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„OH, MIST”, murmelte Eli Hollister leise, als er sein Motorrad vor Dingers Sportsbar und Grill zum Stehen brachte. Enttäuscht betrachtete er das „Geschlossen”-Schild in der Türe und sah dabei zu, wie Männer auf dem Dach herumkrochen. Normalerweise hatte er nichts dagegen, an einem sonnigen Tag einem Haufen schwitzender Männer mit freiem Oberkörper beim Arbeiten zuzusehen. Aber nicht dann, wenn sich sein Magen anfühlte, als wolle er sich vor lauter Hunger ein Loch durch die Wirbelsäule nagen. Ein Augenschmaus war schön und gut, doch Nahrung war dann doch etwas ganz anderes.

Noch einmal blickte er zu den Männern auf dem Dach, die dabei waren, die Dachschindeln zu lösen und sie hinunter in den Müllcontainer zu werfen. Bis auf einen kannte Eli alle Männer auf dem Dach. Jonas Quantrill leitete die örtliche Baufirma gemeinsam mit Craig und Lee, zwei seiner Söhne. Der Mann jedoch, der seine Aufmerksamkeit erregte, war der, den er nicht kannte.

Er hatte den harten und muskulösen Körperbau eines Mannes, der seinen Lebensunterhalt mit körperlicher Arbeit verdiente. Da die Sonne ihn blendete, war es schwierig ihn genau auszumachen, aber Eli beobachtete die Silhouette des Mannes. Er mochte die sichere und leichtfüßige Art, mit der er sich auf dem abschüssigen Dach bewegte. Nachdem er das Material abgelegt hatte, richtete er sich auf und wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn. Allein diese Bewegung ließ eine Welle der Lust durch Eli strömen. Er wettete, dass der Mann raue Hände hatte. Eli genoss das Gefühl rauer Hände auf seiner nackten Haut.

„Beweg deine Maschine da weg, bevor du dir einen Nagel einfängst.” Mit vor der Brust verschränkten Armen trat Neil Ryder, der Besitzer des Dingers, auf den Gehweg. „Ich werde dich nicht einsammeln, wenn du auf halbem Weg den Berg herauf einen Platten hast.”

Eli sah, was er meinte. Einige der Dachschindeln landeten nur knapp im Müllcontainer. Er fuhr ein Stück weiter die Straße hinunter und lief zu Fuß zurück zum Dingers. Neils Glatze glänzte in der Sonne, während er den Männern oben auf dem Dach zusah.

„Neil, was tust du mir an?”

„Dir?” Neil drehte sich zu ihm um und schaute ihn durchdringend an. Eli grinste zurück. Neil sah eher so aus, als sei er ein Holzfäller und nicht der Besitzer einer Bar. Er war ein großer, hochgewachsener Mann mit einem dichten silberbraunen Bart. Der Schweiß glänzte auf seinem kahlen Kopf und er wischte ihn mit einem Taschentuch ab, bevor er wieder hinauf zu den Männern starrte. „Da war plötzlich ein verdammtes Loch über meinem Büro. Alles voller Wasser. Jetzt muss ich das ganze Dach erneuern. Weißt du, wie viel Geld ich durch den vierten Juli verloren habe? Das wirft meine Finanzen über Monate zurück.”

„Du übertreibst. Du wirst schon klar kommen.” Insbesondere wenn die College-Stadt Amwich im Herbst wieder jede Menge neue Studenten bekäme. „Warum hast du nicht die Chance genutzt, um dir ein paar freie Tage zu nehmen und dich zu erholen?”

„Und das Dingers unbeaufsichtigt lassen? Ich glaube nicht. Kann ja nicht jeder so durch die Gegend tänzeln wie du.” Neil knurrte, während er finster zurück zum Dach blickte. Die Männer waren dabei, weiteres Material über das Gerüst hinaufzuschaffen, und trampelten dabei über seine geliebte Bar. Das Ganze sah nach einem riesigen Chaos aus, bei dem nur der Schornstein wie ein verlorener Soldat nach dem Gemetzel eines Schlachtfelds übrig geblieben war.

