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WÄHREND ICH hinter dem Gerichtsmediziner den langen, grauen Flur hinunterging, bemerkte ich, dass mein Herz aufgehört hatte zu schlagen. Ich wusste nicht, wann das Organ, das normalerweise Blut durch meinen Körper pumpte, den Dienst quittiert hatte, aber ich vermutete, dass es tags zuvor gewesen war, als man mir am Telefon mitgeteilt hatte, dass mein bester Freund, Crane Adams, tot war. Alles in mir hatte den Dienst quittiert. Genau in diesem Moment hatte ich aufgehört zu atmen … es war mir nur nicht aufgefallen.

Ich war nicht in der Lage gewesen, meine Lungen mit Luft zu füllen oder Worte über meine Lippen zu bringen. Für einen schrecklichen Moment war es mir sogar unmöglich gewesen, etwas zu sehen. Nicht, dass ich in der Lage gewesen wäre, anderen meine Panik begreiflich zu machen – schließlich war ich stumm. Schon komisch, wie schnell sich alles in die richtige Perspektive rückte, wenn etwas Reales passierte, etwas, das alles veränderte.

„Jin?“

Niemand konnte von mir erwarten, nach diesem Moment je wieder derselbe zu sein.

„Schatz?“

Ich drehte den Kopf, um in die honigfarbenen Augen meines Gefährten, des Semel, zu schauen: Logan Church, der Anführer unseres Werpantherstammes Mafdet.

„Ich kann auch allein reingehen.“

Es war das, was er wollte, aber das war einfach nicht möglich. Ich musste es wissen; musste es mit eigenen Augen sehen. Ich schüttelte den Kopf. Das stand außer Frage.

„Mr Rayne?“

Ich schaute den Mann an, dem wir von der Anmeldung hierher gefolgt waren. Wir waren vor einer Tür stehen geblieben. Sie war aus Stahl und hatte auf Augenhöhe ein kleines Fenster. Zumindest für jemanden von meiner Größe von 1,80m war das Fenster auf Augenhöhe.

Der Mann räusperte sich. „Nur Sie, Mr Rayne und Mr Church“, sagte der Gerichtsmediziner und sah dann Domin und Yuri an. „Sie werden hier draußen warten müssen.“

„Natürlich“, stimmte Yuri sofort zu und sein Blick fiel auf mich.

Er machte sich Sorgen. Das tat er schon seit gestern, als ich aufgehört hatte, zu sprechen.

„Wir warten genau hier“, versicherte mir Domin.

Und als ich ihm in die Augen sah, erkannte ich, dass sein fester Blick, die Tonlage seiner Stimme und sein männlicher, süßer Geruch genug waren, um meinen Zusammenbruch etwas hinauszuzögern. Seine Gegenwart beruhigte und umarmte mich.

Diese Vorstellung war beunruhigend, da wir keine Freunde waren und ich wusste, dass er nur aus Pflichtgefühl hier war. Doch als wir ihn abgeholt hatten, hatte sich seine Ruhe bereits auf mich übertragen, als er sich auf die Rückbank der Limousine setzte und eine seiner Hände über mein Knie streichelte. Dabei waren wir keine Freunde, standen uns nicht einmal nahe. Der Maahes, der Prinz meines Stammes und ich waren bis zu dem Zeitpunkt seines Auszugs eher Zimmergenossen gewesen.

Wenn er jetzt Logan wegen irgendwelcher Stammesangelegenheiten besuchte, wechselten wir kaum zwei Worte, daher war es seltsam, dass seine Anwesenheit überhaupt einen Unterschied machte. Bei Yuri war das schon logischer, immerhin war er mein Sheseru. Er war wie immer hier, um mich zu beschützen, und seine schiere Präsenz gab mir Zuversicht. Doch dass Domin solch einen Effekt hatte, vor allem, da seine Loyalität Logan und nicht mir galt, verwirrte mich. Warum es mich vor dem Ertrinken in einem schwarzblauen Meer bewahrte, wenn ich in seine dunkelbraunen Augen schaute, wusste ich beim besten Willen nicht.

Logan legte mir sanft, aber bestimmt eine Hand in den Nacken, bevor er dem Mann zu verstehen gab, dass wir bereit waren. Als wir den antiseptisch riechenden Raum betraten, fiel mir auf, dass es nur Logans Berührung war, die mich aufrecht hielt. Hätte er nicht neben mir gestanden, wäre ich wohl auf dem Boden gelandet. Ich selbst hatte überhaupt keine Kraft mehr und musste von seiner zehren. Für Werpanther ist eine Berührung immer Trost spendend – schließlich sehnen sich alle Tiere nach Körperkontakt –, doch in diesem Moment gab es nichts anderes für mich.

