Kapitel 1

 

 

DAVID CARMICHAEL war auf dem Weg von seinem Büro zum Parkhaus des Mirror. Er musste stöhnen, als ihm die Sonne grell in seine hellbauen Augen schien. Sie waren sehr lichtempfindlich, und ausgerechnet heute hatte er auch noch seine Sonnenbrille zu Hause auf dem Küchentisch liegen lassen. Schon während der Redaktionssitzung am Vormittag hatte er Kopfschmerzen und Fieber bekommen. Als sie mit den Nachrichten und Reportagen endlich durch waren, hatte er sich kaum noch konzentrieren können. Es war sein erster Migräneanfall seit fast einem Jahr, aber die Symptome waren unverkennbar. David hatte nach der Sitzung seinen Assistenten darüber informiert, dass er den Rest des Tages nicht mehr in seinem Büro sein würde. Dann hatte er sich seine Schlüssel und die Arbeitstasche geschnappt, und sich auf den Weg nach Hause gemacht.

David parkte in seiner Einfahrt, stieg aus und klammerte sich an die Wagentür. Ihm war schwindelig. Auf der Herfahrt war ihm bereits zweimal schlecht geworden, so dass er anhalten und sich am Straßenrand übergeben musste. Jetzt wollte er es nur noch bis in sein dunkles, kühles Zimmer schaffen, bevor er umkippte. Mit etwas Glück hatte er noch einige abgelaufene Medikamente von seinem letzten Anfall irgendwo im Schrank. Für heute war sein Arbeitstag jedenfalls gelaufen. Also ließ David sein Handy und die Arbeitstasche im Auto liegen; dann tastete er sich schwankend ins Haus und den Flur entlang zum Schlafzimmer.

Zehn Minuten später trug er nur noch seine Boxershorts. Er fuhr sich frustriert mit der Hand durch die Haare, bis sie in alle Richtungen abstanden. Dann öffnete er die Nachttischschublade und durchwühlte sie nach Tabletten. Nichts. Nur Kondome, Zigaretten und anderer Plunder kamen zum Vorschein. Ungeduldig ließ er alles auf den Boden fallen. „Scheiße“, fluchte er. Auch wenn er jetzt den Arzt anrief, um sich neue Tabletten verschreiben zu lassen – er war auf keinen Fall in der Lage, selbst zur Apotheke zu fahren und sie abzuholen.

Das Bett rief nach ihm, und er ließ sich rückwärts auf die Matratze fallen. Dann griff er nach dem Telefon und rief in der Praxis seines Hausarztes an. Die Arzthelferin versprach ihm, ein neues Rezept ausstellen zu lassen. Nach einigem Nachdenken rief er Trace an. Trace war sein bester Freund, und wen sollte er sonst bitten, die Tabletten für ihn abzuholen?

Trace war mit seinem Cabrio gerade auf dem Seaside Drive unterwegs, als das Telefon klingelte. Er aktivierte die Freisprechanlage. „Trace Jackson“, meldete er sich.

„Trace“, krächzte David in den Hörer und legte ihn neben seinem Kopf auf das Kissen. Er war zu erschöpft, um ihn noch ans Ohr halten zu können. „Ich brauche deine Hilfe, Trace.“

„David? Du hörst dich nicht gut an“, antwortete Trace mit besorgter Stimme.

„Ja, weil …“ Als David den Kopf zum Hörer drehte, wurde ihm wieder übel. „Ich habe einen Migräneanfall, es ist ziemlich schlimm.“

„Verdammt, du hast doch so lange keinen mehr gehabt. Hast du deine Tabletten? Und wo bist du?“

„Nein, keine Tabletten. Ich habe sie verlegt oder weggeworfen. Es ist schon so lange her … Der Arzt stellt mir ein neues Rezept aus.“ David unterbrach sich, um Luft zu holen. Selbst seine eigene Stimme war so laut, dass sie schmerzte.

„Mann, David. Geh ins Bett und leg dir ein feuchtes Tuch auf die Augen. Ich besorge das Rezept und die Tabletten. Brauchst du sonst noch was? Ein Gatorade oder so?“ Trace fuhr auf einen Parkplatz, wendete den Wagen und machte sich auf den Rückweg in die Stadt.