Als der Neue eine Ladung Schindeln über die Kante fallen ließ, sah Eli ihn wieder an. Einen Moment lang überlegte er, ob sich ihre Blicke getroffen hatten, denn dann wäre zumindest der kurze Anflug von Lust zu erklären.

„War ja nur ein Vorschlag.” Eli schaute nun wieder Neil an und entschloss sich, bei Neils verbittertem Gesichtsausdruck keine weiteren Scherze mehr auf dessen Kosten zu machen. Es war einer dieser wenigen brütend heißen Sommertage und Neils Gesicht hatte bereits eine rötliche Farbe angenommen.

„Ein schlechter.” Neil drehte sich in Richtung Bar um und hielt Eli die Tür auf. „Es ist zu heiß, um hier draußen rumzustehen und zu quatschen. Willst du ein Bier?”

„Ist es denn sicher da drin?” Eli folgte Neil in die etwas kühlere und dunkle Bar. Die Geräusche der Männer, die die Dachschindeln herausrissen, waren hier zehnmal so laut zu hören.

Es war seltsam, die Bar so leer und ohne Kundschaft zu sehen. Der Flachbildfernseher war still und dunkel, verhängt mit schweren Decken, die sonst von Möbelpackern benutzt wurden. Die Baseball-Erinnerungsstücke, die nicht fest an der Wand fixiert waren, waren abgehangen worden und lagen nun sicher verpackt auf den Tischen. Helle Flecken an den Wänden zierten nun die Stellen, an denen sie nicht mehr hingen. Der aus Stein gemeißelte Kamin stand fest inmitten der glänzenden Holztische und der abgenutzten und verblassenden roten Lederstühle und -bänke. Zumindest daran hatte sich nichts geändert.

„Na, klar. Der Bruch war über meinem Büro, aber Jonas meinte, ich solle auch den Bereich über der Küche ersetzen lassen.” Neil goss sich etwas Wasser über den Kopf und wischte die Tropfen mit einem Küchenhandtuch ab.

„Wirst du dieses Mal auf ihn hören?”

„Ja, Klugscheißer. Ich hab ihm gesagt, er solle es machen, wo sie eh schon dabei sind, den Rest von dem Scheiß rauszureißen.” Mürrisch sah Neil ihn an. „Ich wette, du wüsstest gerne wo deine Cousine ist, denn ich werde dich sicher nicht füttern. Lu müsste bald hier sein. Sie hat Jonas und den Jungs Mittagessen versprochen.”

„Oh, Gott sei Dank, denn meine eigenen grausigen Kochkünste möchte ich so gut es geht vermeiden.” Auf seiner Rucksacktour wäre er darauf noch oft genug angewiesen, da wollte er nicht unnötig früh anfangen. Es war ja nicht so, dass er gar nicht kochen konnte; er hasste es einfach nur so leidenschaftlich, wie er sonst nur die New York Yankees oder engstirnige Fanatiker hasste. Und so hungrig er auch war, wollte er trotzdem einen richtigen Blick auf den Neuen werfen. Doch so wie die Sonne ihn blendete, konnte er ihn unmöglich begutachten.

„Keine Ahnung, wie zum Teufel du überleben willst, wenn dich mal niemand mehr füttert.”

„Darüber darfst du noch nicht einmal Witze machen. Komm schon, ich helf dir auch dabei, ein paar Tische zusammenzuschieben. Lu bringt es noch fertig, so viel Essen aufzutischen, dass die ganze Stadt damit durchgefüttert werden kann.”

Nachdem sie zwei Tische freigeräumt hatten, schoben sie diese zusammen, um neben der Bar eine Art Mini-Büffet aufzubauen. Eli schleppte die Stühle nach hinten, damit sie nicht den hungrigen Arbeitern im Weg standen, bevor er weitere Tische leerte, an denen sie alle sitzen und essen konnten.

Als er das vertraute Hupen von Lus Wagen hörte, richtete Eli sich auf. „Ich helfe ihr beim Ausladen.” Derweil stellte Neil weitere Limonaden und Wasserflaschen hin. Seine Cousine hatte den Wagen quer vor der Bar abgestellt, sodass das Wagenende noch gut einen halben Meter auf die Straße ragte. „Lu, du bist die einzige Person, die ich kenne, die nicht an einem leeren Bordstein parken kann”, rief er seiner Cousine zu, als sie hinter der Heckklappe auftauchte.