Als wir den Raum betreten hatten, wurden wir Althea Nelson vorgestellt. Sie war die zweite Gerichtsmedizinerin des Bezirks Clark County. Sie setzte zu einer Erklärung an.

„Es gab ein Feuer. Da seine Stadtwohnung abgebrannt ist, möchte ich, dass Sie sich darauf gefasst machen, was Sie gleich zu sehen bekommen.“ Sie war eine kleine Frau. Dünn, zierlich und mit klaren, durchdringenden braunen Augen. Irgendwie schaffte sie es, gleichzeitig sachlich und mitfühlend auszusehen. „Sind Sie bereit?“

Die Leiche meines besten Freundes lag unter einer schwarzen Plastikplane auf einem Metalltisch in einem grell erleuchteten Raum. In meinem ganzen Leben war ich für nichts weniger bereit gewesen. Mein Herz brach.

Zwei Hände legten sich auf meine Schultern und ich spürte, wie sich mein Gefährte an meinen Rücken schmiegte. Er schickte noch mehr seiner Stärke in meine Richtung. Sie lag in seiner Berührung und seiner Hitze und brannte sich durch meine Kleidung hindurch in meine Haut. Sie reichte tief und war alles, was ich hatte

Die Plane wurde zurückgezogen.

Es dauerte eine Sekunde, weil mein Gehirn zweifelte, doch dann drehte sich mir der Magen um. Für einen kurzen Moment war ich überwältigt. Ich wurde unter einer Lawine von Gefühlen begraben und ein Schrei brach sich in meinem Kopf Bahn. Weil ich die Reah meines Stammes war, war es mir vergönnt, während der Verwandlung in der Regel immer noch auf meinen Verstand zugreifen zu können. Und nur weil ich eine Reah war, war ich in der Lage zu atmen und schließlich zu sprechen. Genau jetzt war die Katze in mir viel hilfreicher als der Mensch.

„Das ist nicht Crane Adams.“

Sekunden vergingen, bevor die Gerichtsmedizinerin entschieden hatte, wie sie auf meine Aussage reagieren wollte. Ich beobachtete sie und sah, wie ihre Bedenken sich in ihrem Gesicht widerspiegelten. Sicherlich hatte sie schon häufig mit zweifelnden Angehörigen zu tun gehabt. „Mr Rayne, Sie –“

„Dieser Mann sieht ihm ähnlich.“ Ich musste husten, weil mein Rachen so trocken war. „Aber das ist nicht sein Gesicht.“

Sie räusperte sich. „Mr Rayne, wie können Sie erkennen, dass –“

„Nein“, unterbrach ich sie. „Ich weiß, was Sie denken, aber ich bin mir sicher. Ich kenne ihn, seit wir sechs Jahre alt waren. Das ist er nicht.“

„Mr Ray –“

„Und wenn Sie nach einem Blinddarm suchen und ihn finden, dann werden auch Sie erkennen, dass Sie den falschen Mann vor sich haben.“

Die Stille im Raum war mit Händen zu greifen.

Ich hörte die Wanduhr ticken. Es war eine dieser funktionalen Uhren mit einem schlichten weißen Ziffernblatt und schwarzen Zahlen.

„Mr Adams hatte eine Blinddarmoperation?“ Sie sah überrascht aus. „In den Daten, die wir aus Chicago bekommen haben, steht darüber nichts.“

„Weil das in Arizona passiert ist, als er einundzwanzig war“, erklärte ich ihr. Und obwohl es schrecklich war, dass dieser arme Mann hier tot war, war ich unglaublich erleichtert. Ich machte ein leises Geräusch, als ich mich daran erinnerte, wie Crane darauf bestanden hatte, dass er nicht verkatert war. Diesmal war er wirklich krank, verdammt! Stundenlang hatte er herumgejammert, bis ich es nicht mehr ertragen hatte und mit ihm in die Notaufnahme gefahren war. Noch auf dem Weg in den OP war er sehr selbstzufrieden gewesen, weil ich endlich einmal unrecht gehabt hatte. Das Letzte, was ich aus seinem Mund hörte, bevor sich die Türen zum Operationssaal schlossen, war, dass ich ein selbstgefälliger Arsch war.

„Können Sie sich an das Krankenhaus erinnern, Mr Rayne?“

„Zum Guten Samariter“, sagte ich.

