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JESSE WUSSTE, dass er niemandem außer sich selbst die Schuld geben konnte. Natürlich hatte Steve die ehrenamtliche Arbeit für das auf dem Mount Washington befindliche Observatorium als romantisch dargestellt, was eine Lüge gewesen war. Für sieben Leute aufzuräumen, Geschirr zu spülen und Toiletten zu putzen war kein bisschen romantisch – und die Flamme zwischen ihnen war bereits vor Monaten erloschen. Zugegeben, der Ausblick war atemberaubend. Doch nachdem sie jetzt nur noch Freunde waren, reichte er nicht aus, um Jesse für die eintönige Arbeit zu entschädigen.

Trotzdem musste er sich eingestehen, dass Steve ihn zu nichts gezwungen hatte und Jesse sich der Stellenbeschreibung bewusst gewesen war: eine Woche auf dem Mount Washington mit zwei Angestellten und zwei Praktikanten. Das Observatorium diente der Beobachtung des Wettergeschehens und Klimas auf dem Berg, dem das schlechteste Wetter der Welt nachgesagt wurde. Um den Forschern Zeit für ihre Aufgabe zu geben, sorgten Freiwillige in einwöchigen Schichten von Mittwoch bis Mittwoch für Essen und Ordnung. Jesse hatte seine beinahe hinter sich und konnte es kaum erwarten, seine Sachen zu packen und am nächsten Tag von diesem Berg zu verschwinden. Er war einfach kein Bergmensch. Das wusste er jetzt. Auch wenn die Landschaft eine schroffe Schönheit besaß, vor allem an klaren Tagen, die einem den Ausblick über die gesamte Presidential Range erlaubten, war es hauptsächlich windig und schweinekalt. Er hatte sich die ganze Woche danach gesehnt, es sich mit einem guten Krimi vor einem der Gasöfen gemütlich zu machen.

Leider war er zurzeit damit beschäftigt, Wels mit Zitronenbutter aus den in der Küche eingesetzten Gastronomiepfannen zu kratzen. Nachdem Steve ihn gekocht hatte, war Jesse für die Reinigung zuständig. Beschweren konnte er sich darüber allerdings nicht, denn der Fisch war köstlich gewesen. Steve war ein ausgezeichneter Koch, weshalb Jesse damit leben konnte, das Spülen zu übernehmen. Dennoch war er froh, als er seine Arbeit beendet hatte und sich für eine Weile zurückziehen konnte.

Er durchquerte den Gemeinschaftsbereich, in dem einer der Forscher – Leo – auf einem der drei braunen Sofas ein Nickerchen machte. Bandit, die schwarz-weiße Angorakatze, schaute von ihrem Platz zwischen seinen Füßen auf, bevor sie beschloss, dass Jesse nicht interessant genug war, um seinetwegen aufzustehen. Kurz verspürte er die Versuchung, sich ebenfalls ein Schläfchen auf einem Sofa zu gönnen, entschied dann jedoch, dass er frische Luft brauchte – auch wenn er sich dafür erst dick einpacken musste. Es war Oktober und die Bildschirme in der Station zeigten am Fuße des Berges einen milden Herbsttag an. Hier oben auf der Aussichtsplattform herrschte dagegen eine um mindestens fünfzehn Grad niedrigere Temperatur. Kein vernünftiger Mensch wagte sich ohne Skijacke ins Freie.

Er verbrachte einige Zeit auf der Aussichtsplattform des großen halbmondförmigen Sherman-Adams-Gebäudes, in dem sich nicht nur das Observatorium, sondern auch der Stützpunkt der Ranger und das Museum befanden. Durch den Nebel war die Sicht allerdings nicht besonders beeindruckend, worüber ein Ehepaar, das mit Ferngläsern gekommen war, um den Blick über die Presidential Range zu genießen, lautstark schimpfte. Die einzige andere Person war ein junger Mann, der kaum älter als Jesse wirkte. Er war nicht unansehnlich – schlank und blass mit kühlen blauen Augen. Jesse näherte sich ganz ungezwungen, um zu sehen, ob er sich vielleicht mit ihm unterhalten konnte.

