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DAS KLINGELN seines Handys, das gerade … irgendwo … zum Leben erwachte, riss Clayton aus dem Schlaf. Er drehte sich herum. Seine Beine verhedderten sich in den kühlen Satindecken, als er sich in seinem Bett lang ausstreckte. Ein Blick auf die Uhr zeigte, dass der Minutenzeiger kurz vor fünf Uhr stand.

„Mist“, murmelte er. Ein Anruf um fünf Uhr morgens bedeutete nichts Gutes.

Nachdem er die Decken von seinen Beinen gestrampelt hatte, krabbelte er aus dem Bett. Sein Handy befand sich immer noch in seiner Jeans, dort wo er sie gestern Abend fallen gelassen hatte. Es surrte empört, als er es herausfischte und auf ‚annehmen‘ drückte.

„Ja?“, meldete er sich.

Als er sich wieder zum Bett wandte, sah er den Typen von gestern Nacht breit ausgestreckt bewegungslos auf der Matratze liegen und den Schlaf der … nun ja, nicht der Unschuldigen, aber der Sorglosen schlafen. Gestern Nacht schnarchte leise ins Kissen. Clayton verzog das Gesicht und tapste leise in Richtung Schlafzimmertür, während Maureens raue Stimme in sein Ohr seufzte.

„Es ist zu früh“, räumte sie ein. Es ließ sich nicht ohne Weiteres feststellen, ob das als Entschuldigung oder als Wertung gemeint war.

„Ich bin wach“, sagte er, klemmte sich das Handy unters Ohr und ging in die Küche. „Wenn es um Janes Fall geht, ich habe ihr von Anfang an gesagt, dass wir einen langen Atem haben müssen. Theoretisch …“

„Nicht Jane“, unterbrach ihn Maureen. Er hörte, wie sie an ihrer Zigarette saugte und dann den Rauch ausstieß. „Ein neuer Fall.“

Oh verflucht.

Clayton zog die Kühlschranktür auf. Der aus dem weißen Kasten strömende Schwall kalter Luft sorgte dafür, dass sich seine Eier eng an seinem Körper nach oben zogen, und verscheuchte die letzten Reste Müdigkeit aus seinem Kopf. Fröstelnd griff er nach der Karaffe mit dem Cold Brew Kaffee und stieß die Tür anschließend wieder zu.

„Ich habe dir doch schon gesagt, dass ich keine weiteren Pro Bono Fälle mehr annehmen kann. Es tut mir leid, aber sie rechnen sich nicht – wortwörtlich.“

Sie stieß ein unfreundliches Schnauben aus. „Ich habe dein Auto gesehen, Clayton. Es ist ja nicht so, als ob es dir wehtun würde.“

„Nein, tut es nicht.“ Clayton goss sich eine Tasse Kaffee ein und trank einen Schluck. Er war so stark, dass er das Gesicht verzog. Dann schlenderte er damit zu dem großen, eine Wand dominierenden Fenster und blickte hinab auf den Verkehr, der wie Wasser die Straße hinabströmte. „Aber ich habe auch nicht vor, damit anzufangen. Keine weiteren Fälle.“

„Nur noch einer.“

Clayton runzelte die Stirn. Die Fensterscheibe spiegelte den scheinbar nur aus spitzen Knochen und ausgeprägte Vertiefungen bestehenden Ausdruck wider. „Ich feilsche nicht.“

„Sie hat einen kaputten Arm, einen fünfjährigen Sohn und weiß nicht, wohin“, leierte sie schnell herunter. Für eine Frau, die vierzig Kippen am Tag rauchte und ein Asthmaspray benötigte, konnte sie äußerst schnell reden, wenn sie nur wollte. „Wenn wir ihr nicht helfen, weiß ich nicht, was sie tun wird. Also ein Fall noch.“

Sag einfach Nein. Du gehst schließlich noch einer bezahlten Arbeit nach. Bei diesem Thema war Clayton nicht sicher, ob er die Stimme in seinem Ohr als Engel oder als Teufel bezeichnen sollte. Sie besaß auf jeden Fall den spitzen Unterton von Claytons Mentor – Daniel Baker – dem Seniorpartner der Kanzlei.

„Sie hat um dich gebeten“, erklärte Maureen, als könnte sie seinen inneren Kampf hören.