Lu Pelland hielt inne und stemmte ihre Hände in die schmale Hüfte. Mit geschürzten Lippen betrachtete sie ihre Parkkünste, um dann mit den Schultern zu zucken. „In meinen Augen passt das schon.”

Eli umarmte seine Cousine, die nur aus Haut und Knochen zu bestehen schien, ihre ergrauenden kastanienbraunen Haare waren zu einem Zopf zusammengebunden. In seiner Familie stand sie ihm am nächsten, war ihm stets eine große Schwester, Vertraute und Ratgeberin gewesen, so lange er denken konnte. Als er mit fünfzehn Jahren sechs Monate lang nach Amwich verbannt worden war, war sie es gewesen, die ihm seine Ängste genommen hatte. Sie hatte ihm beigebracht, dass sein „Anderssein” nicht bedeutete, dass mit ihm etwas nicht stimmte.

„Wann bist du denn reingeschlichen?”, fragte Lu. „Als ich heute Morgen aufgewacht bin, habe ich deinen verrückter Köter vermisst, bevor ich einen bekritzelten Zettel gefunden habe, den ich nicht entziffern konnte.”

„Es war fast zwei Uhr morgens, da wollte ich dich nicht stören.” Eli hievte einen schweren Topf aus dem Kofferraum. „So, was hast du denn heute Schönes für mich?” Was auch immer es war, schon allein der Duft ließ seinen Magen noch mehr grummeln.

„Ich hab das nicht für dich gemacht, Vielfraß, aber es gibt genug, dass du was abbekommen kannst. Es ist kalte Tomaten-Basilikum-Suppe, Truthahn und Havarti-Käse auf Ciabatta, und Nudelsalat.” Lu runzelte die Stirn, als sie das Aufgebot an Essen in Augenschein nahm. „Meinst du, ich habe genug gemacht?”

„Nenn mir ein einziges Mal, wo du zu wenig hattest”, entgegnete Eli schmunzelnd.

„Ein einziges Mal würde reichen, um mich zur Neurotikerin werden zu lassen”, meinte Lu, bevor sie Eli mit der Pastaschüssel in die Bar folgte.

„Ich verstehe nicht, warum du darauf bestehst zu kellnern, wo du doch meine Küche schmeißen könntest”, nörgelte Neil, als er ihr die Schüssel abnahm.

„Wenn ich deine Küche übernehme, wird es Arbeit und macht nicht mehr länger Spaß. Ich koche, wenn ich das möchte. Ich entscheide, was ich mache, wie viel und wem ich etwas gebe. Davon abgesehen, würde ich die Unterhaltungen mit allen vermissen.” Lu band sich eine Schürze um, bevor sie Neil verscheuchte. „Los, hol die Jungs, während Eli und ich die Brote reinbringen.”

Eli schüttelte den Kopf, als Neil zu einer Antwort ansetzte. „Lass es lieber. Es ist einfacher zu tun, was sie sagt. Weißt du, du solltest sie heiraten”, neckte Eli. Er brach in Gelächter aus, als Neil ein entsetztes Gesicht machte.

„Habe ich nicht schon genug graue Haare?”, wollte Lu wissen.

„Bist du verrückt?”, platzte aus Neil heraus. „Dann bekäme ich nie meinen Frieden. Die Frau würde den Laden übernehmen und ich wäre nur noch der Barkeeper.”

Eli widerstand dem Impuls, darauf hinzuweisen, dass Lu bereits jetzt weit mehr machte als zu kellnern, und dass Neil im siebten Himmel wäre, wenn er nur die Bar betreiben, über Baseball sprechen und weitere Fanartikel erstehen müsste.

„Ich hab es nur mal als eine Option in den Raum geworfen.” Rückwärtsgehend verließ Eli die Bar und hob kapitulierend die Hände.

