Prolog

 

 

DANE BERNARD, ein großer, sanftmütiger Mann, ein Lehrer, würde diesen ersten Schultag an der Summitville Highschool immer als den Tag in Erinnerung behalten, an dem sich sein Leben für immer veränderte.

An diesem denkwürdigen Tag geschahen drei Dinge, die es ihm unmöglich machten, in sein altes, geruhsames Leben zurückzukehren – er rettete einen Jungen, der von seinen Mitschülern schikaniert wurde; er verlor die Frau, mit der er seit zwanzig Jahren verheiratet war und … er begab sich auf eine Reise zu sich selbst.

Wie diese drei so scheinbar grundverschiedenen Ereignisse zusammenhängen, ist der Inhalt unserer Geschichte. Wir wollen mit dem ersten beginnen.

 

 


 

1

 

 

TRUMAN REID war weiß wie Kreide – seine Haut war so blass, dass sie fast durchscheinend wirkte. Seine blauen Augen hatten die Farbe von Eiswasser im Frühling und sein platinblondes Haar fiel ihm in Locken in die Stirn und den Nacken. Er war die Art von Junge, auf die Beschreibungen wie „lieblich“ und „hübsch“ passten. Und er war schon mehr als einmal für ein Mädchen gehalten worden.

Als er noch ein kleiner Junge war, hatten mehr oder weniger wohlmeinende Fremde gefragt, ob er ein Junge oder ein Mädchen wäre. Truman hatte sich durch diese Fragen nie beleidigt gefühlt, weil er sich nicht schämte, für ein Mädchen gehalten zu werden. Erst später wurde ihm bewusst, dass manchen Menschen diese Frage als beleidigend empfanden.

Aber der Junge, der jetzt, am ersten Tag des neuen Schuljahrs, ein T-Shirt mit einer Regenbogenfahne und der Aufschrift „It Gets Better“ trug, schien weit entfernt davon, so stolz zu sein, wie sein T-Shirt es verkündete. In der Summitville Highschool verkündete man auch im Jahr 2015 seine sexuelle Orientierung nicht, weder in Worten noch durch seine Kleidung oder gar seine Taten.

Wer konnte also sagen, warum Truman sich heute früh entschieden hatte, mit den Konventionen zu brechen und dieses T-Shirt anzuziehen? Es war schließlich nicht so, dass er etwas Neues mitzuteilen hatte. Der zierliche, mädchenhafte Junge war schon seit der zweiten Klasse ein beliebtes Ziel für die Hänseleien und Schikanen, mit denen ihm seine Mitschüler das Leben zur Qual machten. Truman würde niemals als „normal“ durchgehen.

Truman war einfach eine Memme, eine Sissy, und diese Tatsache musste er akzeptieren. Es blieb ihm gar keine andere Wahl.

Seine ohnehin hängenden Schultern wurden noch hängender, seit er sich mit den täglichen Beschimpfungen abfinden musste, die ihm in der Schule oder – früher – auf dem Spielplatz nachgerufen wurden: Weichei, Schwuchtel, Waschlappen, Heulsuse. Es stimmte einfach nicht, dass Worte nicht verletzen konnten. Truman konnte es bezeugen. Er konnte übrigens auch bezeugen, dass Hände und Fäuste verletzen konnten.

Und dennoch, trotz – oder gerade wegen – der Hänseleien schämte sich Truman nicht dafür, wie und wer er war. Patsy, seine alleinstehende Mutter, unterstützte und verteidigte ihn darin. Sie sagte es ihm immer wieder: „Gott hat dich so erschaffen wie du bist, mein Schatz. Du bist wunderschön und du bist ein Geschöpf Gottes, also kann es nicht falsch sein, wie du bist. Sei stolz darauf und lass den Kopf nicht hängen.“ Die traurige Wahrheit war, dass Patsy ihm diese Dinge immer dann sagte, wenn sie ihm die Tränen aus dem Gesicht wischen musste.

Es waren nicht nur Tränen, die sie wegwischte. Ihre bedingungslose Liebe wischte auch jeden Zweifel daran beiseite, dass Truman kein normaler Junge sein könnte, obwohl er sich so ganz anders verhielt, als die anderen Jungen seines Alters in Summitville, Ohio, diesem kleinen Kaff, das am Fuße der Appalachen direkt am Ohio lag. Trotz der Hänseleien und Schikanen – und der Schmerzen, die sie ihm bereiteten – schämte sich Truman nicht dafür, wer er war. Und deshalb trug er jenes verhängnisvolle T-Shirt, das ihm am ersten Schultag der neunten Klasse soviel Ärger einbringen sollte.

