1

 

 

„GUTEN ABEND, Mr. Ellis. Ich bin Basil Denham vom NFL.“

„Danke, aber auch wenn mein Junge verdammt gut zu Fuß unterwegs ist, hegen wir doch kein ausgeprägtes Interesse für Football“, sagte Dad entschuldigend, denn er hasste es, unhöflich zu sein. Obwohl der Fernseher lief, konnte Kris von seinem Platz auf dem Wohnzimmersofa deutlich die tiefe Stimme seines Vaters hören. Es war nett von seinem Vater, ihm dieses Kompliment zu machen und er lächelte, als er es hörte. Das leise Lachen seines Vaters machte Kris deutlich, dass seinem Vater völlig klar war, dass Talentsucher auf keinen Fall direkt vor den Häusern von College-Footballspielern vorfuhren – und seien sie auch noch so begabt – um sie für ihre Football Teams anzuwerben. Ganz gleich, welche Wohltätigkeitsvereinigung dieser NFL-Typ vertrat oder wofür er missionierte, Dad bemühte sich offensichtlich, ihn auf nette Weise loszuwerden, indem er sich ein wenig über ihn lustig machte.

„Ähm, nein … Ich bin nicht von der National Football League. Ich bin von der anderen NFL, vom Nationalen Freundeskreis der Lykanthropen. Sagt Ihnen der Name vielleicht etwas? Ich verstehe, wenn Sie noch nie von uns gehört haben. Wir sind neu, wie so viele andere Organisationen, die seit der Großen Enthüllung entstanden sind.“

Kris zitterte vor Angst, er erstarrte und wartete auf den nächsten Hieb, direkt auf sein Kinn, der ihn ausknocken würde. Doch sofort überdeckte wachsender Zorn seine Beklemmung, als Opfer des Schicksals herhalten zu müssen. Er hatte die Mythen und Schauergeschichten über jene Gestalten gehört, die ihre Schicksalsgefährten mit allen denkbaren Mitteln und manchmal auch gegen deren Willen für sich beanspruchten. Diese Tatsache stellte eine sehr reale Bedrohung dar, die seine Familie auseinanderreißen konnte, und diese Aussicht verärgerte und verängstigte ihn gleichermaßen.

Klar, der Mann war vielleicht einfach nur hier, um Spenden für seine Organisation zu sammeln. Aber … jetzt, da er den Namen dieser Organisation kannte, zweifelte Kris daran, dass dies der Grund für seine Anwesenheit war. Das bedeutete also, dass es für das Auftauchen dieses Mannes nur zwei Gründe geben konnte -- entweder war er wegen Kris oder wegen seiner Mutter hier. Sie waren beide vor kurzem im Krankenhaus gewesen. Die eine Alternative war so beschissen wie die andere.

Insgeheim betete Kris zu Gott, dass es um ihn ging. Sollte dieser widerwärtige Mann wegen seiner Mutter gekommen sein, befürchtete er, gleich hier sterben zu müssen, auf ihrem acht Jahre alten, heruntergekommenen Sofa in ihrem Haus in Echo Lakes, einem Vorort von Seattle, Washington. Wie alltäglich und trist und erschreckend uncool das doch wäre, dachte Kris jämmerlich, konzentrierte sich dann aber wieder, als ob sein Leben davon abhinge, auf die Unterhaltung an der Tür – was ja durchaus der Fall sein mochte.

„Wie kann ich Ihnen behilflich sein, mein Herr?“, fragte sein Dad. In seinem nicht mehr annähernd so höflichen Tonfall trat jetzt all die Angst, Verzweiflung und Sorge zu Tage, die auch Kris verspürte.

