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ALS KIND war ich der unschuldigen Überzeugung gewesen, Großmütter seien größtenteils rundgesichtige, fröhliche Frauen, die einen mit Keksen versorgten und einem etwas Geld zusteckten, wenn die Eltern nicht hinsahen. Leider schien sich, obwohl die meisten meiner damaligen Ansichten die Realität des Erwachsenwerdens nicht überstanden hatten, mein naives Bild von Großmüttern und Keksen hartnäckig gehalten zu haben.

Was wahrscheinlich der Grund dafür war, dass ich gerade durch einen zu streng zurechtgestutzten Garten rannte, während hinter mir der Knall einer Schrotflinte zu hören war.

Eigentlich hätte es ein unkomplizierter Fall sein sollen. Als Mr. Brinkerhoff, ein freundlich wirkender älterer Mann, mein Büro betreten und ihn mir angeboten hatte, war es mir wie eine Kleinigkeit vorgekommen. Ich hatte zugestimmt und sogar mein Honorar gesenkt, da ich lediglich damit gerechnet hatte, seine großmütterliche, fromme Ehefrau bei ihren abendlichen Besorgungen in der Stadt zu beobachten. Er sah Anzeichen für eine Affäre, die er ihr im tiefsten Innern jedoch eigentlich nicht zutraute. Nicht seiner Adele.

Liebe verführt einen Mann zu Dummheiten. Diese Art von Motivation hatte ich im Augenblick allerdings nicht. Und auch das Honorar war bei weitem nicht hoch genug, um dafür mein Leben zu riskieren. Ich würde später im Büro ein ernstes Wörtchen mit Mr. Brinkerhoff reden – falls ich dort lebend ankam.

Zweige zerrten an meinem Ärmel, als ich an einem in Form geschnittenen Busch vorbeihetzte. Ein blattgrüner Elefant streckte seinen eleganten Rüssel den Sternen entgegen – zumindest bis ihm ein Schuss den gesamten Kopf abriss. Teile davon flogen durch die Luft und der Geruch des immergrünen Strauchs war überwältigend, als mir Harz ins Gesicht spritzte. Mit brennenden Wangen rutschte ich beinahe aus, bevor ich die zweifelhafte Sicherheit einer großen Vase im griechischen Stil erreichte. Das Gras war nass vom Regen, einem durchziehenden Wolkenbruch, der den Boden zu weich zum Laufen gemacht hatte, weshalb ich nicht so weit gekommen war, wie mir lieb gewesen wäre.

Entgegen dem allgemeinen Irrglauben regnet es in Südkalifornien durchaus. Meistens wenn ich gerade vor einer bewaffneten Person fliehe.

Allmählich breitete sich ein Schmerz in meiner Brust aus, der allerdings mehr mit der Panik als mit der Anstrengung zu tun hatte. Um Deckung bemüht wand ich mich auf scheinbar ziellosen Steinwegen durch das Labyrinth aus Büschen und Hecken, während ich hoffnungsvoll nach meinem Range Rover Ausschau hielt. Endlich entdeckte ich etwas Bekanntes: eine wuchernde Prunkwinde, die beinahe einen Springbrunnen erstickte. Die hatte ich bereits gesehen, als ich mich durch das hintere Tor in den Garten geschlichen hatte, um Mrs. Brinkerhoff bei ihren abendlichen Genüssen nachzuspionieren. Das Tor war also in der Nähe und im Gegensatz zum Hinweg musste ich diesmal nicht das Schloss aufbrechen.

Noch trennte mich der hohe Holzzaun von meinem Auto. Mit seinen nahezu zweieinhalb Metern war er für Gärten wie diesen eine wichtige Voraussetzung, um die Pools vor herumstreunenden Horden erhitzter Kinder zu verbergen, die im Sommer eine kühlende Wasserstelle zum Spielen suchten. Ich hatte in einer der vielen Hintergassen geparkt, die das Straßennetz von Los Angeles durchschnitten. In einer so vornehmen Gegend dienten sie vor allem dazu, die Fahrzeuge der Bediensteten und Gärtner zu verstecken und von der Straße fernzuhalten. Der perfekte Ort für meinen alten Rover.

In den riesigen Häusern, die das umgaben, in dem ich Mrs. Brinkerhoff gefunden hatte, wurden nach und nach Lichter eingeschaltet. Wenn ich mich nicht beeilte, würde ich mich bald mit meinem Freund und Helfer auseinandersetzen müssen. Das unverwechselbare Klicken einer Schrotflinte, die nachgeladen wurde, brachte mich zu der Überzeugung, dass ich über den Zaun klettern musste. Das Tor konnte ich vergessen: Ich musste hier raus, bevor sich Polizisten über meinen leblosen Körper beugten und geschmacklose Witze über meine Vorlieben machten.

