Kapitel 1

 

 

EVAN STIEG aus dem warmen Auto mit seinen Ledersitzen, dem sauberen Duft und der auf Hochtouren laufenden Heizung aus, ohne sich noch einmal nach dem Mann am Steuer umzusehen. Er war nicht wichtig – inzwischen wusste Evan das auch. Er trat auf den Bürgersteig und rutschte beinahe auf dem halb geschmolzenen Schneematsch aus, als er die Autotür hinter sich zuwarf. Dann sprang er mit einem Satz zurück, als der dunkelblaue Mercedes mit einer Fontäne aus Wasser, Schmutz und Schneematsch davonraste.

Evan sah sich um, orientierte sich in der frühen Morgendämmerung und wich weiter von der Straße zurück, wobei er mit jemandem zusammenstieß, der ihn einfach mit einem Grunzen beiseite stieß. Er stolperte wieder und erreichte dann das Backsteingebäude am Straßenrand. Er lehnte sich gegen die Mauer und zog Bilanz darüber, wo er war und was er besaß. Auf der Suche nach ein wenig Wärme glitten seine Hände wie von allein in seine Taschen; am schwierigsten war es, sich an die fast ständige Kälte zu gewöhnen.

Seine Finger strichen über die zusammengefalteten Geldscheine, und Evan stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. Diese kleinen Papierstückchen waren unentbehrlich für das Leben auf der Straße und der Garant für eine warme Nacht mit einer Dusche oder vielleicht sogar einem Bad, so dass er den Geruch der anderen von seinem Körper abwaschen konnte. Er zog die Scheine aus der Tasche und schlüpfte aus seinem zerfransten Schuh, rollte die Socke runter, schob die Scheine unter die Fußsohle zu den anderen und zog die Socke wieder hoch. Das Geräusch von zerreißendem Stoff ließ ihn aufstöhnen, und er sah nach unten, auf den oberen Teil der Socke, der kurz über seinem Knöchel unter seinen Fingern nachgegeben hatte. Er ließ das abgerissene Stück Stoff um seinen Knöchel hängen, um ihn etwas zu wärmen, zog den Schuh wieder an und schob sein Hosenbein runter.

Sein Geld so versteckt, entspannte Evan sich ein wenig und hielt erneut Ausschau nach dem Signal, nach jenem gewissen Anzeichen dafür, dass ein weiterer Mann gewillt war, für seine Dienste zu bezahlen. Er zog seine dünne Jacke enger um sich und kauerte sich zusammen. Seine Haut kribbelte und stach, seine Beine zitterten und seine Arme begannen zu schmerzen, als die Kälte durch seine Jacke und sein dünnes Hemd drang.

Evan beobachtete die Passanten und ihm fiel ein Mann in Anzug und langem Wollmantel auf, der die Straße hinunter schlenderte, als gehöre ihm die Welt. Für Evan sah er auch ganz genau so aus. Der Mann, der vielleicht auf dem Weg zur Arbeit war, ging an ihm vorüber und blieb dann vor einem Schaufenster stehen. Evan wusste, dass er nicht wirklich ins Schaufenster guckte. Diese Masche kannte er schon. Keiner kam je direkt auf ihn zu; die Männer waren in der Regel befangen oder vorsichtig, oder beides. Evan beobachtete, wie der Mann sich umdrehte und zurückkam und ein paar Schritte entfernt stehenblieb, ohne Evan auch nur einmal anzusehen.

„Ziemlich kalt heute“, sagte der Mann, während er sich auf der Straße umsah.

„Jepp“, erwiderte Evan und drängte sich näher an die Hauswand, aus dem eisigen Wind.

„Ich wette, zwischen den Gebäuden ist es wärmer“, bemerkte der Mann, ein kaum versteckter Hinweis auf das, was er wollte.

Wachsam drückte Evan sich von der Wand hinter ihm ab, sah sich um und ging dann ohne ein weiteres Wort in die Richtung, in die der Mann blickte. Hinter sich hörte er dessen Schritte und wappnete sich. Er hasste das, was jetzt kam, er hasste es wirklich. Vor ein paar Monaten war er ein ganz normaler Junge gewesen, mit ganz normalen Eltern und einem ganz normalen Leben. Der Gedanke an das, was er im Begriff stand zu tun, war ihm damals nie auch nur in den Sinn gekommen. Jetzt war es ein fast alltägliches Ereignis, wenn er etwas essen und vielleicht einen warmen Platz zum Schlafen haben wollte.

