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„WAS WILL der Mann mit dieser … dieser Farce nur erreichen?”, schimpfte Serrier und schaltete nach Chaviniers Bekanntgabe der Allianz zwischen den Magiern der Milice und den Vampiren von Paris angewidert den Fernseher aus. Ihm drehte sich der Magen um, wenn er nur daran dachte, dass diese Kreaturen ein Mitspracherecht in den Geschicken ihres Landes haben sollten. Für Serrier war es ein weiterer Grund, diese Regierung zu stürzen und durch Magier – seine Magier – zu ersetzen. Dieses Land brauchte eine Führung, die den Wert der Magie zu schätzen wusste und die niederen Teile der Bevölkerung in ihre Schranken wies. „Er muss doch wissen, dass ihn diese Allianz auch nicht mehr retten kann. Was kann ein Vampir schon gegen unsere Magie ausrichten? Und selbst dann, wenn sie unseren Flüchen widerstehen könnten – wir müssten unsere Pläne nur auf den Tag verschieben. Chavinier wird sich nicht in die natürliche Ordnung einmischen und Tag und Nacht vertauschen können; diese Macht hat selbst er nicht. Er setzt seinen Ruf aufs Spiel für nichts und wieder nichts.”

„Dann muss mehr dahinterstecken, als er öffentlich zugibt”, meinte Eric Simonet. „Er mag ein Gutmensch sein, aber er stellt keine Behauptungen auf, die er nicht durchzuziehen gedenkt. Chavinier ist nicht dumm. Er weiß genau, dass er damit nicht nur seinem Ruf, sondern auch der Moral seiner Leute schaden würde.”

„Worum geht es ihm dann?”, fragte Serrier. „Was kann er mit dieser Aktion gewinnen?”

„Wenn die Vampire die nächtlichen Patrouillen übernehmen, kann er mehr Magier tagsüber einsetzen”, warf Simon Aguiraud ein.

„Dann stehen sie ihm nicht mehr zur Verfügung, wenn wir nachts angreifen”, widersprach ihm Simonet. „Er hat die Wahrheit gesagt, als er darauf hingewiesen hat, dass sie seit der Allianz mit den Vampiren weniger Verluste und mehr Erfolge haben. Aber dennoch, sie müssen eine Schwäche haben. Joëlle hat ihnen eine empfindliche Niederlage zugefügt, bevor sie getötet wurde.”

„Sonnenlicht und Feuer”, sagte Serrier nachdenklich. „So hat es Bellaiche auf der Pressekonferenz gestern formuliert. Sonnenlicht und Feuer.”

„Worauf willst du hinaus?”

„Einige Minuten vor Sonnenaufgang”, erklärte Serrier. „Wenn wir eine Patrouille kurz vor Sonnenaufgang angreifen, werden sie innerhalb kürzester Zeit einen Teil ihrer Leute verlieren. Die Vampire müssen entweder Schutz suchen oder sie fallen der Sonne zum Opfer.”

„Vernichtet die Sonne sie so schnell?”

„Das weiß ich auch nicht”, gab Serrier zu. „Aber unser Blutsauger vom Dienst wird uns darüber informieren können. Und er wird mir die Wahrheit sagen, denn sonst besorge ich ihm keine Opfer mehr. Holt Claude, ich will ihn sprechen.”

Eric runzelte die Stirn, befolgte aber den Befehl des dunklen Magiers. Er ließ sich nicht anmerken, dass ihm allein bei dem Gedanken an den Vampir schlecht wurde. „Was ist mit der Frau?”

„Was soll mit ihr sein?”, fragte Serrier.

„Du brauchst sie nicht mehr, oder?”

Serrier zuckte mit den Schultern. „Man weiß nie, wofür sie noch gut sein kann. Selbst wenn sie uns keine neuen Informationen geben kann, wird Claude bestimmt gern mit ihr spielen. Es ist schon einige Zeit her, seit ich ihm ein Spielzeug überlassen konnte.”

