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Kent, England—1758

 

NICHT JEDE von Malcom Byerlys Leidenschaften brachte ihn grundsätzlich in Gefahr, verhaftet zu werden. Musik und Studium waren ein recht sicherer Zeitvertreib, und er verfolgte beide so eifrig, um die fehlende Liebe auszugleichen, die ihm von seiner Natur verwehrt wurde. Seine intensivsten romantischen Erfahrungen hatte er mit zarten Liebesliedern auf den Saiten seiner Violine gemacht, und wenigstens darin konnte er sich hervortun.

Dem Verlangen in seinem Inneren entsprangen Melodien voller Leidenschaft und sehnsuchtsvolle Harmonien, die ausdrückten, wovon er träumte und dennoch hoffte, nie zu bekommen, da allein im den Gedanken daran Gefahr lauerte. Lieber ein Leben in Einsamkeit, als seine Ehre zu verlieren oder schlimmer noch, von den verbotenen Früchten zu kosten.

Manchmal, wenn er sein Instrument an sein Kinn legte, entfesselte er nicht die Freuden der Liebe sondern Leid und Enttäuschung, und das schwermütige Klagen seiner Violine gab der Einsamkeit eine Stimme, die nur wenige verstanden. In der verhängnisvollen Nacht, in der er seinen schicksalhaften Weg betrat, sprachen die Töne auf den Saiten die Sprache eines gebrochenen Herzens.

Als zur vollen Stunde die Glocken im Hof erklangen und ihn in den Speisesaal riefen, hielt Malcom kurz dabei inne, Bemerkungen auf ein Notenblatt zu kritzeln. Er seufzte und bedauerte die Unterbrechung seiner Arbeit. Nichtsdestotrotz wahrte seine Schule ihr striktes Regelwerk und duldete keine Säumigkeit, weder bei den Schülern noch in der Lehrerschaft. Der Schulleiter dozierte oft stundenlang über die hohe Verantwortung beim Unterrichten junger Köpfe und die Notwendigkeit, sich in Selbstdisziplin zu üben, um überhaupt andere Menschen angemessen in etwas unterweisen zu können. Also legte Malcom seine Geige zur Seite, nicht ohne seine schnelle Rückkehr zu versprechen, verließ sein Heiligtum und gesellte sich zu der Schülermenge, die zum Abendmahl eilte, während die Noten seiner letzten Komposition noch in seinem Kopf widerhallten.

Die üblichen Mitglieder des Lehrkörpers nahmen ihre Plätze auf den langen Bänken beiderseits des ihm zugewiesenen Tisches ein, die meisten im fortgeschrittenen Alter. Grauhaarige Männer, die schon seit vielen Jahren im Schuldienst standen – Junggesellen, die wie er selbst in den Schlafsälen residierten. Verbitterte alte Jungfern, dachte Malcolm oft. Dennoch waren ein paar wenige nicht sehr weit von seinen dreiundzwanzig Jahren entfernt, und noch zu neu in ihrem gelehrten Metier für diese Art von Zynismus.

Ein gutaussehender Fremder besetzte den bisher leeren Platz am Tisch und spähte unter einer Kaskade dunkelbraunen Haares mit strahlend blauen Augen hervor. Ein entspanntes Lächeln auf einem sympathischen Gesicht entfachte in Malcolm einen Funken des Erkennens. Irgendetwas lang Verborgenes erwachte – Anziehungskraft. Ohne genau zu wissen, woher er das wusste, erkannte Malcolm einen anderen Männerliebhaber.

Er setzte sich neben den Fremden und hoffte sein pochendes Herz möge sich beruhigen. Ihre Beine stießen unter dem Tisch aneinander und pures Verlangen durchzuckte Malcolm direkt bis in seine Leisten.

Eine leichte Röte überzog die Wangen des Fremden. „Mir wurde gesagt, Ihr seid der Gentleman, der eben im Dormitorium die Violine spielte. Ihr spielt wundervoll. Mein Name ist Kinnerley, Thomas Kinnerley. Und, wenn ich recht vermute, Ihr seid Malcolm Byerly.“ Er wirkte jung und leidenschaftlich mit seinen leuchtenden Augen und dem verlegenen Grinsen.