Splitter gruben sich in meine Hände, als ich den Rand des Zauns packte. Mit meinen Sneakern konnte ich mich an dem rauen Holz lange genug abstützen, um mich hochzuziehen und ein Bein über den Zaun zu werfen. Der Rand schnitt in meinen Oberschenkel und ich zuckte zusammen, als sich die harten Holzlatten gegen meine Hoden drückten. Am liebsten hätte ich kurz innegehalten, um zu Atem zu kommen und mich etwas zu beruhigen. Leider hatte Mrs. Brinkerhoff andere Pläne.

Vom hohen Zaun aus war ihre helle Helmfrisur, eine schneeweiße Kappe aus feinem Haar, das kunstvoll um ein Gesicht mit rosigen Wangen und geschwungenen Lippen angeordnet worden war, nicht zu übersehen. Sie musste einst sehr hübsch gewesen sein. Die Art von junger Frau, mit der Männer beiläufig flirteten, während sie insgeheim davon träumten, sie ihrer Mutter vorzustellen. Jetzt besaß ihr Körper eine ansprechend rundliche Form, die zu Umarmungen einlud und sicher auch Kinder dazu brachte, sich auf ihren Schoß zu setzen. Allerdings passte dieser Körper nicht unbedingt zu der mit Diamanten besetzten Lederunterwäsche, in der sie mich durch den aufwendig gestalteten Garten der Villa jagte.

Ich würde mir einen Eimer Bleichmittel besorgen müssen, um die Erinnerung daran auszulöschen, wie Mrs. Brinkerhoff und ihre Geliebte sich in einem mit rotem Samt behängten Bett austobten. Da ich mich nicht zu Frauen hingezogen fühlte, gab es bei zwei Frauen normalerweise lediglich doppelt so viel zu sehen, das mich nicht interessierte. Doch in diesem Fall war etwas Verstörendes daran gewesen, Hügel aus weichem, faltigem Fleisch auf purpurnen Laken beben zu sehen, genau wie am Anblick von Mrs. Brinkerhoffs Mund zwischen den Beinen einer anderen Frau, wobei das Leder das Ganze nicht besser machte. Nachdem ich das fotografiert hatte, war ich mir nur noch sicherer, dass sich meine Neigungen niemals ändern würden.

Jetzt sah ich zu, wie die alte Dame auf nackten Füßen um die Leiche des Elefantenbusches schlich. Wäre ich nicht der von ihr Gejagte gewesen, hätte ich sie sicher sehr beeindruckend gefunden. Es war deutlich zu erkennen, dass man sich nicht mit ihr anlegen sollte. Der Lauf der Schrotflinte zeigte auf den Boden, doch sie hatte die Hände fachmännisch um den Schaft der Waffe gelegt, um sie jederzeit auf mich richten zu können, sobald sie mich entdeckte. Normalerweise hätte ich ihr Jagdtalent bewundert. Im Augenblick war ich eher darauf konzentriert, aus dem Garten zu fliehen, bevor sie mich in ein Sieb verwandelte.

„Toll“, murmelte ich, während ich die weiße Frisur zwischen den Büschen auf und ab hüpfen sah. „Sie geht auf Safari und ich bin die verdammte Antilope.“

Auf der anderen Seite des Zauns schien der Boden wesentlich weiter entfernt zu sein, denn er war leicht abschüssig angelegt, um überschüssiges Regenwasser in Richtung der Gullys in der schmalen Gasse zu leiten. Ich fragte mich, ob ich mir bei der Landung auf dem durch Algen rutschigen Beton ein Bein brechen würde.

Als ich mich in eine bessere Position für den Sprung brachte, wodurch sich die Zaunkante noch tiefer zwischen meine Beine grub und mir ein leises Stöhnen entlockte, hob Mrs. Brinkerhoff den Kopf. Ihr wie ein silberner Wattebausch glänzendes Haar verursachte mir eine Gänsehaut. Im schwachen Licht der Scheinwerfer an der Seite des Hauses sah ich das mörderische Funkeln in ihren zusammengekniffenen Augen, als sie mich auf dem Zaun entdeckte. Aus den Schatten erhob sich der Lauf der Flinte, deren stumpfe Metalloberfläche im wässrig-gelben Licht der Straßenlaternen schwach schimmerte.