„Mich?“

„Namentlich. Clayton, sie meint, dass du ihr helfen kannst.“

„Ein Treffen“, gab Clayton nach. Er hatte genug Klienten, denen er Rechnungen schreiben konnte. Der Immobilienmarkt wuchs und nahm wieder ab, die Zahl der Straftaten nahm zu und sank wieder, aber die Liebe starb immer. „Ich werde sie beraten, einen Plan für sie ausarbeiten und du besorgst ihr einen Anwalt, der Zeit für ihren Fall hat.“

Das Geräusch, das Maureen von sich gab, konnte mit viel Optimismus als zustimmend durchgehen. Sie legte auf, bevor er sich noch weiter absichern konnte. Das konnte man ihr schwerlich vorwerfen. Nach beinahe zwanzig Jahren als Leiterin eines Frauenhauses machte sie das Beste aus dem, was sie bekam.

Während er den kalten Kaffee austrank und ins Schlafzimmer zurückkehrte, ging Clayton im Kopf seinen Tagesplan durch. Seine Nachmittagstermine waren in Stein gemeißelt. Am Vormittag war er jedoch flexibler. Wenn er auf das Mittagessen verzichtete, das Meeting mit einem Juniorpartner nach hinten verschob und das Kaffeetrinken mit Baker ins Büro verlegte, statt sich mit ihm in der lächerlich protzigen Teestube zu treffen, die Baker so gut gefiel, müsste sein Tag eigentlich ohne einen Knacks wieder in den gewohnten Bahnen verlaufen.

Wenn er das Fitnessstudio am Abend ausließ, konnte er sich vielleicht endlich mal entspannen.

Das Selbstmitleid tropfte genau in dem Moment in sein Bewusstsein, als er die Schlafzimmertür öffnete und sein Blick auf den nackten Hintern und die langen Beine von Letzter Nacht fielen. Er stieß ein Schnauben aus, als sein Schwanz beschloss, dass er aufgewärmt genug war, um interessiert zu zucken.

Keine Zeit.

„Ich habe einen Anruf bekommen und muss zur Arbeit.“ Auf dem Weg am Bett vorbei versetzte er dem Hintern von Letzter Nacht einen Klaps. Der Mann stöhnte auf, streckte und kratzte sich. „Du musst aufstehen.“

Letzte Nacht – oh Mann, er musste einen Namen genannt haben, der Clayton anscheinend entfallen war – rollte sich herum und rieb sich mit den Händen über das Gesicht, in dem Knitterfalten des Kissens prangten. „Wie spät ist es?“

„In der Küche steht Kaffee.“ Clayton angelte ein Netzshirt von der Stuhllehne und warf es in Richtung Bett. Letzte Nacht fing es unbeholfen aus der Luft und wickelte es sich um die Finger. „Tut mir leid. Die Pflicht ruft.“

Er ließ den Mann sich anziehen und ging ins Badezimmer. Der starke Wasserstrahl hämmerte ihm die vorherige Nacht aus dem Körper und spülte Glitzer, Schweiß und klebriges Sperma in den Abguss. Das heiße Wasser vertrieb die Müdigkeit aus seinen Muskeln und Schultern.

Als Clayton geduscht und angezogen zurückkehrte, hatte sich der junge Mann – letzte Nacht in enger Lederhose die pure Verführung – in einen geschwätzigen Kunststudenten in Sportkleidung aus Wisconsin verwandelt. Der Mann hatte sich bereits Kaffee und Toast genommen.

„Letzte Nacht hatte ich viel Spaß“, erklärte er, den Mund voller Brot und Marmelade. Selbstgefällig grinsend deutete er auf ein Stück Papier auf dem Tisch. Auf der Rückseite einer Chinarestaurant-Speisekarte stand eine hingekritzelte Zahlenreihe. „Ich dachte, falls du irgendwann Lust auf eine Wiederholung hast, könntest du mich ja anrufen?“

„Das mache ich vielleicht tatsächlich.“

Würde er nicht. Das tat er nie. Wenn sie sich noch einmal treffen würden, wäre es kein One-Night-Stand mehr. Es schien jedoch ein wenig zu brutal, das vor Sonnenaufgang zu erwähnen. Daher hängte er die Karte stattdessen an den Kühlschrank. „Allerdings muss ich mich erst um die Arbeit kümmern.“

Etwas im Blick von Letzter Nacht weckte in ihm die Vermutung, dass der Mann sehr wohl wusste, was Clayton nicht laut aussprach. Doch er bedrängte ihn nicht. Clayton hatte schließlich keine Versprechungen gemacht, die er dann nicht eingehalten hatte.