Eric zuckte innerlich zusammen bei Serriers Vorschlag, die schlanke junge Frau, die er auf dessen Befehl hin entführt hatte, Claudes perversen Spielchen auszuliefern. Er hatte sich nie falsche Vorstellungen gemacht, was ihr Schicksal anging. Trotzdem hatte er gehofft, Serrier würde sie wenigstens schnell töten, wenn sie ihm nichts mehr sagen konnte. Eric hatte sich nach dem Tod seiner Familie zwar Serriers Rebellen angeschlossen, aber manchmal ließen ihn ihre Methoden an der Richtigkeit seiner Entscheidung zweifeln. Wie auch immer. Er hatte alle Brücken hinter sich abgebrochen und es blieb ihm nichts anderes übrig, als andere Wege zu finden, sich seine Menschlichkeit nicht ganz zerstören zu lassen. Er hatte schon einmal – versehentlich angeblich – einem Gefangenen den Gnadentod geschenkt. Claude oder Serrier würden es ihm wahrscheinlich nicht ein zweites Mal abnehmen.

„Sonnenlicht und Feuer”, wiederholte Serrier erneut. „Wir können die Sonne nicht früher aufgehen lassen, aber es gibt genug Flüche, mit denen wir Feuer bewirken können. Wir müssen daran arbeiten, sie für den direkten Kampf einsatzfähig zu machen. Simon?”

„Ich kümmere mich darum”, erwiderte Aguiraud und machte sich auf den Weg zur Tür. „Die Vampire werden noch bedauern, uns diese Schwäche offenbart zu haben.”

Sobald Simon das Zimmer verlassen hatte, wandte sich Serrier wieder Eric zu. „Wir müssen wissen, was in Chaviniers Kopf vor sich geht, jetzt mehr als zuvor”, sagte er zu seinem Leutnant. „Hast du schon darüber nachgedacht, ob du zu ihm zurückkehren willst, um ihn für mich auszuhorchen?”

„Habe ich”, erwiderte Eric. „Es ist ein verlockender Gedanke, seine eigene Naivität gegen ihn auszunutzen. Aber ich glaube nicht, dass ich ihn von meiner Läuterung überzeugen kann. Ich kann nicht so tun, als hätte ich dem Mörder meiner Frau vergeben, um wieder mit ihm zusammenzuarbeiten – auch dann nicht, wenn ich ihn damit vernichten will. Ich bin noch viel zu wütend, und das ist meinem Verhalten und meiner Magie anzumerken. Nein, sie werden mich nicht wieder aufnehmen. Wir müssen einen anderen Spion finden, der noch nicht so viel mit der Milice zu tun hatte.”

„Was ist dein Vorschlag?”, fragte Serrier neugierig.

„Monique”, antwortete Eric nach kurzem Nachdenken. „Sie ist skrupellos genug, um das Nötige zu tun, aber sie kann sich auch gut genug verstellen, um damit durchzukommen.”

 

 

„SIE MACHEN es mir nicht leicht, General Chavinier. Das wissen Sie, nicht wahr?”, fragte Denise Cadoret und warf einen Blick auf den Text, der vor ihr auf dem Schreibtisch lag. „Gleiche Rechte für Vampire in der Verfassung. Das ist ein schwieriges Thema. Und dann erwarten Sie noch, dass sich die gesamte Regierung hinter Ihren Antrag stellt?”

Marcel ersparte der Justizministerin einen wütenden Blick. „Wie Sie sehr gut wissen, Madame le Ministre, ist die Angelegenheit dringlich.”

„Warum?”, wollte Madame Cadoret wissen. „Warum gerade jetzt? Seit es in Frankreich eine Regierung gibt, die Rechte einräumen kann, war die Situation der Vampire die gleiche. Was ist so dringend, dass wir das ausgerechnet jetzt ändern müssen? Ich will damit nicht sagen, dass wir ihnen nicht die gleichen Rechte zugestehen sollten, aber ich verstehe nicht, warum das Gesetz nicht die üblichen Entscheidungsprozesse über das Parlament durchlaufen kann. Sie verlangen, dass die Regierung in einer sehr kontroversen Angelegenheit vorprescht und, falls die Nationalversammlung den Gesetzentwurf ablehnt, zurücktreten muss. Das ist ein großes Risiko.”

„Weil es nur richtig ist”, unterbrach sie André Guy, der Menschenrechtsbeauftragte. „Die Vampire riskieren Leib und Leben für unseren Schutz. Wir sind es ihnen mehr als schuldig, dieses vergleichsweise kleine Risiko einzugehen.”