Der Mann verschwendete seine Zeit nicht damit, in den Nebel zu schauen. Stattdessen hatte er den Blick auf die Zahnradbahnstation etwa dreißig Meter unter der Plattform gerichtet, auch wenn Jesse nicht sicher war, was es dort zu sehen gab. Möglicherweise wartete er auf die nächste Bahn.

„Hallo“, sagte Jesse, als er neben ihm angelangt war. Sie standen dicht am Rand, was bei starkem Wind nicht ungefährlich war, jedoch bei so ruhigem Wetter kein Problem darstellte.

Der Fremde schaute auf und erwiderte abgelenkt Jesses Hallo.

„Warten Sie auf die Bahn ins Tal?“

Der junge Mann warf Jesse einen leicht missmutigen Blick zu, bevor er wieder wegschaute. „Nein, ich campe hier.“

Das war eine Lüge. Jesse wusste, welche Ausrüstung für Camping auf dem Berg notwendig war, da er es mit Steve während ihrer Beziehung selbst einige Male getan hatte. Und dieser Mann war dafür einfach nicht richtig angezogen. Zwar trug er eine hochwertig wirkende Skijacke und eine warme Pudelmütze, hatte allerdings weder Schal noch Handschuhe bei sich. Und wo war sein Rucksack? Selbst wenn er den größten Teil seines Eigentums im Zelt zurückgelassen haben sollte, war seine Kleidung unpassend. Natürlich war es möglich, dass es sich um einen Idioten handelte – die gab es schließlich auch. Ehrenamtliche Mitarbeiter des Naturparks mussten nicht selten ihr Leben riskieren, um in plötzlichen Schneestürmen gefangene oder durch Temperaturstürze unterkühlte Wanderer zu retten. Bei dem Mann auf der Plattform vermutete Jesse allerdings eher, dass er früher am Tag mit der Bahn heraufgekommen war und Jesse schlicht loswerden wollte.

Sein Problem.

Mit einem „Cool“ entfernte Jesse sich, um ihn seinen Beobachtungen zu überlassen. Die Bahn würde bald eintreffen und es würde sich vielleicht lohnen, die Neuankömmlinge zu begutachten. Mit etwas Glück befand sich unter ihnen der eine oder andere niedliche Typ, mit dem er leichter ins Gespräch kommen konnte, bis er sich mit Steve den Vorbereitungen für das Abendessen widmen musste.

Er stieg die Stufen von der Plattform hinab und gelangte zum Bahnsteig, als sich bereits die Bahn näherte. Sie war ein seltsamer Anblick, denn wegen der starken Steigung war die Lok mit dem Wassertank nach vorn geneigt, damit sie sich während des Aufstiegs waagerecht befand. Auf ebenen Streckenteilen zeigte sie daher mit der Vorderseite auf den Boden.

Erst war das Rattern der Metallräder zu hören, bevor sich die dampfspeiende Lok langsam aus dem Nebel löste. Sie bewegte sich kaum schneller als ein gehender Mensch auf ebener Strecke, doch für den steilen Aufstieg, den sie in weniger als einer Stunde bewältigte, brauchte ein Wanderer gerade im Winter wesentlich länger. Die Fahrkartenpreise waren allerdings gesalzen und Jesse hatte die Bahn bisher nicht benutzt.

Er warf einen Blick zur Plattform hinauf, konnte den jungen Mann jedoch nicht mehr entdecken. Vielleicht befand er sich ebenfalls auf dem Weg nach unten.

Bei dieser Fahrt hatte die Bahn lediglich elf Personen auf den Berg gebracht, wobei ihn sechs davon nicht sonderlich interessierten. Zwei vielleicht neun- oder zehnjährige Kinder stiegen begleitet von einem älteren Paar aus. Vermutlich handelte es sich um die Enkel. Dazu kam ein jüngeres Ehepaar um die dreißig – Mann und Frau, auch wenn New Hampshire seit einigen Jahren die gleichgeschlechtliche Ehe erlaubte. Ihrem Geturtel nach zu urteilen waren die Eheringe an ihren Fingern noch ziemlich frisch.

