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EDDIE HIGHTOWER betrachtete sich im Badezimmerspiegel. Er legte die Fingerspitzen an die Schläfen, direkt an die beiden Überbleibsel seines auf dem Rückzug befindlichen Haaransatzes. Dann zog er die Haut nach oben und hinten. Die Krähenfüße an seinen Augen verschwanden und die Wangenknochen kamen zum Vorschein.

„Cool“, sagte er.

Natürlich sah er jetzt etwas chinesisch aus, aber das war an und für sich keine schlechte Sache. Mit einem Namen wie Hightower war eine chinesische Abstammung schließlich nicht ganz auszuschließen.

Während er die Krähenfüße glattzog, drückte er mit den Daumen direkt unter den Ohren an den Hals und zog auch dort die Haut zur Wirbelsäule zurück, um die Falten an seiner Kehle und unterm Kinn straff zu ziehen.

„Ohh“, sagte er bewundernd. „Zwanzig Jahre jünger.“ Er ignorierte geflissentlich das Extra-Fleisch, das sich in seinem Nacken ballte wie ein Tumor. Auch der Tatsache, dass er mit seinen Schlitzaugen die Augäpfel so plattdrückte, dass er nur noch verschwommen sehen konnte, schenkte er keine Beachtung.

Nachdem er seine neue Erscheinung aus drei verschiedenen Blickwinkeln begutachtet hatte, brummte er nicht allzu begeistert und ließ wieder los.

Missmutig sah er zu, wie alles wieder in seinen schlaffen Ursprungszustand zurückfiel. Da war er wieder – Eddie Hightower, sechsundvierzig. Vermutlich sah er gar nicht so schlecht aus, aber seine besten Zeiten hatte er definitiv hinter sich.

„Hmm“, brummte er und fand sich resigniert mit dem Anblick im Spiegel ab. Seine braunen Haare wurden dünner. Daran konnte man nichts ändern. Und er wollte verdammt sein, wenn er sich deswegen eine Resthaarfrisur zulegte, um seine Platte zu verbergen. Das wäre nur peinlich. Seine Augen waren noch blau und er brauchte keine Brille, was er als Pluspunkt verbuchte. Sein Rücken war gerade und seine Zähne gesund. Er hatte immer noch eine behaarte Brust und einen halbwegs flachen Bauch. Auch das also kein Grund zur Beschwerde. Sein Sexualtrieb war ebenfalls noch ungedrosselt, auch wenn er derzeit selten voll ausgefahren wurde – worüber Eddie nicht sehr glücklich war. Und nicht zuletzt hatte Eddie immer noch die schmale Taille seiner Jugend. Das verdankte er der Arbeit mit seinem kleinen Tierheim, die ihn ständig auf Trab hielt. Er bezeichnete die unglücklichen Kreaturen, um die er sich kümmerte, oft als seine verlorenen Seelen.

In letzter Zeit hatte er angefangen, sich selbst genauso zu bezeichnen. Eine weitere verlorene Seele. Ein weiteres Schmusekätzchen, das niemand mehr wollte.

Bei dem Gedanken entwich ihm ein widerwilliges Lachen, während er seinem Spiegelbild einen letzten Blick zuwarf. Ja, der gute Eddie Hightower war wie eine Mortadella, die unbeachtet auf dem Regal lag und sich ihrem Verfallsdatum näherte – von der alten Frische war nicht mehr viel zu sehen, die Ecken rollten sich langsam ein und aus der staubigen Verpackung drang ein leichter Geruch nach Verderbnis.

Eddie schnüffelte an seinen Achselhöhlen, um seine Theorie zu testen. Jawoll. Verderbnis.

Er sah die grau-weiß gefleckte Katze an, die vor ihm im Waschbecken saß und jede seiner Bewegungen genauestens beobachtete. Sie hieß Leonardo DeCatrio und wurde Leo genannt. War es nur Eddies Einbildung oder sah Leo ihn tatsächlich so entsetzt an?

„Was meinst du, Leo? Stinke ich? Sei ehrlich.“

„Miau“, sagte Leo.

