Prolog

 

 

ER HATTE auch zuvor schon in diese Schaufenster gesehen. Nicht die Nase an die Scheibe gedrückt und reingestarrt, nur im Vorbeigehen einen flüchtigen Blick reingeworfen. Genau wie alle anderen auf dem vollen Bürgersteig, die so taten, als schauten sie nicht hin. Er wandte dem The Cage den Rücken zu, verdrehte sich aber das Genick. Drinnen funkelten und glänzten die verführerischen Gerätschaften seiner schmutzigen Sexfantasien unter den Lichtern, als wollten sie ihn herbeiwinken. Er brauchte nur einzutreten.

Ben hatte eigentlich nie jemanden reingehen sehen, aber es waren immer Kunden im Laden. Der Schimmer einer Bewegung oder die Art, wie das Licht von einem Schatten unterbrochen wurde, sagte schon alles.

Die Ambivalenz der Menge auf der Straße verschaffte den Mutigen, die tatsächlich einzutreten wagten, eine gewisse Anonymität.

Dies war kein schmuddeliger Kramladen für geheime Laster in irgendeiner versteckten Seitengasse. Das The Cage war schick, elegant und modern. Große Schaufenster gewährten verführerische Einblicke in das, was einen drinnen erwartete.

Die Fassade des Gebäudes war aus poliertem schwarzem Granit mit einem Hauch von Glitzer in seinen dunklen Tiefen. Die Doppeltüren in modernem Design bestanden aus mattschwarzem Metall. Reihen von horizontalen Fenstern erlaubten heimliche Blicke auf das, was drinnen vor sich ging, gaben jedoch nichts preis.

Der Türgriff war kühl und solide unter seinen Fingern. Er holte tief Luft. Wenn er jetzt nicht reinging, fand er vielleicht nie wieder den Mut dazu.

Die Wände waren schwarz und die Decke mindestens sechs Meter hoch. Rote Neonlichter schlängelten sich durch das Innere, übergossen den schwarzen Fußboden mit blutrotem Schein. Schaufensterpuppen, gekleidet in Leder und Bondage-Zubehör, posierten auf einem hohen Sims entlang der Rückwand. Rote, nach oben gerichtete Strahler verwandelten sie in sinistre Gestalten voll bedrohlicher Verheißung. Er stellte sich vor, sie wären lebendig und starrten ihn hinter ihren Masken hervor abschätzig an.

„Willkommen im The Cage.“

Er drehte sich um und sah sich einer Gruppe von fünf Männern gegenüber. Nein, Moment mal, vier Männern und einer … Dragqueen? Mit den zwanzig-Zentimeter-Absätzen ihrer schenkelhohen Dominastiefel war sie größer als alle anderen. Ihre Haut schimmerte wie poliertes Ebenholz. In ihrem Catsuit aus schwarzem Lackleder war sie selbstbewusst, stark, faszinierend. Der perfekt sitzende Catsuit ließ eine verführerisch androgyne Figur erkennen. Ihre Brust war unverfroren flach und ihre Taille schlank. Sie drehte sich leicht zur Seite, wie um zu verhindern, dass er ihren perfekten, drallen Knackpo übersah. Als Ben auf ihren Hintern starrte, lächelte sie spöttisch.

Ein weißer Mann mit kahlrasiertem Kopf und schwarzer Streberbrille stand neben ihr. Er war weniger formell gekleidet als die anderen, in schwarze Cargohosen und ein T-Shirt. Sein schwarzer Nietenledergürtel gab keinen Aufschluss darüber, welche Seite der Peitsche er bevorzugte.

Ein zweiter Mann, ungefähr Anfang Fünfzig, in anthrazitfarbenem Anzug, weißem Hemd und schwarzer Krawatte, hielt eine nicht angezündete Zigarre zwischen den Zähnen, was die tiefen Falten zwischen seiner Nase und den Mundwinkeln betonte. Er kaute heftig auf der Zigarre herum und Ben wandte hastig den Blick von ihm ab.

Ein hochgewachsener, muskulöser Mann in engen Lederjeans lehnte an einer Vitrine. Ein Netzshirt bedeckte die Ledergurte, die sich über seiner behaarten Brust kreuzten. Seine Augenbrauen waren dicht und sein dunkles Haar modisch gestylt. Der Musketier-Bart gab seinem Gesicht etwas Teuflisches. Er warf Ben einen kurzen Blick zu und beobachtete dann wieder die Menge draußen.