Ich tat, was jeder vernünftige Mann beim Anblick einer engelsgesichtigen Großmutter getan hätte, die ihn aufs Korn nahm: Ich sprang.

Auf Betonboden zu landen ist nie angenehm, erst recht nicht aus zweieinhalb Metern Höhe. Über mir explodierte der Rand des Zauns, als ihn dasselbe Schicksal ereilte wie Mr. Elefants Kopf. Während mir noch Holz ins Gesicht rieselte, nahm ich über das Echo des Schusses hinweg ferne Sirenen wahr. Es war eindeutig Zeit, ins Auto zu steigen und zu verschwinden.

Nachdem ich mit der Hand meine Brust abgetastet hatte, seufzte ich erleichtert: Die kleine Kamera mit dem Beweis für Mrs. Brinkerhoffs Affäre – vermutlich für die nächsten Jahre Gegenstand meiner Therapiesitzungen – befand sich noch in meiner Jackentasche. Wenn man mir schon beinahe den Kopf wegpustete, wollte ich wenigstens dafür bezahlt werden. Noch glücklicher war ich allerdings darüber, dass sich auch meine Schlüssel an ihrem Platz befanden. Mein eigenes Auto aufzubrechen, gehörte nämlich nicht zu den weiteren Plänen für die Nacht.

Der Motor des Rovers heulte auf und vermischte sich mit dem Bellen von Mrs. Brinkerhoffs Schrotflinte. Ich trat aufs Gaspedal und raste die Gasse entlang, als ihre mollige, blasse Gestalt plötzlich aus einem Tor am Ende des Zauns hervortrat. Im Rückspiegel sah ich, wie sie, beinahe nackt im kalten Wind der Gasse, die Waffe an ihrer weichen Schulter abstützte und zielte.

Hätte man den Lederbikini und die Schrotflinte durch ein geblümtes Hauskleid und ein Paar Topflappen ersetzt, hätte sie der netten, liebenswerten Großmutter entsprochen, die ich mir vorgestellt hatte. Zumindest redete ich mir das ein, als der nächste Schuss die Heckscheibe zerschmetterte. Glassplitter trafen meine Schultern und meinen Hinterkopf.

„Scheiße.“ Der Knall hallte in meinen Ohren wider und hinterließ Kopfschmerzen und ein Klingeln, das den Glocken der katholischen Schule meiner Jugend ähnelte. Der Rover prallte heftig auf den Asphalt, nachdem sein Hinterreifen von der Bordsteinkante gerutscht war. Ich lenkte ihn auf die rechte Straßenseite, um Mrs. Brinkerhoff und ihre ebenso teigige Geliebte mit quietschenden Reifen hinter mir zu lassen.

 

 

ICH STEUERTE den Rover auf das alte Gebäude zu, das ich zu Beginn meiner Karriere als Privatdetektiv gekauft hatte. Es befand sich in einem Stadtteil von Los Angeles, der damals ziemlich heruntergekommen gewesen war – eine dieser Gegenden, die sich Leuten auf der Suche nach einem billigen, aber angesagten Wohnort geradezu anboten. Mittlerweile befanden sich in Gehweite mindestens fünf Coffeeshops und unzählige Sushibars. Hätte ich Sushi gemocht, wäre das ziemlich großartig gewesen. So musste ich mich mit dem Irish Pub am Ende der Straße trösten. Jedenfalls war das Beinahe-Ghetto zu blühendem Leben erwacht, während ich mich damit abrackerte, ein Gebäude zu renovieren, das die meisten Leute für einen hoffnungslosen Fall hielten. Nun war es ein schönes Wohnhaus. Und ein noch schönerer Arbeitsplatz.

Auch jetzt noch erfüllte mich der Anblick der verwitterten Mauern, die im Licht der in Büschen verborgenen Scheinwerfer goldgelb leuchteten, mit Stolz. Zwei Jahre lang hatte mich die Renovierung viele Flüche, Schweiß und so einige Tropfen Blut gekostet. Das Haus hatte es mir nicht leicht gemacht und ich hatte mir jeden Zentimeter der Instandsetzung hart erarbeiten müssen.

Als man es erbaut hatte, war es eine Anwaltskanzlei oder etwas Ähnliches gewesen, in dem Täfelung aus Tigereiche und hohe Bogenfenster einfach dazugehörten. Ich hatte es mir angesehen, und während ich noch darüber nachgedacht hatte, wie lange das Entfernen der Farbe vom Holz und der Abnutzungsspuren von den Wänden dauern würde, war ich bereits verliebt gewesen. Ich hatte das Potential des verlassenen Chaos erkannt und genug Zeit und Geld besessen, um es in einen Ort zum Leben und Arbeiten zu verwandeln.