Der NFL-Vertreter gab einen leisen, versöhnlichen Laut von sich, und Kris konnte sich sein übertrieben zuvorkommendes Lächeln gut vorstellen, ohne sein Gesicht tatsächlich sehen zu müssen. „Ich bitte um Verzeihung, dass ich Sie zu so später Stunde störe, Mr. Ellis. Ich suche, ähm … Einen Augenblick, bitte“, fügte er hinzu, und der Klang raschelnden Papiers drang zu Kris auf das Sofa. Er hatte Angst davor, aufzustehen und sich der Tür zu nähern, denn er wollte das Gesicht des Mannes nicht sehen, der offenbar ihrer aller Leben auseinanderreißen würde, wie man ein Stück Stoff zerfetzt. „Ah ja“, rief der Mann schließlich aus, froh, endlich das richtige Schreiben gefunden zu haben. „Kristopher Ellis …?“

Es geht um mich. Kris sprang vom Sofa auf, hielt den Atem an und bemerkte, dass sein Vater ihn am Türrahmen vorbei direkt ansah, sein Gesichtsausdruck spiegelte alle Gedanken wieder, die ihm durch den Kopf gingen. Es tut mir leid, und Du musst das nicht tun, und Wenn du willst, verpasse ich diesem Typen einen Tritt in den Arsch.

Chris sollte sich dadurch eigentlich besser fühlen, leider beruhigte ihn das überhaupt nicht.

Ich bin der Gefährte von irgendjemandem aus der Unsichtbaren Welt. Ich habe einen Gefährten. Einen Lykanen. Einen Wolf-Mann – oder eine Wolf-Frau. Kris stand da wie eine Statue, erstarrt in Unsicherheit und mühsam unterdrückter Wut. Dann stieg der Zorn wie bittere Galle in ihm auf, ganz so, als hätte dieser Vorfall, vergleichbar mit einem heftigen Faustschlag in den Magen, der einem den Atem raubt, den Zorn aus seinem Schlummerzustand gerissen. Von externen Kräften in eine Situation gedrängt zu werden war das eine, aber durch seinen eigenen Instinkt zur Unterwerfung gezwungen zu werden, seinen Verstand ausgeschaltet zu sehen … das war etwas ganz anderes. Wenn sein gesunder Menschenverstand durch das überwältigende Bedürfnis in die Knie gezwungen würde, mit seinem Gefährten eine Bindung einzugehen, wäre Kris bald selbst sein schlimmster Feind.

Auf. Gar. Keinen. Verfluchten. Fall.

Hastig ging er zur Eingangstür, trat an die Seite seines Vaters und blitzte den Mann aus verblüffend blauen Augen an, deren Farbe sein erster Freund als die von Vergissmeinnicht beschrieben hatte. Wenn man die Augen eines Typen mit Blumen verglich, hieß das natürlich, dass man ihn süß fand – außer im Bett ging so eine Aussage wirklich gar nicht, und eigentlich nicht mal dort.

Ein typischer Beamter Ende 40, mit beginnender Glatze und einer Brille mit runden Gläsern, die schon vor über 100 Jahren aus der Mode gekommen war, strahlte ihn an, als er in seinem Blickfeld auftauchte. „Mr. Kristopher Ellis? Ich bin Basil Denham vom NFL –“

„Ich habe es gehört“, unterbrach ihn Kris, der seine Wut über diese Einmischung in ihr Privatleben nur schwer im Zaum halten konnte. Von derartigen Vorfällen hatte man zwar seit der Großen Enthüllung schon gehört, trotzdem gefiel es ihm ganz und gar nicht. Das hier war ihr Zuhause. „Sie sind hier nicht willkommen. Auf Wiedersehen.“ Der Mann wollte gerade etwas entgegnen, da schlug ihm Kris auch schon die Tür vor der Nase zu und hätte am liebsten auch noch seine Faust durch das Holz des Türblatts in das Gesicht des unerträglichen Mannes geschmettert, um seinen Standpunkt so richtig deutlich zu machen. Er war früher mal zum Boxtraining gegangen und sein rechter Haken hatte es in sich, doch wenn er ein Loch in die Tür drosch, würde seine Mutter ihn erwürgen. Außerdem würde er sich dabei nur selbst verletzen, also ließ er es sein.

