1

 

 

„HELFT MIR, bitte! Oh Gott, irgendjemand muss mir helfen!”

Die Schreie des Jungen, der mehr in das Yass Hotel fiel, als dass er hineinrannte, lenkten Caines Aufmerksamkeit von dem eigentlich geplanten, ruhigen Mittagessen mit seinem Liebhaber und Partner, den er vor drei Monaten gefunden hatte, ab.

„Sie werden ihn umbringen. Bitte, er ist alles, was ich habe.”

„Wer?“, fragte Macklin und stand vom Tisch auf.

„Diese Schläger.“ Der Junge weinte jetzt. „Sie haben ihn eine Schwuchtel genannt und gedroht, ihn dafür umzubringen.“

Macklins Gesichtausdruck, den man generell nicht als sanft bezeichnen konnte, versteinerte. Caine hätte schwören können, dass Macklins Schultern mit jedem Schritt, den er auf den Jungen zuging, breiter wurden.

„Wo sind sie?“

Der Junge hatte seine Antwort kaum ausgesprochen, da war Macklin schon zur Tür hinaus.

„Neil …“

„Ja, Boss“, antwortete der Jackaroo am Nachbartisch, er war schon auf den Beinen und folgte Macklin nach draußen, ehe Caine seinen Satz beenden konnte. Dass Ian und Kyle, die anderen beiden Arbeiter, die mit ihnen nach Yass gekommen waren, um neue Helfer für Lang Downs anzuwerben, Neil ohne Aufforderung folgten, entlockte Caine trotz der ernsten Situation ein Lächeln. Es fiel ihm noch immer schwer zu glauben, dass er ihre Loyalität gewonnen hatte.

„Ich bin C-C-Caine Neiheisel.“ Caine näherte sich dem Jungen langsam. Sein Herz schlug so heftig in seiner Brust, dass es sich anfühlte, als würde ihm jemand die Rippen zusammenpressen, sodass es ihm schwerfiel zu atmen. Er konnte Macklin zwar nicht helfen, da er in einem Kampf nutzlos war, aber sein Körper reagierte auf die bedrohliche Situation mit einer typischen Kampf-oder-Flucht Reaktion. Er atmete tief durch und schüttelte die Hände aus, um das durch den Adrenalinschub ausgelöste Kribbeln loszuwerden. „W-Willst du dich s-setzen?“

„Sollten wir ihnen nicht helfen?“

Caine schüttelte den Kopf. „Macklin und die anderen werden sich d-d-darum kümmern, keine Sorge. W-Wie heißt du?“

„Seth. Bist du dir sicher?“

„Ich bin mir sicher. Macklin wird solchen Bockmist nicht zulassen“, versprach Caine. Er war so zuversichtlich, dass er den Satz ohne zu stottern herausbrachte, trotz seiner Besorgnis über diese Art der Homophobie, die quasi in seinem eigenen Hinterhof auftrat, und der Gefahr, die sie auch für Macklin und ihn selbst bedeutete. „Woher kommst du?“

„Nirgendwo mehr“, antwortete Seth mit solchem Schmerz in der Stimme, dass Caine ihn am liebsten in den Arm genommen hätte. Allerdings erinnerte er sich daran, wie er als Teenager gewesen war und verwarf den Gedanken. Seth hätte die Umarmung eines völlig Fremden wohl nicht zugelassen.

„Was ist mit deinen Eltern?“

„Mum ist vor sechs Monaten gestorben und dieser Bastard, den sie geheiratet hat, hat uns am Tag nach der Beerdigung rausgeworfen“, sagte Seth. „Es sind nur noch ich und Chris übrig, wenn es der angsteinflößende Typ schafft, ihn zu retten.“

„Dieser ‚angsteinflößende Typ‘ ist Macklin oder Mr. Armstrong für dich. Du kannst nicht älter als vierzehn sein.“

„Ich bin sechzehn“, erwiderte Seth schnell.