„Fünfzig“, sagte Evan und wartete ab, wie der Typ reagierte.

„Du machst wohl Witze“, sagte der Mann, und Evan drehte sich um und ging zurück in Richtung Straße. Er hatte schon etwas Geld und wusste, dass er damit zumindest etwas zu essen kaufen konnte.

Der Mann griff in seine Tasche und zog ein paar zerknüllte Scheine heraus. Evan nahm sie und stopfte sie tief in seine eigene Tasche. Der Mann packte seine Schultern und drückte ihn nach unten, und Evans Knie gaben nach. Schmerzhaft schlug er auf dem matschigen Straßenpflaster auf, und die Kälte drang eisig durch seine Haut. Er hörte das Geräusch eines Reißverschlusses und begann sich innerlich zurückzuziehen, sein Bewusstsein hinter einem Schutzwall zu verstecken, um sich vor dem zu beschützen, was nun kam. Nur so war er in der Lage, auszuhalten und nicht zu würgen; nur so konnte er den Reflex unterdrücken, zuzubeißen oder wegzulaufen oder sogar auf den Mann einzuschlagen. Und nur so konnte er dessen Stimme ertragen, als der Mann begann, Evan mit jedem nur erdenklichen obszönen Schimpfwort zu belegen.

Evan hörte die Worte dennoch. Sie drangen durch seinen Schutzwall zu ihm durch, weil er sich selbst genauso beschimpfte. Er wusste, dass sie alle wahr waren, denn schließlich war er genau das: eine „verfickte dreckige kleine Hure.“

Wie immer traten ihm die Tränen in die Augen, und er blinzelte sie weg. Die Stimme des Mannes wurde drängender. Unfähig das noch länger auszuhalten, riss Evan sich los und sprang auf. Seine Beine waren nass und kribbelten vor Kälte. Als der Mann frustriert aufheulte, zwang Evan seinen Körper dazu, sich in Bewegung zu setzen, und flüchtete. Er warf einen Blick zurück und sah, wie der Mann selbst Hand anlegte, dann bog er um die Hausecke. Sein Herz pochte wild.

Als er merkte, dass er nicht verfolgt wurde, verlangsamte Evan seine Schritte und hielt vor einem hell erleuchteten Kaufhausfenster an, dessen glitzernden Lichter sich in den Pfützen auf dem Gehweg spiegelten. Evan sah hinunter, und als er einen flüchtigen Blick auf ein Spiegelbild erhaschte, blickte er über seine Schulter, um zu sehen, ob jemand hinter ihm stand. Erst als er ein zweites Mal hinsah dämmerte es ihm: das dünne, ausgemergelte, alt aussehende Gesicht, das ihn anstarrte, war er selbst.

Evan ging weiter, weg von den Lichtern, und kauerte sich unter der Markise eines dunklen Schaufensters zusammen. Seine Knie taten weh. Langsam glitt er an der Wand mit ihren Marmorkacheln hinunter, schlang die Arme um seine Knie, beugte sich vor und legte die Stirn auf seine Arme. Evan fühlte, wie ihm die Tränen, die so oft schon gedroht hatten, in die Augen traten.

„Mom ... Dad ... warum habt ihr mich allein gelassen?“, fragte er zum gefühlt millionsten Mal, und es schnürte ihm die Kehle zu. Seine Schultern bebten. Evan konnte die Gefühle, die er monatelang in Schach gehalten hatte, nicht mehr länger unterdrücken. Als sie ihn übermannten, flüsterte er: „Ich vermisse euch so“, und sein Gesicht verzog sich im universellen Ausdruck von Trauer.

Er konnte sie vor sich sehen, wie sie sich an jenem letzten Samstagmorgen von ihm verabschiedet hatten, als sie das Haus verließen, um einkaufen zu fahren. Er hatte zu Hause bleiben wollen, und als ihm nun die Tränen über die Wangen rannen, wünschte Evan sich mit aller Kraft, dass er doch mit ihnen gefahren wäre. Dann hätte der Sattelschlepper, der auf der vereisten Fahrbahn ins Rutschen gekommen war und das Leben seiner Eltern und seine gesamte Welt zerstört hatte, auch ihn erwischt.