Der letzte Mann kam hinter dem Ladentisch hervor und Ben stockte der Atem.

Dieser Mann war groß, über ein Meter achtzig, und ganz in glänzend schwarzes Leder gekleidet. Sein schwarzes Haar war glatt nach hinten frisiert. Breite Schultern verjüngten sich zu schmalen Hüften. Die Ärmel seines T-Shirts spannten um seine muskulösen Oberarme und seine Hände waren groß und kräftig. Sein gut aussehendes Gesicht wirkte streng, doch seine leicht nach oben gebogenen Lippen deuteten auf einen Sinn für Humor hin. Die Grübchen, die sich auf seinen Wangen bildeten, verwandelten sein höfliches Lächeln in etwas Raubtierhaftes.

Seine gebieterische Haltung ließ Bens Herz vor Furcht und gespannter Erwartung heftig pochen. Von der ganzen imposanten Gruppe, der er sich gegenübersah, war dieser Mann der Alpha. Er stolzierte mit der Selbstsicherheit eines Löwen auf Ben zu, umgarnte ihn mit seinem Blick.

„Was?“, fragte Ben schwach.

„Ich sagte, kann ich dir helfen?“

Oh Scheiße. Oh bitte. Ja.

 

 

 

1

 

 

„WIE GEHT es dir?“

„Die Schmetterlinge in meinem Bauch haben sich gerade in Geier verwandelt.“

„Bist du sicher, dass du das durchziehen willst?“

Ben merkte, dass er mit dem Fuß wippte und hörte auf. Er stand auf und sah Lazar in die Augen. „Ja. Legen wir los.“

Lazar legte Ben die Hände auf die Schultern. „Du kannst es dir immer noch anders überlegen.“

„Entweder ganz oder gar nicht.“ Ben grinste.

„Solange du dich dabei nicht übernimmst. Rollenspiel, Exhibitionismus und Travestie in einer Session ist ganz schön viel auf einmal, selbst für einen Sub mit jahrelanger Erfahrung.“

„Ich lerne schnell.“

„Und?“ Lazar zog die Augenbrauen hoch.

„Ich habe einen tollen Dom.“

„So gefällst du mir.“ Lazar schmunzelte und ließ ihn los. „Dein Safeword für heute Abend?“

„Rot für Stopp, gelb für gib mir ’ne Minute und grün für mehr.“

Lazar lachte noch mal. „Ich wüsste nicht, dass ich was von ‚grün‘ gesagt hätte, aber hoffentlich kriege ich dich dazu, um mehr zu betteln.“

Bens Pulsfrequenz schnellte bei diesen Worten in die Höhe. Betteln … „Das schaffst du doch immer“, murmelte er.

„Wir haben besprochen, was wir machen wollen, aber vielleicht lege ich noch ein paar Überraschungen drauf.“

Ben schnappte nach Luft bei dem boshaften Funkeln, das bei diesem Lächeln in Lazars Augen trat. „O-kay …“

„Das wird ein Spaß.“ Lazar legte die Arme um Ben. „Du weißt, wie du mich stoppen kannst, wenn’s dir zuviel wird.“

„Ja, das weiß ich“, sagte Ben mit mehr Zuversicht.

„Du machst das schon.“ Lazar ließ ihn los. „Jetzt gehst du aber besser, damit du deinen großen Auftritt hinlegen kannst.“

„Stimmt.“

„Komm nicht zu spät, Boy.“

Die Session hatte begonnen.

Vor dem Weggehen blickte Ben sich ein letztes Mal um. So wie jetzt, mit respekteinflößender Miene und ganz in Leder gekleidet, wirkte Lazar fast wie ein Fremder. Es erinnerte Ben an ihre erste Begegnung und er überlegte sich zweimal, ob er das wirklich durchziehen sollte. Doch dann zwinkerte Lazar ihm zu.

Ben schlüpfte hinaus in die Seitengasse, machte die Tür zu und lehnte sich dagegen, um einmal tief durchzuatmen. Hinter ihm wurde der Riegel vorgeschoben. Er konnte immer noch weglaufen oder es sich anders überlegen. Nichts zwang ihn dazu, das hier durchzuziehen.