Er war viel zu klein und zu dünn, um sechzehn zu sein. Nicht dass Caine annahm, er würde lügen. Es war nur ein Beweis dafür, wie hart sein Leben gewesen sein musste.

Caine hatte bereits beschlossen, dass sich dies ändern würde. Sein Großonkel, Michael Lang, hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, Herumtreiber auf der Station aufzunehmen, sehr zu Caines Glück. Er hätte Macklin jetzt nicht an seiner Seite, wenn Onkel Michael den Vorarbeiter nicht aufgenommen hätte, als der so alt gewesen war wie dieser Junge. Jetzt musste Caine Seth nur noch davon überzeugen, dass es für ihn und seinen Bruder die richtige Entscheidung war, mit nach Lang Downs zu kommen. „Also, wo übernachtet ihr?“

„Wir haben ein Zimmer“, gab Seth defensiv zurück.

Wohl in einer billigen, drogenverseuchten Absteige, da sie sich vermutlich nichts anderes leisten konnten.

„Nimmst du Drogen?“

„Was? Nein!“

„Verkaufst du welche?“

„Fuck, nein!“

Das war gut. Caine war zwar dafür, eine helfende Hand zu reichen, aber er würde keine Drogen auf seinem Land tolerieren. Er hatte zu viel zu verlieren. „Gut. Ist dein Bruder auch clean?“

„Was geht dich das an?“

„Ich heuere keine Männer mit Drogenproblemen an.“

„Was?“

„Wenn alles, was du hast ‚ein Zimmer‘, keine Eltern und niemand außer deinem Bruder ist, bedeutet das mehr oder weniger, dass du keine Zukunft hast, zumindest von meinem Standpunkt aus betrachtet. Ich betreibe eine Schafsstation nördlich von Boorowa. Ich dachte, dass du vielleicht einen Job willst.“

„Du bist ein Ami!“

„Und du bist ein verzogener Bengel, der gerade eine einmalige Chance verspielen könnte“, konterte Caine. „Hör dich um, wenn du es mir nicht glaubst. Ich war die ganze Woche hier, um Jackaroos anzuheuern. Ich habe noch Platz für zwei weitere.“

Das hatten sie nicht wirklich. Sie hatten die letzten Mitglieder der Crew heute Morgen angeheuert und beschlossen, nach dem Mittagessen nach Boorowa zurückzukehren, dort die Vorräte aufzustocken, und dann am nächsten Morgen nach Lang Downs aufzubrechen. Seth musste das allerdings nicht wissen. Caine hatte schon genug vom Stolz dieses Jungen gesehen, um zu wissen, dass er keine Almosen annehmen würde.

Es würde auch keine Almosen geben. Seth würde auf Lang Downs härter als jemals zuvor arbeiten müssen. Er würde sich jeden Cent verdienen müssen, den sie ihm und seinem Bruder zahlten. Er würde nicht viele Ausgaben haben, also könnte er fast alles für das College sparen, oder für den Tag, an dem er Lang Downs verlassen und seinen eigenen Weg gehen würde. Und wenn er bleiben sollte, würde er eine neue Familie bekommen, da er seine eigene nach dem Tod seiner Mutter verloren hatte.

 

 

CHRIS SIMMS stöhnte, als ein weiterer harter Tritt in seiner Nierengegend direkt unterhalb der Rippen landete. Er hatte versucht, die Angreifer abzuwehren, aber es waren zu viele. Deshalb hatte er sich, um wichtige Teile zu schützen, zu einer Kugel zusammengerollt, in der Hoffnung, dass jemand kommen und die Kerle verjagen würde, bevor sie ihn umbrachten. Sein ganzer Körper tat weh und der scharfe Schmerz, der mit jedem Schlag oder Tritt durch seinen Körper jagte, verschmolz mit den Qualen, die er bereits litt. Dennoch klammerte er sich an sein Bewusstsein und seine Hoffnung. Er durfte nicht sterben, er konnte Seth nicht verlassen, so wie es alle anderen getan hatten. Er konnte das einfach nicht.