„Du musst dich nicht zurückhalten. Sag mir, was du denkst.“

„Miau“, sagte Leo wieder, dieses Mal etwas nachdrücklicher. Es hörte sich an, als wollte er sagen: „Ich habe es dir doch schon gesagt. Wie oft muss ich mich denn noch wiederholen?“

Es hörte sich für Eddie wie ein eindeutiges Ja an. Er ließ das Handtuch von den Hüften fallen, trat nackt in die Duschkabine und zog hinter sich den Vorhang zu. Während sich das Wasser von arktisch kalt zu subtropisch erwärmte, sprang er eine Weile auf und ab und brüllte dabei laut. Dann seifte er sich mit einem Waschhandschuh und einem Stück Seife von oben bis unten ein. Pflichtbewusst behandelte er die hängenden Körperteile in der Mitte mit besonderer Vorsicht.

Die hängenden, stillgelegten Körperteile in der Mitte, wie er traurig feststellte.

Er stand eingeschäumt unter dem Wasserstrahl, kniff die Augen zusammen und seufzte resigniert. Eddie konnte sich noch nicht einmal an den Monat oder die Jahreszeit erinnern, wann er das letzte Mal einen Mann in sein Bett gelockt hatte. Wieder seufzte er und der Seufzer kam ihm von den Fußsohlen nach oben gekrochen. Um ehrlich zu sein, hörte er sich mehr wie ein Stöhnen an.

Eddie schaute nach unten und sah einen kleinen flauschigen Kopf, der sich durch den Duschvorhang geschoben hatte und Eddie in seiner nackten Pracht musterte. Der kleine flauschige Kopf gehörte Oxley, einer champagnerfarbenen Perserkatze mit blauen Augen. Oxley war Teil des Hightower-Haushalts, seit er als kleines Kätzchen in einem Pappkarton vor Eddies Haustür abgestellt worden war. Er hatte vom ersten Tag eine ganz besondere Persönlichkeit ausgestrahlt, mit der er sich in Eddies Herz und in Eddies engeren Familienkreis – und als solchen sah Eddie seine Schützlinge an – gestohlen hatte.

Die meisten der Streuner, die Eddie aufsammelte, lernten dieses Sanctum Sanctorum – sein innerstes Heiligtum – nie kennen. Es bestand aus einem ungefähr hunderte Jahre alten, zweistöckigen Farmhaus aus Holzschindeln, das zwischen zwei felsigen Hügeln an einer wenig befahrenen alten Ausfahrtstraße von San Diego, Kalifornien, in der Wüste stand. Hier war Eddies Zuhause, seit eine unverheiratete Tante ihm dieses Haus vor zehn Jahren hinterlassen hatte, zusammen mit einem großen Batzen Geld.

Während das Geld schnell weniger wurde, stand das Haus immer noch. Für Eddie war es seine ganze Welt, seine Burg und seine Heimat. Er liebte die Abgeschiedenheit mitten in der Wüste von Südkalifornien. Soweit das Auge reichte, waren keine Nachbarn zu sehen. Auch das liebte Eddie. Wenn er abends hinterm Haus saß und zusah, wie sich die Nacht über der Wüste ausbreitete, war die Stille manchmal so ohrenbetäubend, dass er das Blut durch seine Adern rauschen hörte.

Dennoch – die Einsamkeit hatte ihn eingeholt in seinem Refugium in der Wüste. Er war nicht allein, das nicht. Seine Tiere leisteten ihm Gesellschaft. Und er war seiner Tante dankbar und erinnerte sich immer wieder daran, dass er ein Glückspilz war, eine solche Tante besessen zu haben.

Die unerwartete Großzügigkeit der Frau, die er kaum gekannte hatte, hatte sein ganzes Leben verändert. Sie hatte auch das Leben vieler Tiere verändert, die unerwünscht waren und ausgesetzt wurden. Die meisten dieser verlassenen und verlorenen Tiere fanden von allein ihren Weg zu Eddies Refugium. Andere, wie Oxley, wurden aus Bequemlichkeit – ihrer Besitzer, nicht der Tiere – vor seiner Haustür abgestellt. Trotzdem hatten nur die wenigsten einen Weg in Eddies Herz gefunden. Die meisten Hunde lebten in eingezäunten Zwingern und Ausläufen und für die Katzen gab es Käfige, die überall auf dem Gelände des drei Morgen großen Grundstücks verstreut standen. Wenn das schlechte Wetter es erforderte, wurden sie – nach Hunden und Katzen getrennt – in Wellblechhüten untergebracht, so ähnlich wie die exotischeren Tiere, die Eddie gelegentlich aufnahm und bei denen es sich um alle möglichen Arten handelte – von Iguanas bis hin zu Kaninchen und Meerschweinchen. Nur die beiden Königsboas hatten ihre eigenen Käfige, um die anderen Gäste zu schützen. Eddie wollte nicht riskieren, dass die großen Schlangen – verständlicherweise – die anderen Tiere mit ihrem Dinner verwechselten. Daher die Einzelhaft.