„Ich liege schon im Bett, aber das Mistding scheint sich im Kreis zu drehen. Bring mir einfach die Tabletten.“

„Alles klar, ich beeile mich“, versprach ihm Trace. Dann beendete er das Gespräch und konzentrierte sich auf den Verkehr. Er wollte keine Zeit verlieren. Davids letzte Migräne lag schon lange zurück. Aber wenn er einen Anfall hatte, dann war damit nicht zu spaßen.

Eine halbe Stunde später erreichte Trace Davids Haus. Er parkte seinen kobaltblauen Mustang hinter dem sportlichen Sedan seines Freundes und machte sich auf den Weg zur Hintertür. Trace öffnete die Tür mit seinem Hausschlüssel und ging direkt in die Küche, wo er die Tabletten auf den Tisch warf und ein Glas mit kaltem Wasser füllte. Als er die Packung mit den Tabletten öffnen wollte, fluchte er laut, weil er beinahe an der Kindersicherung gescheitert wäre. Aber schließlich gelang es ihm doch, und er machte sich mit den Tabletten und dem Glas Wasser auf den Weg in Davids Schlafzimmer.

Die tiefgrünen Vorhänge waren zugezogen und es drang fast kein Licht ins Zimmer. David lag zusammengerollt auf seinem Bett. „David?“, rief Trace leise. Dann ging er zu David hinüber und setzte sich vorsichtig auf die Bettkante.

David stöhnte, als die Matratze sich unter dem Gewicht seines Freundes bewegte. Er öffnete vorsichtig ein Auge und sah den großen Mann mit den breiten Schultern an, der ihn besorgt anblickte. „Ich sterbe schon nicht“, krächzte er. „Obwohl ich mir im Moment nichts sehnlicher wünsche.“

Trace zuckte zusammen, als er Davids schmerzverzerrtes Gesicht und die eingefallenen Augen sah. Sogar die Lachfalten um den Mund und an den Augenwinkeln waren tiefer als sonst. „Hier“, sagte er leise. „Deine Schmerztabletten.“

„Mein Held“, murmelte David und stützte sich auf den Ellbogen. Dann nahm er die Tabletten und spülte sie mit einem Schluck Wasser hinunter.

Trace nickte ihm zu und nahm ihm das Glas Wasser wieder ab, um es auf den Nachttisch zu stellen. Er legte die Hand auf Davids Stirn. „Du hast Fieber.“ Mit dieser Bemerkung stand er auf und ging ins Badezimmer, wo er einen Waschlappen mit kaltem Wasser befeuchtete. Dann kam er zurück ins Schlafzimmer und legte David das kühle Tuch auf die Augen.

David zischte leise, als der kalte Lappen seine überhitzte Haut berührte. Er zitterte am ganzen Körper. „Bettdecke“, nuschelte er und versuchte, sich aufzusetzen und unter die Decke zu kriechen.

Stirnrunzelnd zog Trace den Lappen von Davids Kopf und schlug die beiden Decken zurück, während David versuchte, sich unbeholfen unter die Bettdecke zu schieben. Dann deckte Trace ihn zu und zog ihm die Decke bis über die Schultern. „Es tut mir so leid“, flüsterte er voller Mitgefühl. David war wirklich ein Bild des Jammers.

„Danke für deine Botendienste. Entschuldige, dass ich dich damit belästigt habe. Fahr jetzt wieder zurück an die Arbeit, ich werde es schon überleben. Ich bin viel zu dickköpfig, um an einer Migräne zu sterben.“ Als David über seinen eigenen Witz kichern musste, fuhr ihm ein stechender Schmerz durch den Kopf und er schnappte nach Luft. „Verdammter Mist“, keuchte er. Dann verstummte er und blieb still liegen.

„Ich bleibe besser noch einige Zeit hier. Nur sicherheitshalber. Ich habe dich schon lange nicht mehr in einem so schlimmen Zustand gesehen.“ Trace legte den Waschlappen wieder auf Davids Stirn. „Kein Widerspruch, ja?“

David wollte ihm einen wütenden Blick zuwerfen, aber ihm tat jeder Muskel im Gesicht weh. Also beließ er es dabei, sein Missfallen mit einem kaum wahrnehmbaren Stirnrunzeln kundzutun. Vorsichtig streckte er den Arm aus und griff nach dem dunkelbraunen Pferdeschwanz, der über der Schulter seines Freundes lag. Dann zog er ihn an den Haaren. „Wann warst du das letzte Mal beim Friseur, Jackson?“ Es mochte kleinlich sein, über die langen Haare von Trace zu meckern. Aber es gab David ein Gefühl der Normalität zurück und er fühlte sich sofort etwas besser. Er hatte Trace schon so oft wegen seiner Haare aufgezogen, dass der gar nicht mehr darauf einging. Mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen schlief David schließlich ein.