„Mein Sohn.“ Eine Hand berührte seine Schulter, und Evan sprang auf. Er wippte auf den Fußballen, Arme angewinkelt und die Hände zu Fäusten geballt. Der Mann vor ihm sah ihn lediglich an. Sein Gesicht war gelassen, beinahe heiter, und seine Hände hingen regungslos herunter. „Ich werde dir nicht wehtun“, sagte er ruhig.

Evans Arme wurden schwer, und er ließ sie fallen. Sein Körper war nach wie vor bereit, beim kleinsten Anzeichen von Gefahr zu flüchten. „Was wollen Sie?“, fragte Evan, trat einen Schritt zurück und stieß gegen die Wand hinter ihm. „Ich will keine Kunden, Sie können also einfach weitergehen.“ Er musterte den Mann, angefangen bei den sauberen, schlichten Schuhen über die schwarze Hose bis zu dem ebenfalls schlichten Mantel, der am Hals gerade so weit offen stand, dass er das schwarze Hemd mit dem weißen Kragen darunter sehen konnte. „Oh“, sagte er leise, „einer von denen.“

Er hatte schon vorher Pfarrer und Priester und so dabei gehabt. Sie waren wenigstens sanfter als die meisten anderen, auch wenn sie ihn genauso benutzten wie alle anderen auch. „Fünfzig“, sagte er leise und hielt auf die Dunkelheit zwischen den Geschäften zu, während sich hinter ihm die Straße langsam belebte.

„Nein, mein Sohn“, erwiderte der Mann sanft, „das ist es nicht, was ich will.“

Evans Kampfgeist verließ ihn, und er wandte sich ab, um zu gehen. Wenn der Mann kein Kunde war, Evan hatte genug Geld und er konnte sich für den Tag einen warmen Platz leisten und vielleicht ein bisschen schlafen und seinen leeren, laut knurrenden Magen füllen.

„Ich kann dir helfen“, rief der Mann Evan leise nach, mit einer Sanftheit in seiner Stimme, die Evan nicht mehr gehört hatte seit ... Evan blinzelte und zwang all seinen Kummer und seinen Schmerz hinter den Schutzwall, der sich nach dem Durchbruch von vorhin bereits wieder aufgebaut hatte.

„Ich will nichts von dir“, fügte der Priester hinzu. „Versprochen. Komm, ich lade dich zum Frühstück ein.“ Er deutete auf ein kleines Café auf der anderen Straßenseite. „Ich verspreche, dass ich dir nicht wehtun werde.“

Evan sah zu wie der Priester – er nahm zumindest an, dass er ein Priester war, er hätte auch genauso gut sonst irgendein Kirchenmann sein können soweit Evan das wusste – über die Straße ging und sich nach ihm umsah, dann die Tür des Cafés öffnete und darin verschwand. Evan rang mit sich und versuchte zu entscheiden, was er tun sollte. Letztendlich war es sein laut knurrender Magen, der die Entscheidung für ihn traf. Evan trat auf die Straße.

Ein Taxi hupte ihn an. Evan wartete, bis es vorbeigefahren war, und zeigte dann dem Taxifahrer den Mittelfinger. Das machte man schließlich bei Taxifahrern so. Damit verließ ihn endgültig aller Kampfgeist, zusammen mit dem letzten bisschen Energie. Langsam überquerte er die Straße. Vor der Tür des Cafés zögerte er, dann öffnete er sie und trat ein.

Evan sah den verächtlichen Blick der Frau hinter dem Tresen. Er hatte keine Ahnung, was er ihr getan hatte, dass sie ihn so ansah, aber ihretwegen hatte er dieses Café immer gemieden. Jedes Mal, wenn sie ihn sah, warf sie ihm einen Blick zu, als sei er etwas, das sie von ihren Schuhen abgekratzt hatte. Und vielleicht war er ja auch genau das. Vielleicht war er nicht besser als der Dreck unter ihren Schuhen.

Er sah sich um und entdeckte den Priester, der an einem Tisch in einer Nische saß und ihn beobachtete. Als er ihm zunickte, ging Evan langsam zu ihm hinüber, wobei er genau die Reaktion des Mannes beobachtete.