Der Vorfall ereignete sich gegen Ende des Tages. Die Schüler versammelten sich in der Turnhalle, wo eine Orientierungsveranstaltung stattfand und der Rektor, Doug Calhoun, traditionell eine Rede hielt, mit der er die alten und neuen Schüler willkommen hieß und sie auf das kommende Schuljahr vorbereitete.

Truman steckte mitten im Gedränge der Menge, die sich langsam nach vorne schob, wo die Bänke standen. Er war jetzt in der Oberschule, aber für ihn war es kein großer Unterschied zur Grund- und zur Mittelschule. Er war damals allein gewesen und war auch jetzt allein. Obwohl es der erste Schultag war, hatte er einen dicken Aktenordner unter den Arm geklemmt, zusammen mit den Schulbüchern für den Englischunterricht, Biologie und Algebra. Lose Zettel mit dem Stundenplan und Notizen über die Kurse, die er bereits belegt hatte, steckten in dem Ordner und zwischen den Seiten der Bücher.

Kirk Samson, ein Schüler der Abschlussklasse und Quarterback der Footballmannschaft, wusste genau, dass es ihm ein Lachen und die Aufmerksamkeit seiner Mitschüler einbringen würde, wenn er der kleinen Schwuchtel in ihrem Regenbogen-T-Shirt ein Bein stellte. Er hielt sich etwas zurück und wartete auf einen günstigen Moment. Als der ahnungslose Truman, den Kopf gesenkt und den Blick auf den polierten Holzfußboden der Turnhalle gerichtet, an ihm vorbeikam, schob Kirk das rechte Bein nach vorne.

Truman sah das Bein des Quarterbacks erst, als es zu spät war. Er stolperte und fiel hart auf das eine Knie. Es war wirklich kein besonders lustiger Anblick, aber die anderen Schüler brachen trotzdem auf Trumans Kosten in lautes Gelächter aus. Am lustigsten fanden sie es, als sein Ordner, die Bücher und Notizzettel, die er unterm Arm hatte, sich in weitem Bogen auf dem Boden verstreuten.

Kirk, der alles mit einem Grinsen im Gesicht beobachtete, flüsterte zwei Schülern, die an ihm vorbeikamen, leise zu: „Kickt sie weg. Kickt sie weg.“

Und die beiden machten mit. Sie kickten Trumans Notizen und Texte in alle Richtungen durch die Turnhalle, während Truman, immer noch auf den Knien, versuchte, sie wieder einzusammeln. Aber mehr und mehr seiner Mitschüler fanden Gefallen an dem Spiel und jedes Mal, wenn er etwas aufheben wollte, wurde es wieder aus seiner Reichweite gekickt.

Und das war nun wirklich das Lustigste, was sie jemals erlebt hatten.

Wer wusste wohl, wie lange sie noch ihren Spaß daran gehabt hätten, wäre nicht eine Autoritätsperson aufgetaucht und hätte eingegriffen?

 

 

DANE BERNARD, der Englischlehrer, der sanfte Riese, Trainer der Geländeläufer und unwidersprochen einer der beliebtesten Lehrer der Schule, erkannte sofort, was mit Truman geschah und kam angelaufen. Er wünschte nur, es wäre ihm früher aufgefallen, denn die Bücher und Unterlagen des Jungen waren mittlerweile fast durch die ganze Turnhalle verstreut.

Dane kniete sich neben Truman auf den Boden und half ihm beim Einsammeln, während hinter ihnen das Gelächter leiser wurde und die Schüler auf ihre Plätze gingen. Es sollte noch lange dauern, bis auch das letzte Kichern aufhörte und das Flüstern verstummte.

Nachdem alles unordentlich zusammengerafft und noch unordentlicher wieder in dem Ordner und den Büchern verstaut war, legte Dane die Hand auf Trumans Schulter und drückte zu – beruhigend, wie er hoffte.

„Alles in Ordnung, mein Junge?“, fragte er.

Der Junge musste ihm keine Antwort geben. Dane verzog das Gesicht, als er die Tränen sah, die Truman in den Augen standen. „Wie heißt du?“

„Truman. Truman Reid.“ Passend zu seinem Namen klang die Stimme des Jungen – flatternd wie das Ried im Wind, manchmal hoch, manchmal gebrochen. Er hatte den Stimmbruch, den Fluch aller heranwachsenden Jungen, noch nicht ganz abgeschlossen.