Nichts als sein eigenes Verlangen.

 

 

„WO SIND denn die fleißigen Bienchen?“, fragte Max mit seiner tiefen, rauen Stimme.

„Hab‘ sie früher gehen lassen, damit sie feiern können. Pride Week. Echt super.“ Lazar schüttelte resigniert den Kopf. „Jetzt dürfen wir hier allein die Stellung halten.“

„Ich glaube nicht, dass du dir unseren Stundensatz leisten kannst“, schnaubte Otto und wandte sich wieder den Schaufenstern zu. Die Menschenmenge draußen hielt einen Großteil des Lichts ab. „Touristen, die auf einen Nervenkitzel aus sind.“

„Ja, wenn sie denn auch was kaufen würden“, sagte Lazar. „Schaufenstergucker blockieren bloß die Tür.“

„Weil die meisten von deinen Kunden viel zu schüchtern sind, um sich durch eine Menschenmenge zu drängeln, Darling.“ Miss Dré blickte nicht mal von dem Spiegel auf, den sie benutzte, um ihre Wimperntusche aufzufrischen.

„Ja, schade, dass sie so zurückhaltend sind.“ Lazar lachte und rollte die Schultern. Heute früh hatte er vor seinem Laden eine öffentliche Flogging-Demo veranstaltet, bei der Bran die Peitsche schwang, angefeuert von einer riesigen Zuschauermenge. Doch als Brans Schultern schlapp machten, war Lazar für ihn eingesprungen. Daher die Muskelverspannungen. Der Sub, der sich als Freiwilliger zur Verfügung gestellt hatte, war zufrieden mit seinem rechtmäßigen Besitzer nach Hause gegangen, begleitet von spielerischen Klapsen diverser Doms aus dem Publikum auf seinen geröteten, von Leder-Chaps umrahmten Arsch. Die Demo hatte zur Folge gehabt, dass Kunden in Scharen ins The Cage strömten und der Umsatz war mehr als zufriedenstellend gewesen.

Brans Zähne schimmerten weiß in seinem gebräunten Gesicht, als er lächelte. „Ich bin inzwischen wieder fit und der Pranger steht immer noch da draußen bereit. Ich könnte rausgehen und mir einen Freiwilligen kapern.“

Sein Körper war imposant, sein kräftiger Hals betont von einem breiten, mit Furcht einflößend spitzen Nieten besetzten Halsband.

„Der Bär geht auf die Jagd. Du brauchst nur in dieser Aufmachung da rauszugehen und schon liegen sie dir im Umkreis von ein paar hundert Metern alle zu Füßen.“

„Ein paar hundert Meter?“ Bran knackste unheilverheißend mit den Fingerknöcheln. „Versuch’s mal mit Meilen. Mein Können als Dom –“

„Ach, sei doch still, Darling. Es heißt Gay Pride Week, nicht S&M Pride Week.“ Miss Dré tänzelte zu Bran, beugte sich vor und peilte mit ihren zum Küssen gespitzten Lippen sein Gesicht an. „Wie viele weibliche Subs, die auf der Suche nach einem Bären wie dir sind, sollen da draußen schon rumlaufen?“

„Wenn sie wüssten, dass ich hier bin, würden sie sich von einem Haufen Tunten nicht fernhalten lassen.“ Bran versuchte sich von ihr loszumachen, doch Miss Dré hakte einen rotlackierten Fingernagel durch den Ring an seinem Brustharnisch, kam ihm noch näher und drückte ihm ein Küsschen auf die Wange. „Ihr Heteros seid ja so süß in eurem Wahn.“

Bran schlang ihr einen Arm um die Taille. „Für dich könnte ich ja mal eine Ausnahme machen.“

Miss Dré schmiegte sich an ihn. „Träum weiter, Darling.“

„Die Berge erschallen vom Klang der Musik“, stellte Otto fest.

„Ich habe keine Ahnung vom Bergsteigen, aber ich hätte nichts dagegen, mal auf den hier zu klettern. Meinst du, du könntest mich verkraften?“ Sie kratzte mit den Nägeln über die eindrucksvolle Beule in Brans Lederhose.