Außerdem hatte mich das anstrengende Abbeizen und Schleifen endloser Holzflächen von Rick abgelenkt. Das war damals am wichtigsten gewesen. Vielleicht wäre es das jetzt immer noch, doch mir war das Holz zum Abschleifen ausgegangen.

Ich hatte das Gebäude in zwei Bereiche aufgeteilt, wobei mir der vordere Teil des Erdgeschosses als Büro für meine Detektivarbeit diente. Von der Veranda führte eine separate Eingangstür dort hinein, neben der ein glänzendes Messingschild den Klienten mitteilte, dass sie „Cole McGinnis, Privatdetektiv“ gefunden hatten. Eine überdachte Seitenveranda schützte den Eingang zum Wohnbereich, der aus Wohnzimmer und Küche im Erdgeschoss und zwei Räumen im ersten Stock bestand. Ich hatte Wände eingerissen, um ein großes, von der Straße abgewandtes Schlafzimmer einzurichten. Aus dem direkt anschließenden Raum im vorderen Teil war eine Art Bibliothek geworden. Das Haus wäre groß genug für eine Familie gewesen, wenn ich eine gehabt hätte. Ohne diese hallten die leeren Räume um mich herum. Doch es passte zu mir: Die meiste Zeit über fühlte ich mich so leer wie das Haus.

Ich fuhr rückwärts in den Carport. Zwar gab es im Rover im Grunde nichts, was man stehlen konnte, doch mit der fehlenden Heckscheibe ging ich lieber kein Risiko ein. In der hinteren Hälfte des Erdgeschosses brannte Licht. So gern ich im Augenblick auch allein gewesen wäre, konnte ich ihm nicht aus dem Weg gehen – bei meiner Ankunft hatte ich gleich das Auto meines Bruders Mike entdeckt und dieser ließ sich nicht so leicht abwimmeln, erst recht nicht, wenn er bereits in meinem Wohnzimmer lauerte.

Wie er es sich dort auf einem der roten Sofas bequem gemacht hatte, wirkte er nicht gefährlich, obwohl ich es besser wusste. Die Unebenheit auf meinem Nasenbein war der Beweis für die Kraft seiner Fäuste. Was mich gerettet hatte, war die Tatsache, dass er bei einer Größe von einem Meter fünfundsiebzig aufgehört hatte zu wachsen, während ich noch einige Zentimeter zugelegt hatte. Nicht, dass es mich furchterregender gemacht hätte – ich hatte dadurch lediglich längere Beine zum Weglaufen.

Mike ähnelte unserer japanischen Mutter. Sein Gesicht war breit und sein dichtes, schwarzes Haar war zu einer kurzen Igelfrisur geschnitten, durch die er mit der Hand fuhr, wenn er über etwas nachgrübelte. Was meinen Körperbau und die hellbraune Farbe meiner Augen und meines Haars betraf, sah ich eher unserem irischen Vater ähnlich – auch wenn mein Gesicht definitiv ebenfalls stärker an unsere Mutter erinnerte. Sie existierte für mich in flachen Papierrechtecken, Fotos von der Zeit ihrer ersten Begegnung mit meinem Vater in Tokio bis zu ihrem Tod. Auf einem Foto hielt sie ein Baby in den Armen und lächelte so strahlend, dass ihre Augen kaum zu sehen waren. Bei dem Baby handelte es sich um Mike. Sie hatte nicht lang genug gelebt, um mich in den Armen zu halten.

„Du kommst ziemlich spät nach Hause, kleiner Bruder“, bemerkte Mike, als er von einem Stapel Papiere aufsah. Selbst wenn er mich bis in mein Wohnzimmer verfolgte, war er mit den Gedanken bei seiner Sicherheitsfirma. Auf dem Couchtisch stand eine halb leere Bierflasche, deren Feuchtigkeit von einem Bierdeckel mit Werbung für einen Tequila aufgesaugt wurde, den ich niemals gekauft hatte. „Und du hast Zweige in den Haaren. Mal wieder ein Fall mit einem eifersüchtigen Mann?“

Als Antwort reichte ich ihm die Kamera, damit er sich die Fotos ansehen konnte, während ich mir ebenfalls ein Bier aus der Küche holte. Sein heftiges Prusten war nicht zu überhören, und als ich ins Wohnzimmer zurückkehrte, war sein Gesicht knallrot. Ich glaubte sogar ein Glucksen zu hören, während er beim Anblick der Fotos vor Lachen kaum noch atmen konnte.