Auch Trace musste über Davids Scherz lächeln. Er hielt den feuchten Lappen noch einige Minuten an Davids Kopf gepresst, dann legte er ihn zur Seite und dachte nach. Eigentlich konnte er an seinem derzeitigen Projekt genauso gut hier arbeiten. Kurzentschlossen ging er zum Auto und holte sich den Laptop und seine Unterlagen. Dann ging er zurück ins Haus und in Davids Schlafzimmer. Er wollte in der Nähe sein, falls sein Freund ihn brauchte.

Trace zog sein Jackett und die schwarzen Lederschuhe aus. Er löste seine Krawatte und warf sie auf Davids Kommode. Nachdem er die kleine Nachttischlampe angeschaltet hatte, setzte sich Trace auf die freie Seite des großen Bettes. Dann fuhr er den Laptop hoch, setzte seine Hornbrille auf und begann mit der Arbeit.

 

 

DAVID saß zurückgelehnt in seinem Bürostuhl, die Füße vor sich auf dem Schreibtisch liegend. Er war kurz vorm Einschlafen, hörte aber noch leise das Tippen seiner Assistentin. David beschloss, besser aufzustehen und sich etwas zu bewegen, bevor er von seiner schiefen Haltung Rückenschmerzen bekam. Aber seine Füße hatten sich im Telefonkabel verheddert und er fiel …

Erschrocken kam er zu sich und öffnete die Augen. Sein Kopf schmerzte. Mit einem Aufschrei versuchte er, sich aufzurichten, und trat dabei gegen die Bettdecke, die ihn fest einhüllte.

Trace legte den Stift zur Seite und drehte sich um, als er Davids wilde Bewegungen wahrnahm. „Hey, David, ist alles in Ordnung?“, fragte er und half David mit einer Hand, sich aus der Umhüllung der Bettdecke zu befreien. Mit der anderen Hand hielt er seinen Laptop fest, der auf den Boden zu fallen drohte.

Trace? Wieso ist Trace in meinem Büro? Obwohl die beiden Männer schon seit vielen Jahren Freunde waren, besuchten sie sich nicht gegenseitig in ihren Büros. Sie arbeiteten bei konkurrierenden Zeitungen. „Trace? Warum … was ist los?“

„David“, sagte Trace beruhigend und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Wach auf, komm. Du hast Schmerztabletten genommen und bist benommen.“

David blinzelte einige Male, bis schließlich er die Konturen des dämmrigen Zimmers erkennen konnte. Trace hatte sich über ihn gebeugt. „Mann, was würde der Mirror wohl für dieses Bild geben! Journalisten von Konkurrenzblättern zusammen im Bett erwischt. Ich sehe die Schlagzeile schon vor mir. Katherine würde vor Schreck in die Hose pinkeln“, lallte David. „Verdammt, ich hab` Durst. Mein Mund fühlt sich an, als wäre ein ganzer Zirkus durchmarschiert.“ Sein Kopf fiel zur Seite und landete anstatt auf seinem flauschigen Kopfkissen auf Trace’ hartem Oberschenkel. Sofort zog er den Kopf zurück, bekam aber von der plötzlichen Bewegung wieder Schmerzen und Schwindelgefühle.

„Immer langsam“, mahnte Trace und hielt ihn im Gleichgewicht. „Du bist immer noch ziemlich fertig. Warte, ich hole dir etwas zu trinken.“ Dann stellte er den Laptop aufs Bett und stand vorsichtig auf, um die Matratze nicht unnötig zu bewegen. „Du bleibst hier liegen!“, befahl er David mit erhobenem Zeigefinger und verließ das Zimmer.