„Ich bin Mr. Bernard.“

Truman starrte zu ihm auf, und als er den Kopf hob, lief ihm eine Träne über die Wange und über einige kleine Pickel, bevor sie zu Boden tropfte. „Danke. Danke, dass Sie mir geholfen haben.“ Truman wischte sich mit dem Handrücken übers Gesicht. „Ich sollte mich jetzt wohl auch setzen.“

Dane schaute sich in der Halle um. Viele Augen waren auf sie gerichtet und den Gesichtern der Schüler konnte man ablesen, dass sie nur auf einen Anlass warteten, wieder in Kichern auszubrechen. Dane dachte bei sich, dass es auf Gottes Erdboden wohl keine grausameren Kreaturen gab als Teenager. Er drückte Trumans Schulter. „Hör zu. Diese Versammlung ist nicht wirklich wichtig. Nur Regularien und Bekanntmachungen. Erbauliches über angemessenes Verhalten und ähnlicher Mist. Willst du sie ausfallen lassen?“ Dane versuchte, mit einem sanften Lächeln Verständnis zu signalisieren. „Wir könnten uns ein ruhiges Plätzchen suchen und uns etwas unterhalten.“ Er zuckte mit den Schultern. „Aber nur, wenn du willst.“

„Ich weiß nicht.“ Der Junge sah zu seinen Mitschülern hin. Dane folgte seinem Blick und erkannte nicht ein einziges freundliches Gesicht in der Menge. Es war nicht sehr ermutigend.

„Komm“, sagte er. „Ich habe Bonbons im Schreibtisch. Starburst.“

„Wie könnte ich nein sagen, wenn Sie Starburst haben?“ Und jetzt endlich lächelte Truman.

Ein Lächeln wie dieses war es, warum Dane jeden Morgen aufstand und sich auf den Weg zur Arbeit machte.

„Folge mir.“

Dane führte den Jungen durch den Korridor der Schule – grüner Kachelfußboden, der rechts und links von Spinden gesäumt wurde, die im gleichen, leicht gräulich getönten Grün gestrichen waren. Der Junge, Truman, blieb vor einem der Spinde stehen und drehte an dem Zahlenschloss. Dane blieb ebenfalls stehen und wartete, weil er vermutete, dass der Junge seine vielen Bücher und Unterlagen wegschließen wollte, die er mit sich herumschleppte. Wer trug schon am ersten Schultag solche Unmengen an Material mit sich rum?

Truman murmelte leise vor sich hin. Es hörte sich wie ein Fluchen an, weil sich das Schloss nicht öffnen ließ. Es ging einfach nicht. Er hatte es mehrere Male probiert, hatte nach links und nach rechts gedreht, aber ohne Erfolg. Seine Bücher und die ganze Zettelwirtschaft fielen wieder zu Boden. Es war so bemitleidenswert komisch, dass Dane beinahe darüber gelacht hätte. Nicht über den Jungen, nein. Aber über die Absurdität des Lebens, das diesem harmlosen Jungen, der schon genug gestraft war, noch einmal mit aller Macht in den Hintern trat.

Aber Dane lachte nicht. Er ging zu Truman, der mittlerweile schluchzend zusammengebrochen war und auf dem Boden hockte.

Dane hockte sich neben ihn und klopfte ihm auf den Rücken. „Es ist schon gut. Alles ist gut. Sammle deine Sachen auf. Wir holen uns die Zahlenkombination vom Hausmeister. Es ist kein Problem. Komm jetzt. Pack deine Sachen, dann gehen wir in mein Klassenzimmer.“

Dane wäre fast das Herz gebrochen, als der Junge den Kopf hob und ihn anblickte. Trumans Gesicht war feucht und ihm lief die Nase. Was für ein fürchterlicher Start ins neue Schuljahr! Dane sah auf das T-Shirt, das der Junge trug, und dachte bei sich, Truman hätte sich heute früh auch gleich ein Schild mit der Aufforderung „Gib mir einen Arschtritt“ auf den Rücken hängen können. Warum muss er den Ärger auch noch herausfordern?, fragte sich Dane. Vielleicht würde er es besser verstehen, nachdem er mit Truman gesprochen hatte. Vielleicht sollte er ihm raten, persönliche Dinge nicht so öffentlich zur Schau zu tragen.

Wie ein junges Fohlen, das zum ersten Mal auf eigenen Beinen steht, erhob sich Truman unsicher vom Boden. Er blickte wild um sich, als befürchtete er, hier in der Falle zu sitzen. „Ich will nach Hause“, sagte er dann so leise, dass Dane ihn kaum hören konnte.

