Ich habe niemand anderen, dem ich vertrauen kann.“

Ach ja. Der verdammte Maulwurf. Wie hatte er den vergessen können? Seine Zweifel und selbst die Gefahr einer Abmahnung waren unwichtig, wenn es darum ging, seine Mitarbeiter vor einem Verräter zu schützen. Trotz ihrer erst kurzen Freundschaft hatte Kurt es verdient, dass Ivan sich bemühte, den Verantwortlichen zu finden – schließlich war die undichte Stelle vermutlich der Grund für Kurts Verletzung.

„Na gut.“ Er konnte nicht darum bitten, über Kurts Zustand auf dem Laufenden gehalten zu werden. Zu viel Kontakt hätte seine Mission gefährdet. Wenn Kurt es nicht überstand, würde er es aus der Zeitung erfahren. „Dann kümmere ich mich jetzt um den Bericht, Sarge. Brauche ich sonst noch etwas?“

Zu dem schlichten Handy gesellten sich ein Schlüssel und ein Zettel mit einer Adresse und einer Telefonnummer. „Liz hat sich um alles gekümmert. Sie können morgen einziehen.“

„Liz? Wer ist Liz?“

„Die Wohnungsvermittlerin der Universität. Über sie bin ich auf die Sache mit dem Mitbewohner gestoßen.“ Martellis Blick senkte sich zu dem Tacker, den er seit Minuten nervös auf dem Tisch herumschob. Meine Güte. War diese Liz etwa seine neue Freundin? Für einen Mann, dessen weitere Karriere vom Vermögen und den Verbindungen seiner Frau abhängig war, fiel es ihm überraschend schwer, die Finger von anderen Frauen zu lassen.

„Na ja, dann mache ich mich jetzt an die Arbeit.“ Nachdem Ivan das Blatt mit den nicht sehr ausführlichen Informationen auf den Tisch gelegt und seine wenigen Hilfsmittel an sich genommen hatte, stürmte er aus dem Büro und knallte die Tür hinter sich zu.

Seine Mitarbeiter wirkten nach diesem Gespräch plötzlich wesentlich bedrohlicher als sonst. Seit Colin ihn betrogen hatte, war seine Wohnung kein sicherer Zufluchtsort mehr für ihn und jetzt war mit seinem Arbeitsplatz dasselbe passiert. Er war zu alt und abgekämpft für diesen Mist.