Vier Fahrgäste waren etwa in Jesses Alter, eine junge Frau und drei Männer. Da sie als Gruppe ausstiegen, nahm Jesse an, dass es sich um befreundete Studenten bei einem gemeinsamen Ausflug handelte. Bei ihnen befand sich ein jüngeres Mädchen, das Jesse auf sechzehn oder siebzehn schätzte und das die gleichen blonden Haare und feinen Gesichtszüge wie die junge Frau besaß, weshalb er vermutete, dass es sich um Schwestern handelte. Einer der Männer sah nicht übel aus, wenn auch etwas ungepflegt, doch die anderen beiden – eindeutig Brüder – waren Jesse am meisten aufgefallen. Sie waren rothaarig und dermaßen gut aussehend, dass sie Models hätten sein können.

„Schau nicht so gierig“, sagte eine Stimme hinter ihm. Jesse drehte sich um und sah Steve, der ihm frech zugrinste. Glücklicherweise standen sie zu weit vom Bahnsteig entfernt, um von den Neuankömmlingen gehört zu werden.

„Schauen ist erlaubt.“

Steve musste nicht fragen, wem Jesses Blicke galten. „Glaubst du, sie sind Zwillinge?“

„Nein.“ Jesse wandte sich wieder den Brüdern zu, um sie möglichst unauffällig zu betrachten. Zugegeben, sie sahen sich sehr ähnlich. „Der mit dem grünen Schal ist älter. Ein oder zwei Jahre vielleicht.“

„Für mich sehen sie gleich alt aus.“

Jesse schüttelte den Kopf. „Er klopft immer wieder seinem Bruder auf den Rücken und kommandiert die anderen herum.“ Der junge Mann zeigte in verschiedene Richtungen, stellte Fragen und wartete auf das zustimmende Nicken seiner Begleiter.

„Vielleicht hat er einfach nur mehr Durchsetzungsvermögen“, widersprach Steve. „Bei Zwillingen ist häufig einer dominanter.“

„Möglich“, sagte Jesse. „Aber ich glaube es nicht.“

Steve lachte. „Wenn du meinst, Jessica.“ Jesse hasste diesen Spitznamen – nach Jessica Fletcher aus Mord ist ihr Hobby, weil er wie die Hauptfigur ebenfalls Kriminalromane schreiben wollte und ein guter Beobachter war. „Ich gehe wieder rein. Vergiss nicht, dass du noch Schokoladenkekse backen musst.“

„Das werde ich nicht.“ Nachdem Steve gegangen war, setzte Jesse seine Beobachtung der Touristen fort.

Der jüngere Bruder wirkte seltsam gleichgültig, als kümmerte ihn nicht, was um ihn herum geschah. Er schien nicht nur die Anweisungen seines Bruders zu befolgen, sondern auch die der jungen Frau. Nicht, dass diese ihn dazu zwang, auf dem Bahnsteig auf und ab zu marschieren, aber sie ließ ihn ihre Handtasche festhalten, als sie auf die verrückte Idee kam, dringend ihren Lippenstift auffrischen zu müssen.

Seine Freundin. Eindeutig. Falls sie nicht sogar verheiratet waren. Allerdings trug nur sie einen Ring, weshalb eine Verlobung wahrscheinlicher war.

„Musst du das verdammte Ding halten?“, fragte der ältere Bruder so laut, dass Jesse ihn hörte. „Damit siehst du wie eine Schwuchtel aus.“

Die junge Frau warf ihm einen vernichtenden Blick zu, doch sein Bruder streckte lediglich den Arm mit der Tasche von sich, als wäre ihm egal, was damit passierte.