„Willst du nicht erst mit mir reden?“, fragte Dane und sah ihn besorgt an. „Mein Klassenzimmer ist neutrales Territorium, dort gibt es keine Vorurteile. Du wirst schon sehen.“

„Ich will nach Hause“, wiederholte Truman, jetzt schon etwas lauter.

„Bist du zu Fuß gekommen?“

Truman schüttelte den Kopf.

„Der nächste Bus fährt erst …“ Dane schaute auf die Uhr, ein altmodisches Modell mit orangefarbenem Armband, das ihm Kate zu Weihnachten geschenkt hatte. „… in fünfundvierzig Minuten. Komm, wir warten in meinem Klassenzimmer.“ Das Starburst-Angebot zu wiederholen, wäre unter diesen Umständen lächerlich gewesen. „Dort können wir in aller Ruhe warten. Du bist Freshman, nicht wahr? Neunte Klasse?“

Truman nickte.

Dane grinste. „Komm jetzt. Wie oft hast du noch das Glück, dass du eine Versammlung schwänzen kannst? Und dann noch mit einem Lehrer? Liest du viel?“

Truman nickte.

„Prima. Ich unterrichte Englisch. Du wärst überrascht, wenn du wüsstest, wie viele Schüler das Lesen hassen. Das einzige, was sie lesen, sind SMS, Tweets und die neuesten Statusmeldungen auf Facebook. Was liest du den gerne?“ Dane lief in Richtung seines Klassenzimmers und hoffte, dass Truman ihm folgen würde.

„Ich mag Stephen King und Dean Koontz“, sagte Truman, ohne sich vom Fleck zu rühren. „Und ich will nach Hause.“

„Die mag ich auch. Ich habe meinen ersten King gelesen, als ich in deinem Alter war. Christine, glaube ich. Hast du das gelesen? Mit dem Auto, das besessen ist? Total schräg.“

„Hören Sie, Sir. Sie sind total nett und so, aber ich will nach Hause. Ich weiß, die Schule ist noch nicht zu Ende, aber könnten Sie mich nicht gehen lassen? Ich muss Ihnen nicht erklären, dass es ein beschissener Tag war, und deshalb will ich jetzt nach Hause, wo ich allein bin und mich verstecken kann.“

Dane schüttelte den Kopf. Nicht, weil er Trumans Bitte ablehnen wollte, sondern weil es so traurig war, dass der Junge sein Zuhause als Versteck ansah. „Wo wohnst du?“

„Little England. Es ist nur gut einen Kilometer von hier.“

Dane kratzte sich am Kinn. Little England war eine der ärmsten Wohngegenden in Summitville, begrenzt vom Ohio auf der einen und dem Eisenbahngleis auf der anderen Seite. Weil Little England so tief am Fluss lag, gab es dort oft Überflutungen. Die meisten Häuser hatten Außenwände aus rostigen Aluminiumplatten. Oder sie waren aus Holz, das dringend frisch gestrichen werden musste. Little England war arm. Arm und schmutzig. Und es war Trumans Zuhause.

„Ich kann laufen. Können Sie einfach kurz wegschauen? Bitte? Nur heute?“ Truman stiegen wieder Tränen in die Augen. „Ich könnte eine Pause brauchen.“

Dane wollte Ja sagen, aber wenn dem Jungen auf dem Nachhauseweg etwas passierte, würde das Konsequenzen haben. Ernsthafte Konsequenzen, die ihn seinen Job kosten konnten. Dane unterrichtete schon seit zwanzig Jahren an dieser Schule. Er musste eine Frau und zwei Kinder ernähren. Er konnte sich nicht erlauben, seinen Job zu riskieren. Und trotzdem – der Schrecken und die Pein in Trumans Gesicht zerrissen ihm fast das Herz. „Ich will dir was sagen“, meinte er schließlich. „Wenn du jemanden anrufst, der dich abholen kann – deine Mom oder deinen Dad –, kann ich dich früher gehen lassen. Andernfalls …“ Er verstummte, weil Truman schon das Handy aus seiner Tasche zog. Die Finger des Jungen flogen über den kleinen Bildschirm. Dane wunderte sich, wie es heutzutage selbst die ärmsten Kinder schafften, ein eigenes Handy zu besitzen.

Truman gönnte ihm keinen Blick. Er starrte nur auf den Bildschirm, als könnte er ihn dadurch zum Leben erwecken. Nach einer Minute oder so atmete er erleichtert aus. Er drehte das Handy um und hielt es Dane hin. Dane las einige kurze Textwechsel, die mehr oder weniger bestätigten, dass Trumans Mutter in zehn Minuten von der Arbeit kommen und ihn abholen würde. Und sie wollte wissen, was passiert war.