„Lassen Sie mich das überprüfen. Aber wenn Sie sicher sind …“ Sie brach ab und wartete auf eine Antwort.

„Sehr sicher“, seufzte ich. Es war ein langgezogenes Seufzen, denn ihr Gesichtsausdruck legte nahe, dass der Mann auf dem Tisch vor uns seinen Blinddarm noch hatte. „Ich war dabei.“

„Mr Rayne –“

„Hat dieser Mann noch seinen Blinddarm?“

Sie sah mir in die Augen. „Ja, das hat er.“

„Ja, das hat er“, wiederholte ich. Dann drehte ich mich um und stellte mich auf die Zehenspitzen, um meine Arme um Logans Hals legen und ihn in eine Umarmung ziehen zu können.

Mein Gefährte vergrub eine Hand in meinem Haar, während die andere auf meinem Rücken lag. Er hielt mich fest umschlungen.

„Es tut mir so leid, dass Sie –“

„Nein“, sagte Logan, als seine Arme mich fester umschlossen. „Sie haben nur Ihren Job gemacht.“

„Es tut mir so leid.“

Und mir erst. Mein Gehirn gewöhnte sich so langsam an die neue Sachlage. Ich legte den Kopf in den Nacken und sah Logan ins Gesicht.

„Ich weiß, Schatz“, sagte er und nickte. „Wir werden ihn finden.“

Langsam, aber sicher begann ich zu hyperventilieren.

„Ich schwöre dir, Jin. Wir werden ihn finden. Atme!“

Das musste ich ihm wohl glauben, denn er hatte mich noch nie enttäuscht.

 

 

ICH KANNTE Logan Church seit anderthalb Jahren, doch in dieser Zeit hatte sich mein Leben drastisch verändert. Ich war von einem Einzelgänger, der mit seinem besten Freund Crane von Ort zu Ort zog, zu jemandem geworden, der seinen Gefährten und damit auch ein Zuhause gefunden hatte. Ich war die Reah meines Werpantherstammes, der Gefährte meines Semel und nur sein Wort stand über meinem. Früher hatte ich nichts gehabt, heute dagegen hatte ich alles.

Normalerweise waren Reahs Frauen. Da ich keine Frau war, hatte mein alter Stamm mich verprügelt, als es herauskam. Man verbannte mich und der Stamm und meine Familie waren plötzlich unerreichbar für mich. Der einzige, der loyal zu mir stand, der mich liebte und bei mir blieb, war Crane. Und nun war er erst tot und dann verschollen. Es fiel mir schwer, mich zusammenzureißen.

Als die Tür geöffnet wurde, stand ich von der Couch in der Luxussuite des Venetian Hotel in Las Vegas auf, auf der ich gesessen und durch die Fernsehsender gezappt hatte. Domin trat als erster ein und hielt für die nachfolgenden Personen die Tür offen. Ein ganzer Strom Menschen, von denen ich einige nicht kannte, ergoss sich ins Zimmer, bis endlich auch Logan eintrat. Ich wäre zu meinem Gefährten gegangen, doch Yuri Kosa, der Sheseru – also der Vollstrecker unseres Stammes und mein Beschützer –, legte mir eine Hand auf die Schulter und hielt mich so an Ort und Stelle fest.

„Hier kommen sie alle zu dir, sogar dein Semel.“

Das wusste ich. Dieses Hotelzimmer war so etwas wie ein Zuhause, wenn wir nicht zu Hause waren. Darum waren auch Yuri Kosa und sein Stellvertreter Artem Varda hier bei mir. Weil wir uns in dem Territorium eines Semel befanden, der mit Logan verbündet war, hatte Yuri nicht mehr Männer mitgebracht, um mich zu beschützen. Und trotzdem: Wenn Fremde das Zimmer betraten, blieb Yuri an meiner Seite und Besucher mussten auf mich zugehen. Es war mir nicht gestattet, mich jemandem unterzuordnen. Ich war es, der hier die Regeln machte. Eigentlich waren das nur dumme Werpanthertraditionen, doch es handelte sich um Regeln, die eingehalten werden mussten. Darum gehorchte ich meinem Sheseru ohne Einwand.

Als Logan nahe genug herangekommen war, streckte ich eine Hand nach ihm aus und er nahm sie in seine. Er sah nicht sehr zufrieden aus.

„Was ist passiert?“, fragte ich vorsichtig.

Er schüttelte nur kurz den Kopf, bevor er sich an Domin wandte. Ich sah, wie der Maahes unseres Stammes sich in Position brachte und die Männer ansah, die nach ihm den Raum betreten hatten.