Die junge Frau griff gereizt danach. „Sei nicht so ein Macho.“

Was sie danach sagten, konnte Jesse nicht verstehen. Bevor sich die Gruppe auf den Weg zur Aussichtsplattform machte, sah sich der jüngere Bruder um und sein Blick fiel auf Jesse. Auch wenn sich ihre Blicke nur für einen kurzen Moment trafen, störte Jesse etwas … beunruhigte ihn. Zwar lächelte der Mann, doch selbst aus solch großer Entfernung konnte Jesse sehen, dass keinerlei Freude darin lag. Er wirkte nicht einfach traurig. Er wirkte wie ein Mensch, dem alles egal geworden war. Und seine Augen …

Sie sahen vollkommen leblos aus.

 

 

FÜR DAS Abendessen war ein Tortilla-Auflauf geplant, ein weiteres von Steves besten Gerichten. Jesse hatte die Kekse für den Nachtisch gebacken und sie zum Abkühlen auf die Arbeitsplatte gestellt. Nun half er, Tomaten und Salat für das Hauptgericht zu zerkleinern.

„Sie waren süß“, kam Steve auf die Brüder am Bahnsteig zurück, „aber wenn du mich fragst, war der Freund wesentlich süßer.“ Steve bevorzugte den raueren Typ, was einer der Gründe war, aus denen sie sich getrennt hatten. Jesse war ein wenig strenger, was sein Äußeres anging – sein schwarzes Haar war immer relativ kurz geschnitten und seinen Bart ließ er niemals über einige Stoppeln hinausgehen, selbst wenn alle anderen Männer im Observatorium sich zu einem Vollbart hatten hinreißen lassen.

„Glaubst du, er ist schwul?“, fragte Jesse. Obwohl es ihn nicht besonders interessierte, waren Spekulationen über die Neigungen süßer Männer immer unterhaltsam.

Steve rührte mit einem Schulterzucken den Topf mit sämigem Bohnenmus um. „Ich konnte mich nicht mit ihm unterhalten, aber er hat nicht schwul ausgesehen …“ Anders ausgedrückt hatte er nicht ausgesehen wie ein Discoboy – perfekt gestylt und sündhaft teuer eingekleidet. Steve hasste solche Typen.

Bevor Jesse antworten konnte, kam Reggie in die Küche gestürzt. Er war noch warm angezogen und keuchte, als wäre er gerannt. „He, hat einer von euch Zeit?“

Nachdem sie ihn kurz überrascht angestarrt hatten, fragte Steve: „Warum?“

„Wir haben einen Vermissten“, antwortete Reggie und wischte sich mit einem dicken gefütterten Handschuh über den Mund. „Einer von den Jungs, die heute mit der Bahn angekommen sind. Seine Freunde sind außer sich. Die Sonne geht bald unter, also können wir jeden Helfer gebrauchen. Carol und Leo sind schon mit Rory auf der Suche.“

Steve sah Jesse an. „Ich habe Maisbrot im Ofen …“

„Dann bleib du hier“, sagte Reggie. „Jesse, wenn du kannst, komm mit raus. Denk an ein Funkgerät.“

Er verließ die Küche und Jesse folgte ihm, wobei er neben der Tür Halt machte, um sich warm anzuziehen. Er trug bereits lange Unterwäsche und einen dicken Pullover über einem dünneren; die typische Kleidung im Observatorium. Jetzt schlüpfte er in Stiefel und eine Skijacke, fügte seiner Mütze allerdings eine Balaklava hinzu, um sein Gesicht zu schützen, und wählte warme Fäustlinge anstelle von Fingerhandschuhen.

Draußen war der Nebel dichter geworden, was einem unerfahrenen Touristen auf der Bergspitze gefährlich werden konnte. Das Observatorium und die umstehenden Gebäude befanden sich inmitten einer kahlen Felsfläche – nicht eben, sondern eine Mondlandschaft mit riesigen Gesteinsbrocken und losem Geröll, in der man selbst bei guter Sicht schwer vorwärtskam. Unter den jetzigen Bedingungen konnte man allzu leicht stolpern und sich verletzen oder sogar in eine Felsspalte oder von einer Klippe stürzen. Während die Sonne unterging, nahmen die Temperaturen drastisch ab. Für jemanden, der nicht passend gekleidet war, konnte es sich als fatal erweisen, sich zu verirren.