„Sehr gut. Setze dich“, sagte der Priester. Evan setzte sich ihm gegenüber hin und hielt weiter Ausschau nach irgendeinem Anzeichen von Täuschung oder Betrug, aber der Gesichtsausdruck des Mannes schien so offen und ehrlich wie Evan es nicht mehr gesehen hatte, seit er auf der Straße gelandet war. Es musste etwas geben, das der Mann von ihm wollte. Niemand tat irgendwas für umsonst. Das hatte er rasch herausgefunden, als der Mann, der ihm in der ersten Nacht geholfen hatte, als er sich allein wiedergefunden hatte, versucht hatte, sich zu nehmen was er wollte. Evan hatte schnell gelernt und war rasch misstrauisch geworden gegenüber allem und jedem.

Eine uralte Kellnerin näherte sich ihrem Tisch und lächelte den Priester an, aber bei Evans Anblick verzog sie finster das Gesicht. Sie reichte dem Priester die Karte, dann legte sie widerwillig eine weitere vor Evan auf den Tisch und verschwand.

„Was wollen Sie?“, fragte Evan und durchbohrte den Mann mit seinem Blick, forderte ihn dazu heraus, zu versuchen Evan anzulügen.

Die Kellnerin kam zurück, und der Priester bestellte ein riesiges Frühstück. Evan sagte, dass er dasselbe nehmen würde. Wenn schon sonst nichts würde er zumindest etwas zu essen bekommen.

„Wie heißt du, mein Sohn?“, fragte der Priester und wartete stumm, als die Kellnerin ihnen Kaffee brachte. Evan legte die Hände um seinen Becher und ließ die Wärme seine fast tauben Finger auftauen.

„Wie willst du mich nennen?“, fragte Evan. Auch das war nur eine Masche, aber er sagte nie jemandem seinen wirklichen Namen. Er hatte das Gefühl, dass er sonst das letzte Bisschen seines wahren Selbsts aufgeben würde, den letzten Rest der Person, die er gewesen war, bevor sich alles verändert hatte.

„Lass die Spielchen, ich dulde so etwas nicht“, rügte der Mann streng, aber ohne auch nur den Hauch einer Drohung in seinem Tonfall.

Evan schluckte schwer, nippte an seinem Kaffee und spürte, wie er heiß seine Speiseröhre hinunter rann und seinen Magen mit Wärme füllte. Er stellte den Becher ab und griff nach den Zuckerpäckchen, riss vier davon auf und kippte den Inhalt in seinen Kaffee, bevor er einen weiteren Schluck trank. Der Priester sagte nichts weiter, aber seine ernsten braunen Augen sahen ihn fest, aber gütig an.

„Evan“, sagte er schließlich, fast flüsternd.

„Gut. Ich bin Vater Valentin, und wie ich bereits sagte, werde ich dir in keinster Weise wehtun“, sagte der Priester. Er nippte an seinem Kaffee, verzog das Gesicht und stellte den Becher zurück auf den Tisch. „Kannst du mir sagen, wie alt du bist?“

„Natürlich, meinen Sie ich bin doof, oder was?“, erwiderte Evan scharf. „Ich bin sechzehn, und ich kann ganz gut auf mich selbst aufpassen.“ Wieder forderte Evan den Priester stumm dazu heraus, ihm zu widersprechen.

„Da bin ich mir sicher“, antwortete der mit einem Lächeln.

Die Kellnerin kam zurück und stellte ihre Teller vor sie auf den Tisch. Evan schnappte sich eine Scheibe Toast und schob sie sich komplett in den Mund, kaute und schluckte schnell, bevor er gierig die andere Scheibe verschlang. Er nahm seine Gabel und machte sich über die Eier her, dann verputzte er die Butterkartoffeln mit nur drei Bissen.

„Ich verspreche dir, dass niemand versuchen wird, dir deinen Teller wegzunehmen“, neckte der Priester ihn.

Evan ignorierte ihn und schaufelte das Essen so schnell in seinen Mund, wie er schlucken konnte, ein Arm auf dem Tisch, um seine Beute zu beschützen, während er wachsam die nähere Umgebung im Auge behielt. Erst als der Teller leer war, blickte er wieder zu dem Priester auf und sah, wie dieser ihn mit einem halben Lächeln betrachtete. „Danke“, sagte Evan leise, als eine halb-vergessene Stimme ihm innerlich zuflüsterte, was er zu tun hatte. Die Stimme klang sehr wie die seiner Mutter.