Ein wütender Ruf von der Straße her verlangsamte die Hiebe, die auf ihn niedergingen. Er hob den Kopf und sah, dass sich ein Racheengel seinen Angreifern näherte. Sein Blick verschwamm, als er versuchte, sich auf das Gesicht seines Retters zu konzentrieren, aber dann gab ihm ein weiterer Schlag gegen den Kopf den Rest. Sein letzter Gedanke, bevor er bewusstlos wurde war, dass der Mann wie aus Stein gemeißelt wirkte.

 

 

MACKLIN STAND über dem bewusstlosen Jungen und rieb sich abwesend die wunden Knöchel. Er war zu alt für Straßenkämpfe, aber das war egal, als er gesehen hatte, dass der Junge auf dem Boden lag und von fünf Männern angegriffen wurde. Er nahm an, dass er ein wenig älter war als der Junge im Hotel, aber nicht viel. Die fünf Raufbolde hatten ihre Meinung geändert, als sie richtigen Männern gegenüberstanden, die zu kämpfen wussten. Macklin nickte Neil, Ian und Kyle dankend zu. Neil hatte eine blutige Nase davongetragen, aber ansonsten schienen alle unverletzt zu sein. Er selbst würde wohl morgen einen Bluterguss am Kinn haben. „Er braucht einen Arzt. Es sieht aber nicht so aus, als wäre etwas gebrochen. Ian, hol den Ute. Wir werden mit ihm ins Krankenhaus fahren und sehen, was ihm fehlt.“

„Sollten wir nicht einen Krankenwagen rufen?“, fragte Ian.

„Er ist zwar bewusstlos, aber er atmet, und er blutet nicht. Wir können ihn vermutlich genauso schnell ins Krankenhaus bringen, wie die Ambulanz hier wäre, und so müssen wir nicht dafür bezahlen. Ich garantiere euch, dass er keine Krankenversicherung hat.“

Ian nickte und rannte zum Truck.

„Du solltest Caine anrufen, Boss“, sagte Neil, der den Blutfluss aus seiner Nase mit dem Ärmel stoppte. „Er wird sich Sorgen machen.“

„Sobald wir den Jungen im Ute haben und auf dem Weg sind“, sagte Macklin. „Er kann das Auto nehmen und uns dort treffen.“

Macklin blickte hinunter auf den Jungen und überlegte, wie sie ihn am besten bewegen konnten, ohne ihn noch mehr zu verletzen. „Neil, nimm seine Füße. Kyle, hilf mir mit seinen Schultern.“

Der Junge stöhnte leise, als sie ihn bewegten, was Macklin etwas beruhigte. Er war zwar bewusstlos, aber nicht in einem Koma. Als sie ihn aus der Gasse trugen und hinten auf den Ute legten, brannte sich ein Gedanke förmlich in Macklins Kopf ein.

Bei der Gnade Gottes in Gestalt von Michael Lang: Das hätte er selbst sein können.

 

 

DIE NOTAUFNAHME in Yass war ungefähr so überlaufen und geschäftig wie der Rest der Stadt, also überhaupt nicht. Der Doktor schien überrascht, jemanden zu sehen - noch dazu in solch schlechter Verfassung wie der junge Mann.

„Was ist passiert?“

„Wir haben fünf Kerle dabei erwischt, wie sie ihm die Scheiße aus dem Leib geprügelt haben“, sagte Macklin. „Sein Bruder ist mit unserem Boss auf dem Weg hierher. Er kann Ihnen den medizinischen Hintergrund erläutern, hoffe ich. Wir wollten nicht zu lange warten.“

„Nein, natürlich nicht“, meinte der Arzt. „Legen Sie ihn auf die Trage. Ich werde ihn röntgen müssen und …“