Als Jesse Reggie eingeholt hatte, sagte dieser: „Sein Name ist Stuart. Er ist vor ein paar Stunden mit seinem älteren Bruder und drei Freunden angekommen und wird seit ungefähr einer Stunde vermisst. Er hat kaum Erfahrung mit Bergen und ist nicht für mehr als einen Tagesausflug ausgerüstet. Grau-gelbe Jacke und eine gelbe Wollmütze. Ted hat es nicht leicht mit seinen Freunden.“ Ted war einer der Ranger, die zurzeit auf dem Gipfel stationiert waren. „Sie drehen total durch – was man ihnen nicht vorwerfen kann. Aber in einer halben Stunde fährt die letzte Bahn nach unten und die müssen sie nehmen, auch wenn wir ihren Freund bis dahin nicht gefunden haben.“

Jesse war schockiert, dass es sich bei dem Vermissten um den jungen Mann vom Bahnsteig handelte. Auch ohne mit ihm gesprochen zu haben, hatte er doch beinahe das Gefühl, ihn zu kennen. Jesse stellte sich vor, wie der Bruder und die anderen mit Ted diskutierten. Er konnte verstehen, dass sie den Berg in dieser Situation nicht verlassen wollten, doch es gab hier keine Übernachtungsmöglichkeit für sie – das gesamte Sherman-Adams-Gebäude war außerhalb der Öffnungszeiten für die Öffentlichkeit unzugänglich. Und das Letzte, was sie jetzt gebrauchen konnten, war ein weiterer verirrter Tourist, der sich nicht ausreichend auf das Wetter vorbereitet hatte. Das Sicherste war, die Suche den Rangern und den Leuten aus dem Observatorium zu überlassen, während Stuarts Freunde und Familie unten im Hotel auf Neuigkeiten warteten.

Natürlich war das leichter gesagt als getan. Jesse konnte sich nur schwer vorstellen, wie es sein musste, ein Familienmitglied zurückzulassen und Fremden die Suche anzuvertrauen. Jedenfalls erinnerte er sich an Stuarts Kleidung und wusste, wonach er suchen musste. Er hatte nicht vor, untätig im Observatorium zu bleiben.

„Aber spiel bloß nicht den Helden, nur weil du eine Woche mit uns hier oben warst“, warnte Reggie, als sie die graue Landschaft nördlich des Observatoriums betrachteten. „Du bist unerfahren und ich habe keine Lust, am Ende auch noch nach dir suchen zu müssen. Verstanden?“

„Ja.“

„Selbst durch den Nebel kann man das Licht des Turms sehen, also behalte es im Auge. Sei vorsichtig beim Klettern und tu nichts Riskantes.“

Jesse schluckte eine patzige Antwort hinunter und nickte stattdessen. „Ich weiß.“

Reggie stieß ein zweifelndes Schnauben aus, ließ ihn aber allein.

Während der Himmel dunkler wurde, arbeitete Jesse sich durch die Felsen vor, wobei er die meiste Zeit seine Hände einsetzen musste. Auch nach der Woche im Observatorium und seinen vorhergehenden Ausflügen zum Gipfel mit Steve wusste Jesse, dass Reggie recht hatte: Er kannte die Gegend nicht gut genug und achtete daher darauf, den Turm nicht aus den Augen zu verlieren. Hin und wieder rief er Stuarts Namen und hörte, wie andere ihn weiter entfernt ebenfalls riefen, doch es gab keine Antwort.