Sein Dad legte seine riesige Bauarbeiterhand auf Kris‘ schmale aber muskulöse Schulter und drückte sie liebevoll. „Ich bin alles andere als begeistert über deinen Mangel an Manieren, mein Sohn, aber auch richtig stolz darauf, dass du nicht nachgegeben hast.“ Er verwuschelte den blauschwarz glänzenden Strubbelkopf seines Sohnes noch mehr. Manchmal behandelte sein Dad Kris wie ein Kind. Obwohl sich Kris gewöhnlich gegen diese Angewohnheit auflehnte, genoss er es dieses Mal.

Die Berührung seines Vaters bedeutete Geborgenheit, und Kris‘ Welt war wieder in Ordnung.

Doch tief in seinem Herzen wusste er, dass es nicht so bleiben würde. Die enthüllte Welt da draußen hatte den Eingang zu ihrem Allerheiligsten gefunden, in ihr Heim und der weitere Weg würde sie alle in eine geheimnisvolle, dunkle Zukunft führen. An diesem Punkt seiner Überlegungen war der einzige Trost für Kris, dass wenigstens nicht seine Mutter den Wölfen – oder präziser ausgedrückt, den Werwölfen – vorgeworfen werden würde.

 

 

„ES IST eine arrangierte Ehe, mehr nicht“, argumentierte Kris. „Auf keinen Fall ist es etwas Besseres. Als Zivilisation sind wir seit der Enthüllung um einhundert Jahre oder noch mehr zurückgeworfen worden.“

Kris stand – wieder einmal – auf der Schwelle seines Hauses und starrte Mr. Denham vom NFL an, der die irritierende Angewohnheit entwickelt hatte, seit ungefähr einer Woche jeden zweiten Tag vor ihrer Haustür aufzutauchen. Mr. Denham rückte die Brille auf seinem Nasenrücken gerade und lächelte Kris beschwichtigend an. „Ich verstehe, dass diese Sache Sie beunruhigt, Mr. Ellis. Aber sie ist weit weniger dramatisch als –“

„Als was genau?“ Kris hielt seine Erregung im Zaum und kämpfte gegen das Verlangen an, zu schreien. „Wir reden hier darüber, dass ich der vorherbestimmte Gefährte irgendeines Individuums – eines Wolfes – sein soll, von dem ich noch nie gehört habe. Nur weil ein paar klinische Tests das behaupten, wird von mir erwartet, dass ich mein ganzes Leben zusammenpacke und alles für die Aussicht aufgebe, bis in alle Ewigkeit der unwillige Sexsklave irgendeines Fremden zu werden.“

Unter den gegebenen Umständen bewahrte Mr. Denham erstaunlich gut Haltung. „Deine Überzeugungskraft ist ein bewundernswerter Charakterzug, aber du übertreibst gerade, Kristopher, und ich –“

Obgleich Kris bemerkte, dass Mr. Denham seine prägendste Eigenschaft erfasst hatte, war er nicht bereit, auch nur einen Zentimeter nachzugeben. Er würde dem Teufel nicht einmal den kleinen Finger reichen, geschweige denn die ganze Hand. „Sie werden mich mit Mr. Ellis ansprechen.“ Mr. Denham seufzte geduldig und wiederholte seinen Nachnamen in der förmlichen Anrede, danach fuhr Kristopher so ruhig er konnte fort. „Ist es ein Mann oder eine Frau?“ Wenigstens dieses Detail musste er wissen, ehe die Geschichte ihren weiteren Verlauf nahm.

Mr. Denham räusperte sich unbehaglich und stotterte: „Der NFL wurde über Ihre sexuellen Vorlieben –“

„Es ist eine Orientierung, keine Vorliebe! Beantworten Sie einfach die verdammte Frage!“

Denham blinzelte, als sei er nicht an einen unhöflichen Umgangston gewöhnt – was Kris überraschte, denn sicherlich war der Anblick dieses Mannes in den meisten Haushalten nicht willkommen. Wenn sich Menschen daraufhin hatten testen lassen, ob eine Verpaarung mit den zahlreichen Kreaturen der ehemals Unsichtbaren Welt möglich war, dann wären sie bereits im System erfasst und dieses persönliche Vorgehen wäre überflüssig. „Na schön, Mr. Ellis. Es ist ein Mann. Das sollten doch in Anbetracht Ihrer sexuellen Orientierung gute Neuigkeiten für Sie sein.“

Kris musste zugeben, dass das eine Erleichterung war.