„Hast du noch Hunger?“ Der Priester wartete nicht auf eine Antwort, sondern tauschte einfach Evans Teller gegen seinen eigenen aus. Evans Augen wurden groß, und er aß weiter, bis sein Bauch sich wirklich, richtig voll anfühlte – ein Gefühl, das er seit dem Sommer nicht mehr gehabt hatte; damals hatte er die Obstbäume im Park entdeckt und sich direkt vom Baum satt essen können, zumindest solange bis man ihn vertrieben hatte.

„Evan, weißt du, wo deine Eltern sind?“

Er nickte, konnte sich aber nicht dazu bringen, die Worte laut auszusprechen. Der bloße Gedanke daran fühlte sich an, als würde er sich noch einmal von ihnen verabschieden. Monatelang hatte er gehofft, dass alles nur ein Versehen gewesen war. Aber es war keines. Er wusste das jetzt, aber er konnte es immer noch nicht aussprechen, konnte die Worte nicht sagen, zumindest nicht zu einem Fremden. Aber Evans Gesichtsausdruck schien dem Priester genug zu verraten denn der Mann nickte lediglich.

„Evan, ich kann dir helfen, wenn du es zulässt. Ich leite eine Schule für Jungen, und ich würde dich gerne dorthin mitnehmen.“

Evan begriff jetzt. Der Priester würde ihn zu dieser „Schule“ mitnehmen, und im Gegenzug zu einem Platz zum Schlafen würde Evan sich um die Bedürfnisse des Priesters kümmern. Er hatte schon von einem der Jungen, die er im Sommer getroffen hatte, von solchen Orten gehört. Tom war so was von einem alten Knacker, der immer im Park herumlungert hatte, angeboten worden. Das letzte Mal, als Evan ihn gesehen hatte, hatte Tom in Saus und Braus gelebt, und alles was er dafür tun musste war, sich ab und zu von dem alten Sack ficken zu lassen.

„Was muss ich dafür tun?“ Evan lehnte sich über den Tisch und sah den Priester fest an. „Du willst, dass ich dir den Schwanz lutsche, oder?“

„Nein, Evan, das will ich ganz bestimmt nicht. Ich will nichts weiter von dir als die Wahrheit, wenn ich dir eine Frage stelle. Die Priester und Brüder meines Ordens sind Erzieher“, fuhr er fort, „und wir glauben daran, dass jeder Junge eine Ausbildung und eine Chance auf ein besseres Leben verdient. In der Schule wirst du Pflichten haben, die du erfüllen musst, und es wird Dinge geben, die wir alle von dir erwarten werden, so wie gutes Betragen, dass du deine Hausaufgaben machst und respektvoll mit deinen Lehrern und Mitschülern umgehst.“

„Tolle Rede, Vater, aber was wollen Sie in echt?“

„Ich möchte dir eine Chance geben, von der Straße wegzukommen. Ich möchte dir einen Ort geben, an dem du sicher und warm bist, wo es genug zu essen gibt und wo du dich nicht für Geld verkaufen musst.“

Evan sah sich um, sah die anderen Gäste im Café an und versuchte herauszubekommen, ob der Typ das echt ernst meinte. Er wollte jemanden fragen, aber niemand sah auch nur in ihre Richtung. „Wer sind Sie, der Weihnachtsmann? Weil ich glaub schon lang nicht mehr an den Scheiß.“

„Nein, und ich versichere dir, dass mein Angebot aufrichtig ist. Ich glaube daran, dass wir unseren Mitmenschen helfen sollen, und ich möchte dir helfen. Wirst du das zulassen?“, fragte der Priester, dann fügte er hinzu: „Und bitte keine Kraftausdrücke mehr. Das ist noch eine von unseren Regeln und ein Aspekt des respektvollen Umgangs mit anderen.“

Meinte der Typ das wirklich ernst? Evan starrte ihn an und versuchte immer noch, dahinterzukommen, als die Kellnerin die Rechnung brachte. Vater Valentin bezahlte bar und stand auf. Es schien viel zu gut, um wahr zu sein, aber etwas sagte Evan, dass es dumm wäre, das Angebot nicht anzunehmen. Und wenn Vater Valentin doch nur so viel Scheiße laberte, wie Evan vermutete, dann konnte er immer noch wieder weglaufen.