„Sie riskieren Leib und Leben für unseren Schutz”, wiederholte Marcel. „Und seit sie damit begonnen haben, sind wir gegen Serriers Rebellen nur einmal unterlegen. Das Patt hat ein Ende und wir gewinnen zunehmend die Oberhand.”

„Das ist ja alles schön und gut”, wollte der Minister für Wirtschaft, Finanzen und Arbeit widersprechen, merkte aber dann, wie unfreiwillig sarkastisch es sich anhörte. Er drehte sich gewichtig zu dem Chef de la Cour um, der an Chaviniers rechter Seite saß. „Ich meine es ehrlich. Es ist eine ausgesprochen erfreuliche Entwicklung, dass wir gegen die Rebellen Fortschritte erzielt haben. Aber so plötzlich einer unüberschaubaren Menge Menschen Bürgerrechte zu gewähren … Es ist ein Albtraum für die Verwaltung. Wir müssen uns um Arbeitsplätze kümmern, um die Gesundheitsversorgung, die Sozialversicherung …”

„Ja”, stimmte ihm Jean zu. „Es gibt Tausende von uns. Aber wir werden die bestehenden Systeme weit weniger belasten, als Sie befürchten. Wir brauchen keine Gesundheitsversorgung. Wir müssen nur trinken, und darum können wir uns sehr gut selbst kümmern. Wir werden nicht alt und gebrechlich, deshalb ist auch keine Sozialversicherung nötig. Die Chefs des Cours kennen ihre Städte. Sie können jederzeit und kurzfristig Listen aufstellen mit allen Vampiren in ihrem Verwaltungsbezirk, damit ihnen Ausweise ausgestellt werden können. Wir haben unsere eigenen Einkünfte und wir haben Wohnungen und Häuser, sonst würden wir den Tag nicht überleben. Auch darum muss sich niemand kümmern.”

„Es ist nicht nur die Verwaltung, die auf eine solche Maßnahme unvorbereitet ist”, warf Madame Cadoret ein. „Vampire waren noch nie unserer Gesetzgebung unterworfen. Wenn wir ihnen jetzt gleiche Rechte geben, werden auch die Gerichte sich umstellen müssen.”

„Wir haben die menschliche Gesetzgebung nie anerkannt, weil wir von ihr nicht anerkannt wurden”, gab Jean zu. „Aber das heißt nicht, dass wir unregierbar sind. Wir haben unsere eigenen Gesetze und Gerichte. Unser Justizsystem ist sehr viel älter als diese Republik.”

„Das ist noch ein Grund mehr, die Sache langsam anzugehen und sich Zeit zu lassen”, sagte Madame Cadoret beharrlich. „Wir wissen nichts über dieses Justizsystem, müssen erst herausfinden, ob es mit unserem kompatibel ist. Alles andere führt zu Chaos und Problemen.” Als Jean verärgert die Stirn runzelte, fuhr sie schnell fort: „Ich will damit nicht sagen, dass wir den Gesetzentwurf nicht in die Nationalversammlung einbringen sollen. Ich denke nur, dass General Chaviniers Zeitplan unrealistisch ist.”

„Ich will versuchen, auf Ihre Bedenken einzugehen und sie in ein realistisches Licht zu rücken”, erwiderte Jean kalt. „Meine Leute und ich kämpfen freiwillig in einem Krieg, der eine Regierung stützen soll, die uns derzeit das pure Recht auf Existenz abspricht, von anderen Rechten gar nicht zu reden. Zu Ihrem Glück ist uns bewusst, dass es um mehr geht als diese Regierung. Das ist mehr, als Sie und Ihre Kollegen in Ihrer Kurzsichtigkeit und Ignoranz anerkennen. Dieses Gesetz ist das einzige Zugeständnis, das wir für unsere Hilfe verlangen.”

„Wir haben uns kaum von der letzten Störung des magischen Gleichgewichts erholt”, warf Marcel ein. „Durch die Unterstützung der Vampire können wir Magier abstellen, die sich mit diesem Problem und seinen Folgewirkungen beschäftigen. Wie wollen Sie dem französischen Volk erklären, dass durch Ihren Widerstand die Allianz zu Scheitern verurteilt wurde und die Milice den Krieg verloren hat, dass durch Ihren Widerstand diese Republik dem Untergang geweiht wurde, Madame le Ministre?”