„Das ist widerlich“, sagte er schließlich und wedelte mit der Kamera. „Dafür hat dich jemand bezahlt?“

„Ihr Mann“, antwortete ich, während ich mich über seine Schulter lehnte, um eine Nahaufnahme von Mrs. Brinkerhoffs engelhaftem Gesicht zu betrachten. „Er hat vermutet, dass sie ihn betrügt, hat mir allerdings verschwiegen, dass sie einer Fliege die Eier abschießen könnte. Ihre Freundin hat mich durchs Fenster gesehen und geschrien, und plötzlich hatte ich eine Schrotflinte vor der Nase und Stücke eines Baumelefanten in den Haaren.“

„Du solltest lieber für mich arbeiten. Niemand schießt auf uns und wir werden ganz sicher nicht so traumatisierenden Anblicken ausgesetzt.“ Mike beugte sich vor, um die letzten Blätter aus meinen Haaren zu entfernen. Dann zupfte er kopfschüttelnd an einer der langen Strähnen, die mein Gesicht einrahmten. „Aber die müsstest du erst abschneiden. Keiner will einen Bodyguard, der aussieht, als wäre er einem Liebesroman entsprungen.“

„Sehr witzig.“ Ich stupste ihn mit meinem nackten Fuß an. „Und nein danke. Mit dir aufzuwachsen war schon schlimm genug, da werde ich ganz bestimmt nicht für dich arbeiten.“

„Du bist doch nur eifersüchtig, weil du schon in der Schule keine Chance gegen mich hattest.“ Mike grinste, als er diese alte Wunde zur Sprache brachte. Drei Jahre vor mir hatte er die Schule als der kluge, begabte McGinnis hinter sich gebracht. Ihm zu folgen war eine Tortur gewesen, da man mich ständig mit ihm verglichen hatte. Gleichzeitig mit meiner Sexualität zurechtkommen zu müssen, hatte das Ganze nicht leichter gemacht.

„Bist du aus einem bestimmten Grund hier?“ Das kühle Bier tat meiner Kehle gut. „Um die Uhrzeit kann ich mir nicht vorstellen, dass Mad Dog dich geschickt hat, um den übrig gebliebenen Auflauf vom Mittagessen loszuwerden.“

„Nenn sie nicht so. Ihr Name ist Madeline.“

„Sie hat dich geheiratet. Schon allein dafür sollte man sie einweisen“, antwortete ich mit einem Schulterzucken.

„Wenn du erst einen neuen Freund hast, kriegst du das alles zurück“, drohte er.

„Ich glaube, da kannst du lange warten. Denk an meine letzte Beziehung.“

Plötzlich schwebte Rick zwischen uns wie ein gekreuzigtes Opfer meines Lebenswegs. Mike senkte den Blick und sein Lächeln verblasste, als er wie ich von den Erinnerungen durchflutet wurde. Doch ich wollte jetzt nicht daran denken. Diese Nacht suchte mich oft genug in meinen Träumen heim und schlich sich manchmal sogar tagsüber in meinen Kopf, wenn ich am wenigsten damit rechnete. Ich wusste, dass Mike ebenfalls Schuldgefühle mit sich herumtrug. Keiner von uns wollte diese Nacht vor uns ausbreiten, als könnte man aus ihren Eingeweiden die Zukunft weissagen. Da es nie etwas geändert hatte, darüber zu reden, fingen wir meist gar nicht erst damit an.

„Du hast übrigens unrecht“, durchbrach Mikes Stimme die Stille. „Ich habe dir doch etwas vom Mittagessen mitgebracht. Sogar einen Tamale-Auflauf. Du ernährst dich zu ungesund, Cole. Wie oft kann man in einer Woche bitte Steak essen?“

„Ungefähr sieben Mal“, antwortete ich mit einem zittrigen Grinsen. „Manchmal gehe ich sogar in ein Restaurant, damit es jemand anders für mich brät. Aber trotzdem danke für den Auflauf. Ich verspreche, dass ich ihn essen werde.“

„Trotzdem bin ich eigentlich hier, weil ich Arbeit für dich habe.“

„Wenn es um Fotos von hochbejahrten Lesben geht, muss ich leider ablehnen.“

„Seit wann benutzt du so schwierige Wörter, kleiner Bruder? Und wenn es damit zu tun hätte, würde ich es nicht zugeben, damit ich hinterher dein Gesicht sehen könnte“, schnaubte Mike. „Jedenfalls hat der Sohn eines meiner Kunden Selbstmord begangen. Er ist davon überzeugt, dass er das seiner Familie niemals angetan hätte, und möchte, dass jemand die Wahrheit herausfindet.“