Macklin ignorierte das Gemurmel des Doktors, als dieser die Trage weiter in die Notaufnahme schob. Der Mann würde tun, was er konnte, und sie würden von da aus weitersehen. Er war eher um Caine besorgt. Er glaubte nicht, dass die Schläger in Caine hineinstolpern und ihn als den Viehzüchter von Lang Downs erkennen würden, noch weniger vermutete er, dass sie etwas unternehmen würden, nachdem Macklin ihnen schon in den Hintern getreten hatte. Dennoch wäre er deutlich weniger nervös, wenn er Caine wohlbehalten vor sich hätte. Vor allem kannte er Caines zartes Gemüt und er konnte sich vorstellen, wie sehr ihn diese Situation mitnehmen würde. Macklin kannte zwar nicht die ganze Geschichte, aber er konnte wetten, dass Caine diese bereits aus dem Bruder des Jungen herausgekitzelt hatte. Es konnte allerdings keine gute Geschichte sein und das würde Caine das Herz zerreißen. Nichts durfte seinen Geliebten quälen – und das bedeutete, dass eine Lösung gefunden werden musste.

Jetzt.

Caine erschien ein paar Minuten später, mit dem jüngeren Bruder im Schlepptau. Macklin bemerkte, wie Caines Augen über seinen Körper wanderten und ihn auf Verletzungen hin überprüften. Er drückte Caines Schulter, als der jüngere Bruder an ihnen vorbei ins Krankenhaus rannte. Es war eine kleine Geste, die einzige, die Macklin in der Öffentlichkeit zuließ, besonders hier in Yass. Aber Caine wäre für den Moment beruhigt und er konnte ihn später ausziehen, um jeden Zentimeter seines Körpers zu überprüfen.

„Wo ist Chris?“

„Der Doktor hat ihn zum Röntgen gebracht“, sagte Macklin, wobei er sich dem Jungen zuwandte, der in der Mitte der Lobby angehalten hatte, als er den Gesuchten nirgends entdecken konnte. „Ich weiß nicht, was sonst noch getan werden muss. Er war bewusstlos, aber am Leben. Er wird für längere Zeit ziemliche Schmerzen haben, aber er sah nicht so übel aus, dass man sich Sorgen machen müsste, dass er sich nicht wieder erholen wird.“

„Macklin, das ist Seth“, sagte Caine. „Seth, das ist Mr. Armstrong.“

„Danke, dass Sie meinen Bruder gerettet haben, Mr. Armstrong“, sagte der Junge. „Sie hätten nicht helfen müssen.“

Der Junge mochte es vielleicht so sehen, aber Macklin hatte keine andere Wahl gehabt. Nicht von dem Moment an, als er erfahren hatte, dass Homophobie der Grund für die Attacke war.

Der Doktor kam zurück, bevor Macklin antworten konnte.

„Ist der Bruder jetzt hier? Ich muss ihm ein paar Fragen stellen.“

„Ich bin Chris‘ Bruder“, sagte Seth.

Macklin packte Caines Arm, als dieser dem Doktor und Seth folgen wollte. „Lass ihn das machen. Ich muss erst mit dir reden.“

„Sie kommen nach Lang Downs“, erwiderte Caine sofort. „Sobald Chris fit genug ist, um die lange Fahrt zu überstehen.“

„Natürlich“, stimmte Macklin zu. „Was hat der Junge dir erzählt?“

„Sie sind Waisen; nach dem Tod ihrer Mutter hat ihr Stiefvater sie hinausgeworfen. Sie haben hier in Yass eine Bleibe, aber wohl nur eine vorübergehende. Sie brauchen eine Chance.“

„Und wir geben sie ihnen. Michael würde das befürworten.“ Macklin stimmte sofort zu.

Caine strahlte, wie immer, wenn Macklin seinen Großonkel erwähnte, und aus diesem Grund schwor sich Macklin, öfter von dem alten Mann zu sprechen.