Stattdessen drückte der Kerl ihm einen leichten Abschiedskuss auf den Mund und ging. Clayton leckte den Geschmack nach Orange und Zweifel von seinen Lippen, während er auf das Klicken der Eingangstür wartete. Dann warf er einen Blick auf seine Uhr und verzog das Gesicht. Wenn er das durchziehen wollte, musste er sich langsam auf den Weg machen.

 

 

NADINE GRAHAM stellte sich als eine kleine, Jeans tragende nicht mehr allzu junge Frau mit üppigen Brüsten und blondem Haar heraus. Ihre Kleidung war teuer, die Jeans hauteng, das T-Shirt tief ausgeschnitten. Sie trug hübschen Modeschmuck aus klobigem Plastik und billigem Metall. Ihr Trauring dagegen bestand aus Weißgold. Die Diamanten darauf könnten auch mit einem modischen Schliff oder unter einer Lupe nicht größer wirken. Ein Zeichen, um klarzustellen, dass sie vergeben war.

Wie ihr angespannter Blick verriet, hatte Clayton nicht als einziger Zweifel an seinen morgendlichen Entscheidungen.

Tatsächlich wirkte ihr kurzes Lächeln dann auch unbehaglich, als er seinen langen Körper in einen für eine kleinere Person gedachten Stuhl faltete und seine Aktentasche neben sich stellte.

„Ich … ich glaube, ich habe einen Fehler gemacht“, erklärte Nadine. Ihr Blick huschte unruhig durch den Raum, über die ramponierten Wände und die „Das bedeutet Einwilligung“ Poster. „Ich sollte nicht hier sein.“

„Niemand sollte hier sein“, sagte Clayton. Er blickte auf den eingegipsten Arm. Merkwürdig verkrampft lag er in ihrem Schoß, als wäre das Gewicht ungewohnt. Der Gipsverband wies einige Tragespuren auf, war also nicht ganz neu, doch bisher hatte noch niemand darauf geschrieben. Clayton behielt das im Hinterkopf. Die meisten Menschen besaßen zumindest einige Freunde mit Filzstiften, die darauf bestanden, etwas darauf zu kritzeln: ein Herz, ein „Gute Besserung“ oder bei Männern einen Schwanz und Eier. „Manchmal ist das hier einfach der sicherste Ort.“

Nadine verschränkte wie um den Gips zu verbergen die Arme und begann abwesend mit ihren grellrosa Nägeln daran zu knibbeln. „Ich bin nicht … Ich bin sicher, das ist es“, stimmte sie zu. „Es ist nur nicht … Sie würden es nicht verstehen.“

Clayton lehnte sich in dem zu kleinen, schlecht gepolsterten Stuhl zurück. Es kam ihm immer noch merkwürdig vor, in Jeans und seinem alten College Sweatshirt ein Klientengespräch zu führen. Doch beim Anblick eines Anzugs mit Krawatte fühlten sich die Leute im Frauenhaus nur unwohl.

„Ich bin nicht die Polizei und auch nicht das Jugendamt“, sagte er. „Ich bin einfach nur ein Anwalt. Wenn Sie irgendetwas nicht wollen, kann ich Sie nicht dazu zwingen. Ich bin heute nur hier, um Sie über Ihre Möglichkeiten zu beraten. Falls Sie das wollen.“

Sie warf ihm einen scharfen Blick aus ihren unglaublich blauen Augen zu. Das Aufblitzen von Schläue gehörte einer weniger aufgerieben aussehenden Frau. „Und dann?“

„Das liegt ganz bei Ihnen.“

Sie klemmte die Lippe zwischen die Zähne und nickte schließlich.

„Okay.“

Clayton ging mit ihr schnell eine schmutzige kurze Liste mit den wichtigsten zehn Punkten durch, die zu erledigen waren, wenn man plante, seinen gewalttätigen Ehemann zu verlassen. Außerdem erklärte er ihr die rechtlichen Möglichkeiten in Bezug auf ihren Familienstand und die Sorgerechtsvereinbarungen. Er beschönigte und verharmloste nichts. Es klang unglaublich entmutigend, war jedoch immer noch besser, als zu lügen.

Nadine hörte schweigend bis zum Ende zu. Dann stieß sie ein völlig unglaubwürdiges Lachen aus.

