Prolog

 

 

ES WAR immer derselbe Traum. Das Lagerhaus, das nach Zigaretten, Diesel und Verzweiflung stank; das gelbe Aufblitzen der sich langsam drehenden Signallampen des im Leerlauf vor sich hin tuckernden Gabelstaplers, das sich in den Ölflecken auf dem Boden spiegelte; das Schwappen von Wasser gegen die Kaimauer des Hafenbeckens; die lauten, zornigen Stimmen der Männer.

Und die Frau – mehr ein Mädchen als eine Frau, ihr enges T-Shirt spannte sich über dem gerundeten Bauch, den sie mit beiden Händen umklammerte. Sie war im vierten, vielleicht fünften Monat schwanger, man konnte es ihr gerade erst ansehen. Sie lag vor dem zornigsten der Männer auf den Knien. „Du kleine Schlampe!“ Er schlug sie mit dem Griff seiner Pistole; sie fiel der Länge nach zu Boden, und ihr langes, dunkles Haar floss um ihr blutverschmiertes Gesicht, verschmolz mit den Ölspuren auf dem Boden. „Wie viel hast du genommen?“

„Nicht viel, ‘Chete“, weinte sie und versuchte, aufzustehen. Er trat sie in den Oberschenkel und sandte sie erneut zu Boden. „Nur ein bisschen, ein paar Dollar – para el niño …”

„Quatsch el niño“, sagte Machete Montenegro und trat sie erneut.

„Boss“, sagte Joshua – José – leise.

„Halt’s Maul, pendejo. Lina, wie viel?“

„Zweitausend“, gab sie weinend zu. „Nur zweitausend. Für das Baby …“

„Scheiß auf das Baby. Es war nicht fürs Baby, sonst wärst du längst weg. Wo ist es?”

„Adelicio hat es“, gab Lina zu. „Ich hab es Adelicio gegeben.“

„Scheiße“, sagte ‘Chete. Er sah zu José und dem Rest seiner Männer. „Ich bin fertig mit ihr. Erledige sie.“

„Boss …“

Tu es.“

 

 

JOSHUA SETZTE sich im Bett auf, das T-Shirt schweißnass, und weitere Schweißtropfen rannen ihm bei der Erinnerung an das Geräusch des Pistolenschusses den Rücken hinunter. Gottverdammt noch mal – es war jetzt vier Monate her, und er träumte verflucht noch mal immer noch davon. Es war doch nicht so, als ob ‘Chete nicht schon vorher den Befehl zum Mord gegeben hätte. Es war ja nicht einmal so, als ob er selbst nicht schon Menschen getötet hätte. Aber es waren vorher immer Männer gewesen – Mitglieder rivalisierender Banden, Verräter, wen auch immer ‘Chete oder einer der anderen Bosse zu töten befohlen hatte. Nie eine Frau.

Nie eine schwangere Frau. Er strich sich mit den Fingern über die Stoppeln seiner nachwachsenden Haare und sehnte sich nach einer Zigarette, nach einem Drink. Sehnte sich nach dem Heroin, das einst sein Blut zum Summen gebracht und das ihn so verlässlich in der Hölle festgehalten hatte, die so lange sein Leben gewesen war.

„Geht es Ihnen gut?“ Die blecherne Stimme drang aus dem Lautsprecher an der Tür. Sie hatten angefangen, nachts sein Zimmer zu überwachen, nachdem die letzten Albträume ihn in ein hysterisches Wrack verwandelt hatten. Sie waren keine Gefängniswärter, erinnerte er sich selbst. Sie versuchten, ihm zu helfen.

Das Problem war, dass er nicht wusste, ob überhaupt noch genug von ihm übrig war, dem man helfen konnte.

 

 