Malcolms Wangen erröteten stark und es fiel ihm schwer, das Kompliment mit Anstand anzunehmen. „Vielen Dank. Es tut mir leid, wenn ich Euch gestört habe. Die einzige Zeit, in der ich üben kann, ist vor dem Läuten der Abendglocke.“

„Oh nein!“, beteuerte sein Gegenüber. „Ich selbst habe nie gelernt, ein Instrument zu spielen, und mich begeistern alle, die es beherrschen. Dieses Lied, das Ihr gespielt habt, wie überaus melancholisch es klang! Wie heißt es?“

Malcolms Schamröte wurde noch dunkler, und er fühlte sich eigenartigerweise dadurch entblößt, dass ein anderer eingeweiht war in das, was im Wesentlichen seine geheimsten und persönlichsten Gedanken waren. Da die anderen Lehrer sich niemals zu seiner Musik äußerten, hatte er angenommen, dass ihm niemand zuhörte. „Es ist nichts. Nur ein kleines Stück, an dem ich arbeite.“ Er hoffte, sein Gesprächspartner würde seine Worte nicht als prahlerisch empfinden.

„Ein Komponist! Wie herrlich!“ Thomas Kinnerley strahlte und entfachte so ein mulmiges, aber nicht unangenehmes Gefühl in Malcolms Magen.

Ein strenger Blick seitens einer ihrer Tischnachbarn brachte die beiden zum Schweigen. Anscheinend missbilligten die Älteren Thomas‘ Enthusiasmus ebenso, wie sie alles andere ablehnten. Malcolm schwor bei allem, was ihm heilig war, nie seinen Ärger und seine Bitterkeit an seinem Umfeld auszulassen, egal wie alt und verbittert er werden mochte.

Er konzentrierte sich auf die Gespräche der Anderen, während er seine Portion Brathähnchen verspeiste, gelegentlich abgelenkt durch die betörende Berührung von Thomas‘ Bein an seinem. Sein Glied pochte während des gesamten Abendessens. Was machte es schon, insgeheim den zufälligen Kontakt zu genießen? Ein paar Augenblicke später erkannte er, dass die flüchtige Berührung gar nicht so zufällig war.

Als einige ihrer Kameraden sich vom Tisch erhoben hatten, lehnte Thomas sich herüber und presste sein Bein unmissverständlich gegen MalcolMs Leise schlug er vor: „Vielleicht kann ich Euch eines Abends Gesellschaft leisten, während Ihr spielt?“

Malcolm fröstelte. Thomas konnte doch nicht meinen … Er beäugte den neuen Lehrer, von den glühenden Blicken und der anzüglich angehobenen Braue, bis hin zu den leicht lächelnden Lippen. Die Hand, die leicht über seinen Oberschenkel strich, ließ jeglichen verbleibenden Zweifel an Thomas‘ Absichten verfliegen.

Mit stockendem Atem suchte Malcolm am Tisch nach möglichen Augenzeugen. Die wenigen noch am Tisch Sitzenden waren zu weit entfernt oder schienen zu tief in ihre eigenen Gespräche vertieft, um mitzubekommen, was zwischen ihnen passierte. „Ich denke, das wäre höchst unangemessen!“, zischte Malcolm und zog sein Bein widerwillig zurück. Sein treuloser, verräterischer Körper bewies seine Unzuverlässigkeit durch eine unmissverständliche Beule in der Hose.

Thomas drückte Malcolms Oberschenkel kurz, bevor er seine Hand zurückzog. „Ich wollte nur Eure Musik hören“, sagte er. Ein Zwinkern und sein schamloser Blick brachten eine unbeschreibliche Hitze in diese Worte.

„So… so bin ich nicht!“, stotterte Malcolm. In panischer Angst, belauscht zu werden, ließ er sich tiefer auf die harte Holzbank sinken und betete, sein viel zu kesser Verehrer möge verschwinden, bevor die ganze Welt sein Geheimnis erführe.

Entweder war Thomas naiv oder fürchtete sich überhaupt nicht vor den Konsequenzen. Malcolm jedenfalls lag nichts daran, mit eingezogenem Schwanz zum Haus seines Vaters zurück zu kriechen, weil man ihn entlassen hatte, oder schlimmer noch, mit dem Vorwurf der Unzucht im Nacken, in Erwartung von der vollen Härte des Gesetzes getroffen zu werden.