Als die letzten Brote reingebracht wurden, war auch die Crew vom Dach gestiegen und tummelten sich vor dem Essen noch in den Waschräumen. Lu war nirgends zu sehen. Das nutzte Eli voll aus und lud sich den Teller voll mit Brot und Nudelsalat, bevor er sich noch eine Schüssel Suppe schnappte.

„Was glaubst du, was du da machst?”, fragte Lu, die mit kleinen Schüsseln voller Gewürze aus der Küche kam.

„Ich sichere mein Mittagessen, bevor die hungrige Meute einfällt.”

„Das sehe ich.”

„Warum stellst du dann eine solch dumme Frage?” Eli grinste frech, wich dann aber doch einen Schritt zurück, als Lu einen Holzlöffel in seine Richtung schwang. „Davon abgesehen, muss ich doch alles testen, um sicherzugehen, dass es für das Publikum, das du beeindrucken willst, in Ordnung ist.”

„Versuch nicht, mich zu blenden, Eli. Dafür kenne ich dich zu gut.” Als Jonas auftauchte, unterbrach Lu ihre Ansprache, um den Vorarbeiter anzulächeln. „Wie geht es Rebecca, Jonas? Ich hab sie schon einige Wochen nicht mehr gesehen.”

Eli begrüßte Jonas, nahm dann das Essen, das er stibitzt hatte, setzte sich an seinen Lieblingstisch in der hintersten Ecke der Bar, um sich dort seinen Platz freizuräumen. Während er dabei zusah, wie die Bar sich langsam füllte, biss er in sein Brot. Als sein Blick auf den Neuling fiel, schien die Luft zu knistern. Dieser Mann war jede Art von Vorfreude wert.

Seine Körpergröße und seine breiten Schultern sorgten dafür, dass seine Muskeln nicht zu massig wirkten. Er trug ein Muskelshirt, das seinen Brustkorb, seinen flachen Bauch und seine festen Brustwarzen zur Geltung brachte. Gott, Lu würde ihm was anderes erzählen, wenn sie ihn dabei erwischen würde, wie er während des Mittagessens Brustwarzen anstarrte, aber er konnte nicht anders. Der Typ war einfach von Kopf bis Fuß zum Anbeißen. Eli musste ein Stöhnen unterdrücken, als der andere Mann sich umdrehte, um sein Essen zu holen. Er trug Cargo-Shorts, die seinen muskulösen Hintern genau richtig betonten. Was für ein Hintern! Wie gern würde Eli ihn einmal in die Finger bekommen, nur um einmal kurz zuzukneifen, damit er testen konnte, ob er auch so fest war, wie er aussah.

Er beschloss, Lu zu fragen, wer das war und wann es ihn nach Amwich verschlagen hatte. Eine interessante Mischung aus Menschen bevölkerte die Stadt. Am nördlichen Ende wohnten die Einheimischen, die hier schon seit Generationen lebten und alles über jeden wussten – oder zumindest glaubten sie das. Im südlichen Teil lebte der Rest in einer Reihe von renovierten Wohnungen: die Studenten vom Amwich State College, die nicht in den Studentenwohnheimen unterkommen wollten, gemeinsam mit den befristet eingestellten Professoren und den Spezialisten, die in unmittelbarer Nähe zum Campus bleiben wollten.

Just in diesem Moment sah seine Cousine zu ihm hinüber und schüttelte leicht den Kopf, als sie seinen Blick bemerkte. Eli konnte das „Tss” beinahe hören. Lu nahm keinerlei Anstoß daran, dass er offen schwul war. Vielmehr war sie sogar die Erste gewesen, mit der er gesprochen hatte, als er vermutete, dass er anders war als die anderen Jungs. Doch seit Eli eine verpasst bekommen hatte, weil er einem Jungen Blicke zugeworfen hatte, war sie wegen seiner Diskretion überfürsorglich geworden.

Eli grinste, zuckte mit den Schultern und entschied sich, Lu bei Laune zu halten. Er wollte auch keine Spielerei starten, wenn er sowieso bald wieder die Stadt verließ. Es sei denn, besagte Spielerei endete in ein oder zwei Nächten heißem Sex. Vorausgesetzt der Typ war überhaupt schwul. Als der Mann sich mit seinem beladenen Teller umdrehte, konnte Eli sich einen weiteren Blick trotzdem nicht verkneifen. Sein rot-goldenes Haar war ganz kurz geschoren, so wie sie es bei der Marine trugen. Ah, verdammt, er hatte sogar eine nette Handvoll Sommersprossen in seinem offenen und freundlichen Gesicht.