„Viele Menschen tun ihren Familien so etwas an.“ Mit einem weiteren Schluck Bier lehnte ich mich auf dem weichen Sofa zurück. „So ist das eben bei Selbstmord.“

„Sein Vater beharrt darauf, dass er es nicht getan hätte.“ Mein Bruder schüttelte seufzend den Kopf. „Hör zu, ich glaube ja auch, dass er sich umgebracht hat, aber der Vater ist ein wichtiger Kunde. Er nimmt oft unsere Dienste in Anspruch und ich kann ihm nicht einfach sagen, dass er spinnt, weil er seinem Sohn keinen Selbstmord zutraut.“

„Und was erwartest du dabei von mir?“

„Stell einfach ein paar Nachforschungen an.“ Mike zog einen dicken braunen Umschlag zwischen seinen Unterlagen hervor und schob ihn mir zu. Als ich die Lasche anhob, sah ich die Anzahl von Nullen auf dem Scheck, der an einem von Büroklammern zusammengehaltenen Bericht befestigt worden war. „Nimm dir einfach ein bisschen Zeit, ein paar Wochen vielleicht, und finde etwas über ihn heraus. Auch wenn du wahrscheinlich nichts finden wirst, hat die Familie dann wenigstens das Gefühl, jemand hätte etwas unternommen.“

„Aber offiziell wurde es als Selbstmord betrachtet?“ Im Umschlag befanden sich mehrere Fotos, von denen mir ein junger Koreaner entgegenlächelte. Auf einigen war er allein zu sehen, auf anderen mit Grüppchen von Leuten oder einer schmalgesichtigen weißen Frau. „Ist das seine Freundin?“

„Seine Frau.“ Mike wühlte in den Fotos, bis er eines gefunden hatte, auf dem der junge Mann einen o-beinigen Säugling auf dem Arm hielt. „Er war kein Teenager mehr. Ende zwanzig, verheiratet und schon ein Sohn. Wie man hört, war er ein vorbildlicher koreanischer Junge. Der Stolz seiner Familie und so.“

„Kim Hyun-Shik? Habe ich das richtig gesagt? Kim ist der Nachname, oder?“ Es war nicht leicht, die ungewohnten Silben auszusprechen. Ich betrachtete ihn. Er war gut aussehend, ein maskulines Gesicht mit einem hübschen Mund. Sein schwarzes Haar hatte den gleichen konservativen Bürstenschnitt wie das meines Bruders und seine dunklen Augen leuchteten. In ihnen war deutlich die Liebe für den kleinen Jungen zu erkennen, den er voller Stolz der Kamera entgegenhielt.

Die Liebe und der Stolz machten mich neidisch. Bei meinem eigenen Vater hatte ich diesen Blick seit langer Zeit nicht gesehen.

„Wann ist er gestorben?“ Neben einem Autopsiebericht fand ich im Umschlag eine Liste mit Orten, die Hyun-Shik regelmäßig besucht hatte. Einige Restaurants auf der Liste waren mir bekannt, doch ein Name fiel mir besonders auf. „Dirty Kiss, das kenne ich. Es ist eine etwas … zwielichtige Bar.“

„Es war erst vor zwei Wochen. Und von wegen etwas zwielichtig. Es ist ein Puff für Schwule“, unterbrach mich Mike. „Reden wir doch nicht drum herum, Cole.“

„Der Ausdruck kam mir nur etwas übertrieben vor.“ Ich suchte zwischen den Papieren nach der Bestätigung der Todesursache. „Die meisten Gäste bekommen die Sexräume nie zu sehen. Im Erdgeschoss finden Travestieshows statt und nur Mitglieder dürfen die obere Etage betreten.“

„Tja, unser Junge hat es jedenfalls nach oben geschafft.“ Das Etikett an Mikes Bierflasche hatte bereits ziemlich unter seinen Fingernägeln gelitten, mit denen er Streifen davon löste. So ungezwungen er sich auch zu geben versuchte, schien er sich zu seiner nächsten Frage erst überwinden zu müssen. „Gehst du auch hin? Für ein bisschen … Gesellschaft, meine ich. Nicht, dass es etwas Schlechtes wäre. Jeder hat seine Bedürfnisse.“