Natürlich kümmerte sich Eddie um jedes einzelne Tier. Er pflegte und umsorgte sie und versuchte sein Bestes, um für jedes von ihnen ein neues Zuhause zu finden. Und er liebte sie auf seine eigene Weise, wenn auch nicht so, wie er seine eigentlichen Hausgenossen liebte.

Eddie hatte die Doppelgarage neben dem Haus in ein Büro und eine Intensivstation – wie er es nannte – für sein Tierheim umgebaut. Dort hielt er in einer Reihe von Käfigen diejenigen Tiere, die besondere Pflege brauchten und erst wieder aufgepäppelt werden mussten, bevor er sie nach draußen zu ihren Artgenossen lassen konnte.

An einem normalen Tag bot Eddie Hightowers kleines Refugium ungefähr sechzig Tieren Schutz. Die Intensivstation war zurzeit glücklicherweise nicht in Betrieb. Von den rund sechzig Pfleglingen hielten sich nur sechs im Haus auf. Sie waren die einzigen, die Eddie in seine Familie aufgenommen hatte. Dominiert wurde diese kleine Familie von Katzen. Da waren zunächst Leo, der grau-weiß gefleckte Kater, und Oxley, die champagnerfarbene Perserkatze, sowie die pechschwarze Madame Ovary. Sie hieß so, weil sie jeden Kater im weiteren Umkreis bezirzte und auf diese Weise dreimal Junge warf, bevor Eddie sie endlich zum Tierarzt bringen konnte, um sie sterilisieren zu lassen. Seltsamerweise führte sie sich danach immer noch wie ein Flittchen auf und der Tierarzt musste mit rotem Kopf zugeben, dass er bei der Operation vermutlich einen Teil übersehen hatte. Es gab zwar keine kleinen Kätzchen mehr, aber immer noch mehr als genügend Sexualtrieb. Das könnte jedem passieren, hatte der Tierarzt gemeint. Eddie glaubte ihm nicht so ganz und brachte Madame Ovary zu einem weiteren Tierarzt, um die Operation vollenden zu lassen. Bevor der Tierarzt den Eingriff vornehmen konnte, brannte die Praxis bis auf die Grundmauern ab. Zufälligerweise war Madame Ovary die einzige Patientin, die in dieser Nacht dort übernachtete. Und sie entkam dem Feuer. Nachdem die göttliche Vorsehung sich damit schon zum zweiten Mal zugunsten von Madame Ovary eingemischt hatte, beschloss Eddie, ihre sexuellen Rechte nicht weiter beschneiden zu lassen – komme, was da wolle. Man muss nicht extra erwähnen, dass ihm jeder maunzende Lothario im Umkreis von zehn Kilometern dafür dankbar war.

Das vierte und letzte Katzentier der Familie war Chester, ein senfgelber Kater, der schon bei Eddie gelebt hatte, bevor seine Tante starb und er das Haus erbte. Das machte Chester zum Alphatier des kleinen Rudels und auch in Eddies Herzen war ihm ein besonderer Platz vorbehalten. Außerdem war Chester einer der wenigen Kater auf dem Gelände, der Madame Ovarys Avancen bisher entgangen war. Das lag vor allem an seinem fortgeschrittenen Alter und seiner Faulheit. Chester machte sich nicht mehr die Mühe, um die Gunst seiner weiblichen Artgenossen zu buhlen. So ähnlich wie Eddie. (Nicht, dass Eddie jemals einer Dame den Hof gemacht hätte; ihn zog es mehr zum männlichen Teil der menschlichen Rasse.)