„Ich präsentiere euch meine Reah“, sagte Domin mit einem Kopfnicken in meine Richtung.

Ich sah zu, wie alle vor ihm auf die Knie fielen. Ich erkannte Calvin Reynolds, den Semel des Stammes Opet, der Las Vegas sein Zuhause nannte; seinen Sheseru Roger Tsang und seinen Sylvan, Amanda Dove. Ich vermutete, dass es sich bei dem Dutzend Männer, das er mitgebracht hatte, um seine Khatyu, seine Krieger, handelte. Als ich meinen Blick über die knienden Besucher wandern ließ, blieb er an Amanda hängen. Sie hatte ein hübsches Gesicht und schenkte mir ein schüchternes Lächeln, als sie bemerkte, dass ich sie ansah.

Es hatte mich überrascht, festzustellen, dass in den beiden Stämmen, mit denen ich regelmäßig Kontakt hatte – mein eigener und Christophe Danvers’ Stamm der Pakhet, der in Reno ansässig war –, nicht mehr Frauen als Beraterinnen des Anführers fungierten. Als ich mit Crane durchs Land gereist war, war ich auf viele Stämme gestoßen, in denen Frauen entweder Sheseru, also Vollstrecker, oder Sylvan, Lehrmeister, waren. Sowohl in Logans als auch Christophes Stamm hatten Männer diese Positionen inne. Das hatte mich schon immer verwundert.

Sicherlich hätte sich Logan für die Person entschieden, die sich am meisten für die Position eignete, doch ich konnte nicht einschätzen, welche Maßstäbe Christophe wohl anlegen würde. Ich wusste nicht, wie antiquiert sein Frauenbild vielleicht war. In jedem Fall hatte er eine Furcht einflößende, eifersüchtige Partnerin, die bestimmt alles daran setzte, nicht mit einer anderen Frau unter einem Dach leben zu müssen. Immerhin lebten der Sheseru und der Sylvan in der Regel im Haushalt des Semel, bis sie selbst einen Partner fanden.

„Jin.“

Ich sah zu meinem Gefährten auf. Meistens konnte ich mich selbst in seinen bernsteinfarbenen Augen wiederfinden und sein liebevoller Blick bot mir Rettung an. „Erzähl mir, was passiert ist.“

„Calvin wird es dir erzählen“, sagte er und machte eine Handbewegung in Richtung des Semel vom Stamme Opet. Dieser war mittlerweile wieder aufgestanden, nachdem er mir die Ehre erwiesen hatte und vor mir niedergekniet war. Alle anderen knieten immer noch, da Domin noch keine Erlaubnis erteilt hatte, dass sie wieder aufstehen durften. Calvin war der einzige, der nicht auf diese Erlaubnis warten musste.

Ich sah ihn an.

„Meine Reah“, sagte er und räusperte sich. „Es tut mir so leid, dass ich zugelassen habe, dass du die Pathologie in der Annahme betreten musstest, dass dein Freund tot wäre. Doch die Männer des Stammes Anuket hatten bis vor einer Stunde meine Tochter in ihrer Gewalt, um sich zu vergewissern, dass ich bei dieser Scharade mitmache.“

Wenn Logans Hände mich nicht umfangen und er mich nicht an seine Seite gezogen hätte, wäre ich wohl einfach zu Boden geglitten.

„Anuket, das ist dein alter Stamm, oder?“, fragte Calvin.

„Du weißt, dass er das ist“, sagte Logan zu ihm. „Sprich weiter, sodass wir von hier verschwinden können.“

Er atmete hörbar aus und machte einen Schritt auf mich zu. „Jin, sie haben mein Kind entführt. Sie haben sie gegen ihren Willen festgehalten und damit gedroht, sie zu vergewaltigen und zu töten, wenn ich der Sache nicht ihren Lauf lasse. Es tut mir so unglaublich leid. Aber es ging um mein Kind.“

Ich nickte. Ich hasste ihn und fühlte gleichzeitig mit ihm. Ich dachte an seine Tochter Jaqueline: Jackie, Jack, J … Sie war süß und liebenswert. In der Schule schrieb sie gute Noten und war Anführerin des Schwimmteams. Da ich damals in der Highschool auch Captain des Schwimmteams gewesen war, hatten wir immer viel Gesprächsstoff. Ich mochte ihr niedliches Gesicht, ihre riesigen, schokoladenbraunen Augen und ihren übersprudelnden Charakter. Da Crane im Territorium ihres Vaters lebte und arbeitete, sah ich sie fast so oft wie ihn. Sie hatte mir sogar anvertraut, dass sie in einen Mitschüler verknallt war.