„Hey!“, schrie Bran auf und sprang weg von ihr. „Steck‘ die Klauen weg, Prinzessin.“

„Für dich immer noch androgyne Scheiß-Supermodel-Diva.“ Miss Dré presste sich theatralisch den Handrücken an die Stirn. „Bei dir könnte sogar eine Dame einen Ständer kriegen, aber ach! Unsere Liebe ist zum Scheitern verdammt. Es ist eine Tragödie.“

„Ja, zu schade, dass Shakespeare längst Wurmfutter ist. Der hätte euch ein tolles Happy End schreiben können.“ Lazar kicherte über Brans unbehaglichen Gesichtsausdruck. Ganz ehrlich, manche Heteros waren einfach zu leichte Beute und Miss Dré hatte ein großartiges Gespür dafür, wie weit sie gehen konnte.

Missmutig sagte Max: „Wenn ihr hier schon ständig über Happy Ends redet, könntet ihr wenigstens mal eins liefern. So viele schöne Spielsachen und keiner, an dem man sie ausprobieren kann.“

„Du meinst, Lazar sollte ein paar willige Subs anheuern, die in den Ecken rumstehen und warten, bis man reinkommt und irgendwelchen Scheiß an ihnen ausprobiert? Das ist mal eine Idee.“ Otto nickte beifällig.

Max grinste. „Es ist eine tolle Idee! Das würde so richtig Laufkundschaft bringen, meinst du nicht, Laz?“

„Aber klar doch. Wahrscheinlich müsste ich gegen haufenweise Polizisten ankämpfen, die mich verhören wollen, weil ich Sex gegen Geld anbiete.“

„Scheiß auf die Bullen.“ Max‘ Lächeln verblasste.

„Oh nicht doch, ich mag die“, sagte Lazar. „Ich bin sicher, auf die entfällt mindestens ein Drittel meiner Umsätze.“

„Du meinst, die kommen hier rein?“ Miss Dré fasste sich an die Brust. „Wie kommt es, dass ich dann nie da bin? Ich liebe Männer in Uniform!“

„Sie kommen normalerweise nicht in Uniform zum Einkaufen hierher, Miss Dré“, schnaubte Lazar belustigt. „Ich seh’s schon vor mir: San Franciscos blaue Brigade geht in der Mittagspause in voller Montur auf die Suche nach Spielsachen und sammelt sich dann hier im Laden.“

„Wäre besser für die Figur als eine Donut-Pause“, sagte Bran. „Ich könnte ein bisschen mit ihnen trainieren. Wenigstens mit den Mädels.“

„Das sind alles Lesben, Darling.“ Miss Dré klimperte mit den Wimpern.

„Das Gesetz der Wahrscheinlichkeit spricht dagegen“, meinte Otto. „Wenn sie maskulin aussehen, dann wahrscheinlich nur deshalb, weil das in ihrem Metier für sie von Vorteil ist.“

„Gott, du oller Ingenieur! Man könnte meinen, er erstellt mathematische Formeln für die abgegebene Impulskraft in jedem Peitschenhieb, den er austeilt“, spottete Max.

„Tu‘ ich ja.“ Otto schob seine Brille hoch. „Masse mal Geschwindigkeit ist gleich Impuls. Sagen wir mal, du nimmst einen Flogger mit dünnen Lederriemen und vergleichst ihn mit einem mit breiteren Riemen. Die Energie, die sich von meinem Arm auf den Rücken des Subs überträgt, verteilt sich bei breiteren Riemen über eine größere Fläche. Ergo kann ich mehr reinlegen und er hält länger durch.“

„Wenn man die Art des Leders weglässt, ob die Riemen geflochten oder glatt sind, die Toleranz des Subs, wie du gerade in Form bist, ob du am Abend zuvor Überstunden gemacht hast …“

„Selbstverständlich gibt es eine Formel für jede dieser Gleichungen, Lazar. Jede Variable kann berechnet werden, und …“ Otto zückte sein iPhone und begann zu tippen.

„Darling! Ich hole mir einen Stift, damit ich das aufschreiben kann.“ Miss Dré hielt sich die Hand vor den Mund, um ein zartes Gähnen zu verstecken. „Vielleicht bringt dir deine Theorie ja mal einen Nobel-Hobel Preis ein.“

„Vielleicht sollte sie das.“ Otto starrte Miss Dré an.

„Na toll, jetzt entwirft er einen Doktoranden-Kurs in der Arithmetik des Sadomasochismus“, sagte Lazar.