„Tut mir leid“, entschuldigte sie sich schnell und legte sich eine Hand auf den Mund. „Ich wollte nicht … das bin nicht ich. Das sind nicht wir. Wir sind nicht … wir sind nicht wie diese Menschen. Er ist kein Monster. Ich bin kein Opfer.“

Es gehörte nicht zu Claytons Job, sie zu irgendetwas zu drängen. Das würde auch weiß Gott nicht funktionieren. Trotzdem musste er die Stille füllen.

„Ich bin Scheidungsanwalt, Mrs Graham“, sagte er schließlich. „Ich habe mit einer Menge zerbrochener Ehen zu tun. Der Großteil der Betroffenen sind keine Monster oder Opfer, sondern einfach nur Menschen, die es nicht länger ertragen.“

Durch ihre Finger erhaschte er einen Blick auf ein bitteres Lächeln. „Wie viele von uns sind in einem – oh Gott – Frauenhaus?“

„Einige.“

Nadine wandte den Blick ab und begann auf ihrer Unterlippe zu kauen, bis sich der Lippenstift löste und die Schwellung darunter sichtbar wurde. Ihr Blick irrte weiter durch den Raum, als wären die Türen verschlossen und sie auf der Suche nach einem Fluchtweg.

„Sie denken, dass ich ihn verlassen sollte, oder? Das kann ich Ihnen nicht verübeln. Ich denke auch, dass ich ihn verlassen sollte. Nur was, wenn ich das nicht kann? Was soll ich dann tun? Er ist … er kümmert sich um Harry und mich. Alleine bin ich nutzlos. Das war ich immer schon.“

Sie betonte es, als wäre es eine Tatsache, leierte es herunter wie ein Datum aus dem Geschichtsunterricht.

Eine übertrieben laute Stimme unterbrach ihr Gespräch. Auf der anderen Seite der Tür erklärte Maureen lang und breit die vielen guten – frei erfundenen – Eigenschaften eines ihrer Hunde. Der, den sie dabeihatte bekämpfte anscheinend Albträume, indem er sie wie Zuckerwatte aufaß.

„Hunde mögen keine Zuckerwatte.“ Die Stimme klang jung und unsicher, aber fasziniert.

„Speck-Zuckerwatte“, konterte Maureen prompt. „Hunde lieben sie.“

Nadine klappte ihren Körper auseinander und schnippte mit den Fingerspitzen schnell die Feuchtigkeit von ihren falschen Wimpern. Clayton hatte gar nicht bemerkt, wie zusammengekrümmt sie bis dahin gesessen hatte. Als Maureen – den dämonenfressenden Hund unter den Arm geklemmt – einen kleinen, stämmigen Jungen in den Raum schob, hatte sie ein Lächeln aufgesetzt.

„Entschuldigen Sie die Störung“, sagte Maureen mit ihrer kratzigen Stimme. Sie klang wie eine große Frau. Die Art Frau, an die sich Clayton aus seiner Kindheit erinnerte: mit Titten wie Ablageflächen und Plattfüßen in abgenutzten Flip-Flops. Sie hatten sich von niemandem etwas vormachen lassen und seiner Überzeugung nach hatte der Spruch „mit beiden Beinen fest auf dem Boden stehen“, bei ihnen seinen Ursprung gehabt. Und obwohl er nie Zeuge geworden war, dass sie sich von irgendjemandem hatte beeindrucken lassen, war die kleine, leicht abgekämpfte halbkoreanische Frau eine wahre Naturgewalt. „Harry hat sich gefragt, wo Sie sind.“

Zum ersten Mal wirkte Nadines Lächeln echt. Sie streckte die Hand aus und wackelte mit den kaugummirosafarbenen Fingern in Richtung ihres Sohnes. „Genau hier. Hast du mich vermisst?“

„Nein“, sagte er mit der beleidigten Eitelkeit eines kleinen Jungen. Als Nadine mit gespielter Enttäuschung den Mund verzog, gab er nach. „Vielleicht. Geht’s dir gut, Mom?“

„Natürlich.“

Die Lüge hatte ziemlich überzeugend geklungen, doch Harry sah nicht so aus, als würde er sie ihr abkaufen. Er warf Clayton einen misstrauischen Blick zu und stellte sich vor seine Mom. Sein rundes, mit Sommersprossen übersätes Gesicht besaß das gesunde Aussehen eines Kindes aus einer alten Abenteuergeschichte. Sein matter, müder Blick entsprach allerdings dem eines enttäuschten Mannes im mittleren Alter.