„Kommst du mit oder bleibst du hier?“, fragte der Priester, und Evan rutschte von seinem Stuhl und folgte ihm. Er schob die Hände wieder in seine Taschen und umklammerte die schmutzigen Geldscheine wie eine Rettungsleine.

Draußen ging Vater Valentin zu einem alten, klapprigen Kombi mit Zierleisten aus Holzimitat, schloss auf, hielt ihm die Tür auf und wartete. Evan stieg ein und fragte sich, wovor er soviel Angst hatte. Er war schon oft in fremde Autos gestiegen, und das nicht mit Männern, die sagten, dass sie ihm helfen wollten. Vielleicht war es die Unsicherheit? Die anderen Male, wenn er in ein Auto gestiegen war, hatte er gewusst, warum er das tat und was von ihm erwartet wurde. Aber diesmal hatte er nicht die geringste Ahnung. Evan beobachtete, wie Vater Valentin die Fahrertür öffnete, ins Auto stieg und den alten Motor mit einem Gebet und ein paar schmeichelnden Worten anließ.

„Schnalle dich bitte an. Meine Bernadette hier läuft zwar noch ganz gut, aber manchmal ist sie ein bisschen unberechenbar.“ Vater Valentin legte den ersten Gang ein, und Evan spürte einen Ruck, als das Auto förmlich in den Verkehr sprang.

Sie fuhren eine Weile durch die Innenstadt und dann weiter durch Straßen, die zu einem sehr alten Teil von Milwaukee zu gehören schienen. Wunderschöne alte Häuser standen neben baufälligen Wracks, von denen die meisten allerdings von Gerüsten umhüllt waren. Ohne bewusst darüber nachzudenken, achtete Evan auf den Weg und prägte sich Orientierungspunkte ein für den Fall, dass er weglaufen und den Weg allein zurückfinden musste. Er traute sich nicht zu glauben, dass tatsächlich jemand willens war, ihm zu helfen. Aber tief in seinem Innern hoffte ein kleiner Teil von ihm, dass vielleicht, nur vielleicht, Vater Valentin die Wahrheit sagte.

Dutzende Orientierungspunkte flogen an ihm vorbei, und Evan versuchte, sich alle zu merken, aber dann gab er auf. Er wusste, dass er überleben konnte. Er hatte es viele Monate lang getan, und er konnte und würde es wieder tun, sobald er herausgefunden hatte, was genau Vater Valentin von ihm wollte. Das alte Auto hüpfte über die ausgebesserten Straßen und rüttelte sie ordentlich durch. Die Gebäude am Straßenrand wurden niedriger, Wohnblocks wurden von Einfamilienhäusern ersetzt und die Fahrt wurde ruhiger, während die Häuser größer wurden. Sie fuhren immer weiter. Die Häuser wichen Feldern und Scheunen und grasenden Tieren, die Evan noch nie zuvor gesehen hatte.

Am Horizont tauchte ein Hügel auf, auf dessen Kuppe ein großes Gebäude stand, und je näher sie kamen, desto größer wurde es. „Das ist die Schule“, sagte Vater Valentin und deutete mit der Hand über das Lenkrad hinweg.

Als das Gebäude sich riesig über ihnen auftürmte, streckte Evan den Kopf aus dem Fenster. Er fand, dass es wie ein Spukhaus aussah mit seinen großen Fenstern und den hohen Türmen, die über der Landschaft aufragten. Er schauderte leicht und sah sich schnell zu dem Mann am Steuer um. Evan rechnete fast damit, dass er sich in irgendeine bösartige Kreatur verwandelt hatte, aber Vater Valentin lächelte ihn sanft an.

„Ich hoffe, dass es dir hier gefallen wird. Es ist ein guter Ort und ich verspreche dir, dass wir uns gut um dich kümmern werden. Ein Teil der Arbeit meines Ordens ist es, jenen zu helfen, die unsere Hilfe benötigen, und als ich dich aus der Gasse kommen sah, da wusste ich, dass ich versuchen musste, dir zu helfen.“

Evan schaute zu Boden und rutschte mit den Füßen in seinen ausgelatschten Schuhen hin und her. Er wusste nicht, warum es ihn störte, dass Vater Valentin ihn in der Gasse gesehen hatte, aber das tat es. Der Mann war echt nett zu ihm gewesen, bisher jedenfalls. Evan weigerte sich zwar, in seiner Wachsamkeit nachzulassen, aber etwas in ihm fühlte sich anders an, leichter. War das Hoffnung? Evan wusste es nicht, und er unterdrückte das Gefühl schnell wieder. In den letzten Monaten war er doch immer nur wieder enttäuscht worden, wenn er sich so gefühlt hatte.