„Er ist weiß. Kannst du dir das vorstellen? Ich und ein weißer Junge?“

Ich sagte ihr, dass ich das konnte. Weiß, schwarz, jede Farbe und alles, was sie wollte. „Deinen Dad wird es nicht stören.“

Das hatte ich ihr gesagt und war sicher gewesen, damit recht zu haben. In Calvins Stamm fanden sich alle Farben des Regenbogens, genauso wie bei Logan. Genauso wie bei den meisten anderen Stämmen. Was man äußerlich war, spielte für ihn, für Logan, keine Rolle, so lange man –

„Aber er ist kein Panther.“

im Inneren ein Panther war. „Oh, scheiße“, war alles, was ich dazu hatte sagen können.

„Oh Gott“, hatte sie gestöhnt, während sie sich aufs Bett fallen ließ. Wenn man sechzehn Jahre alt war, war das das Ende der Welt.

„Jin?“

Ich schüttelte den Kopf, um wieder einen klaren Gedanken fassen zu können. „Ich verstehe das, Cal“, versicherte ich ihm. „Das tue ich wirklich. Erzähl mir einfach, was sie gesagt haben.“

Er räusperte sich. „Du – beziehungsweise Logan – sollst Archer Pike anrufen, sobald du feststellst, dass es sich bei der Leiche nicht um Crane Adams handelt.“

„Wer –“ Ich musste husten. „Wer war das in der Leichenhalle?“

„Ich habe nicht die geringste Ahnung.“

„Keine deiner Katzen?“

„Nein, man hat mir gesagt, dass es kein Panther ist.“

„Es war ein Panther“, sagte Logan. „Ich vermute mal, dir fehlt jemand.“

Calvin machte ein Gesicht, als hätte Logan ihn geschlagen, und das verstand ich nicht. Es war mir egal, ob der Mann nun ein Panther war oder nicht. Ob Mensch oder Panther, jedes Leben war in meinen Augen wertvoll. Für mich – und ich wusste, dass es auch für Logan so war – gab es da keinen Unterschied.

„Jin.“ Logan rief mich bei meinem Namen, um meine Aufmerksamkeit zu erregen. „Wir müssen Archer Pike anrufen.“

Ich nickte.

Logan musste ins Internet und aus der gesicherten Datenbank die Telefonnummer heraussuchen, die er brauchte. Das mit seinem Handy zu erledigen, dauerte nur ein paar Sekunden.

„Bist du bereit?“, fragte er sanft.

Mit einem Nicken ließ ich ihn wissen, dass dem so war.

Ein paar Minuten später saßen wir alle um das Telefon im Wohnzimmer herum und hörten zu, wie es klingelte. Logan hatte den Lautsprecher eingeschaltet.

„Hallo?“

„Ich möchte mit Archer Pike sprechen.“

„Ist am Apparat.“

„Hier ist Logan Church“, grollte mein Gefährte mit tiefer, gefährlicher Stimme. „Du hast den Beset meiner Reah in deiner Gewalt und ich möchte, dass er sofort zurückgegeben wird.“

Ein tiefes Seufzen. „Ich entschuldige mich bei dir für die List, Semel-netjer, und auch bei dem Semel des Stammes Opet entschuldige ich mich dafür, dass ich seine Tochter ausgeborgt habe, doch ich musste irgendwie deine Aufmerksamkeit erregen.“

Es fühlte sich an, als würde Eiswasser durch meine Adern fließen.

„Die hast du.“

„Ich habe in Sobek versucht, mit dir zu sprechen, doch du wolltest mir nicht zuhören. Dann hast du verkündet, dass wir khet sind, also für den jeweils anderen nicht mehr existieren, daher brauchte ich einen anderen Plan. Der Stamm Mnevis versucht, mein Territorium zu erobern und ich brauche dich, deinen Sheseru und deine Khatyu, um mir zu helfen, sie zu vertreiben.“

„Warum sollte ich das tun?“

„Deine Reah ist der Sohn meines Sylvan. Das hier war sein erster Stamm, darum sind wir verbunden.“

„Du musst verrückt sein“, sagte Logan nur. „Nichts verbindet uns und dein Sylvan existiert für mich nicht, genauso wenig wie du und dein ganzer Stamm.“

„Wenn das dein letztes Wort ist, habe ich keine andere Wahl, als den Beset deiner Reah zu töten, der sich in meiner Gewalt befindet.“

Ich gab keinen Ton von mir und als Logan meinen Blick auffing, sah ich den Stolz in seinen Augen. Dass ich ihm vertraute und still blieb, berührte ihn zutiefst.