Aber letzten Endes änderte es kaum etwas. Die unumstößliche Tatsache war, dass er nicht als der Gefährte irgendeines Kerls enden wollte – eines Wolfes noch dazu – den er nicht kannte, noch nie getroffen hatte und wahrscheinlich allein dafür hassen würde, dass er ihn in diese hoffnungslose Situation zwang. Kris hatte seine Zukunft verplant – und darin kam eine Verlobung mit einem Wolf, bloß, weil ein paar lausige Tests ergeben hatten, dass sie einander körperlich verbunden waren, nicht vor.

„Wenn ich doch vorschlagen dürfte, dass Sie ihn zunächst einmal kennenlernen –“, begann Mr. Denham erneut, doch Kris stoppte ihn mit erhobener Hand.

„Kein Interesse. Versuchen Sie das in Ihren Dickschädel reinzubekommen.“

Die Tür vor der Nase zugeschlagen zu bekommen, hatte zwar keinerlei Auswirkung auf Mr. Denhams Hartnäckigkeit, aber Kris machte es einfach Freude, und so tat er es trotzdem. Jetzt würde es immerhin mindestens einen Tag dauern, bis er unter dem Felsen hervorkam, unter dem er sich verkrochen hatte. Kris hatte ein bisschen gegoogelt und wusste, dass dieser Mann selbst kein Lykane war – offensichtlich nicht, denn schließlich hatte er eine Glatze – doch das überraschte ihn nicht, da die meisten Organisationen, die die Interessen der Wesen der ehemals Unsichtbaren Welt vertraten, dazu neigten, Menschen als ihre offiziellen Repräsentanten einzustellen. Und augenscheinlich hatten sie keine Mühe, Leute für diese Aufgaben zu finden.

Ja, selbst mythische Monster haben ihre Groupies, erwog Kris trocken. Wirklich ein Pech für sie – und ganz besonders für den einen – dass Kris nicht zu ihnen gehörte.

 


 

2

 

 

„WAS GIBT‘S?“ sagte Kris in sein Handy, denn aufgrund der fortgeschrittenen Stunde nahm er an, dass ihn ein Freund anrief.

Niemand antwortete, aber Kris vernahm trotz der leicht knackenden Telefonverbindung schwache Atemgeräusche, auch noch, nachdem er sich gemeldet hatte.

„Hallo? Wer spricht da …? Also, falls das einer dieser obszönen Anrufe ist, sollten Sie dann nicht eher schwer atmen und mir schmutzige Dinge zuflüstern und mich dazu bringen, meine Sachen auszuziehen und meinen Schwanz in meine Hand zu nehmen und blablabla?“

Ein tiefes, amüsiertes Lachen ertönte. „Ich, ähm, ich versuche eigentlich immer, mich frühestens beim dritten Date des schmutzigen Flüsterns zu bedienen. Ich wurde so erzogen. Höflich, nehme ich an.“

Die jungenhafte Stimme wies einen dicken, westamerikanischen Akzent auf. Kris erkannte den Sprecher nicht. „Wer spricht da?“

Wieder eine Pause. „Ähm, mein Rechtsberater hat mir geraten, das nicht preiszugeben … Ach, dieses schreckliche Anwaltsvokabular. Vergiss es bitte, ja? Es bedeutet, dass ich es nicht sagen kann … noch nicht.“

Kris benötigte kein geheimes Dekodiergerät für diese Unterhaltung und das Blut gefror in seinen Adern. „Ich versteh‘ schon. Sie sind der, der mich durch den NFL suchen lässt. Mein … Gefährte.“ Er gab sich die größte Mühe, das wütende Knurren in seiner Kehle zu ersticken und schließlich schnaubte er verächtlich.