Chester verbrachte auf seine alten Tage den größten Teil der Zeit schlafend auf der Fensterbank von Eddies Schlafzimmer im ersten Stock. Die Treppe mutete er seinen arthritischen Gelenken nur noch zu, wenn die Mahlzeiten serviert wurden. Wenn er nicht gerade schlief, beobachtete er von seinem Aussichtsplatz, was unten im Hof vor sich ging und wartete geduldig darauf, dass der Tag endete, Eddie ins Schlafzimmer kam und erschöpft ins Bett fiel. Dann rollte Chester sich zu Füßen seines Herrchens zusammen und schnarchte wie ein Holzfäller, während er vom Frühstück träumte.

Die Caniden wurden in Eddies engerem Familienkreis durch Lucretia und Fred vertreten. Lucretia war eine Schäferhündin, die nur noch drei funktionierende Beine besaß, weil sie als Welpen misshandelt worden war. Als sie in Eddies Refugium auftauchte, war ihr viertes Bein vollkommen verkümmert und schlenkerte beim Laufen nutzlos hin und her. Da es ihr nur noch im Weg war, ließ Eddie es amputieren – was ihn ein Vermögen kostete und einen beträchtlichen Teil vom Erbe seiner Tante auffraß. Seitdem sprang Lucretia auf ihren drei verbliebenen Beinen recht behände durchs Leben und wedelte dabei mit dem Schwanz. Dabei wich Fred nur selten von ihrer Seite. Fred war ein großer, schlaksiger Mischling mit geschecktem Fell, der zumindest teilweise von Windhunden abzustammen schien und unerschütterlich war in seiner Loyalität. Eddie hatte ihn eines Tages vor der Tür seines Hauses vorgefunden, wo ihn jemand mit einer alten Wäscheleine an den Türgriff gebunden hatte. Der arme Kerl war halb verhungert gewesen und kauerte sich ängstlich zusammen. Nach einigen guten Mahlzeiten und reichlich Freundlichkeit hatte er sich an Eddie gebunden, der die Zuneigung des Hundes spürte und ihn in seinem Heim willkommen hieß.

Selbst jetzt, als Eddie tropfend unter der Dusche stand, wusste er, dass Fred draußen vor der Badezimmertür liegen und auf ihn warten würde. Und sobald er aus dem Badezimmer kam, würde Fred aufstehen und ihn begrüßen und so begeistert mit dem Hinterteil wackeln, dass von der Schwanzspitze bis zu den langen Schlappohren alles mitwackelte. Danach würden sie sich beide fröhlich lachend auf den Weg in die Küche begeben, um zu frühstücken, den Rest ihrer Familie im Gefolge. So, wie sie es jeden Morgen taten.

Fünf Minuten später trocknete Eddie sich ab und zog seine übliche Alltagskleidung an – ein T-Shirt und Jeans –, bevor genau das passierte, was er schon im Voraus gewusst hatte. Eddie schüttelte die letzten Wassertropfen aus den Haaren und machte sich mit seinem Gefolge auf den Weg. Er ging an der Sondermülldeponie vorbei (das Wohnzimmer musste dringend geputzt werden) und direkt in die Küche.

Dort füllte er vier Schälchen mit Futter für die Katzen, zwei mit Trockenfutter und Hundeknochen für Lucretia und Fred sowie ein letztes mit Cap’n Crunch’s Crunch Berries für sich selbst. Er schlang sein Frühstück schneller hinunter, als man es aussprechen konnte. Eddie liebte Süßigkeiten jeder Art.

Er spülte sein Geschirr aus und trank drei Tassen Kaffee – heiß und stark. Dann nahm er ein Schoko-Donut aus dem Brotkasten auf dem Kühlschrank (wo ihn die Hunde nicht erreichen konnten) und schlang auch den hinunter. Auf dem Weg zur Tür schnappte er sich noch einen zweiten Donut, dieses Mal einen mit Streuseln. Eddie liebte auch Streusel und der Donut war aufgegessen, bevor er die Veranda hinterm Haus erreichte.