„Eure Worte erzählen nicht die Wahrheit“, beharrte der junge Lehrer. „Ich kann Euch zeigen, wer Ihr seid und was Ihr begehrt.“

Mit flehendem Blick bettelte Malcolm um Verständnis und bekämpfte den Drang, einfach davonzulaufen. „Was ich begehre, ist, zu Ende zu essen und mich in mein Zimmer zurückzuziehen, allein.“

Vom anderen Ende des Tisches erklang das Lachen eines anderen Lehrers, der das, was er am Rande mitbekommen hatte, offensichtlich missdeutete. „Das ist das Problem, Bylery – Ihr verbringt zu viel Zeit allein. Wenn Ihr kein Bedarf an einem Eheweib habt, so kenne ich einen angesehenen Ort nicht weit von hier. Die Frauen dort sind nett anzusehen und erschwinglich, selbst angesichts unseres Gehalts.“

Nur wenige Themen schafften es, die Aufmerksamkeit der älteren alleinstehenden Lehrer zu wecken, die in der Schule untergebracht waren, diesem vorbildlichen Hort des fortgeschrittenen Lernens, an dem die Söhne der Reichen und Blaublütigen ihre Bildung genossen. Frauen, oder vielmehr Huren, waren eines dieser Themen. Die Männer, die noch am Tisch saßen, gaben nun der Reihe nach ihre Ansichten zu dem Thema kund oder gaben Empfehlungen bezüglich ihrer Lieblingsdamen. Alle, abgesehen von Malcolm und dem Neuankömmling.

„Ich bin sehr müde heute Abend“, erklärte Malcolm. „Ich denke, ich ziehe mich wohl früh zurück. Wenn Sie mich bitte entschuldigen, Gentlemen.“ Äußerlich wahrte er seine Ruhe und entfernte sich gemächlich, innerlich rannte er auf und davon, zu verängstigt, um ein solches Risiko einzugehen. Thomas folgte ihm nicht, und Malcolms anfängliche Erleichterung wandelte sich in Enttäuschung.

Am nächsten Abend verspätete sich Malcolm mit voller Absicht und riskierte damit, sich den Zorn des Schulleiters zuzuziehen. Es gab noch eine freie Sitzgelegenheit, weit entfernt von Thomas, der voll und ganz damit beschäftigt schien, durch Lächeln und Nicken sein Gespräch mit einem anderen zu unterstreichen. Das war gut, vielleicht bedeutete das, dass es keine Wiederholung der gestrigen Annäherungen geben würde. Wie konnte dieser Mann nur in der Öffentlichkeit solche Anspielungen machen, wenn jedermann zuhören konnte! Nichtsdestotrotz, tief in seinem Inneren blieb die bittere Pille des Bedauerns. Im Geheimen wünschte er sich die Aufmerksamkeit, wollte Thomas‘ Angebot annehmen und traute sich doch nicht, die Wahrheit zu akzeptieren.

Von Zeit zu Zeit kreuzte Thomas‘ Blick den seinen, bewundernd und begehrend. Ein Gleichgesinnter. Nach all diesen Jahren hatte Malcolm einen Mann wie ihn selbst gefunden, den er begehrenswert fand. Er rührte kaum etwas von seinem Essen an, zu beschäftigt damit, einen inneren Krieg mit seinem Gewissen auszufechten. Konnte er es wagen, sich von den Jahren des Versteckens zu befreien und das Risiko einzugehen? Konnten er und Thomas ein geheimes Verhältnis beginnen, ohne dass es jemand merkte? Nachdem er sich entschuldigt hatte, war er nicht überrascht, Schritte hinter sich zu hören, die ihm in den Hof folgten, der den Speisesaal von den Schlafsälen trennte.

Malcolm wartete, holte tief Luft und atmete scharf wieder aus. Er drehte sich herum und sah sich einem erwartungsvollen, begierigen Gesicht gegenüber – Erwartung, die er zu zerschmettern gedachte.

„Ich wollte mich für mein forsches Verhalten gestern Abend entschuldigen“, begann Thomas. „Als ich Euch das erste Mal erblickte, wusste ich, dass Ihr seid wie ich, und –“

Malcolm ließ ihn nicht ausreden. „Thomas“, sagte er mit einem Kopfschütteln, das seine Locken um sein Gesicht tanzen ließ. „Ich bin nicht wie Ihr. Ihr seid kühn, ich bin es nicht. Ihr seid wagemutig, ich bin ein Feigling.“ Ein schneller Blick stellte sicher, dass sie nach wie vor ungestört blieben, bevor Malcolms Augen sich in die seines vermeintlichen Verehrers bohrten und dort haften blieben. Wohlüberlegt sprach er seine einstudierten Worte aus, um zu zerstören, was vielleicht seine einzige Chance war, hier je einen Funken Glück zu verspüren. „Was Ihr sucht, könnt Ihr bei mir nicht finden.“