„Als ob ich eine Wahl hätte“, murmelte David und legte sich wieder aufs Bett zurück. Er schaute kurz auf den Wecker, der auf der Kommode am Fußende des Bettes stand. Dann rechnete er nach. Eigentlich sollten die Tabletten noch wirken, aber er hatte schon wieder Kopfschmerzen. Sie waren zwar nicht mehr so schlimm, aber immer noch sehr stark. Es war kein gutes Zeichen, denn er konnte die nächste Dosis erst nach sechs Stunden nehmen. Bis jetzt waren erst gut zwei Stunden vergangen, und er hatte immer noch starke Symptome. In zwei weiteren Stunden würde die Migräne mit voller Wucht zurückkehren. Bevor das passierte, musste er unbedingt etwas essen. Und sich hoffentlich nicht gleich wieder übergeben. Außerdem wollte er duschen, auch wenn es wahrscheinlich keine sehr gute Idee war, sein Gleichgewichtsgefühl auf diese Weise auf die Probe zu stellen.

 

 

TRACE KAM mit einem großen Glas koffeinfreien Eistees, den er in Davids Kühlschrank gefunden hatte, zurück ins Schlafzimmer. „Hier, versuche etwas zu trinken“, sagte er und setzte sich wieder aufs Bett. Er hatte das Band um seinen Pferdeschwanz abgenommen und trug die Haare offen. Außerdem hatte er seine Brille aufgesetzt, was er in der Öffentlichkeit normalerweise vermied. David war einer der wenigen Menschen, die ihn mit Brille kannten.

Mit seinem typischen schrägen Grinsen sah David ihn an. Trace wusste sofort, dass ihm wieder ein Seitenhieb wegen seines unordentlichen Aussehens bevorstand. Normalerweise war Trace ein Mensch, der sehr auf Stil und ein gepflegtes Äußeres achtete, und diesem Ruf wurde er im Moment ganz und gar nicht gerecht. Aber in Davids Gegenwart konnte er sich die Freiheit erlauben, auch mal schludrig zu wirken. Das machte ihre Freundschaft aus.

David nahm das Glas und trank es gierig bis zur Hälfte aus. Dann rebellierte sein Magen, und er stellte es vorsichtig auf dem Nachttisch ab. „Danke!“

Trace nickte nur und stützte sich mit einer Hand aufs Bett. „Helfen die Tabletten nicht?“, fragte er und folgte Davids Blick, der auf den Wandspiegel gerichtet war. David hatte sich sehr verändert. Der blonde, fitte Mann hatte eine ungesunde, graue Gesichtsfarbe und sein Blick wirkte unstet.

David schloss erschöpft die Augen. „Oh doch, sie helfen. Aber wenn ich einen so starken Anfall habe wie diesen, können sie die Schmerzen nur eindämmen, nicht vertreiben.“

„Gibt es etwas anderes, das die helfen kann?“, fragte Trace. Dann sah er auf den Boden, weil er auf etwas Glattem ausgerutscht war, das neben dem Bett lag. Er schob seine Brille hoch und betrachtete die Unordnung rund um den Nachttisch. „Du hast offensichtlich ziemlich wild in der Schublade gewühlt, als du nach den Tabletten gesucht hast.“ Er bückte sich und hob die Zeitschrift auf, die er mit dem Fuß berührt hatte.

„Kannst du mir die Schultern und den Kopf massieren, ohne dass ich dafür den Rest meines Lebens in deiner Schuld stehe?“

Trace wandte sich stirnrunzelnd zu David, dann warf er einen Blick auf den Titel der Zeitschrift. „Du hast Schmerzen. Natürlich helfe ich dir.“

David schob das Kissen zu Seite und legte sich flach auf den Bauch. „Danke, Trace. Obwohl ich im Moment sogar in Kauf nehme würde, dass du mich bis ans Ende meiner Tage damit aufziehst.“

Trace legte die Zeitschrift – eine Ausgabe des American Journalism Review – in die Schublade zurück, und beseitigte auch das restliche Chaos auf dem Boden vor Davids Bett. Hier und da zog er verwundert die Augenbrauen in die Höhe. Stifte und Notizblöcke – die hatte jeder. Kondome und Gleitgel – auch nicht überraschend. Eine angebrochene Tüte mit Süßigkeiten, ein Feuerzeug und eine halbleere Packung Zigaretten. Trace runzelte die Stirn. Hatte David nicht mit dem Rauchen aufgehört? Er räumte alles zurück in die Schublade. Dann fiel ihm etwas auf, das halb unters Bett gefallen war. Er bückte sich tiefer, um danach zu greifen.