 

 

„WAS FÜR ein Biest”, knurrte Jean, als Marcel sie aus dem Kabinettssaal wieder in sein Büro transportierte.

„Wenn sie nett wäre, wäre sie jetzt nicht in dieser Position”, gab ihm Marcel recht. „Aber sie ist nicht reaktionär, nur vorsichtig. Sobald der Premierminister entschieden hat, wird sie ihn unterstützen und dafür sorgen, dass wir ein gutes Gesetz bekommen. Wir müssen nur Monsieur Pequignots Entscheidung abwarten.”

Jean zögerte einen Augenblick, gab sich aber dann einen Ruck. „Du weißt hoffentlich, dass wir die Allianz nicht aufkündigen, auch wenn die Vorlage 49-3 nicht eingebracht wird, oder? Egal, was passiert, unser Bündnis steht.”

„Ich weiß”, erwiderte Marcel. Er hatte sich schon gedacht, dass die Vampire zu der Allianz stehen würden, auch wenn die Regierung ihren Gesetzentwurf nicht unterstützte und zur sofortigen Abstimmung vorlegte. „Und ich vermute, der Premierminister weiß das auch. Indem du auf der Pressekonferenz öffentlich an meiner Seite gestanden hast, seid ihr für Serrier genauso zum Zielobjekt geworden, wie die Magier der Milice. Du solltest wahrscheinlich auch die Vampire, die uns nicht direkt unterstützen, warnen und zur Vorsicht mahnen. Wenn Serriers Magier sie finden, werden sie nicht erst lange fragen, ob sie uns helfen oder nicht. Sie werden angreifen, und auch wenn der Abbatoire bei Vampiren nicht wirkt, gibt es genug andere Flüche, die sie vernichten können. Ich weiß, warum du den Pressevertretern gesagt hast, außer Sonnenlicht und Feuer hätten Vampire nichts zu fürchten. Ich weiß auch, dass Sonnenlicht für Vampire mit Partnern kein Problem mehr darstellt. Aber es war trotzdem ein riskanter Schachzug, denn jetzt weiß Serrier, auf welche Flüche er sich spezialisieren muss, um euch zu verwunden.”

„Ich habe an eurer Seite gekämpft”, erinnerte ihn Jean. „Ich habe erlebt, wie ihr die Flüche neutralisieren könnt, bevor sie Schaden anrichten. Ihr müsst euch jetzt nur auf andere Sprüche einstellen, dann könnt ihr auch die neutralisieren. Und die Verbindung zwischen den Partnern wird genug Motivation sein, um die dunklen Magier erfolgreich zurückzuschlagen.” Jean erwähnte die persönliche Seite der Partnerschaften nicht, die offensichtlich eine immer größere Rolle einnahm. Er wollte nicht, dass der General sich durch diesen persönlichen Aspekt beeinflussen ließ. Aber Jean konnte sich noch gut an die intimen Geräusche erinnern, die aus dem Zelt auf Réunion zu hören gewesen waren, als er und Raymond nach dem Taifun die Störung der Elementarkräfte kontrollierten.

„Sie werden bald ihre Chance bekommen, fürchte ich”, meinte Marcel niedergeschlagen. „Wir brauchen Thierry, wahrscheinlich auch Alain. Unser junger Spion hat uns neue Informationen zugespielt, auf die wir reagieren müssen. Ich werde zwar die nötigen Befehle geben, aber ich möchte vorher mit Thierry die strategische Seite diskutieren. Er ist darin besser als ich.”

Jean biss die Zähne zusammen, als die Erwähnung von Thierry ihn an den Partner des blonden Magiers erinnerte. Dieser Vampir war vor fünfhundert Jahren nach Paris gekommen und hatte ihm, kaum dass er angekommen war, den Geliebten, den möglichen Avoué, direkt vor der Nase weggeschnappt. Sie hatten sich zwar kürzlich darüber ausgesprochen und eine Art Waffenstillstand erreicht, aber Jean mochte Sebastien nicht leiden und hatte den Verdacht, dass der ihm auch nicht vertraute. Bedauerlicherweise schien Marcel große Stücke auf Sebastien zu halten, sodass Jean nichts anderes übrig blieb, als sich mit dem Mann zu arrangieren.