Nicht gewillt, Thomas‘ Schmerz mit anzusehen – derselbe Schmerz und dieselbe Zurückweisung, die er selbst immer wieder verspürt hatte – floh Malcolm durch den Innenhof und schlug die Tür hinter sich zu, kaum dass er seine winzige Kammer erreicht hatte. Das harte Holz bohrte sich in seinen Rücken, als er sich gegen die Tür lehnte und sein Gesicht in seinen Händen vergrub. Warum musste er nur so fühlen? Warum konnte er nicht, so wie seine Brüder, die Liebe einer Frau begehren, anstatt die eines Mannes? Warum konnte er sich nicht damit zufriedengeben, zu heiraten und Kinder zu zeugen?

Von diesem Zeitpunkt an pflegten er und Thomas einen höflichen Umgang miteinander und beschränkten ihre Gespräche auf schulische Angelegenheiten und andere unschuldige Themen. Allmählich erlosch das Verlangen in diesen blauen Augen. Monate vergingen und als ein Lehrer die Schule verließ, um eine private Stelle anzunehmen, wurde ein weiterer Platz am abendlichen Tisch frei. Ein paar Abende später erschien eine Vertretung, ein energischer, blonder junger Mann mit einem herzlichen Lachen und einem ansteckenden Grinsen. Malcolm konnte ihn auf den ersten Blick gut leiden, und offenbar ging es Thomas genauso.

Malcolm beobachtete die beiden dabei, wie sie sich zueinander lehnten, als sie sich unterhielten, und in seiner Brust breitete sich das stechende Gefühl der Einsamkeit aus. Wie würde es wohl sein, der Verlockung nachzugeben und aus erster Hand zu erfahren, wie es sich anfühlte, geliebt und gehalten zu werden?

All sein Wissen in dieser Angelegenheit entstammte den prahlerischen Geschichten seiner Kameraden über ihre weiblichen Eroberungen, die sich hauptsächlich um Lust und Leidenschaft drehten, nicht um Liebe. Malcolm zwang sich, seine Augen nicht von seinem Teller zu heben und ignorierte die murmelnden Stimmen rund um den Tisch, insbesondere die von Thomas und dem blonden Neuankömmling. Stattdessen konzentrierte er sich ganz darauf, das Essen zu kauen.

Dieses quälende Ritual wiederholte sich mehrere Wochen lang. Tagsüber beschäftigte Malcolm sich damit, die Köpfe seiner Schüler mit Wissen zu füllen; jeden Abend saß er jedoch am Tisch, beobachtete das, was er selbst weggeworfen hatte, und gab vor, sich nicht darum zu kümmern. In diesen Wochen entsprangen seiner Violine keine liebevollen Melodien, sondern nur Requien voller Trostlosigkeit und Leere. Einen Abend jedoch fand er zwei verdächtige, leere Plätze vor, als er sich zu Tisch setzte, und diese Plätze blieben während des ganzen Essens unbesetzt. Merkwürdigerweise erwähnte niemand die beiden fehlenden Männer und alle schienen die freien Plätze bewusst nicht anzusehen – und das an einem Tisch, an dem für gewöhnlich die Gerüchte von einem zum nächsten „Bruders Hüter“ flogen. Ein Erscheinen am Abendtisch war Pflicht. Obwohl er sehr wagemutig war, würde Thomas bestimmt keinen Verweis riskieren, musste es ihm doch klar sein, dass ein Fortbleiben nicht unbemerkt bleiben würde.

Nicht imstande, seine Neugier zu zügeln, fragte Malcolm: „Zwei unserer Kollegen fehlen heute Abend. Sind sie krank?“

Seine Kameraden verfielen in ein unangenehmes Schweigen. „Wollt Ihr damit sagen, dass Ihr noch nichts davon gehört habt?“, zischte sein Tischnachbar schließlich. „Es scheint, als hätten wir zwei Sodomiten in unserer Mitte. Sie wurden in einem Freudenhaus für Männer aufgegriffen. Macht Euch keine Sorgen, wir wissen schon, wie wir mit Männern dieses Schlages zu verfahren haben.“ Die fleischige Hand des Mannes lag neben Malcolm auf dem Tisch, die Knöchel aufgerissen und geschwollen.