Als auch der letzte Rest des Tageslichts aus dem grauen Himmel schwand, knisterte sein Funkgerät. Er antwortete durch den warmen Stoff seiner Balaklava und hörte Reggies Stimme: „Die Bahn hat gewartet, so lange es ging. Stuarts Freunde sind jetzt nach unten gefahren, um im Hotel zu warten. Bis jetzt haben wir nichts gefunden.“

„Verstanden. Ich suche weiter.“

„Geh rein, falls dir zu kalt wird, und verirr dich um Gottes willen nicht.“

„In Ordnung.“

Es war vielleicht eine halbe Stunde später, nachdem die Temperaturen so weit gesunken waren, dass Jesse eine Pause zum Aufwärmen in Erwägung zog, als er etwas entdeckte, und zwar einen dunklen Fleck auf einem erhöht liegenden Felsbrocken. Als er sich mit seiner LED-Taschenlampe näherte, glänzte der Fleck im bläulich-weißen Licht.

Es handelte sich um Blut. Ein ungleichmäßiger Fleck, vielleicht acht Zentimeter groß, der in der Kälte gefroren war.

Jesse spähte hinter den Felsen und sah am Fuß eines steilen Abhangs Stuart liegen, als wäre er hinuntergerollt. Er lag mit dem Gesicht nach oben regungslos da.

„Stuart!“, rief Jesse, erhielt jedoch keine Antwort. So schnell er konnte, ohne dabei auszurutschen, kletterte er hinunter. Erst als er bereits neben dem jungen Mann auf dem Boden kniete, fiel ihm sein Funkgerät ein. „Reggie! Ich habe ihn gefunden!“

„Wie geht es ihm?“

Stuart sah nicht gut aus. Genau genommen sah er nicht einmal lebendig aus. Seine Mütze fehlte und in der rechten Seite seines Kopfes klaffte im rotblonden Haar ein mit gefrorenem Blut verklebtes Loch. Jesse war nicht ganz sicher, glaubte jedoch, durch das Blut einen Teil seines Gehirns erkennen zu können. Stuarts Augen waren schmale Schlitze und seine blasse Haut hatte einen bläulichen Farbton. Er schien nicht zu atmen. Jesse zog einen Fäustling aus, um an Stuarts Hals nach einem Puls zu suchen. Der eisige Wind stach seine Haut wie Nadelstiche und er konnte keinen Puls entdecken. Stuart fühlte sich eiskalt an. Jesse musste ein Schaudern unterdrücken, als ihm klar wurde, dass er vermutlich gerade eine Leiche berührte.

„Ich glaube, er ist tot.“

„Großer Gott! Wo bist du?“

Während er seinen Fäustling überstreifte, schaute Jesse sich um. Fuck. Vom Fuß des Abhangs aus war der Turm nicht zu sehen. „Moment!“ Er ignorierte Reggies Tirade über seine Unvorsichtigkeit und hielt die Taschenlampe hoch über den Kopf. Das Licht wurde durch den dichten Nebel zu einer leuchtenden Säule, die den Himmel durchschnitt, obwohl es nicht besonders hell war. „Siehst du meine Lampe?“

„Ja!“

Gott sei Dank.

„Bleib, wo du bist, und lass das Licht an“, befahl Reggie. „Wir kommen zu dir.“ Jesse lehnte die Taschenlampe so gegen einen Felsen, dass sie weiterhin in den Himmel leuchtete, bevor er sich mit der kleinen LED-Lampe an seinem Autoschlüssel wieder Stuart zuwandte. Jesse war ziemlich sicher, dass er nicht mehr lebte. Da er allerdings kein Arzt war, konnte er sich natürlich irren.

Mit der Versorgung von Kopfverletzungen kannte er sich nicht aus, aber eins wusste er: Kein Mensch konnte lange ohne Herzschlag überleben. Obwohl es wahrscheinlich zu spät war, musste er es wenigstens versuchen. So kramte er in seinem Gedächtnis nach Erinnerungen an den Erste-Hilfe-Kurs, an dem er vor einigen Jahren teilgenommen hatte, und machte sich an die Arbeit.