Diesen Ausdruck hatte Clayton bereits zuvor gesehen.

„Wer bist du?“, fragte Harry herausfordernd. „Warst du gemein zu meiner Mom?“

„Nein, war er nicht“, platzte Nadine offenkundig beschämt heraus. Sie griff nach Harrys Arm und zog ihn wieder neben sich. „Das war unhöflich, Harry. Mr Reynolds ist ein Freund von Mrs Park und wir unterhalten uns nur. In Ordnung?“

Sie wartete. Harry schlängelte sich herum und schaute Clayton finster an. Der lehnte sich zurück und versuchte so harmlos wie möglich auszusehen.

„Daddy hat gesagt, Frauen und Männer können nicht befreundet sein“, verkündete Harry.

Bei der Antwort zerfurchte ein gequälter Ausdruck Nadines Gesicht. Nur mit Mühe gelang es ihr, die Stimme unter Kontrolle zu behalten, als sie weiter sprach. „Das reicht, Harry. Dein Daddy sagt eine Menge dummer Sachen. Klar?“

Harry schabte mit dem Fuß über den Boden und schaute mürrisch. „Klar“, murmelte er schließlich.

Nadine wischte sich abermals über das Gesicht, sodass er ein Lächeln sah, als er wieder zu ihr blickte. „Warum gehst du nicht mit Mrs Park und spielst mit dem Welpen?“

„Er isst nicht nur böse Träume“, beschwatzte ihn Maureen. „Er kann auch Kunststücke.“

Offensichtlich hin und hergerissen, schaute er zu dem magischen, schlechte Träume essenden flauschigen Knäuel, das sich in Maureens Armen hin und herwand. Harry zappelte auf der Stelle herum.

„Bist du ganz bestimmt okay?“, wollte er wissen.

Nadine verdrehte die Augen und versetzte ihm einen sanften Schubs in Richtung Tür.

„Mir geht es ausgesprochen gut. Geh schon.“

Nach einem letzten Blick in Claytons Richtung, schlurfte Harry zu Maureen, die in die Hocke ging, sich vorbeugte und fragte: „Möchtest du ihn tragen?“

Harrys bekümmert gekrümmter Rücken straffte sich und er stieß ein „Ja, bitte“ aus. Sie unterdrückte ein Lächeln und reichte ihm das flauschige Knäuel. Der Hund begann ihm sofort in der Hoffnung auf klebrige Überbleibsel, das Gesicht abzulecken. Nach einem beruhigenden Nicken in Nadines Richtung verließ Maureen mit dem Jungen den Raum.

„Er … James und ich hatten Streit und dabei habe ich mich selbst verletzt. Er war der Meinung, dass ich nicht ins Krankenhaus müsste. Als ich darauf bestanden habe, hat er mich eingesperrt. Bei Anbruch der Dunkelheit ist Harry nach unten geschlichen, um mich wieder rauszulassen. James wollte mich natürlich nicht die ganze Nacht dort lassen, aber Harry war …“

Sie holte tief Luft und presste im Versuch, die Tränen zurückzuhalten, die Fingerspitzen gegen die Augenlider.

„Eigentlich ist er nicht so. Das ist nicht seine Schuld“, erklärte sie. „Er ist nur … Er versucht, Dinge zu ändern … für uns … und das … bedeutet eine Menge Stress. Die Leute stressen ihn. Es ist ja nicht so, dass er mich geschlagen hätte.“

Clayton zog ein Taschentuch aus der Tasche und beugte sich vor, um es ihr anzubieten. „Ich kann Ihnen helfen, wenn Sie das wollen“, sagte er. „Jetzt, später. Das spielt keine Rolle.“

Sie nahm das Taschentuch, zerknüllte es jedoch in ihren Händen, statt es zu benutzen.

„Ich kann ihn nicht verlassen“, stellte sie klar. „Ich wäre nicht in der Lage, für mich selbst zu sorgen – ganz zu schweigen für Harry. Ich habe seit fünf Jahren nicht mehr gearbeitet, und als ich es noch getan habe, war ich Kellnerin … eine … oben ohne Kellnerin. Das wird den Richter unglaublich beeindrucken, was?“

„Mein Job ist es, dafür zu sorgen, dass Sie bekommen, was Ihnen zusteht. Ihnen beiden.“

Nadine schob kampflustig das Kinn vor und schnaubte verächtlich. Dann schob sie sich eine Strähne des hellen Haares hinter das Ohr. „Von James bekommt niemand das, was ihm zusteht“, erklärte sie. „Er mag es nicht, zu verlieren. Was, wenn ich ihn verlasse und nicht das Sorgerecht für Harry bekomme? James liebt ihn. Ich weiß, dass er das tut. Aber er ist … hat keine Geduld. Das Risiko kann ich doch nicht eingehen, oder?“

Clayton wollte es ihr erzählen. Es würde nichts nutzen. Sie musste die Entscheidung alleine treffen. Doch er wollte es trotzdem.