SCHLIESSLICH KAM der Morgen, und mit ihm der wöchentliche Besuch seiner Mutter. Er hasste es, wie sie aussah, um so vieles älter, als es sich mit den drei Jahren seines Exils, wie er es bei sich nannte, erklären ließ. Sie war in sich zusammengesunken, eine große, schlanke Schönheit, die sich wie in Erwartung eines Schlages zusammenkrümmte, das glatte, dunkle Haar von Silberfäden durchzogen. Er wusste, dass sie ihn in den ersten Tagen, an die er keinerlei Erinnerung hatte, besucht hatte, und er fragte sich, ob das der Grund war, warum sie ihn mit solch ängstlichen, besorgten Augen beobachtete, obwohl er sich immer Mühe gab, sich in ihrer Gegenwart langsam zu bewegen und sanft mit ihr zu sprechen. Sie sprachen über simple Dinge – den neuen Freund seiner Schwester, die Firma seiner Mutter, die Ranch seines Onkels – schlichte, belanglose Neuigkeiten ohne emotionalen Widerhall. Ein oder zwei Mal hatte sie im Lauf der letzten Wochen den Prozess erwähnt, aber immer beiläufig, so als wäre das etwas, das keine besonders große Rolle spielte. Was es auch nicht wirklich tat. Sein Teil war vorbei. Es war nicht so, als ob er würde aussagen müssen – das FBI hatte mehr als genug Beweismaterial, sie alle miteinander einzubuchten.

Aber wenn der Prozess zu Ende war, dann war das auch sein Ende. Danach kam nichts mehr, konnte nichts mehr kommen. Es war, als ob die Welt geendet und nur leeren, endlosen Raum hinterlassen hätte. Er konnte sich nicht vorstellen, was danach sein würde.

An diesem Morgen trug seine Mutter einen Frühlingsblazer in hellem Gelb, das ihr dunkles Haar zum Leuchten brachte. Sie hatte sich die Haare getönt, sodass man das Grau nicht sah, und sie hatte sich die Fingernägel maniküren lassen. Sie sah so hübsch aus, dass er trotz seiner Müdigkeit und Erschöpfung lächeln musste. „Du siehst gut aus“, sagte er.

„Danke, mein Schatz.“ Sie reckte sich hinauf und küsste seine Wange, strich ihm über die Haarstoppeln, wie er es letzte Nacht getan hatte. „Sie werden länger. Das ist gut. Mir hat der rasierte Schädel gar nicht gefallen. Das hat dich so gemein und niederträchtig aussehen lassen.“

„Das war der Sinn der Sache“, sagte er sanft. Er wusste, was sie meinte – es hatte ihn wie ein Skelett aussehen lassen, mit seinen eingefallenen Wangen und leeren Augen. Er hatte, seit er hier war, etwas zugenommen, aber nicht viel mehr als ein Kilo. Er hatte keinen Appetit. Er wollte eigentlich nur die Droge. Er wollte eigentlich nur vergessen. „Und, was ist der Anlass?“

„Ich habe gestern Abend mit Onkel Tucker gesprochen.“

Er lächelte höflich und hielt ihr den hölzernen Besucherstuhl, dann setzte er sich ihr gegenüber auf die Kante des schmalen Bettes. „Wie geht’s Onkel Tuck?“

„Oh, ihm geht’s gut. Er redet davon, dass er alt wird, aber das tut er ja immer.“ Sie rutschte auf ihrem Stuhl hin und her, dann sagte sie: „Der Anwalt hat mich besucht. Und Mr Robinson.“

Alle Freude darüber, sie zu sehen, schwand. „Er hat dich nicht zu besuchen“, sagte er knapp. „Er soll dich in Ruhe lassen.“

„Das ist schon in Ordnung, Joshua“, versicherte sie ihm. „Er wollte mich wissen lassen – wollte dich wissen lassen –, dass die Anhörung vorbei ist. Dein Teil ist vorüber. Der Albtraum ist vorbei. Sie haben mehr als genug Beweise, um die Mistkerle für immer einzusperren, und das Große Geschworenengericht sieht das genauso. Sie werden nicht gegen Kaution freigelassen. Jetzt bleibt nur noch der eigentliche Prozess, und das kann noch Jahre dauern.“

Er sah sie starr an, sah die neue Fröhlichkeit in ihren Augen, die Freude, die Erleichterung, und spürte selbst nur die altbekannte Leere. „Das ist gut.“

„Gut? Das ist fantastisch. Sobald sie dich hier rauslassen, kannst du neu beginnen …“

„Ma.“

Sie verstummte. Er spreizte seine Hände – diese langfingrigen Hände, immer noch breit, aber mit den unter der dünnen Haut scharf hervortretenden Sehnen: die Hände eines Junkies. Die Hände eines Mörders. „Ich kann nirgendwo hin.“

„Mr Robinson hat gesagt …“

„Mr Robinson kann zum Teufel gehen.“ Es lag keine Schärfe in den Worten, kein Zorn – es waren nur Worte. „Glaubst du, ich hab auch nur die geringste Chance da draußen? Ja, sie haben Montenegro geschnappt. Aber das Kartell ist weiter im Geschäft. Sobald sie erfahren, dass ich hier raus bin, werden sie hinter mir her sein. Ich mache einen Schritt auf die Straße, und sie werden wissen, dass ich es war, der Montenegro hintergangen hat. Und dann bin ich tot.“