Seine Finger berührten einen kalten Gegenstand, der sich wie weicher Gummi anfühlte. Er war länglich, rund und … Trace blinzelte überrascht, als er einen Dildo unter dem Bett hervorzog. Erstaunt sah er David an, aber der lag mit geschlossen Augen auf dem Bett und hatte von dem Geschehen nichts mitbekommen. Trace war versucht – sehr versucht –, David damit aufzuziehen. Er besah sich das Fundstück. Der Dildo war ungefähr zwanzig Zentimeter lang, schwer und dick. Nach einem kurzen Augenblick legte Trace ihn wortlos in die Schublade zurück und schloss sie wieder.

Danach hockte er sich seitlich aufs Bett und wandte sich David zu. Er strich mit den Fingern durch Davids Haare und begann eine sanfte Kopfmassage. Mit der anderen Hand massierte er seine Schultern. Dabei dachte er über seinen unerwarteten Fund nach. Wahrscheinlich gab es eine ganz einfache Erklärung dafür. Andererseits – nach allem, was er über David wusste, kamen auch wesentlich interessantere Erklärungen in Betracht. Nein, er konnte David nicht damit aufziehen. Zumindest nicht in diesem Moment. Also behielt er seine Kommentare für sich und lächelte nur amüsiert über seine eigenen Gedankensprünge.

„Gott, tut das gut! Ein kleines bisschen stärker vielleicht.“ David stöhnte leise. Das erste Mal seit dem Beginn seines Migräneanfalls klang sein Stöhnen nicht schmerzhaft, sondern erleichtert und genussvoll.

Jedenfalls interpretierte Trace es so, denn seine Gedanken waren immer noch bei den erotischen Implikationen seines Fundes. Während er seine Massage verstärkte, musste er ein Lachen unterdrücken. Er hatte nie daran gezweifelt, dass David ein gesundes Sexualleben führte. Aber sie hatte in all den Jahren nie wirklich darüber gesprochen. Vor allem deshalb nicht, weil sie doch sehr unterschiedliche Interessen hatten. Die Beziehungen von Trace waren ein ständiger Gesprächsstoff und der Gegenstand vieler Gerüchte in der Öffentlichkeit. Es war keine Überraschung, dass auch David darüber genau informiert war. Und umgekehrt hatte Trace immer vorausgesetzt, dass David seine Beziehungen nicht an die große Glocke hängen wollte. Es war schließlich auch kein Fehler, sie diskret zu behandeln.

Die Laute, die David jetzt von sich gab, hörten sich allerdings wirklich gut an. Nicht, dass Trace jemals einen anderen Mann beim Sex zugehört hätte – wenn man von vereinzelten Filmszenen absah. Er ließ seine Finger über Davids Schädel wandern, strich ihm durch das goldbraune Haar und massierte ihm mit der anderen Hand den Nacken.

Mit einem leisen Brummen kam David der Berührung von Trace’ Händen entgegen. Nach den Tabletten und der Massage fühlte er sich so gut wie seit Stunden nicht mehr. „Du hast wunderbare Hände.“

„Das höre ich öfter“, meinte Trace und fuhr mit seiner Nackenmassage fort.

David atmete tief durch und entspannte sich. Er genoss die Zuwendung und die Ruhe, die sich in ihm ausbreitete. Je länger die Massage dauerte, umso mehr linderte sie seine Schmerzen. Er fühlte sich so wohl, dass sein Körper jetzt auch wieder auf eine andere Art reagierte. Eingezwängt zwischen seinem Unterleib und der Matratze erwachte sein Schwanz zum Leben. Es war David peinlich und er verspannte sich, die Schmerzen kamen zurück und sein Glied verlor wieder das Interesse. Und das war auch besser so. Es war nicht leicht, einen guten Freund zu finden. Und Trace war der beste, den man sich nur wünschen konnte. Ihre jahrelange Freundschaft hatte nie sexuelle Untertöne gehabt. Sie waren einfach gute Kumpel, und David war sich absolut sicher, dass Trace kein Interesse an Männern hatte. Ihre Themen waren Politik und Sport, nicht Sex. Außerdem sprach der Ruf, den Trace hatte, für sich selbst. Wie man es auch betrachtete, David wollte ihre Freundschaft nicht wegen eines kurzen Intermezzos verlieren. „Ich glaube, ich sollte eine Dusche nehmen, so lange ich mich noch halbwegs gut fühle“, murmelte er in die Matratze.