Er kniff die Augen zusammen und schaute in das orangefarbene Licht des kalifornischen Sonnenaufgangs, ein Lächeln im Gesicht und ein fröhliches Lied im Herzen. Sozusagen. Dann setzte er die Sonnenbrille auf die Nase und schaute sich um, was seine Schützlinge so trieben. Chester war vermutlich schon wieder oben im ersten Stock und sägte auf der Fensterbank vor sich hin. Die drei anderen Katzen schnüffelten über die Veranda, immer auf der Suche nach Alligatorschleichen, die sie ärgern und fressen konnten. Erst gestern hatte Eddie das abgeknabberte Skelett einer Schleiche gefunden – ohne Schwanz –, das eine der Katzen liebevoll unter dem Sitzkissen seines Lieblingssessels deponiert hatte. Offensichtlich war es als Geschenk gedacht.

Die beiden Hunde – auch sie mit einem Lächeln im Gesicht und einem Lied im Herzen, wie Eddie annahm – tollten fröhlich im Hof herum – Lucretia mit ihrem dreibeinigen Humpeln und Fred so schnell wie ein Geschoss. Sie begrüßten ihre Artgenossen in den Zwingern mit einem freundlichen Nasenstüber und jagten sich gegenseitig durch die Cholla-Kakteen an der Grundstücksgrenze. Eddie schickte ein stilles Gebet gen Himmel und hoffte, dass ihnen nichts passierte. Sie hatten in den mit Kakteen bewachsenen Hügeln schon mehr als eine Klapperschlange aufgescheucht, aber glücklicherweise genug Verstand bewiesen, einen weiten Bogen um die Giftspritzen zu schlagen, wofür Eddie ihnen von ganzem Herzen dankbar war. Das letzte, was er jetzt brauchen konnte, war eine weitere Rechnung vom Tierarzt. Oder Schlimmeres.

Jedes neue Tier, das er aufnahm, wurde routinemäßig von einem Tierarzt geimpft, sterilisiert oder kastriert. Die Kosten dafür waren astronomisch. Dazu kamen noch die Kosten für die Tiere, die mit einem besonderen Problem zu ihm kamen: Unterernährung oder Verletzungen durch Misshandlung, wie Lucretia sie erlitten hatte, gebrochene Gliedmaßen oder Hautkrankheiten von ihrem Leben in der Wildnis, das oft zu Auseinandersetzungen mit Kojoten führte; dazu noch die üblichen Kosten für die Behandlung von Zahnproblemen oder anderen Krankheiten und schon schnellten die Tierarztrechnungen in die Höhe.

Eddie Hightower gab kein Tier an ein neues Herrchen oder Frauchen ab, ohne dass es in perfekter gesundheitlicher Verfassung war. Die Adoption eines neuen Haustiers war eine ernste und dauerhafte Angelegenheit und jedes Tier, das sich in seiner Obhut befand, sollte die Chance auf ein glückliches, stabiles Zuhause haben, in dem es geliebt wurde.

Das Desert Sky Pet Refuge – benannt nach dem weiten Himmel der Wüste – war Eddie Hightowers Stolz und Freude. Während er seinen Gästen das Frühstück austeilte – es waren gut dreißig Hunde, gut zwanzig Katzen und einige andere Kleintiere –, dachte er darüber nach, wie weit er seit den ersten Tagen seines Unternehmens schon gekommen war. Es hatte rein zufällig begonnen. Natürlich. Ein streunender Hund hier, ein ungewolltes Kätzchen da. Dann sprach es sich herum, dass der Mann, der allein in der Wüste lebte – und der nicht ganz so verrückt war, wie man annehmen sollte –, verlässlich war, wenn man ein ungewolltes Haustier loswerden wollte. Und dass er sogar hart dafür arbeitete, um ihm ein neues Zuhause zu finden.

Viele der Tiere, die bei Eddie landeten, waren einfach nur im Weg. Leute zogen um und konnten sie nicht mitnehmen in die neue Wohnung. Andere waren krank und die Eigentümer hatten nicht das Geld, um sie behandeln zu lassen. Wieder andere kamen ungeplant auf die Welt. Das waren die Tiere, die Eddie am meisten zu Herzen gingen.

Aber egal, warum und wie sie zu ihm kamen, er gab sein Bestes, ihnen ein neues Zuhause zu finden. Wenn sich ein Tier gar nicht vermitteln ließ, behielt er es einfach in seinem Refugium. Nur die wirklich kranken Tiere wurden eingeschläfert und auch das nur als letzte Möglichkeit.