„Sie werden nicht nach dir suchen. Sie denken, du sitzt hier in Cincinnati im Gefängnis. Mr Robinson hat gesagt, dass du dich, dass sie sich alle sehr darum bemüht haben, uns nicht mit hineinzuziehen. Die kennen nicht einmal deinen richtigen Namen, also sind wir vor Vergeltung sicher. Du kannst gehen und sicher sein.“

Er legte den Kopf schief, sah sie an. Die Worte ergaben für ihn keinen Sinn. „Was?“

„Das ist es, was ich dir sagen wollte. Als Mr Robinson gesagt hat, dass alles vorbei ist, und dass es dir freisteht, zu gehen, habe ich deinen Onkel angerufen. Er wünscht sich schon seit Langem, dass du zur Ranch kommst und dort lebst und vielleicht eines Tages das Ruder übernimmst, wenn es dir dort gefällt. Diese schrecklichen Männer können dich dort nicht finden. Du kannst dein altes Leben wiederhaben. Du kannst wieder mein Joshua sein und all das hinter dir lassen. Cathy und die Kinder können dich in den Schulferien besuchen – sie erinnern sich nicht einmal mehr an dich.“ Sie strich ihm mit der Hand über die Wange. „Ich erinnere mich kaum mehr an dich. Ich will meinen Joshua wiederhaben.“

Er blickte starr in ihre leuchtenden, dunklen Augen und dachte: Dein Joshua ist tot, gute Frau.


 

1

 

 

ELI LEHNTE am Zaun und beobachtete den Teenager, der mit der Fuchsstute arbeitete. Sie genoss das kühlere Wetter, das der September mit sich brachte, und tänzelte ausgelassen um den geduldigen Jungen herum. Es tat gut, sie so lebhaft zu sehen. Eli erinnerte sich daran, wie sie ausgesehen hatte, als sie hergekommen war: das Fell stumpf und struppig, von Missbrauch und Vernachlässigung gezeichnet, ihr verknoteter Schweif schlaff herabhängend und ihre Augen eingesunken und hoffnungslos. Jetzt wehte ihr Schweif wie eine seidige rote Fahne hinter ihr her, und die Art, wie sie ihn trug, deutete auf Araberblut hin. Ihre feuchten Augen glänzten, ihr Fell war sauber und gesund, auch wenn weiße Streifen darin immer noch auf Narben darunter hindeuteten. Sie war eine der Glücklichen; zu viele der geretteten Tiere, die herkamen, lebten nur noch so kurze Zeit, bevor die Jahre der Vernachlässigung und Misshandlung ihren Tribut forderten. Als sie hergekommen war, hatte er sie auf etwa zwanzig geschätzt, und er war schockiert gewesen, als der Tierarzt gesagt hatte, dass sie nicht älter war als fünf. Jetzt sah sie auch so aus. „Jesse“, rief er leise und mit ruhiger Stimme, um weder die Stute noch den Jungen zu erschrecken, „probier mal, ob du ihr Zaumzeug anlegen kannst. Gestern ging's – ich möchte, dass sie sich dran gewöhnt, es zu tragen.“

„Sir“, bestätigte Jesse mit einem vagen Nicken, die Stimme leise und ruhig, genau so, wie Eli es ihm beigebracht hatte. Langsam bewegte er sich auf die Stelle zu, wo das Zaumzeug über dem Zaun hing, die Aufmerksamkeit fest auf die Stute gerichtet. Als er das Zaumzeug hochhob, klimperte es leise, und die Stute machte einen Hopser zur Seite weg, nicht so sehr aus Angst als vielmehr aus Freude über das neue Spiel. Gott, sie war so jung – sie und Jesse würden ein gutes Team abgeben, sobald der Junge mit dem Zureiten fertig war. Die Pueblo waren traditionell kein Reitervolk, aber Jesse – ein Mitglied der Isleta Pueblo in der Nähe von Albuquerque – hatte sich davon nicht beirren lassen. Er war ein Naturtalent, gerade mal fünfzehn und bereits einer von Elis vielversprechendsten Schülern.