Trace unterbrach seine Massage. „Wieso sagst du ‚noch‘?“, fragte er und runzelte die Stirn. „Meinst du, es wird wieder schlimmer?“ Seine Stimme klang besorgt und er nahm die Massage wieder auf, weil er David nicht leiden sehen konnte.

„Ja. Manchmal reicht eine Dosis, um die Schmerzen zu vertreiben. Dann ist innerhalb einer Stunde alles vorbei. Aber wenn es so schlimm ist wie heute, dauert es mindestens vierundzwanzig Stunden. Das Problem ist aber, dass ich die Tabletten nur alle sechs Stunden nehmen darf, obwohl sie nur vier Stunden wirksam sind.“ David wollte eigentlich aufstehen und ins Badezimmer gehen. Aber konnte sich nicht dazu überwinden, denn Trace’ Hände fühlten sich so gut an.

„Das ist doch bescheuert, was sind denn das für Tabletten?“, fragte Trace aufgebracht. „Na gut. Du gehst jetzt duschen. Soll ich dir nicht doch etwas zu essen machen?“ Er nahm vorsichtig die Hand von Davids Kopf, weil er ihn nicht versehentlich an den Haaren ziehen und ihm neue Schmerzen verursachen wollte.

„Ja. Ich sollte versuchen, eine Kleinigkeit zu essen. Schau mal nach, im Schrank ist vielleicht noch Dosensuppe. Aber nimm eine Brühe, nichts mit Creme.“ David verzog schmerzlich das Gesicht, als er sich vom Bett erhob. „Ich lasse sicherheitshalber die Badezimmertür offen, weil ich etwas wackelig auf den Beinen bin.“

„Sei bitte vorsichtig, David. Du kannst jetzt nicht auch noch einen gebrochenen Arm oder so was gebrauchen.“ Trace stand auf und sah David nach, um sicherzugehen, dass der sein Ziel heil erreichte.

David betrat das Badezimmer mit seiner beruhigenden hellgrünen und sandsteinfarbenen Einrichtung. Er zog seine Boxershorts aus und setzte sich vorsichtshalber auf den Rand der Badewanne, um etwas Halt zu haben. Dann drehte er die Dusche auf und stellte sich unter den Wasserstrahl. Er stützte sich an der kühlen Wand der Duschkabine ab und genoss das warme Wasser, das ihm über den Körper lief. Dank der Kombination aus Tabletten, Massage und Dusche fühlte er sich fast wieder normal.

Als David sich nach einigen Minuten wieder wackelig auf den Beinen fühlte, stellte er die Dusche ab, griff sich ein Handtuch und fing an, sich den Oberkörper abzutrocknen. Jedes Ziehen, wenn das Handtuch sich in den feuchten Haaren auf seiner Brust und auf dem Bauch verfing, bereitete ihm Schmerzen. Es war unfassbar, wie empfindlich man durch die Migräne wurde.

Als David sich bückte, um auch die Beine abzutrocknen, fing der Raum sich unvermutet zu drehen an. „Mist!“, war das einzige, was er noch sagen konnte. Dann verschwamm alles um ihn herum und ihm wurde schwarz vor Augen.

Trace, der in der Küche gerade die Suppe aufwärmte, hörte plötzlich einen lauten Schlag. Er riss erschrocken die Augen auf, ließ den Löffel fallen und lief los. Er rannte um die Ecke, durch Flur und Schlafzimmer und bis zur Badezimmertür. Dann sah er David auf dem Boden liegen. „Scheiße!“, fluchte Trace und kniete sich neben seinen Freund, um ihn hochzuziehen. Vorsichtig tastete er Davids Hinterkopf ab und war erleichtert, kein Blut an seinen Fingern zu finden.

Trace lehnte David an seine Brust. Das Herz pochte ihm wie wild vor Schreck. „David? David!“ Weil ihm nichts Besseres einfiel, gab er David einige leichte Schläge auf die Wange.

„Trace?“, murmelte David schließlich.