 

 

„ER IST noch immer bewusstlos“, erklärte der Doktor Seth, „aber wird vermutlich bald zu sich kommen. Er hat drei angeknackste Rippen, eine Nierenprellung, mehrere Platzwunden und Quetschungen und einen gebrochenen Arm. Nichts davon ist gut, aber es sind keine bleibenden Schäden.“

„Wie lange wird das dauern?“

„Die Prellungen und Kratzer werden in ein paar Tagen verheilt sein. Der Arm, dessen Heilung am langwierigsten ist, wird wohl für sechs oder acht Wochen eingegipst sein.“

„Welcher Arm ist es?“

„Sein rechter.“

Seth fluchte im Stillen. Wenn es der linke Arm gewesen wäre, hätte Chris vielleicht weiterhin arbeiten können, aber mit links war er mehr als unbeholfen. Chris würde seinen Job verlieren, sie würden ihr Zimmer nicht mehr bezahlen können und wieder im Auto leben und dabei versuchen müssen, so vorzeigbar wie möglich auszusehen, um vielleicht noch einen anderen Job und ein neues Zimmer zu bekommen.

Es sei denn, sie nahmen das Angebot an, auf der Station zu arbeiten …

„Kann ich zu ihm? Ich will da sein, wenn er aufwacht.“

„Natürlich.“

Der Doktor führte Seth in ein kleines Krankenzimmer, in dem Chris auf einem Bett lag. Mehrere Maschinen überwachten seine Vitalfunktionen. „Lass dich nicht von den Schläuchen verunsichern“, sagte der Doktor. „Wir überwachen ihn zwar, aber sein Körper tut alles selbstständig. Sobald er wach ist, werden wir sie entfernen. Wenn wir uns sicher sind, dass er keine Gehirnerschütterung hat, können wir ihn nach Hause schicken. Habt ihr ein Zuhause?“

„Natürlich“, log Seth. Er hatte keine Ahnung, wohin sie gehen sollten. Ihr Vermieter ließ sie das Zimmer wöchentlich bezahlen, da Chris seinen Lohn ebenfalls wöchentlich erhielt, aber die Miete war in drei Tagen wieder fällig und Seth hatte keine Ahnung, ob sie genug Geld dafür hatten. Selbst wenn, würde dies nur das Unausweichliche um eine Woche verzögern, weil Chris nach Aussage des Doktors eine ganze Weile nicht mehr arbeiten konnte. „Wach auf, Chris“, bat Seth leise. „Wir müssen eine Lösung finden und ich kann das nicht alleine.“

Sie hatten das Angebot des Viehzüchters, aber Seth traute dem nicht. Er vertraute niemandem mehr, außer Chris. Zu viele Menschen hatten sie betrogen, als dass er jemand anderem als seinem Bruder trauen konnte. Er sah sich im Raum um, um sicher zu sein, dass sonst keiner da war – nicht, dass er jemanden erwartet hätte – und legte seine Hand auf Chris‘. „Komm schon, Chris, tu mir das nicht an.“

Er konnte fühlen, wie ihm die Tränen in die Augen traten, aber sein Stolz verbot ihm, wie ein kleines Kind zu heulen. Seth musste für Chris stark sein. Er fragte sich, was passieren würde, wenn er morgen im Restaurant auftauchte, um Chris‘ Schicht zu übernehmen. Er würde ohnehin nicht mehr tun, als Geschirr zu spülen. Sicher konnte er das gut genug, um ein Dach über ihren Köpfen zu finanzieren, zumindest bis Chris wieder arbeiten konnte.

Die Finger unter seinen zuckten, sodass Seths Aufmerksamkeit wieder auf seinen Bruder gelenkt wurde. Chris‘ Augen waren noch geschlossen, dennoch glaubte Seth, eine Bewegung hinter den Augenlidern zu sehen, so als würde Chris aufwachen. „Kannst du mich hören, Chris? Komm schon. Hilf mir. Du musst aufwachen und mir sagen, was ich tun soll, denn alleine schaff ich das nicht.“

Chris‘ Finger zuckten nochmals, aber seine Augen öffneten sich nicht. „Was sollen wir tun?“, fragte Seth, in der Hoffnung, dass seine Stimme dabei half, seinen Bruder aufzuwecken. „Selbst wenn sie mir erlauben, an deiner Stelle zu arbeiten, werden sie sich über die Schule und die Arbeitsstunden aufregen. Ich weiß nicht, ob ich mit den Stunden, die sie mich arbeiten lassen werden, genug verdienen kann, um die Miete zu bezahlen. Du musst aufwachen und eine Lösung finden. Du hast immer eine Antwort, Chris. Jetzt wäre die richtige Zeit für eine.“