„Wenn du den Beset meiner Reah, Crane Adams, nicht in die Freiheit entlässt“, begann Logan und sah dabei das Telefon an, „werde ich kommen und ihn holen. Zusammen mit deinem Kopf. Wie du weißt, lebt ein Mitglied der Shu unter meinem Dach und sobald er mit dem Priester gesprochen hat, wird mir dein Leben zuerkannt, Semel des Stammes von Anuket.“

Es folgte eine lange Stille.

„Du dachtest, ich würde einfach zusagen, weil du weißt, dass Jin Crane liebt. Dein Sylvan, Jins Vater, und dein Sheseru, Cranes Vater, haben diesem Plan vermutlich zugestimmt. Doch ich werde dir nicht im Austausch für ein Leben Hilfe zusagen, schon gar nicht, weil mich ein tatsächlicher Bund mit Derek Jackson verbindet, dem Mann, der dein Territorium übernehmen will.“

„Er ist Abschaum! Er ist–“

„Er ist ein Heißsporn“, unterbrach ihn Logan. „Und er ist jünger und stärker als du. Er will einen Stamm, der alle Hautfarben widerspiegelt. Er möchte Vielfalt, weil er den stärksten und besten Stamm will. Daher nimmt er neue Stammesmitglieder nur auf, wenn sie bereit sind, an seiner Seite zu stehen. Für mich macht das Sinn.“

„Du kannst doch nicht –“

„Das kann und habe ich. Das lässt sich nicht mehr ungeschehen machen. Dieser Pakt wurde mit seinem und meinem Blut besiegelt. Du wirst also Crane Adams freilassen und alles ist gut. Tust du das nicht, komme ich mit meinem Sheseru, meinen Khatyu und so vielen Shu-Kriegern, wie der Priester mit zugesteht, und dann werde ich dich, deinen Sheseru und deinen Sylvan töten. Ich werde den Stamm Anuket und seine Ahnenreihe zerstören und Derek Jackson überlassen. Entscheide dich.“

Man konnte Archer durch die Leitung atmen hören.

„Sofort!“

Aller Augen waren auf Logan gerichtet. Er rührte keinen Muskel, war vollkommen von seiner Entscheidung überzeugt. Und ich hatte den Atem angehalten, weil ich nichts lieber wollte, als Crane zurückzubekommen. Doch tief in meinem Herzen wusste ich, dass, wenn sie sich dazu entschlossen, ihn nicht an Logan herauszugeben, ich ihn nie wiedersehen würde.

„Du musst hierherkommen und meinem Stamm deine Entscheidung mitteilen. Du musst ihnen sagen, dass du dich weigerst, uns zu helfen“, verlangte Archer.

„Ich werde ihnen helfen, Semel“, versicherte ihm Logan. „Sie können jederzeit hierherkommen und auf meinem Land und bei meinem Stamm Zuflucht suchen, wenn sie nicht Teil des Stammes Mnevis werden wollen. Ich würde sie alle willkommen heißen.“

„Du hast gesagt, mein Stamm ist für dich tot –“

Dein Stamm, Semel“, stellte Logan klar. „Wenn Panther zu mir kommen, um hier unterzuschlüpfen, dann werde ich sie aufnehmen. Sie gehören dann zu meinem Stamm. Das verstehst du sicher.“

Archer hatte keine Ahnung, was für eine Art Mensch Logan war, und das war sein größter Fehler. Logan würde sich nie von Müttern, Vätern und Kindern abwenden. Er würde Geld in die Hand nehmen, um ihren Umzug zu finanzieren, würde mit Derek Jackson sprechen und würde alles tun, um den Übergang für sie so angenehm wie möglich zu gestalten.

„Deine Antwort, Semel“, verlangte Logan.

Durch die Leitung konnte man hören, wie Archer tief ausatmete. „Dann komme und hole dir den Beset deiner Reah.“

„Ich werde mich noch heute auf den Weg machen“, versicherte Logan. „Ich werde mich bei dir melden, nachdem ich mich mit dem Semel des Stammes Mnevis getroffen habe. Du wirst uns, unseren Sylvans und unserem Anhang freies Geleit garantieren.“

„Du wirst nicht deinen Sheseru mitbringen?“

„Das werde ich nicht.“

„Aber wer wird dann –“

„Wie ich bereits erwähnte, befindet sich ein Mitglied der Shu auf meinem Land, Taj Chalthoum. Er wird als mein Sheseru auftreten und Yuri Kosa vertreten.“

„Ich verstehe nicht, wie du deinen Sheseru zurücklassen kannst, wenn deine Reah –“

„Du solltest dich nie, wirklich nie mit Fragen befassen, die meine Reah betreffen“, sagte Logan und seine Stimme, die kalt geklungen hatte, hatte jetzt auch noch einen warnenden Unterton angenommen.