Das Auto bog in eine lange Auffahrt ein, die mit Bäumen gesäumt war, und fuhr die sich in Serpentinen windenden Straße den Hügel hinauf bis auf einen Parkplatz. Evan versuchte, das Gebäude ganz zu sehen, aber es ragte zu hoch über ihm auf. Alles was er sehen konnte waren senfgelbe Mauern und braune Fensterrahmen.

„Wo sind wir hier?“, fragte Evan leise und linste durch das Fenster nach draußen. Zwischen den auf dem Gipfel des Hügels thronenden Gebäuden sah er etwas, das wie eine Kirche aussah.

„Das ist die St. Bartholomäus Akademie für Jungen“, sagte Vater Valentin stolz, als er seine Tür öffnete und aus dem Wagen stieg. Evan stieg ebenfalls aus, und nach der langen Fahrt im warmen Auto wurde ihm in der klaren, sauberen Luft sofort wieder kalt.

„Vater, Sie sind zurück.“ Evan sah einen anderen Mann näherkommen, der gegen die Kälte dick eingehüllt war. „Wie war die Konferenz mit dem Bischof?“

„Ergiebig, Bruder William“, sagte er und fügte hinzu: „Das Auto müsste entladen werden. Würdest du dich darum kümmern, während ich Evan hier nach drinnen ins Warme bringe?“

„Ich ... ich ... k-kann helfen“, bot Evan mit klappernden Zähnen an.

„Sei nicht albern, du frierst dich zu Tode.“ Vater Valentin ging auf eine Doppeltür zu, und weil er keine Ahnung hatte, was er sonst tun sollte, folgte Evan ihm. Beim Eintreten fühlte er sich in eine andere Welt versetzt, eine Welt, in der er sofort von Wärme eingehüllt wurde. „Mein Büro ist hier entlang“, sagte Vater Valentin mit einer Geste. Evan nickte langsam und folgte ihm den stillen Flur hinunter. „Die anderen Jungen sind gerade im Unterricht, aber es wird hier bald recht laut werden“, erklärte Vater Valentin, als sie auf eine große Tür zugingen. Er öffnete sie und bedeutete Evan, einzutreten. Evan kam langsam näher und spähte durch die Tür, dann schaute er zurück den Flur hinunter.

Ein Teil von ihm wollte weglaufen. Er hatte auf dem Weg durch das Gebäude eine Statue von einem Mann gesehen, der seinen abgetrennten Kopf in den Händen hielt, und eine andere von einem Mann, der von lauter Pfeilen durchbohrt war. Er fragte sich, was das wohl für Menschen waren, die in einer solchen Umgebung lebten. Als er nun in den Raum spähte, fiel sein Blick sofort auf eine weitere Statue, diesmal aber von einer hübschen Frau mit einem blauen Mantel. Sie sah nett aus, heiter und gelassen. Evan sah zu Vater Valentin auf, der ihn anlächelte und nickte. Er trat ein und schaute sich um. Vater Valentin folgte ihm und schloss die Tür hinter sich. Jetzt würde er also die Quittung präsentiert bekommen, dachte Evan und beobachtete den Priester, der um ihn herum zu seinem Schreibtisch ging.

„Setze dich, Evan“, sagte Vater Valentin sanft und deutete auf einen der Stühle. „Ich habe ein paar Fragen an dich, und ich möchte, dass du sie ehrlich beantwortest. Das ist alles, das wir je von anderen verlangen können: dass sie ehrlich sind. Ich verspreche dir, dich für deine Antworten weder zu beurteilen noch zu verurteilen. Verstehst du das?“

Evan verstand nicht, aber er nickte trotzdem in der Hoffnung, dass Vater Valentin endlich ausspucken würde, was er von ihm wollte.