Was ist denn nicht passiert?, stellte Dane sich Trumans Antwort vor.

„Kann ich draußen auf sie warten?“, wollte Truman wissen.

Dane seufzte. „Willst du wirklich nicht mit mir darüber reden? Nur für einige Minuten? Wir können uns ans Fenster stellen. Dann sehen wir, wenn deine Mutter kommt.“

„Sie müssen es einfach noch schwerer für mich machen, nicht wahr?“, schnappte Truman ihn an.

Dane fiel das Lächeln aus dem Gesicht. „Eigentlich hatte ich genau das Gegenteil beabsichtigt“, sagte er.

Truman wurde rot. „Es tut mir leid, Mann. Ich will einfach nur nach Hause.“

Dane nickte. „Ich verstehe. Geh schon. Warte draußen auf deine Mom.“

Truman drehte sich um und lief schnell davon, die Bücher immer noch unter seine dürren Arme geklemmt.

„Komm morgen bei mir vorbei, damit wir miteinander reden können“, rief Dane ihm nach. „Wir finden die Kombination für deinen Spind heraus.“ Unter anderem, dachte er, drehte sich um und ging in sein Klassenzimmer.

Als er in dem Zimmer ankam, ließ er sich seufzend in den Schreibtischstuhl mit dem falschen Lederbezug fallen und rieb sich mit den Händen übers Gesicht. Es gehörte bedauerlicherweise zu seinem Job, miterleben zu müssen, wie Kinder gehänselt und schikaniert wurden. Nach zwei Jahrzehnten konnte er schon nicht mehr sagen, wie oft er Zeuge solcher Grausamkeiten unter den Schülern geworden war. Manchmal kam es ihm vor, als beherrschten die Oberschüler den Markt für dieses Verhalten wie keine andere Gruppe sonst.

Truman Reid machte ihm mehr Sorgen, als die meisten anderen Betroffenen. Es war dieses verdammte T-Shirt, das der Junge trug. Er hätte, anstatt der hoffnungsvollen, stolzen Botschaft unter der Regenbogenfahne, genauso gut „Ich bin eine verdammte Schwuchtel“ auf das Hemd schreiben können. Die Kinder hier ließen keine Gelegenheit aus, jemanden auszulachen und herabzusetzen, mochte der Grund dafür auch noch so an den Haaren herbeigezogen sein. Besonders die Jocks liebten es, ihren schwulen Mitschülern – oder denjenigen, denen sie es unterstellten – das Leben zur Hölle zu machen.

Dane dachte gerade darüber nach, welche Relevanz diese Erkenntnis für sein eigenes Leben hatte, als das Telefon klingelte. Er war dankbar, durch das Klingeln aus seinen düsteren Gedanken gerissen zu werden, aus diesen Gedanken, die er mit niemandem teilte, aber die Truman – mit seinem verdammt beneidenswerten Stolz – wieder aus ihrer verborgenen Ecke in Danes Bewusstsein hervorgelockt hatte.

Dane zog sein iPhone aus der Tasche und schaute auf den Bildschirm. Ein unbekannter Anrufer. Er war versucht, den Anruf nicht anzunehmen, sondern in die Turnhalle zu gehen, um sich auf der Versammlung blicken zu lassen. Stattdessen drückte er auf den grünen Knopf.

„Dane Bernard“, meldete er sich und erwartete, mit einem Telefonverkäufer verbunden zu werden.

„Mr. Bernard.“ Die Stimme war männlich. „Sind Sie der Ehemann von Katherine Bernard?“

Ein Schauer lief Dane über den Rücken. „Jawohl.“ Er wollte schlucken, aber sein Mund war plötzlich wie ausgetrocknet. „Ist alles in Ordnung mit meiner Frau?“

„Es tut mir leid, Ihnen diese Mitteilung machen zu müssen, Mr. Bernard, aber Ihre Frau war in einen Unfall verwickelt. Hier spricht übrigens Bill Rogers von der Highway Patrol.“

Dane spürte, wie ihm kalt wurde. Es war, als wäre er in Eiswasser getaucht worden. „Aber es geht ihr gut, ja?“, fragte er mit erstickter Stimme.

„Könnten Sie bitte ins Stadtkrankenhaus kommen?“, erwiderte der Mann. „Ich erwarte Sie an der Notaufnahme. Fragen Sie nach Bill Rogers.“

„Geht es ihr gut?“, wiederholte Dane und umklammerte das Telefon. Aber der Verkehrspolizist hatte schon aufgelegt.