Lärm auf dem Gang ließ ihn aufschrecken. Er zog die Hand zurück, als ob die Person da draußen denken könnte, dass er unmännlich wäre, die Hand seines Bruders zu halten. Er beobachtete die Tür für mehrere Sekunden, doch niemand kam herein, also wandte er sich wieder Chris zu. „Die Männer, die dir geholfen haben, bieten uns einen Job an. Aber ich weiß nicht, ob sie es ernst meinen oder ob sie uns noch wollen, wenn sie erfahren, dass dein Arm gebrochen ist. Der Doc hat gesagt, dass du für sechs oder acht Wochen einen Gips tragen musst. Ich weiß nicht viel über Schafe, aber ich denke nicht, dass du mit deinem ruhiggestellten Arm viel tun kannst. Ich schätze, wir sagen ihnen ‚Danke, aber nein danke‘, und hoffen dann, dass Mr. Harrell uns eine oder zwei Mietzahlungen aussetzen lässt, bis du wieder auf den Beinen bist. Gerade als ich gedacht hatte, dass es besser wird, musste das passieren.“

 

 

„WIR MÜSSEN etwas tun.“

„Das werden wir“, sagte Macklin. Seine Hand lag wieder auf Caines Arm, um ihn davon abzuhalten, das Krankenzimmer zu betreten. „Aber der Junge da drinnen kennt und traut uns nicht. So sehr du es auch willst, er hat keinen Grund, dir zu vertrauen. Wir müssen geduldig sein und warten, bis sein Bruder wieder bei Bewusstsein ist. Dann wirst du mit Neil hier draußen bleiben und ich gehe rein, um mit Chris ein Gespräch unter Männern zu führen.“

„Ich bin also kein Mann?“, fragte Caine.

„Du bist ein erstaunlicher Mann, aber genau jetzt benimmst du dich wie eine Mutterhenne, und diese Kinder haben keine Ahnung, wie sie damit umgehen sollen. Du willst sie behüten. Das gibt dir ein gutes Gefühl, aber es wird ihnen nicht helfen.“

„Woher willst du das wissen?“

„Weil ich wie diese zwei Kinder war, als ich nach Lang Downs gekommen bin. Ich bin von zuhause weggerannt, weil ich nicht mehr konnte. Ich hatte es satt, die Schläge einstecken zu müssen, die eigentlich gegen meine Mutter gerichtet waren, nur um dann zusehen zu müssen, wie sie trotzdem geschlagen wurde. Ich konnte die homophoben Tiraden und die Angst nicht mehr ertragen. Ich glaubte, sogar auf der Straße wäre es besser als daheim. Ich lag natürlich falsch, bis mir Michael in den Arsch getreten und mir den Kopf zurechtgerückt hat. Er hat das nicht gemacht, indem er mich behütet hat, Welpe. Er hat mir gesagt, dass, wenn ich diese Entscheidung treffe, ich erwachsen werden und mich wie ein Mann benehmen müsste, und dann hat er mir gezeigt, wie es geht. Darauf werden diese Jungs reagieren, und weil ich genau an dem Punkt war, an dem sie jetzt stehen, kann ich für sie tun, was Michael für mich getan hat. Du kannst sie später trösten, wenn sie uns gut genug kennen, um uns zu vertrauen.“

Caines Herz schmerzte, als er das hörte. Er hatte so etwas anhand der Dinge, die Macklin gesagt oder auch nicht gesagt hatte, vermutet, aber es von ihm so deutlich zu hören, ließ in Caine den Drang aufkommen, Macklin in seine Arme zu ziehen und die alten Wunden zu heilen. Er lachte leise. Macklin hatte recht, was seine beschützende Art anging. „Na gut, in Ordnung. Wir machen es auf deine Weise.“