Als er sich schließlich einen Stuhl am Tisch seiner Kollegen herauszog, blickte er herüber und ertappte Eli beim Gucken. Elis Bauch kribbelte vor Aufregung und er konnte ein schelmisches Grinsen nicht verhindern. Hey, nichts passiert, richtig? Vielleicht fühlte der Kerl sich ja nicht angegriffen. Ein neues, stärkeres Kribbeln breitete sich in ihm aus, als der andere sein Grinsen mit einem Lächeln und einem Augenzwinkern beantwortete, bis Craig etwas sagte und er sich zu ihm umdrehte.

Der neue Kerl hatte auch ein nettes Lächeln. So ein aufrichtiges Lächeln, das sein ganzes Gesicht zum Strahlen brachte. Innerlich stieß Eli einen Seufzer aus und fragte sich, welche Augenfarbe er wohl hatte. Vielleicht nussbraun oder ein warmes Braun, das sich von seinen Haaren absetzte.

Eli wollte Lu auf jeden Fall nach Einzelheiten ausquetschen. In der Zwischenzeit setzte Neil einen alten Fernseher auf die Bar, fummelte so lange am Kabel herum, bis der Bildschirm klar wurde und er zu ESPN umschalten konnte, wo eine Zusammenfassung des Red Sox-Spiels gegen Orioles von gestern Abend lief.

„Der Mann hat nur zwei Dinge in seinem Kopf”, schnaubte Lu, als sie sich zu Eli gesellte. „Bier und Baseball. Und du, Elijah Hollister, musst deine Augen da lassen, wo sie hingehören.”

„Keiner von uns beiden wird sich jetzt noch ändern, Lu.” Eli schmunzelte und schob seinen Stuhl beiseite als Neil kam, um sich zu ihnen zu setzen. „Wie lange wird das Dingers wohl geschlossen bleiben?”

Neil verzog das Gesicht, während er nach dem Pfeffer griff. „Vier Tage meint Jonas, damit es ordentlich gemacht werden kann. Dann denke ich, brauche ich mindestens noch einen Tag, um alles wieder auf Vordermann und an seinen Platz zu bringen. Bis zum Spiel am Sonntag sollte ich wieder geöffnet haben, wenn mich der verdammte Lärm bis dahin nicht in den Wahnsinn getrieben hat.”

„Vor Montag bin ich nicht weg, also kann ich dir dabei helfen, alles wieder aufzuräumen”, bot Eli an.

Daraufhin hellte sich Neils Gesicht sichtlich auf und er schenkte Eli eins seiner seltenen Lächeln. „Danke. Das Foto bekommst du trotzdem nicht, aber als Gegenleistung füttere ich dich.”

Eli blickte zu dem hellen Fleck an der Wand hinüber, wo normalerweise die Bilder von Joe DiMaggio und Ted Williams in ihren jeweiligen Trikots hingen. Auch wenn Eli das Foto liebte, konnte Neil nichts dazu bringen es abzugeben, egal wie hartnäckig Eli es auch versuchte. Er musste sich wohl wirklich eine eigene Kopie besorgen. „Diesen Bedingungen kann ich, glaube ich, zustimmen. Es wird gut tun, das Dingers wieder im normalen Betrieb zu sehen, bevor ich gehe. So, bringt mich auf den neuesten Stand, was den Klatsch angeht. Ich werde bald nicht in der Lage sein, irgendwelche Neuigkeiten zu hören.”

„Weil du mitten im Nirgendwo sein wirst, durch die Staaten irrend mit deinem verrückten Köter”, gab Lu zurück.

„Das ist jetzt schon das zweite Mal, dass du ihn als verrückt bezeichnest. Hat sich Jabbers so daneben benommen, während ich in Tennessee war?”