Jesse begann, ganz leise mit der Stute zu sprechen. Die Stute blieb stehen und drehte die Ohren interessiert nach vorn. Er bewegte sich nicht, ließ das Pferd zu sich kommen, und sie kam auch, in winzigen Schritten, die so taten, als würde sie nur ihr Gewicht verlagern, als würde sie nicht langsam näherkommen, selbst, als sie sich von der melodiösen Stimme des Jungen und seinen Unsinnsworten – oder vielleicht war es auch Tiwa, Eli konnte das nicht auseinanderhalten – anlocken ließ. Als sie schließlich vor ihm stand und durch Jesses Haar schnoberte, hob der Junge langsam die Hände, ließ sie an dem Zaumzeug schnuppern und es befühlen, bevor er das Gebiss behutsam in ihr Maul schob. Er hielt es einen Moment lang still, dann zog er ihr langsam das Zaumzeug über den Kopf, ließ sie sich Stück für Stück daran gewöhnen, bis das Gebiss in die Lücke hinter ihren Zähnen glitt. Das einzige, was Jesse tun musste, war, den Kinnriemen zuzuschnallen. Er sprach leise murmelnd mit ihr, während seine Hand sie auf dem Weg zur Schnalle des Kinnriemens unterm Kinn kraulte, und nachdem er die Schnalle geschlossen hatte, rieb er der Stute neben Leder und Stahl die Wange. „Schönes Mädchen“, sagte er, gerade laut genug, dass Eli es hören konnte. „Schönes, wunderschönes Mädchen.“

Sie warf wie zustimmend den Kopf, dann sprang sie zur Seite weg, und der Moment war vorüber. Sie beobachteten die Stute aufmerksam, aber das Zaumzeug schien sie nicht zu stören. Sie versuchte nicht, es sich am Zaun abzustreifen, wie manche andere es taten, mit Schaden für Pferd und Zaumzeug. „Gut“, sagte Eli zu Jesse, der zu ihm kam und sich neben Eli an den Zaun lehnte. „Du machst dich.“

„Sie ist ein Schatz“, sagte Jesse.

„Jepp. Ich finde, ihr seid ein gutes Gespann – mal sehen, was Tucker dazu sagt, sie dir zuzuteilen, sobald du fertig bist. Auf die Art könntet ihr euch vorm nächsten Mustang Roundup des NFS an die Eigenarten und Marotten des anderen gewöhnen.“ Die Triple C, Tucker Chastains Ranch, war eines der Vertragsunternehmen des National Forestry Service, die für die Mustangherden auf staatlichen Weideflächen zuständig waren. „Sie lassen einen zwar erst ab sechzehn im Roundup mitreiten, aber wenn ich mich recht erinnere, nimmst du diese Hürde im Frühjahr. Allerdings müsstest du bis dahin noch ein paar Projekte wie Sallee hier übernehmen.“

„Dazu bin ich mehr als bereit“, sagte Jesse.

„Weiß ich doch, chico.“ Eli schob seinen Hut in den Nacken und kratzte sich die Stirn. „Okay, gib ihr noch zwanzig Minuten mit dem Zaumzeug, dann möchte ich, dass du sie mit den Zügeln bekannt machst. Knot' sie zusammen, dass sie nicht runterbaumeln, aber leg sie ihr über den Widerrist, damit sie sich an das Gefühl gewöhnt.“

„Ja, Sir“, sagte Jesse.

„Eli!“

Eli lächelte den Jungen an. „Ich muss los, der Big Boss ruft.“ Jesse lächelte zurück, dann wandte er seine Aufmerksamkeit wieder der Stute zu. Eli schob seinen Hut zurecht, dann drehte er sich um und ging hinüber zu der Scheune, wo Tucker wartete. „Boss.“

„Eli. Der Junge macht sich.“

„Ja, er ist ein echtes Naturtalent.“

„Scheint eine Affinität zu dem Tier zu haben.“

„Ja, Sir. Sallee und er passen gut zusammen, von der Persönlichkeit her. Sie würd' ein gutes Reitpferd für ihn abgeben – aus Charlie ist er ziemlich rausgewachsen, und er ist bereit für etwas mit ein bisschen mehr Temperament, etwas, das ihn herausfordert.“

„Jepp.“ Tucker deutete auf die Bank neben der Scheunentür. Sie lag im Schatten, und Eli sank dankbar darauf nieder. Chastain ließ sich neben ihn fallen, streckte seine langen Beine aus und verschränkte die Arme über der Brust. Sie saßen einen Moment lang schweigend da; Eli hatte nichts zu sagen, und Tucker, das wusste er, nahm sich Zeit, das zu sagen, was er sagen wollte.