Bran sagte mit der Stimme der Vernunft: „Eine Menge Leute könnten so einen Kurs gut gebrauchen. Zu viele Amateure.“

Die Glocke über der Tür bimmelte und die Männer blickten auf. Bran und Max warfen einen flüchtigen Blick auf den Neuankömmling und wandten sich lachend ab.

Lazar rief: „Kann ich dir helfen?“

Der Neuankömmling stand da wie festgewachsen und sperrte den Mund auf vor Staunen. Seine Augen waren groß und rund hinter den Gläsern seiner Brille. Der junge Mann, der eine Schlabberjeans und ein T-Shirt mit der Aufschrift „I like to be watched“ trug, schien sich versehentlich in den Laden verirrt zu haben. Lazar gefiel, was er sah. Wie ein urtümlicher Trommelschlag begann ein besitzergreifendes Wort in seinem Inneren zu pochen. Meins.

Nach einer Minute des Schweigens ging der Neuankömmling hinter einer Vitrine in Deckung.

„Oh, ist der niedlich“, kicherte Miss Dré. „Laz, Liebes, mach den Mund zu. Deine Zunge schleift auf dem Fußboden.“

„Was für ein Normalo“, lispelte Bran spöttisch. „Ist wahrscheinlich aus Versehen hier reingestolpert.“

„Wahrscheinlich neu in der Szene.“ Max gähnte. „Ich wette, der sucht einen Anfänger-Plug.“

„Hey, verschreckt mir hier nicht die zahlende Kundschaft“, sagte Lazar.

Wir sind zahlende Kundschaft.“ Max fuchtelte mit seiner unangezündeten Zigarre herum. „Ich lasse sogar jede Menge Kohle hier liegen.“

„Jeder muss mal irgendwo anfangen.“ Lazar leckte sich die Lippen und folgte dem jungen Mann mit den Augen, obwohl von ihm gerade nur sein zerzauster brauner Wuschelkopf zu sehen war. „Vielleicht sollte ich ihm helfen, sich was auszusuchen.“

„Da-damm-dada.“ Miss Dré summte den Hochzeitsmarsch. Ziemlich falsch.

„Kein Wunder, dass ihr Dragqueens immer Play-back singt. Dein Gejaule ist ja nicht zum Aushalten!“ Max hielt sich die Ohren zu.

„Das war Absicht. Ich kann singen!“ Mit blitzenden Augen ging Miss Dré auf Max los, doch ihre Retorte ging in einem lauten Krachen und dem Klirren von splitterndem Glas unter.

Lazar zuckte zusammen und rief: „Hey, alles in Ordnung?“

„Ja“, kam die atemlose Antwort. „Ich glaube, ich hab‘ was kaputtgemacht.“

„Was du nicht sagst.“ Lazar stolzierte zum Tatort und fand den jungen Mann auf allen Vieren vor, Hintern in der Luft. Sein einer Fuß steckte in einem Pappkarton fest und er tastete blindlings auf dem Teppich herum und versuchte, die Glasscherben einzusammeln. Seine Brille lag ein Stück weiter weg.

„Was für ein hübscher Anblick.“ Otto schob seine Brille hoch und starrte auf die runden Backen unter der straff gespannten Schlabberjeans.

„Du hast dir doch nichts getan, oder?“

„Nein, nur deiner Ware.“ Wegen seiner Körperhaltung klang die Stimme des jungen Mannes dumpf. „Tut mir wirklich leid.“

„Stopp! Keine Bewegung!“

Der junge Mann erstarrte sofort und blinzelte zu Lazar auf.

„Was fällt dir ein, die Glasscherben mit bloßen Händen aufzuheben? Lass das!“

„Aus, Fiffi! Sitz, mach Männchen!“ Miss Dré kam zu ihnen rüber geschlendert und zwinkerte dem Jungen zu. „Oooh, ein hübsches Kerlchen! Nanu, Miss Dingsda, ohne Brille bist du ja … huch! Ich wag’s kaum zu sagen, schön!“

„Lass das Glas fallen“, befahl Lazar geduldig. „Auf den Boden. Sofort.“

„Er ist ein ganz helles Köpfchen“, schniefte Max.

„Er ist nur nervös“, sagte Lazar.

Der junge Mann schielte mit zusammengekniffenen Augen nach den Männern, die um ihn herumstanden.