Malcolm schluckte schwer und ließ seinen Blick von einem ernsten Gesicht zum anderen wandern. Einige der Lehrer nickten zustimmend, während andere ihren Blick auf den Tisch gesenkt hielten. Ein dunkler Bluterguss verunstaltete die Wange des einen, eine tiefe Schnittwunde die eines anderen. Was hatten sie getan? Und warum waren Thomas und sein Freund in einer solchen Kaschemme gewesen? Waren sie sich gegenseitig nicht genug? Malcolm hatte Geschichten von solchen Orten gehört, sichere Häfen für Männer, die andere Männer begehrten, Orte der Diskretion und Verschwiegenheit. Seiner Neugierde nicht nachgegeben zu haben, erschien Malcolm nun als eine weise Entscheidung.

Glücklicherweise beobachtete ihn niemand allzu genau, oder falls sie den Hauch Verlegenheit auf seinen Wangen und die Angst in seinen Augen doch bemerkten, mochten sie sein Unbehagen als Empörung solch widerwärtigen Männern ausgesetzt worden zu sein, missdeuten. Malcolm versteckte seine Hände unter dem Tisch, um ihr Zittern zu verbergen. Zu ängstlich, noch weiter vorzudringen und sein wahres Interesse am Schicksal der Männer zu offenbaren, schloss sich Malcolm feige Thomas‘ Anklägern an. „Geschieht ihnen recht, wenn Ihr mich fragt“, murmelte er, während er still und heimlich für die beiden verlorenen Seelen betete.

In stillschweigender Übereinkunft erwähnte kein Lehrer noch einmal einen der beiden Übeltäter, was Malcolm aber nicht davon abbrachte, oft an sie zu denken, sich zu fragen, was aus ihnen geworden war und ob ihre kurze gemeinsame Zeit den Preis, den sie dafür gezahlt hatten, wert gewesen war.

Obwohl er Thomas abgelehnt hatte, fühlte Malcolm immer noch eine Verbundenheit zu dem liebenswerten Braunschopf mit den ausdrucksstarken, saphirblauen Augen, und er bedauerte zutiefst den Verlust eines guten Lehrers. In den späten Abendstunden, allein in seinem Zimmer, füllten sich Malcolms Gedanken mit Bildern des unglückseligen Liebhabers, und als sein Bogen über die Saiten seiner Violine strich, nannte er das Ergebnis Thomas‘ Klagelied.

Abend für Abend saß er am Tisch, beobachtete die Gesichter um ihn herum und versuchte herauszufinden, welcher seiner Kameraden das Urteil vollzogen, und wer untätig dabeigestanden hatte, und was er selbst wohl getan hätte, wäre er dabei gewesen. Malcolm begann, um seine Existenz zu bangen, und immer wieder drangen schmerzvolle Erinnerungen aus den Tiefen seines Bewusstseins, wo er sie eigentlich zu verschließen versuchte. Wessen Hände waren Schuld an Thomas‘ Ruin?

Das Schicksal hatte Malcolm verschont, aber wie lange noch würde das anhalten? Wenn jemand seine wahren Sehnsüchte herausfand, würde man es ihm zugutehalten, dass er sie nicht auslebte? Vermutlich nicht. Allein der Verdacht würde Folgen haben. Er hatte nie erfahren, welche abscheulichen Grausamkeiten seine Kameraden hatten über sich ergehen lassen müssen. Vermutlich waren sie verprügelt worden, zumindest den Verletzungen der Angreifer zufolge, die er gesehen hatte. Und beider Karriere war vorbei, ihr Ruf unwiederbringlich zerstört. Waren sie durch die Straßen gezerrt, verflucht und angespuckt worden, wie Malcolm es einmal mit angesehen hatte?

Die Strafe war wohl sehr hart gewesen, wenn man sie in flagranti erwischt hatte. Vielleicht waren die beiden Männer an den Pranger gestellt worden oder sie schmachteten jetzt im Gefängnis. Für Malcolm spielte es keine Rolle, dass er nicht zu der johlenden Menge gehört hatte. Er wusste, dass er nicht stark genug gewesen wäre, sich dagegen zu stellen. Als er zu Thomas gesagt hatte, er sei ein Feigling, hatte er die Wahrheit gesagt.

Bald begann seine Vorstellungskraft, Ärger heraufzubeschwören, wo gar keiner war. Beobachteten ihn die anderen Lehrer? Hegten sie einen Verdacht? Schuld- und Angstgefühle nagten beständig an ihm und sein Unbehagen wuchs mit jedem Tag, der verging. Er musste Kent verlassen, bevor auch er der Selbstjustiz zum Opfer fiel.