Hinter Davids geschlossenen Lidern explodierten Hunderte kleiner Wunderkerzen, so wie sie Kinder zu Sylvester abbrennen. Sein Kopf tat höllisch weh, und auch mit der Schulter stimmte etwas nicht. Trace’ Stimme war nur undeutlich zu hören, ganz so, als käme sie aus weiter Entfernung. „Trace?“

„David? Komm schon, Junge. Mach die Augen auf. Bitte! Mein Gott, mach mir doch nicht solche Angst.“

„Es geht mir gut. Denke ich“, antwortete David mit krächzender Stimme. „Aber mein Kopf tut höllisch weh. Ich kann mich nur noch daran erinnern, dass ich unter der Dusche gestanden habe.“

Trace sah ihm besorgt ins Gesicht. „Und jetzt liegst du auf dem Boden. Bist du verletzt? Hast du dir den Kopf angeschlagen?“

„Keine Ahnung.“ David öffnete die Augen. Dann stöhnte er auf und schloss sie sofort wieder. „Meine Schulter tut auch weh.“

Davids Augenlider flatterten. Trace war sich nicht recht sicher, in welcher Verfassung David sich wirklich befand. „Welche Schulter? Die, auf die du gefallen bist?“ Er ließ die Hand über Davids rechten Arm gleiten und drückte an der Schulter leicht zu.

„Autsch! Ja, verdammt. Genau da. Mach bitte das Licht aus, ich gehe zurück ins Bett.“

„Dieses Mal wirst du dir helfen lassen. Mensch, David! Du hättest dir was brechen oder dich noch schlimmer verletzen können.“ Die Sorge in Trace’ Stimme war nicht zu überhören. Vorsichtig half er David auf die Beine. Glücklicherweise war er einige Zentimeter größer als David mit seinen gut eins achtzig. Erst, als er den Arm um Davids Hüfte legte und seine Hand bloße Haut berührte, fiel ihm auf, dass David noch vollkommen nackt war. Ist doch egal. Er liegt ja gleich wieder im Bett.

David war für die Hilfe dankbar und lehnte sich Halt suchend an Trace’ Körper. Als er die Kleidung seines Freundes an der nackten Haut spürte, wurde auch ihm bewusst, dass er nichts an hatte. „Verdammt“, murmelte er und betete im Stillen, dass dieser Tag nicht das Ende ihrer Freundschaft sein würde.

„Was ist denn los?“, fragte Trace mitfühlend, während sie über den dunkelgrünen Teppich zum Bett humpelten. „Alles in Ordnung? Tut dir noch mehr weh?“

„Nein. Aber mir ist gerade aufgefallen, dass ich splitternackt bin. Du hast für deine Hilfe langsam eine Gefahrenzulage verdient.“ Als David wieder auf dem Bett saß, deutete er auf die Kommode. „Kannst du mir eine Unterhose dort rausholen, damit ich deine empfindlichen Gefühle nicht länger verletze?“

Trace lachte schnaubend. „Jetzt weiß ich endgültig, dass die Tabletten dich total high gemacht haben. Ich und empfindlich? So sehr unterscheiden wir uns da unten wirklich nicht. Ich glaube nicht, dass ich bleibende Schäden davontragen werde.“ Er zog die Bettdecke zurück und wartete darauf, dass David sich wieder hinlegte. Dann nahm er einige Kissen und schob sie David unter den Kopf, damit er bequemer lag.

Erst als David wieder sicher verpackt war, gab Trace sich zufrieden. „Ich hole jetzt die Suppe. Hoffentlich ist sie nicht angebrannt. Ich habe vorhin alles fallen lassen und bin losgerannt.“

„Gut“, antwortete David mit erschöpfter Stimme, während Trace schon wieder auf dem Weg in die Küche war.

Die Suppe war wirklich nicht mehr genießbar. Trace kippte sie weg und fing mit einer neuen Dose von vorne an. Nach zehn Minuten machte er sich mit zwei Tellern Suppe und einer Tüte Cracker auf den Rückweg ins Schlafzimmer. „Bitte sehr, der Herr. Es ist angerichtet“, sagte er scherzhaft und stellte einen Teller auf dem Nachttisch ab. Er hatte sich bisher nie als Florence Nightingale gesehen, aber er fand, dass er seinen Job recht gut machte. Wenn man von der Episode im Badezimmer absieht.

Trace ging auf die andere Seite des Bettes, wo er sich hinsetzte und die Cracker zwischen ihnen auf die Matratze legte.