„Mike, die Bar kenne ich nur, weil ich damals als Polizist damit zu tun hatte.“ Vor einigen Jahren hätte mir der Gedanke, einem Stripper zuzusehen, vielleicht noch gefallen. Doch seitdem hatte sich einiges geändert. „Schließlich habe ich im Sittendezernat gearbeitet, schon vergessen? Und besonders sittlich geht es an solchen Orten nicht zu. Weiß seine Familie, dass er Mitglied war?“

„Ich bin nicht sicher. Aber er wurde dort gefunden. Er hat eine Handvoll Pillen geschluckt. Als ihm der Magen ausgepumpt wurde, war es schon zu spät.“ Er trank den mittlerweile warmen letzten Schluck Bier und verzog das Gesicht. „Der Vater versichert, dass sich Hyun-Shik nicht umgebracht hätte, schweigt aber dazu, dass sein Sohn offenbar schwul war.“

„Viele Väter wollen nicht glauben, dass ihre Söhne schwul sind. Denk an unseren.“ Mike rutschte ein wenig auf dem Sofa herum, während sich ein vertrauter unbeholfener Ausdruck auf sein Gesicht legte.

„Wo wir schon von ihm reden …“ Er rieb sich den Nacken. „Er und Mom besuchen uns in ein paar Wochen. Maddy will wissen, ob du nicht zum Essen kommen möchtest. Du kannst gerne jemanden mitbringen.“

„Komm schon, Mike. Den Mist kannst du dir sparen.“ Obwohl das Bier plötzlich jeglichen Geschmack verloren hatte, trank ich einen Schluck, um das Gefühl von Sägemehl aus meiner Kehle zu spülen. „Unser Alter will mich nicht sehen.“

„Aber es sind jetzt … zwölf Jahre?“ Seine Augen wirkten im Lampenlicht dunkel, beinahe feucht. „Wann legt ihr endlich eure Sturheit ab und kommt einander entgegen?“

Mike hasste das Zerwürfnis in unserer Familie, hasste es, die Brücke zwischen mir und unserem Vater sein zu müssen. Und unsere irisch-katholische Erziehung schürte immer wieder die Schuldgefühle, die uns beide plagten. Mike machte sich Vorwürfe, weil er nicht dabei gewesen war, als ich meinem Vater meine Liebe zu Männern gestanden hatte. Ich dagegen hatte mich lange schuldig gefühlt, weil ich nicht der Sohn sein konnte, den meine Familie sich wünschte. Während ich diese Schuldgefühle mittlerweile größtenteils abgelegt hatte, war es Mike noch nicht ganz gelungen.

„Wie soll ich ihm denn entgegenkommen?“ Auch jetzt konnte ich noch den Knall der hinter mir zuschlagenden Tür hören. Bevor sie ins Schloss gefallen war, hatte ich als Letztes Barbara gesehen, die zweite Frau unseres Vaters, die ich mein Leben lang Mom genannt hatte. Das Entsetzen war nicht aus ihrem Gesicht gewichen, seit ich ihnen einige Minuten zuvor mein größtes Geheimnis anvertraut und gehofft hatte, sie würden mich auch danach noch lieben und als ihren Sohn betrachten. Meine Hoffnung war vergebens gewesen. „Soll ich mich etwa selbst verleugnen, weil Dad nicht damit umgehen kann?“

„Mir geht es nicht um Dad, sondern um dich“, antwortete Mike leise. „Tasha kommt auch. Sie ist jetzt in der zwölften Klasse. Und sie würde dich gern sehen.“

Unsere jüngste Schwester war drei Jahre alt gewesen, als ich die Familie verlassen hatte. Seit Jahren hatte ich sie und unsere anderen zwei Schwestern nur auf Fotos gesehen. Mike kannte mich viel zu gut. Niemand anders konnte mich so geschickt zu etwas überreden, das ich eigentlich nicht wollte.

„Ich denke drüber nach.“ Mit einem Seitenblick auf meinen Bruder überprüfte ich, wie selbstzufrieden er wirkte. „Wenn du jetzt lächelst, verpass ich dir eine.“

„Ich lächle nicht“, beteuerte er, während er gegen ein breites Grinsen ankämpfte. „Ich würde sie herbringen, wenn Dad nicht dagegen wäre. Komm einfach zum Essen und sei nett. Maddy meint das mit einem Begleiter übrigens ernst. Sie findet, du solltest dich endlich wieder verabreden.“