„Du bist der Einzige in der Stadt, der nicht weiß, wie unzurechnungsfähig er ist, Eli.” Lu gefiel die Vorstellung nicht, dass er die langen Campingausflüge ganz allein nur mit seinem Beagle machte. Doch zumindest lag sie ihm damit nicht ständig in den Ohren. „So, wie war dein Ausflug? Wie geht es deinen Cousins im Süden?”

„Die Smoky Mountains sind nett, aber nicht so schön wie die in New Hampshire.” Lu hatte sich nicht nach seinen Eltern erkundigt, die er besucht hatte. Das war wohl ein Zerwürfnis, das nie gekittet werden konnte. Eli fühlte sich inmitten des Konflikts zwischen Lu und seinem Vater nicht wohl. „Und den Cousins geht es gut. Die meisten haben inzwischen geheiratet und sind weggezogen. Gareth ist der einzige, der noch übrig ist, und der wird wohl nie sesshaft werden. Dafür genießt er das Leben einfach zu sehr.”

Eli stand auf, um sich eine zweite Portion zu holen, und konnte dabei einen besseren Blick auf seinen neuen Traumtypen werfen. Die Lichtverhältnisse in der Bar waren furchtbar und Eli war noch immer nicht in der Lage, die Farbe seiner Augen auszumachen. Doch die Haut des Mannes sah nach einem echten Rotschopf aus, der nie Farbe annahm, egal wie viel Zeit er in der Sonne verbrachte. Er wurde sicherlich nur rot oder bekam weitere Sommersprossen.

Eli hörte aber, wie Jonas seinen Namen nannte: Ash. Endlich also auch ein Name zu dem Gesicht. Er wollte sich vorstellen, aber Jonas besprach Geschäftliches, sodass er sich über eine Unterbrechung sicher nicht freuen würde. Eli ging also mit einem weiteren gut gefüllten Teller an seinen Tisch zurück und begnügte sich mit flüchtigen Blicken. Schnell war die Mannschaft mit dem Essen fertig. Als sie alle zusammen die Bar verließen, blickte Ash ihn an, zwinkerte ihm mit einem freundlichen Lächeln im Gesicht noch einmal zu.

„Oh, Mann, ich glaub, ich bin verliebt”, flüsterte Eli, als sich die Tür hinter Ash schloss.

Neil warf ihm einen skeptischen Blick zu. „Das sagst du immer wieder. Lass mich wissen, wenn es wirklich der Fall ist, dann kann ich auf dich zeigen und dich auslachen.”

Eli ignorierte ihn und drehte sich zu seiner Cousine um, um sie auszufragen. „Du musst etwas über Ash wissen. Ist er schwul? Ist er Single? Ist er einer dieser umherziehenden Bauarbeiter, der verschwindet, bevor ich wieder nach Hause komme, und mir mein Herz brechen wird?”

„Ich bin mir gewiss, dein Herz ist sicher”, entgegnete Lu trocken. „Er mietet eine von Abrahams Wohnungen und ich denke, diese Bauarbeitersache ist nur nebenberuflich. Zumindest weiß ich, dass ich ihn ein oder zwei Mal in Tarnklamotten aus seiner Wohnung habe kommen sehen.” Lu erhob sich, um das übrig gebliebene Essen zusammenzuräumen. Bevor zwischen Eli und Neil eine Diskussion darüber aufkam, wer was behalten durfte, teilte sie die Reste in zwei Behälter auf.

Ein Soldat, Nationalgarde vielleicht oder einer der Reservisten. Eli war sich nicht sicher, aber er war der Meinung, dass sich ein Hauptquartier des Marine-Corps irgendwo südlich von hier befand. Das machte Elis Interesse perfekt. Er hatte schon immer ein Faible für Soldaten gehabt und es schien so, als wäre er dadurch immer in den größten Schlamassel geraten, doch auch das hatte ihn bislang nicht abgehalten. Flehentlich sah Eli Lu an. „Du wirst dich doch für mich umhören, während ich weg bin, oder? Der Forschergeist muss schließlich diese Details kennen, Lu, und es ist deine Pflicht als meine liebende Cousine, diese zu ergründen, wenn ich es nicht kann.”