Jean lächelte Orlando zu, der mit den anderen den Raum betrat. Er behielt das Lächeln auch bei, als er Sebastien begrüßte, der ihm höflich zunickte. Jean war es leid, selbst mit vermeintlichen Verbündeten das Jeu des Cours zu spielen, doch es saß ihnen zu sehr im Blut, um es aufzugeben. Er beobachtete Orlando und Alain und fragte sich, ob die beiden sich wieder versöhnt hatten. Sein junger Freund wirkte sichtlich ruhiger als bei ihrem letzten Zusammentreffen, aber Jean wollte trotzdem ein Auge auf ihn haben und gegebenenfalls mit dem Magier reden, sollte sich im Laufe des Tages Anlass zur Besorgnis ergeben. Jean hatte sich zu lange um Orlando gekümmert und konnte diese Rolle noch nicht aufgeben. Er lehnte sich an die Wand, um Marcels Bericht abzuwarten und zu sehen, welchen Verlauf die Diskussion nehmen würde.

„Was gibt es Neues?”, fragte Alain, nachdem alle Platz genommen hatten. Er spürte, dass Jean, der hinter ihm an der Wand stand, ihn beobachtete, wusste aber nicht, wie er den älteren Vampir beruhigen sollte, zumal in diesem öffentlichen Rahmen. Marcel musste wichtige Neuigkeiten haben, sonst hätte er diese Besprechung nicht einberufen. Der Krieg ging vor, musste vorgehen.

„Unser junger Spion hat uns heute früh neue Informationen übermittelt, über die wir reden müssen”, berichtete Marcel. „Demnach hat Serrier vor, an Samhain seine Macht zu demonstrieren und einen größeren Anschlag zu verüben. Er scheint zu wissen, dass wir den Feiertag nutzen wollen, um die Elementarkräfte zu stabilisieren. Offensichtlich denkt er, dass wir dadurch zu abgelenkt sind, um ihm einen Strich durch seine Pläne zu machen.”

„Das ist keine große Überraschung”, meinte Thierry. „Obwohl er durch die Bekanntgabe der Allianz seine Pläne vermutlich noch an die neue Situation anpassen wird.”

„Ich habe die Nachricht erst nach unserer Pressekonferenz erhalten”, erwiderte Marcel. „Aber du hast recht, er kann immer noch Änderungen vornehmen. Mein Stand der Dinge ist, dass er vorhat, um zwölf Uhr mittags den Eiffelturm zum Einsturz zu bringen.”

„Das allein zeigt, dass er unsere Allianz bei seinen Planungen schon berücksichtigt hat”, bemerkte Alain. „Bisher hat er seine Aktionen immer im Schutz der Dunkelheit durchgeführt und das Tageslicht gemieden.”

„Richtig. Wenn die Vampire immer noch durch das Sonnenlicht in ihrer Bewegung eingeschränkt wären, müssten wir uns entscheiden, ob wir seinen Anschlag auf ein Wahrzeichen von Paris verhindern wollen – von den Menschleben, die er kosten wird, gar nicht zu reden – oder ob uns unser Ritual wichtiger ist als der Eiffelturm”, bestätigte Marcel. „Glücklicherweise sind unsere Verbündeten nicht mehr diesen Einschränkungen unterworfen.”

„Wenn sie dabei die Hilfe ihrer Partner bekommen”, ergänzte Jean. Er wusste genau, dass die anderen verstanden, was er damit meinte. Raymonds Abwesenheit nagte an ihm. Sie behinderte ihn zwar nicht in der Erfüllung seiner Pflichten, aber sie war eine ständige Irritation.

„Hat Raymond gesagt, wann er zurückkommen wird?”, wollte Marcel wissen und sah Jean direkt an. „Seine Einschätzung der Lage wäre eine wertvolle Hilfe für uns.”

„Wir schaffen es auch ohne ihn”, grummelte Thierry.

„Sicher”, stimmte Marcel ihm zu. „Aber das heißt nicht, dass wir auf ihn verzichten werden, falls er schon zurück sein sollte. Keiner von uns hat die Elementarkräfte so intensiv studiert wie Raymond. Warum sollten wir nicht auf seine Erfahrung und sein Wissen zurückgreifen?”