„Wir bitten um die Anwesenheit deiner Reah.“

„Abgelehnt.“

Ich hätte gern etwas gesagt, da ich unbedingt mitkommen wollte, doch wenn Logan schon abgelehnt hatte, konnte ich keine Einwände mehr erheben. Zumindest nicht öffentlich. Doch wenn wir erst einmal allein waren, würde er sich für diese Entscheidung einiges anhören dürfen.

„Mein Sylvan und seine Gefährtin, die Mutter deiner Reah, möchten ihren Sohn sehen.“

Meine Mutter wollte mich genauso wenig sehen wie mein Vater. Das war einfach Blödsinn.

„Meine Reah wird keinen Fuß auf dein Territorium setzen und das ist mein letztes Wort in dieser Angelegenheit. Und jetzt möchte ich mit Crane Adams sprechen oder wir treffen uns bei einem Kampf in der Arena wieder.“

Ich hörte, wie Archer scharf Luft holte. Alle hatten Logan letzten Sommer in der Arena kämpfen sehen. Alle Anführer reisten einmal im Jahr nach Sobek, einer Stadt in Ägypten zwischen Gizeh und KairOh um dort das Fest des Tales zu feiern. Letztes Jahr hatte Logan den Semel vom Stamm Dendera getötet, weil der mich entführt und gefoltert hatte. In der Arena hatte jeder sehen können, wie groß und gefährlich er war. Archer konnte nicht wollen, dass sie einander im Kampf gegenüberstanden.

„Ich kann deinem Wunsch nicht nachkommen, Logan Church, da Crane Adams im Moment nicht bei Bewusstsein ist. Noch bevor ich bei seiner Befragung zugegen war, wurde er von meinem Sheseru gegeißelt.“

Ich musste mich an der Stuhllehne festhalten, weil sich der ganze Raum plötzlich zur Seite zu neigen schien. Mir wurde übel.

Crane.

Sie hatten meinen besten Freund gefoltert und ich war nicht da gewesen, um sie aufzuhalten.

„Er wurde gegeißelt“, sagte Logan, als würde ihn die Vorstellung verwirren.

„Ja.“

Im Raum schien es keine Luft zum Atmen mehr zu geben. Mein Brustkorb fühlte sich an, als stecke er in einem Korsett und meine Augen füllten sich mit Tränen. Ich biss mir auf die Innenseite meiner Wange, um keinen Laut von mir zu geben. Er war gefoltert und dann entstellt worden. Gegeißelt zu werden bedeutete, mit Messern traktiert zu werden, bis Blut floss. Und dann wurde man verstümmelt. Es war nicht dasselbe wie als Apophi, als Schande, markiert zu werden. Wenn ein Semel eine seiner Katzen so markierte, nahm er ihr ein Auge oder fügte ihr eine Narbe zu. Doch das geschah schnell. Es war nicht als Todesstoß gemeint, sondern als eine Aussage, die in Blut getätigt wurde. Das geschah während eines Stammestreffens oder während eines Kampfes in der Arena, wo viele Zeugen der Zeremonie beiwohnten.

Eine Katze wurde von einem Stamm gegeißelt, wenn sie sich ohne Erlaubnis auf dessen Land aufhielt. Normalerweise geschah dies am Ende einer Jagd und unter der Anleitung des Sheseru. In der Nacht, als ich Delphine, die Schwester meines Gefährten, kennengelernt hatte, war sie allein auf dem Land eines anderen Panthers unterwegs gewesen. Das hätte für sie böse Folgen haben können, wenn Crane und ich nicht eingegriffen und wenn Markel, zu diesem Zeitpunkt Domins Sheseru, mehr im Sinn gehabt hätte, als sie nur zu erschrecken. Eine so bestrafte Katze überlebte oder auch nicht, je nachdem, wie schwer die Strafe ausfiel, die der Vollstrecker des Stammes vorgesehen hatte. Der Katze wurden Schmerzen zugefügt, und je nach Stamm wurde sie verstümmelt oder sogar geschändet. Ohne nachzufragen, gab es keine Möglichkeit abzuschätzen, was meinem besten Freund angetan worden war. Die Tatsache, dass es sein eigener Vater war, der ihn verstümmelt hatte, der anderen erlaubt hatte, ihn festzuhalten, zu foltern, ihm wehzutun und ihn bluten zu lassen, ging über mein Vorstellungsvermögen. Ich konnte nicht nicht mitkommen. Auf keinen Fall.