Eine lange Stille, dann ein Husten. „Ja, der bin ich. Und du bist Kris Ellis, nicht wahr?“

„Ich bin Ihnen jetzt völlig unterlegen.“ Kris versuchte mit aller Macht, nicht zu brüllen oder zu fluchen und suchte sich eine bequemere Lage auf der Matratze, wobei er ernsthaft die Möglichkeit in Betracht zog, nicht nur einfach aufzulegen, sondern das Handy gegen die Wand zu werfen, damit es in eine Milliarde kleiner Stücke zerbrach, einfach damit dieser Typ nie wieder anrufen konnte.

„Du bist wütend auf mich“, sagte der Typ, als würde das alles erklären.

Kris knirschte mit den Zähnen und stieß hervor: „Ich kenne Sie nicht einmal. Und offenbar darf ich es auch nicht. Ich soll einfach ganz still und widerstandslos bei diesem Wahnsinn mitmachen.“

Ein kleines wackeliges Lachen drang durch die Leitung. „Das ist der Grund, warum ich dich anrufe. Dieser Mann vom NFL sagte, dass du dich geweigert hättest, ihn anzuhören –“

„Wie hat mich der NFL überhaupt gefunden?“, unterbrach ihn Kris barsch.

„Darüber weiß ich nichts Genaues“, antwortete der Typ aufrichtig und direkt. „Ich nehme an, dass in den meisten Fällen eine Blutprobe schuld ist. Aber sicher bin ich mir nicht.“ Nach einer kurzen Pause hörte Kris den Mann scharf einatmen. „Bist du … ähm … verletzt?“ In Kris‘ Ohren klang der Typ ernsthaft besorgt, eine Tatsache, die ihn unvorbereitet traf. Kris war sich bewusst, dass medizinischen Tests zufolge dieser Unbekannte sein Gefährte, sein idealer Lebenspartner und Geliebter war, aber warum zeigte er so frühzeitig ein so ausgeprägtes Interesse an dieser Partnerschaft, wenn er doch abgesehen von seinem Namen rein gar nichts über Kris wusste? Oder tat er das doch …?

„Nein, mir geht es gut“, antwortete er kurz angebunden und mehr als nur ein wenig boshaft. „Machen Sie sich keine Sorgen. Sie werden keine beschädigte Ware erhalten.“ Der Mann antwortete nicht, aber trotz der körperlichen Entfernung spürte Kris seinen Frust, als stünde er direkt neben ihm. „Ich bin sonst eigentlich nicht so“, verteidigte sich Kris schließlich in die unbehagliche Stille hinein. „Ich bin nicht von Natur aus feindselig und unhöflich. Ich bin nur … Ich bin in dem Glauben erzogen worden, dass ich sein kann, wer auch immer ich sein will. Dass ich die Freiheit habe, zu lieben, wen auch immer ich mir aussuche. Aber diese Sache zwischen uns – dieses unkontrollierbare Bedürfnis, uns zu paaren, diese Lust, die wir verspüren würden – das wäre nur eine arrangierte Ehe, niemals mehr. In einer solchen Beziehung gäbe es weder wahrhafte Liebe noch echte Leidenschaft, nur Instinkt. Das Wissen darüber, dass die Beziehung gegen meinen Willen begann, würde jegliche Chance darauf, dass ich Gefühle für Sie entwickle, zunichtemachen.“

„Du kennst mich ebenfalls nicht, das stimmt“, sagte der Kerl schließlich, irgendwie gedämpft und müde, und in seiner tiefen Stimme schwang eine unendliche Traurigkeit mit, die Kris Schauer über den Rücken jagte. „Ich habe eine lange Zeit gelebt. Ich habe fast zwei Jahrhunderte darauf gewartet, meinen Gefährten zu finden.“ Die Sehnsucht in seiner Stimme erreichte Kris in zitternden Wellen und brach ihm beinahe das Herz. Er wusste zwar, dass die instinktive Verbindung zwischen Gefährten sehr stark war, hatte aber angenommen, dass sie sich auf unmittelbaren körperlichen Kontakt beschränkte, oder doch wenigstens eines Treffens von Angesicht zu Angesicht bedurfte. Trotzdem, zweihundert Jahre lang nach dem richtigen Menschen zu suchen, auf ihn zu warten … Gott, das muss unerträglich gewesen sein. Dazu die Angst, dass sein Gefährte sein Leben vielleicht schon irgendwo gelebt hatte und irgendwo gestorben war, ohne sein Wissen. Der seelische Preis dafür … Kris konnte sich das nicht einmal ansatzweise vorstellen und erschauerte.