Schließlich richtete Tucker sich auf und sagte: „Was hältst du von den Männern, die wir beschäftigen?“

Eli runzelte die Stirn. „Es sind gute Männer. Kann nicht sagen, dass ich mit einem von ihnen schon mal ein Problem gehabt hätte. Im allgemeinen. Ein paar haben eine ziemlich große Klappe, aber seit wir diesen Säufer, Leon, losgeworden sind, sind sie ein recht ordentlicher Haufen, finde ich. Warum? Willst du jemanden entlassen?“ Ihm gefiel der Gedanke nicht, aber Chastain war der Inhaber der Ranch, und er kannte ihre finanzielle Lage besser als Eli.

„Nein. Ich will jemanden dazuholen.“

Das Stirnrunzeln wurde tiefer, und Eli saß nachdenklich da. Er kannte vielleicht die finanzielle Lage nicht im Detail, aber als Vorarbeiter kannte er das Arbeitspensum, und das erforderte keinen zusätzlichen Rancharbeiter. Es sei denn, Chastain hatte vor, für mehr Arbeit zu sorgen. „Willst du mehr Tiere aufnehmen?“

„Nicht in absehbarer Zukunft. Nicht, bis die Bank und ich uns nicht drüber einig sind, was mit dem zusätzlichen Land ist. Aber das wird wohl noch Monate dauern.“

„Dann haben wir nicht genug Arbeit für einen zusätzlichen Rancharbeiter. Jedenfalls nicht so viel, dass es sich lohnen würde, dafür Gehalt zu zahlen.“

„Er ist nicht wirklich ein Rancharbeiter.“ Tucker stieß den Atem aus. „Mein Neffe kommt hier raus. Ich brauch Hilfe bei dem ganzen geschäftlichen Kram, und ich spiel' mit dem Gedanken, ihm beizubringen, wie man den Laden führt, wenn ich in Ruhestand gehe.“

„Du denkst noch nicht über Ruhestand nach“, sagte Eli. Das wusste er ganz genau – Tucker liebte die Ranch und die Arbeit, und er war erst Ende fünfzig. Viel zu jung, um über den Ruhestand nachzudenken.

„Nein. Aber ich verbring mehr und mehr Zeit damit, mich mit dem geschäftlichen Kram rumzuschlagen, und immer weniger Zeit damit, Pferde zuzureiten. Josh ist ein cleverer Bursche, ein Großstadtjunge, und ich schätze mal, dass er Ahnung hat von so Sachen wie Websites und Facebook und Twitter und so.“

„Ich dachte, er wär' ein hohes Tier beim FBI“, sagte Eli träge.

„Das war er. Ich kenn' die Fakten nicht, aber ich weiß, dass sein letzter Einsatz irgendwie schiefgelaufen ist, und dass er gekündigt hat. Er war eine Zeit lang im Krankenhaus, und Hannah will ihn aus der Stadt raus haben und irgendwohin, wo er sich in Ruhe erholen kann.“

„Ist er angeschossen worden oder was?“

„Keinen blassen Schimmer. Du kennst doch diese Feds – die sagen dir nichts, das du nicht unbedingt wissen musst.“

Die einzigen Feds, die Eli kannte, waren die beim NFS und die im Bureau of Indian Affairs, und das waren alles ziemlich anständige Jungs, also sagte er nichts. Er nickte nur und sah hinaus auf den Paddock.

„Also, dachte ich mir, schlag ich zwei Fliegen mit einer Klappe. Josh kann rauskommen und wieder gesund werden, und während er das tut, kann ich ihm alles übers Führen einer Ranch beibringen. Und ein bisschen Büroarbeit kann vermutlich auch nicht schaden.“

„Ich glaub nicht, dass ich ihn schon mal getroffen hab“, grübelte Eli. „Ich kenne deine Nichte und ihre Kinder – sie waren vor ein paar Jahren mal im Sommer hier –, aber soweit ich mich erinnern kann, ist er noch nicht hier draußen gewesen.“

„Nicht, seit er noch klein war. Sie sind früher jeden Sommer rausgekommen. Hannah lebt ja seit der Uni wieder im Osten.“ Er sagte nicht mehr. Eli wusste, dass es keinen Mr Hannah gab, und dass Josh und Cathy den Namen ihrer Mutter trugen (obwohl Cathy, nach dem, was Tucker ihm erzählt hatte, verheiratet und geschieden war), aber mehr als das wusste er nicht. Ging ihn auch nichts an.