„Bei einer Scheidung besteht immer das Risiko, das Sie nicht das bekommen, was Sie sich wünschen. Was ich mir wünsche“, sagte er. „Manchmal ist am Ende niemand glücklich.“

Sie holte tief Luft und drehte das Tuch zwischen den Fingern, bis es riss. „Kann ich darüber nachdenken?“

„Natürlich. Sie müssen sich sicher sein.“

Mit einem Nicken stand Nadine vorsichtig auf. Claytons Muskeln spannten sich an, um ihr mit gewohnter Höflichkeit die Hand zu reichen. Ebenso wie sein Anzug führte das aber manchmal nur dazu, dass sich die Leute unwohl fühlten. Daher wartete er, bis sie stand, und erhob sich dann ebenfalls.

„Eins noch, bevor Sie gehen.“ Sie stoppte und blickte ihn wachsam an. „Maureen meinte, dass Sie explizit um mich gebeten hätten. Ich glaube nicht, dass wir uns schon einmal begegnet sind. Daher habe ich mich gefragt, wie Sie auf mich gekommen sind?“

„Durch James“, sagte Nadine. Als Clayton fragend die Augenbrauen hob, huschte ein flüchtiges Lächeln über ihre Lippen. „Gewissermaßen. Dieser Mann, Davy – ein ehemaliger Arbeitskollege – hat sich voller Häme darüber ausgelassen, dass er diesen Superanwalt beauftragt hat, seine Frau aber nur diesen ehrenamtlichen Trottel Reynolds aus dem Frauenhaus hat. Sie heißt Mia? Mia Avagyon?“

Der Name klang vage vertraut, allerdings nicht genug, um ein Gesicht und eine Ehegeschichte aus Claytons Gedächtnis heraufzubeschwören. Das hatte allerdings nichts zu bedeuten. Er arbeitete bereits so lange als Anwalt, dass ihm nur die sehr gewinnbringenden und die sehr schlimmen Fälle ohne Blick in die Fallakte präsent waren. Trotzdem nickte er, als könne er sich an Mia erinnern.

„James hat ihn vor allen Leuten ausgelacht. Er meinte, dass Mia nicht nur die Mädchen bekommen würde, sondern ihn auch ansonsten an den Eiern hätte. Er sagte, Sie würden für diese noble Kanzlei arbeiten, bei der die besten Privatermittler im Staat auf der Gehaltsliste stehen und dass die es herausfinden würden, wenn Davy jemals auch nur ein Kind beschimpft hätte. Derzeit darf Davy seine Kinder nicht mehr unbeaufsichtigt sehen. Daher habe ich gestern Abend, nachdem ich gegangen bin, Mia angerufen. Sie riet mir, hierher zu kommen. Ich hatte Fragen von ihr erwartet, doch es kamen keine.“

Es war das erste Mal, dass ein gewalttätiger Ehemann Clayton empfohlen hatte. Er war sich seiner Gefühle darüber nicht im Klaren, doch das war kaum Nadines Schuld.

„Sollten Sie beschließen, die Sache durchzuziehen, Nadine, werde ich mein Bestes für Sie und Harry geben.“

Sie nickte und blieb bewegungslos stehen, als wären ihre Füße am Boden festgeklebt.

„Die Sache ist, dass ich ihn liebe“, gestand sie trostlos. Erneut ließ sie den Blick durch den Raum schweifen: über die Wände, die dringend einen neuen Anstrich benötigten, die Klebebandflecken auf dem Teppich, die unter sorgfältig platzierten Stühlen und billigen Läufern versteckt waren. Sie schluckte angestrengt. „Vermutlich hören Sie das ständig.“

Clayton dachte an den stumpfen Blick eines alten Mannes im Gesicht eines argwöhnischen Kindes – nicht das von Harry, normalerweise ein schmaleres und schmutzigeres. Doch der Blick war der gleiche.

„Jeden Tag meines Lebens“, bestätigte er.