„Sag Mad Dog McGinnis, dass ich gern Single bin.“ Obwohl Mikes Frau es gut meinte, hatte sie meine schwersten Zeiten nur aus der Entfernung miterlebt. Mike wusste es besser. Abgesehen von einigen nicht gerade unauffälligen Andeutungen, dass mir ein bisschen Sex nicht schaden würde, drängte er mich zu nichts. „Und glaubst du wirklich, ich würde ein Date unserem Vater aussetzen? Vergiss nicht, wie schwer er es Maddy gemacht hat – dabei bist du der Lieblingssohn.“

Mike warf einen Blick auf seine Uhr und verzog das Gesicht. „Ich muss los. Tu dir selbst einen Gefallen und geh vor dem Schlafen unter die Dusche. Du riechst wie einer dieser Pinien-Duftbäume, die du dir ins Auto hängst.“

„Ja, okay.“ Plötzlich war ich müde. Zu viele Geister und Beziehungen spukten durch meinen Kopf. „Ich schließe hinter dir ab.“

„Übernimmst du den Fall?“, fragte Mike, während er seine Papiere sorgfältig stapelte. „Ich mag den Mann, Cole. Wahrscheinlich erwartet er nicht, dass du viel findest – er muss nur einfach etwas unternehmen. Der Junge war sein einziger Sohn.“

„Ja, ich werde mich umsehen. Eine der Künstlerinnen im Club dort kenne ich ein bisschen. Vielleicht kann sie mir weiterhelfen.“ Ich nahm die Flaschen vom Tisch und stand auf, streckte mich, bis meine Wirbelsäule knackte. In meinem Brustkorb spürte ich ein Pochen, das sich in einem immer tauber werdenden Kreis ausbreitete. Nachdem ich die Flaschen im Abfalleimer für Glas entsorgt hatte, lehnte ich mich an die Wand des Durchgangs und rieb mir die schmerzende Stelle.

„Tut es weh?“ Mike hatte gesehen, wie ich meine Fingerspitzen auf den schmerzenden Punkt gepresst hatte, und zog besorgt seine dunklen Augenbrauen zusammen. „Wann warst du das letzte Mal beim Arzt?“

„Es ist Narbengewebe, Kumpel.“ Das Keloid lockerte seinen Klammergriff um meine Nervenbündel, sodass sich die Muskeln um die Narbe herum langsam entspannten. „Daran kann man nichts ändern. Ich muss eben damit leben.“

Er wirkte nicht überzeugt. Mike neigte dazu, sich zu sorgen. Er hatte vor langer Zeit praktisch die Rolle meiner Mutter übernommen, was sich vermutlich nicht so bald ändern würde. Nachdem Dad mir den Rücken gekehrt hatte, war es noch schlimmer geworden. Falls mir jemals wieder etwas passieren sollte, würde er mich wahrscheinlich in einem Gästezimmer seines Hauses unterbringen, wo er mich im Auge behalten konnte.

„Geh nach Hause zu deiner Frau, Mike.“ Ich schob ihn auf die Tür zu. Auch wenn er kräftiger als ich gebaut war, hatte ich die längeren Arme, weshalb sein halbherziger Faustschlag meine Schulter verfehlte.

„Schau bei Familie Kim vorbei, bevor du diesen Club besuchst.“ Er blieb auf der Veranda stehen und hielt die Gittertür auf. „Der Vater ist in San Francisco, aber die Mutter ist mit dem Rest der Familie hier. Laut Mr. Kim macht seine Frau eine schwere Zeit durch, seit sie den Anruf wegen Hyun-Shik bekommen haben.“

„Weiß sie, dass jemand den Tod ihres Sohnes untersucht?“ Ich wollte auf keinen Fall bei einer trauernden Mutter auftauchen und ihr Fragen stellen, auf die sie nicht vorbereitet war.

„Ja. Ich habe den Verdacht, dass Mr. Kim es vor allem für sie tut, auch wenn er es in unserem Gespräch nicht direkt gesagt hat.“

Mike ging bereits die Stufen der Veranda hinab, als ich ihm zurief zu warten. Die Außenbeleuchtung hob seine hohen Wangenknochen markant hervor, während der Rest seines Gesichts in Schatten getaucht war.

„Was ist, wenn ich etwas finde?“, fragte ich. „Was dann?“

„Dann, kleiner Bruder …“ Er grinste, wieder ganz der überlegene Bruder, den ich mein Leben lang gekannt und geliebt hatte. „Dann erwarte ich, dass du der Sache nachgehst, bis du die Wahrheit herausgefunden hast. Setz deinen Dickkopf für etwas Nützliches ein. Das solltest du doch schaffen.“