Vater Valentin stand wieder auf, kam um den Schreibtisch herum und setzte sich auf den Stuhl neben Evan. „Ich weiß, dass dies alles für dich schwer zu glauben ist, und so will ich mir einen Moment Zeit nehmen, dir alles zu erklären, damit du verstehst, was ich dir anbiete und was von dir erwartet wird.“ Vater Valentins Stimme klang so warm und fürsorglich, dass Evan sich ganz vorsichtig traute zu glauben, dass die Sache wirklich echt war. „Diese Schule ist eine konfessionelle Schule“, fuhr er erklärend fort. „Du wirst jeden Tag am Gottesdienst teilnehmen, gemeinsam mit den anderen Jungen. Wir werden dich testen, um zu sehen, wie weit du schulisch bist, und um einen entsprechenden Stundenplan für dich zu erstellen. Kurzgefasst, die Schule wird dein Zuhause sein und ich, gemeinsam mit den Brüdern, werde deine Familie sein.“

Evan hob seinen Blick von dem kleinen Fleck auf dem Teppich, den er angestarrt hatte. „Und was ist der Preis dafür? Niemand tut irgendwas für umsonst, soviel weiß ich auch. Was wollen Sie von mir?“

Vater Valentin nickte langsam, seine Augen blieben sanft und gütig. „Der Preis dafür ist deine Bildung. Alles was ich von dir verlange ist, dass du dein Bestes in der Schule gibst, um zu lernen, und ein guter, mitfühlender Mensch zu sein. Weiter erwarte und verlange ich nichts von dir. Es gibt ein paar Regeln, an die wir uns hier alle halten. Eine ist Respekt im Umgang mit deinen Lehrern und Mitschülern. Eine zweite ist, dass die Art Handlungen, an denen du Teil hattest, ehe du hierher kamst, nicht toleriert wird.“ Vater Valentins Stimme wurde fest und bestimmt. „Ich verstehe, dass du versucht hast, zu überleben, und ich kann das respektieren. Aber hier streben wir danach, gottgefällig zu leben, und diese Art von Handlung ist nicht akzeptabel.“ Evan konnte spüren, wie Vater Valentins Augen ihn durchbohrend ansahen. „Was wir dir im Gegenzug anbieten werden ist ein sicherer Ort, an dem du lernen kannst, ein aufrechter junger Mann zu sein. Ein Ort an dem du beginnen kannst, dir eine Zukunft fern der Straße aufzubauen.“

Evan schluckte. War das wirklich echt wahr? Es schien einfach zu gut, um wahr zu sein. „Sie wollen echt nichts anderes von mir?“

Vater Valentin schüttelte langsam den Kopf. „Nein. Nun, nicht in der Art, wie du denkst. Ich will in der Tat etwas von dir. Ich will, dass du ein guter Schüler wirst und zu einem anständigen Mann mit einer vielversprechenden Zukunft heranwächst. Nichts weiter.“ Er hob einen Finger, und Evan machte sich darauf gefasst, dass ihm nun der Boden unter den Füßen weggezogen werden würde. „Aber ich hätte gerne ein paar Antworten.“

„Was für Antworten?“, fragte Evan zögernd.

„Lass uns mit deinem vollen Namen beginnen.“ Vater Valentin griff nach einem Notizblock.

„Evan Donaldson“, antwortete er und sprach damit zum ersten Mal seit dem Tod seiner Eltern seinen vollen Namen laut aus.

Vater Valentin notierte den Namen und lehnte sich dann in seinem Stuhl vor, ein sanfter, gütiger Ausdruck auf seinem Gesicht. „Was ist mit deiner Familie passiert?“ Evan wusste, dass er irgendwann darüber würde reden müssen, aber er wollte nicht, schüttelte nur den Kopf und sah weg. „Ich bitte dich, mir zu vertrauen, Evan. Ich werde nichts tun, um dich zu verletzen, aber ich muss wissen, was dir widerfahren ist, damit ich versuchen kann, dir zu helfen.“

„Sie sind im Frühling bei einem Autounfall gestorben“, antwortete er dem Fußboden. „Ich wünschte, ich wäre dabei gewesen“, fügte Evan hinzu. Er schluckte schwer und versuchte verzweifelt, seine Emotionen unter Kontrolle zu behalten.

„Hast du sonst keine Familie?“, hörte er Vater Valentin fragen. Evan schüttelte den Kopf, sicher, dass er kein weiteres Wort würde herausbringen können. „Bist du zu einer Pflegefamilie geschickt worde