Jean gefiel es ganz und gar nicht, wie hier über seinen Partner geredet wurde. Thierrys Haltung war auch unter den Vampiren weit verbreitet und er konnte damit umgehen. Marcels Vorschlag war auf jeden Fall effektiver. Und doch störte es Jean ungemein, dass Raymonds Fähigkeiten so gering geschätzt und abgewertet wurden. „Wie viele Magier sind nötig, um das Ritual erfolgreich durchzuführen?”

„Wir brauchen Raymond wegen seines Feingefühls. Thierry hat sich freiwillig gemeldet, weil er schon vor dem Krieg Erfahrungen damit gesammelt hat”, zählte Marcel auf. „Wir benötigen weitere fünfzig Freiwillige, die uns ihre magische Energie zur Verfügung stellen. Das Ritual ist zwar ungefährlich, aber sehr anstrengend. Alle Beteiligten werden danach einige Tage Ruhe brauchen, um wieder zu Kräften zu kommen. Ich nehme von jeder Einheit höchstens zwei Freiwillige, damit sie einsatzfähig bleibt und wir den Dienstplan der Patrouillen nicht ändern müssen.”

„Ich übernehme die Patrouille am Eiffelturm”, meldete sich Alain. „Wenn Thierry wegen des Rituals ausfällt, bin ich am besten geeignet, ihn zu ersetzen.”

Orlando war nicht sehr begeistert über diesen Vorschlag, verkniff sich aber jede Reaktion. Er und Alain hatten sich nach dem dummen Missverständnis über Orlandos Grenzen und Alains Befürchtungen, Orlandos Vertrauen verloren zu haben, gerade erst wieder versöhnt. Und nun meldete Alain sich freiwillig für einen Einsatz, der in einer blutigen Schlacht enden konnte. Orlando verstand die Notwendigkeit dieses Krieges. Er verstand auch, warum Alain daran teilnahm. Dennoch lief sein Beschützerinstinkt Amok bei der Vorstellung, dass sein Avoué sich so in Gefahr begab. Er nahm sich vor, Alain nicht von der Seite zu weichen, aber auch er war nicht allmächtig, wenn es um den Schutz seines Magiers ging. Das galt besonders dann, wenn Serriers dunkle Magier ihre Flüche modifizierten, um die Vampire wirkungsvoller bekämpfen zu können, eine Möglichkeit, die sehr real war und über die sie schon seit Beginn der Allianz diskutiert hatten.

„Nimm wenigstens den Rest meiner Einheit mit, besser sogar noch eine dritte”, schlug Thierry vor. „Serrier braucht einen Sieg. Er wird nicht nur eine Handvoll Magier schicken. Wir können von Glück sagen, wenn er nicht seine gesamte Streitmacht einsetzt.”

„Was ist, wenn der Anschlag nur ein Ablenkungsmanöver ist?”, fragte Jean. „So würde ein Vampir vorgehen. Er würde dafür sorgen, dass ein bestimmtes Vorhaben bekannt wird, während er insgeheim ein anderes plant. Ich will damit nicht sagen, dass wir die Bedrohung ignorieren sollen, aber es kommt mir trotzdem alles ziemlich offensichtlich vor. Serriers düstere Gedanken sind normalerweise nicht so leicht zu durchschauen.”

„Das ist durchaus möglich”, gab Thierry zu. „Unser Spion steht nicht sehr hoch in Serriers Hierarchie. Es könnte eine Falle sein, entweder für ihn oder für uns.”

„Das könnte es”, meinte Marcel nachdenklich. „Aber der junge Dominique ist nicht meine einzige Informationsquelle. Wie sagt man doch? Je ne suis pas né de la dernière pluie. Die Informationen Dominiques sind mir von anderer Seite bestätigt worden. Sie sind glaubwürdig. Der Anschlag auf den Eiffelturm hat keine strategische Bedeutung. Es geht Serrier vielmehr um die symbolische Wirkung. Wenn sie es schaffen, ihn zum Einsturz zu bringen, wird das Image der Milice und der Regierung irreparablen Schaden nehmen.”

„Dann werden wir dafür sorgen, dass es ihnen nicht gelingt”, erklärte Thierry mit entschlossener Stimme.