„Also warum fragst du wegen der Männer? Glaubst du, dass sie ein Problem damit haben werden, einen vom FBI in ihrer Mitte zu haben?“

„Dass er vom FBI ist, ist eher nicht das Problem. Ich dachte mehr, weil er mein Neffe ist, und weil er keine Ahnung vom Ranchbetrieb hat. Könnte eine Menge Ärger und Feindseligkeit verursachen.“

Eli schüttelte den Kopf. „Glaube nicht, dass das ein Problem ist. Solang er sich nicht aufführt wie ein Arsch, sollte er hier keine Probleme haben. Kann er reiten?“

„Teufel wenn ich das weiß“, sagte Chastain. „Als Kind konnte er es.“

„Dann sollte's in Ordnung sein. Es wird ein bisschen Gerangel geben, so wie immer, wenn wir jemand Neues einstellen, aber das wird sich geben. Solang er keine zimperliche Mamsell oder ein Arschloch ist – und da er beim FBI war, glaub ich irgendwie nicht, dass er zimperlich ist. Oder eine Mamsell.“

„Er sollte besser auch kein Arschloch sein“, sagte Chastain. „Ich brauch keinen Ärger auf meiner Ranch, und es würd' mich wirklich freuen, die Ranch in guten Händen zu wissen. Klar, die Entscheidung kann ich erst wirklich dann treffen, wenn ich ihn besser kenne.“

„Bist du krank oder so? Ruhestand, die Ranch in guten Händen wissen … Himmel, Tuck, du machst mir Angst.“

„Nee, mir geht’s gut. Es ist nur … Scheiße, Eli, mein nächster Geburtstag ist mein neunundfünzigster. Noch ein Jahr, dann bin ich sechzig. Sechzig ist verdammt alt hier draußen.“

„Ja, ist es“, sagte Eli und grinste, als Tucker ihn mit dem Ellbogen anstieß.

„Sagt der Knabe, der halb so alt ist wie ich.“

„Nein, ich wär' halb so alt wie du, wenn du sechsundsechzig wärst. Grundgütiger, alter Mann, kein Wunder, dass du beim geschäftlichen Kram Hilfe brauchst, du kannst ja nicht mal richtig rechnen.“

„He, ich bin vielleicht alt, aber ich kann dich immer noch rausschmeißen.“

„Nein, kannst du nicht, weil du nämlich keinen findest, der's mit dir nörgeligem Alten aushält.“

Sie grinsten sich einen Moment lang an, dann schüttelte Tucker den Kopf. „Also. Wir quartieren Josh im Haus ein, du musst also keinen Platz für ihn im Schlafhaus finden. Du kannst aber von Glück sagen, dass ich ihn nicht in deinem Haus einquartiere.“

„Das ist das Vorarbeiterhaus“, betonte Eli. „Ich bin der Vorarbeiter. Steht nicht zur Debatte.“

„Ich bin immer noch der Boss.“

„Ja, und du lebst im Bosshaus. Willst du deinen FBI Neffen, der schon wer weiß wie lang nicht mehr auf einer Ranch war, zum Vorarbeiter machen?“

Tucker schauderte. „Oh, Teufel, nein. Okay. Du bist sicher. Wie auch immer, Hannah wusste noch nicht, wann er kommt – sie muss das erst mit ihm besprechen und die Sache arrangieren. Ich sag dir Bescheid, sobald ich was weiß. Nicht, dass es da was für dich zu tun gäbe. Außer deinem Job.“

„Und den tu ich sowieso. Aber danke für die Vorwarnung. Willst du, dass ich's die vaqueros wissen lasse?“

„Bitte. Wir können sie genauso gut auf dem Laufenden halten.“ Chastain seufzte. „Schätze, das wird eine Menge Spekulationen über meine Gesundheit geben.“

Eli grinste. „Da kannst du drauf wetten, alter Mann. Du solltest dich besser ab und zu mal hier draußen blicken lassen und ihnen zeigen, dass du noch lebst, sonst schließen sie noch Wetten über deine voraussichtliche Lebensdauer ab.“

„Schlaumeier.“ Tucker stand auf, trat ihm leicht gegen den Stiefel und schlenderte zum Haus zurück.