„Das, ähm, das wusste ich nicht …“, murmelte Kris beschämt. „Wie es aussieht, hatten wir keinen so guten Start miteinander, oder?“

„Ja, ich nehme an, du hast recht“, sagte der Mann, in dessen Stimme die Wärme zurückgekehrt war.

„Welche Fragen darf ich dir denn stellen?“ Kris dachte, diese Frage sei als Neuanfang so gut geeignet, wie jede andere.

Ein weiteres Lachen, dieses Mal klang es amüsiert und leicht. „Frag einfach frei von der Leber weg, und ich antworte dir, soweit ich darf. Abgemacht?“

„Klar.“ Kris grinste und zum ersten Mal schien sich diese Situation nach seinem Wunsch zu entwickeln, als wäre sie doch nicht so unüberbrückbar und unerträglich wie erwartet. „Wie kann ich dich ansprechen?“

Eine kurze Pause, ehe er leise antwortete: „Rafe“, als ob er befürchtete, irgendjemand könnte sie belauschen.

Kris sagte den Namen mehrere Male in seinem Kopf vor sich hin und stellte sich vor, wie es wäre, ihn auszusprechen, während sie sich liebten. Er errötete leicht und murmelte: „Netter Name. Ist das die Kurzform von irgendetwas?“

„Rafael“, antwortete der Mann kurz und ohne weitere Erklärung.

„Wie der Erzengel?“

„Ja“, sagte er belustigt. „Der Heilende. Ich nehme an, das ist der Grund, weshalb ich wissen wollte, ob du verletzt seist.“ Kris runzelte verwirrt die Stirn. „Das Blut eines Lykanen hat stärkende Eigenschaften und da du mein Gefährte bist, würdest du beinahe sofort geheilt.“ Langsam dämmerte es Kris, und er begriff, dass dieses Leben auch medizinische Vorteile mit sich brachte – ganz zu schweigen von der größeren Kraft, der gesteigerten Geschwindigkeit und natürlich der Unsterblichkeit. Aus diesen Gründen waren die Lykanen seit der Großen Enthüllung in Gefahr. Jeder wollte ewig leben, jung und schön und stark – und Lykanen stellten quasi ein Erster-Klasse-Ticket zu diesem Ziel dar. Es war kein Wunder, dass er zögerte, irgendetwas über sich preiszugeben und dahingehend beraten worden war, seine persönlichen Informationen für sich zu behalten.

„Mir geht es gut“, sagte Kris, um mit etwas Unverfänglichem zu beginnen. „Ich wurde wegen meiner Mutter getestet. Sie hatte einen Radunfall und brach sich das Bein. Da war eine tiefe Wunde, die ziemlich stark blutete. Weil ich die gleiche Blutgruppe habe, kam ich als Spender für sie in Frage. Ich bin normalerweise ziemlich gesund und schon seit Jahren nicht mehr krank gewesen.“ Durch seine Nachforschungen im Internet hatte Kris herausgefunden, dass per Gesetz die Ergebnisse jener medizinischen Tests, die bestätigten, wer Gefährte eines Wesens aus der Unsichtbaren Welt war, erst dann veröffentlicht wurden, sobald die Betroffenen über Achtzehn waren. Im Alter von zwanzig Jahren zählte Kris nicht mehr zur Gruppe der Minderjährigen und er stand nur wenige Wochen vor dem Abschluss seines Studiums am North Seattle Community College. Das Gesetz bewahrte ihn jedoch bis zu seinem 21. Geburtstag davor, sich verpaaren zu müssen.