Ich drehte mich um und ging zum Fenster hinüber, um auf die Skyline von Las Vegas hinunterzuschauen.

„Semel“, sagte Logan mit kalter Stimme. „Ich habe meine Meinung geändert.“

„Dahingehend, ob du deine Reah mitbringst?“

„Dahingehend, ob ich meinen Sheseru mitbringe“, erwiderte er. „Ich werde Yuri Kosa mitbringen und wenn wir ankommen, werden sich dein Sheseru und meiner in der Arena treffen und es wird einen Kampf auf Leben und Tod geben.“

„Das kannst du nicht verlangen –“

„Und ob ich das verlange!“, brach es aus Logan heraus. „Und ich werde noch heute den Priester kontaktieren, sodass ich Shu Krieger als Zeugen bei mir haben kann.“

„Ich –“

„Er wird sterben! Entweder von der Hand meines Sheseru oder durch den Priester, aber er wird sterben!“

„Ja“, sagte Archer atemlos.

„Wie konntest du nur auf die Idee kommen, dich am Beset meiner Reah zu vergreifen? Meiner Reah! Ich bin nicht dein Freund, Semel. Zwischen uns gibt es kein Bündnis.“

„Ich –“

„Ich bin Semel-netjer!“

Sie standen sich nicht von Angesicht zu Angesicht gegenüber, doch selbst durch die Telefonleitung hindurch jagte Logan Archer eine Todesangst ein. Man konnte ihn durch das Telefon wimmern hören.

„Du wirst mir die Namen aller Männer geben, die deinem Sheseru dabei geholfen haben, den Beset meiner Reah zu foltern.“

Foltern.

Das Wort rief viel zu viele schreckliche Bilder vor meinem inneren Auge hervor.

„Hast du mich gehört?“

„Ja.“

„Sollte sich Crane nicht in einem Bett befinden, wenn ich ankomme. Sollte er nicht von einem Arzt versorgt worden sein …“ Er atmete tief ein. „Dann werde ich deine Blutlinie zerstören, Archer Pike. Hast … du … mich … verstanden?“

„Das habe ich.“

„Wir werden morgen zusammen mit Derek Jackson und seinen Männern eintreffen. Du solltest nicht den Fehler machen und mich nach Crane suchen lassen. Verstanden?“

„Ja.“

„Ja?“, zischte er und sein Hass und seine Verachtung waren deutlich in diesem einen Wort zu hören.

„Ja, Semel-netjer.“

Ich hörte, wie Logan auflegte und dann hörte ich, wie etwas scheppernd zerbrach. Ich drehte mich nicht um. Meine Vermutung war, dass er das Telefon aus der Wand gerissen und quer durch den Raum geschleudert hatte. Nur Sekunden später sah ich sein Spiegelbild im Fensterglas neben mir. Ich sah ihn nach Atem ringen, sah den Schmerz in seinen Augen und spürte, wie sein Körper eine Hitzewelle nach der anderen abstrahlte.

„Jin …“

Ich schüttelte den Kopf. Wenn ich auch nur ein Wort sagte, würde ich zusammenbrechen. Dafür war ich noch nicht bereit.

„Geht“, hörte ich Domin zu den Männern sagen, die immer noch auf dem Boden knieten.

„Semel-netjer“, sagt Calvin Reynolds. „Es tut mir so –“

„Lasst uns allein“, unterbrach ihn Yuri. „Wir danken euch für die Unterbringung. Wir werden sie nicht viel länger benötigen.“

Es gab nichts weiter zu sagen. Ich hörte, wie sie das Zimmer verließen und als die Tür hinter ihnen ins Schloss fiel, legte sich eine Stille über den Raum, der uns die Luft zum Atmen zu nehmen schien.

„Ich werde vom Auto aus Taj anrufen“, sagte Domin und seine Stimme klang tief und Furcht einflößend. „Wir sollten nach Hause gehen und packen.“

Ich drehte mich um, ging um Logan herum und hielt auf die Tür zu. Yuri war hinter mir.

„Ich werde sie alle töten, Jin.“

Und auch wenn mein erster Gedanke als Reah Vergebung sein sollte, legten sich diese Worte wie Balsam um mein Herz und gaben mir Trost.

„Das verspreche ich.“

Mehr konnte ich nicht verlangen.