Mit der Zeit sprach sich Eddies Ruf herum und die Tiere auf seiner kleinen Farm nahmen fast seine gesamte Zeit in Anspruch. Vor drei Jahren hatte er schließlich seinen Job im Spangle Hardware Store gekündigt und verwendete seitdem seine ganze Zeit und Energie dafür, sich um sein kleines Refugium zu kümmern. Mittlerweile schaffte er es sogar, davon einigermaßen leben zu können. Von dem Tag an, seit er das Schild mit der Aufschrift Desert Sky Pet Refuge an den Zaunpfosten genagelt hatte, widmete er sich mit ganzer Kraft seinem kleinen Unternehmen. Und bisher hatte er weder einen Rückzieher gemacht noch seine Entscheidung jemals bereut. Das Tierheim gab seinem Leben einen Inhalt und es machte ihn glücklich, für seine Schützlinge eine neue Familie zu finden.

Eddie war stolz auf sein Werk und das war für ihn eine vollkommen neue Erfahrung. Er hatte in seinem Leben noch nicht viel erreicht, worauf man stolz sein konnte. Aber hier, umgeben von seinen Schützlingen, hatte er die perfekte Nische für sich gefunden. Hier gehörte er her. Er hatte es schon gespürt, als er das Haus zum ersten Mal betrat. Und die Tatsache, dass er das leere alte Farmhaus und die drei Morgen steinigen, sonnengedörrten Landes in einen Ort verwandelt hatte, der etwas Gutes bewirkte, gefiel ihm noch besser.

Und doch war es nicht leicht gewesen.

Eddie hatte drei Tierärzte, die ihm halfen, sich um die Tiere zu kümmern. Aber obwohl sie ihm Sonderpreise einräumten waren die monatlichen Kosten für die medizinische Versorgung der Tiere hoch. Eddie konnte den Kopf finanziell nur über Wasser halten, indem er sich für die Tiere, die er vermittelte, bezahlen ließ. Bisher hatte er es immer irgendwie geschafft.

Vor zwei Jahren hatte er sein Unternehmen als wohltätig anerkennen lassen, um die laufenden Kosten zu minimieren. Dadurch sparte er Steuern und die Genehmigungskosten wurden ebenfalls geringer. Außerdem räumten ihm die großen Futtermittelhersteller Rabatte ein, weil sie es – wie Eddie auch – von der Steuer absetzen konnten.

Eddie wusste sehr wohl, dass er ohne die Rabatte und Abschreibungen das Desert Sky Pet Refuge nicht über Wasser halten konnte. Und was würde dann aus den armen Tieren werden?

Die Farm lag ungefähr vier Kilometer von der kleinen Stadt Spangle entfernt, einem ländlichen Vorort von San Diego. Zwei Oberschüler aus der nahegelegenen Stadt halfen Eddie zwei- bis dreimal pro Woche nach der Schule aus. Sie leerten die Sandkisten, reinigten den Auslauf und die Hundezwinger und badeten manchmal sogar die Hunde. Gelegentlich, wenn Eddie selbst nicht die Zeit dazu fand, übernahmen sie kleinere Malerarbeiten und Reparaturen. Oft leinten sie auch einige Hunde an und führten sie auf den umliegenden Trampelpfaden in den Hügeln aus, damit die Tiere mehr Bewegung bekamen als in ihrem umzäunten Auslauf auf der Farm.

Zu Eddies klammheimlicher Freude hatten seine beiden Helfer mittlerweile selbst schon Tiere aus dem Refugium adoptiert. Manchmal brachten sie ihre Hunde mit, damit sie alte Bekannte besuchen und mit ihnen spielen konnten.

Alles in allem war Eddie zufrieden damit, wie sich die Dinge entwickelt hatten. Es war eine Vollzeitbeschäftigung, aber er liebte sie. Reich konnte man durch diese Arbeit zwar nicht werden, aber dafür war sie sehr erfüllend.

Außerdem hatte die Arbeit mit den Tieren einige Löcher in seinem Leben gestopft.

Manchmal, wenn er viel zu tun hatte, konnte er sich sogar einreden es wären Löcher, die ihm vorher nie aufgefallen waren.