Doch da endete der Schutz durch das Gesetz. Seit der Großen Enthüllung hatten sich nicht nur viele Wesen öffentlich geoutet, sondern auch damit begonnen, sich politisch zu engagieren und für die Gleichberechtigung von mythischen Kreaturen und Menschen zu kämpfen, indem sie behaupteten, die Wesen hätten vor den Menschen existiert und dergleichen. Es gab juristische und politische Fortschritte auf diesem Gebiet, und dank der Gesetzgebung wurden inzwischen präzise medizinische Informationen über die Menschen zur Verfügung gestellt, um – wie es die Werbekampagne ausdrückte – das „ehrenvolle Bemühen, unglücklich Liebende miteinander zu vereinen“, zu unterstützen.

Da er nicht mehr minderjährig war, gab das Gesetz Kris tatsächlich keine rechtliche Handhabe dagegen, dass seine Informationen an das Mythische-Reichs-Netzwerk weitergeleitet wurden. Wenigstens bestand die Möglichkeit, dem MRN lediglich die relevanten medizinischen Daten mitzuteilen, und zwar in erster Linie, um den Status eines Menschen als mythischen Gefährten zu bestätigen oder zu widerlegen. Persönliche Freigabe spiele im Verifizierungsprozess keinerlei Rolle, jedenfalls nicht, seitdem die öffentliche Verwaltung mitmischte.

Das aber schloss jene Mythen-Fans aus, die dem MRN bereitwillig alles überlassen hatten: ihre Informationen, ihre Zeit, manchmal ihr ganzes Vermögen.

Ja, Kris hatte in letzter Zeit ziemlich viele Stunden damit verbracht, im Internet zu recherchieren.

Rafe sagte etwas und Kris wurde abrupt aus seinen Gedanken gerissen.

„Geht es ihr gut?“, fragte Rafe mit offensichtlicher Anteilnahme in der Stimme.

„Sie hat fast die ganze Woche im Krankenhaus verbracht und bleibt auch heute Nacht noch dort. Aber morgen können Dad und ich sie nach Hause holen.“ Kris machte sich Sorgen. Mit ihrem Gipsbein würde seine Mutter Schwierigkeiten haben und sich im Haus nicht ohne Hilfe bewegen können. Claire Ellis arbeitete als Krankenschwester im Kinderkrankenhaus in Laurelhurst und war die tatkräftigste Frau, die Kris kannte -- und dickköpfig obendrein.

„Ich könnte helfen.“

„Wie denn?“

„Ich könnte ein wenig von meinem Blut herüberschicken lassen. Es würde sie sofort heilen.“

Kris erzitterte. Dieser ziemlich nette und erstaunlich fürsorgliche Mann war bereit, so etwas für ihn zu tun, obwohl er ihm gegenüber mehr als unfreundlich gewesen war. „Ich, ähm …“ Ach verdammt, aber Kris hielt es nicht länger aus. „Hör zu, du bist ganz sicher ein großartiger Typ und so weiter, aber, ähm …“

„Aber …?“, ermutigte ihn Rafe sanft.

Kris bemühte sich um eine diplomatische Formulierung. „Aber die Sache ist die, dass ich für meine Zukunft Pläne habe. Nach meinem College-Abschluss will ich den Bachelor in Mythologie erwerben.“

„In theoretischer oder in praktischer Mythologie?“

Kris unterdrückte ein hysterisches Lachen. „Die alte Version. Die, die heute als theoretische Mythologie bezeichnet wird.“ Das war eine der zahlreichen Veränderungen gewesen, die sich aus der Großen Enthüllung ergeben hatten. Mythologie war nun entweder theoretisch oder praktisch beziehungsweise angewandt. Lächerlich. Er schnaubte entrüstet, als ob ihn die Angelegenheit persönlich betreffen würde – und komischerweise tat sie das jetzt. „Aber wusstest du das denn nicht schon über mich? Ich dachte, über mich lägen ausführliche Akten vor.“

Rafe lachte amüsiert. „Der NFL hat mir nur die öffentlich verfügbaren Informationen übermittelt. Wir sind schließlich nicht die Regierung.“

Kris stellte fest, dass ihm Rafes ehrliche und unbefangene Salven energiegeladenen Gelächters wirklich gefielen. Seines Gefährten. „Warum kannst du mir deinen vollständigen Namen nicht nennen?“ Er kannte die Antwort bereits, wollte sie aber dennoch hören.