„Es ist nicht zu glauben. Lassen dich deine Freundinnen wirklich im Bett essen?“, fragte David erstaunt, während er die heiße Suppe pustete.

Trace zuckte mit den Schultern und biss in einen Cracker. „Normalerweise ist es mein eigenes Bett, und da mache ich, was ich will.“ Er probierte etwas Suppe, dann bot er David einen Cracker an. „Außerdem zählt es nicht, weil du nicht mein Geliebter bist. Wieso sollte ich dich mit meinen Bettmanieren beeindrucken, wenn ich sowieso nicht bei dir landen kann?“ Für einen kurzen Moment sah er ein Bild vor seinem geistigen Auge. Es zeigte ihn und David nackt im Bett. Aber in diesem Bild war keiner von ihnen krank, und es war auch nicht Freundschaft, sondern etwas Intimeres, das sie verband. Trace schmunzelte, weil er bei dieser Vorstellung beinahe mit vollem Mund gelacht und die Suppe über das Bett geprustet hätte.

David verspürte bei Trace’ Worten ein kurzes Stechen in der Brust, das er aber als Nebenwirkung der Migräne abtat. „Nein. Nein, ich bin nicht dein Geliebter. Und wenn ich bedenke, auf welchen Typ du normalerweise stehst, wird sich daran auch so bald nichts ändern“, sagte er schwach.

Trace sah David kurz an, dann nahm er sich noch einen Cracker. „Also gut. In drei Stunden kannst du die nächste Tablette nehmen. Du solltest versuchen, so lange zu schlafen. Ich wecke dich dann rechtzeitig“, schlug er vor. Er selbst konnte in der Zwischenzeit an seinem Artikel über das neue Kunstzentrum arbeiten. Mal sehen, wie weit er damit kam.

David stellte den noch halb vollen Teller zur Seite und rutschte etwas nach unten, um bequemer zu liegen. Dann deckte er sich zu. „Ja, das sollte ich wirklich tun. Aber Jackson, ob Geliebter oder nicht, du wirst nicht in mein Bett krümeln!“

Trace sah zu, wie David es sich gemütlich machte. Dann löffelte er weiter seine Suppe, ohne Davids Bemerkung eines Kommentars zu würdigen. Kurz darauf war David eingeschlafen. Trace stellte den Teller ab und beobachtete seinen Freund noch einige Minuten lang. Er machte sich noch immer Sorgen um ihn. Schließlich nahm er aber doch seinen Laptop und widmete sich der Arbeit an seinem Artikel.

Das nächste, was Trace bewusst wahrnahm, war ein leises Piepsen, das an sein Ohr drang und ihn aufweckte. Stirnrunzelnd fragte er sich, woher das Geräusch kam, und warum er so unbequem lag. Er liebte sein weiches, gemütliches Bett. Als er die Augen öffnete, konnte er nur verschwommen sehen, weil ihm die Brille von der Nase gerutscht war. Er setzte sie wieder auf und sah sich um.

„Ach so“, murmelte er. Er war bei David. Genauer gesagt, er war in Davids Bett. Komplett angekleidet und ziemlich zerknittert war er, an Kopfende des Bettes gelehnt, eingeschlafen. Die Lampe auf dem Nachttisch tauchte den Raum in ein schwaches Dämmerlicht, und das Piepsen kam von seinem Laptop, der offensichtlich kaum noch Strom hatte. Er war ihm von den Beinen gerutscht und lag halb auf dem Bett. Trace richtete sich auf und warf einen Blick auf seinen Patienten.

David lag zusammenrollt auf der Seite, sein blonder Schopf war auf Trace’ Oberschenkel gebettet. Trace hatte den Arm um ihn geschlungen und ihm die Hand auf den Rücken gelegt, um ihn festzuhalten.

Trace war etwas überrascht darüber, wie sein Körper auf Davids Kopf in seinem Schoß reagierte. Aber er ignorierte diese Gefühle. Er war schon immer ein sehr taktiler Mensch gewesen und führte ein aktives Sexualleben. Es war seine Art, Stress abzubauen, und er hatte Spaß daran. Und er liebte es, zu berühren und berührt zu werden, so war es schon immer gewesen.

Immer noch etwas amüsiert über seine Lage holte Trace tief Luft und versuchte, endlich richtig wach zu werden. Er gähnte und warf einen Blic