„Empfehlung meines Rechtsanwalts. Wenn du meinen Namen kennst, könnest du mich finden. Mich bei Google suchen oder so. Auch nach der Großen Enthüllung haben sich noch nicht alle von uns der Umwelt zu erkennen gegeben. Klar, es gibt Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, aber ich gehöre nicht dazu und die Mitglieder meiner Familie auch nicht.“

Seine Familie. Kris hatte keinen Gedanken daran verschwendet. In seiner Vorstellung gab es nur einsame Wölfe, die sich im Dunkeln versteckt hielten, lauernd und schleichend und jagend. Selbst dann, wenn der Wolf zufälligerweise ein Mann war. Gleichwohl war in der heutigen Zeit, da das Ausspionieren der Anderen ein weltweit praktiziertes Hobby schien, das Bedürfnis nach Privatsphäre übermächtig -- ganz besonders, weil die meisten der verschiedenen Wesen aus der ehemals Ungesehenen Welt besondere Eigenschaften, Begabungen, Fähigkeiten und Kräfte besaßen, die es auszubeuten galt. Kris hatte Verständnis für Rafes Einstellung, weil jeder auf der Welt sein Möglichstes zu geben schien, sich Insider-Wissen über andere anzueignen – und sich dann in falscher Empörung entrüstete, wenn sie selbst zum Objekt derartiger Übergriffe auf ihre privaten Angelegenheiten wurden.

Ja, ein Witz auf Kosten anderer ist plötzlich nicht mehr so lustig, wenn einem selbst derart mitgespielt wird, dachte Kris lakonisch.

„Ähm, hast du eine große Familie?“

Rafe lachte leise und die Zuneigung war nicht zu überhören. „Ja. Mein Vater und meine Mutter sind das Alphapaar des Rudels und meine älteren Brüder die Betas. Dann gibt es da noch eine ganze Reihe Onkel und Tanten und Cousins und entfernte Cousinen und noch viele mehr. Alle zusammen bilden wir das Rudel und wir leben auf dem Gelände der Ranch, und – oh, das wollte ich eigentlich gar nicht sagen.“

Als Rafe völlig unvermittelt verstummte, begriff Kris, dass Rafe sich verquasselt und etwas preisgegeben hatte, was hätte geheim bleiben sollen. Rafe lebt auf einer Ranch. „Von mir hast du nichts zu befürchten, Rafe“, versuchte Kris ihn zu beruhigen, wobei er nur unbewusst registrierte, dass er zum ersten Mal den Namen seines Gefährten aussprach – und er kam ihm so natürlich und unangestrengt über die Lippen, dass es bestimmt etwas zu bedeuten hatte. Er schüttelte diesen unbehaglichen Gedanken an irgendein schwer fassbares Etwas ab, tat so, als hätte er nichts Merkwürdiges gesagt, und fuhr fort: „Selbst dann, wenn du und ich nicht zusammenkommen oder so, werde ich dein Geheimnis der Welt nicht verraten. So einer bin ich nicht.“

Ein leiser Laut – ein Schluchzen? – drang schwach durch die Leitung und verursachte Kris Herzrasen. „Das weiß ich, Kris. Du scheinst mir ein feiner Mensch zu sein. Ein netter Kerl. Was dich betraf, hatte ich von Anfang an ein gutes Gefühl.“

Das Blut dröhnte in seinen Ohren und Kris spürte, wie sein Schwanz unter der Bettdecke bei der ehrlichen Charaktereinschätzung durch seinen Gefährten steif wurde. Er veränderte seine Liegeposition im Bett, und in einer reflexhaften Bewegung schlüpfte seine Hand unter den Bund seiner Unterhose, wo sie die Schwanzwurzel fest umschloss, um seine steigende Erregung im Zaum zu halten. Oh Gott, das fühlte sich so gut an. Kris seufzte.