Prolog: Abschied im Rauch

 

 

„SIE HÄTTE das hier gehasst“, erklärte Jade, bevor sie kräftig an ihrer Zigarette zog.

Jackson Rivers warf einen finsteren Blick auf seine Ex-Freundin, die Schwester seines besten Freundes und einer der vier – nein, drei – Menschen auf der Welt, die ihm wichtig waren.

Jade hatte ihrer Mutter versprochen, dass sie aufhören würde, genau wie Jackson.

„Sie hätte gehasst, dass du rauchst“, brummte er.

„Tja, wenn sie Rauchen so sehr gehasst hätte, hätte sie aufgehört, bevor sie davon Krebs bekommen hat.“ Sie nahm einen weiteren verärgerten Zug und erwiderte den finsteren Blick. Normalerweise trug sie fein geflochtene Haarverlängerungen, doch ihre Mutter war lange Zeit krank gewesen, während ihre „Kinder“ das College – und in Jacksons Fall die Polizeiakademie – besucht hatten. Sie hatte keine verdammte Zeit gehabt, um sich mit ihren Haaren zu beschäftigen, und sie deshalb schlicht zu einem strengen Knoten am Hinterkopf zurückgebunden. Jackson hoffte, dass sie bald wieder Zeit haben würde. Damals in der Highschool hatte sie es geliebt, ihre Zöpfe zu schütteln und er hatte es jedes Mal sexy gefunden.

„He“, sagte Jackson, der entschlossen war, das zu tun, worum Toni Cameron ihn gebeten hatte. „Ich habe aufgehört.“

Jade rollte mit den Augen. „Aber du hast sowieso nur angefangen, um mit mir zusammenzukommen, also ist das nur angemessen.“

Da konnte er leider nicht widersprechen. Jackson hätte alles getan, um zu Jades und Kadens Familie zu passen. Rauchen war kein großes Opfer.

„Verdammt, Jackson, bring sie dazu, dass sie aufhört.“

Jackson wandte den Kopf, um über die Grabsteine des alten Friedhofs am Auburn Boulevard zu sehen.

Und lächelte. „Das habe ich schon nicht geschafft, als wir noch zusammen waren“, sagte er sanft, bevor er sich für eine Umarmung näherte.

Sein ältester und bester Freund, Kaden Cameron, und seine Frau Rhonda, die er ähnlich lange kannte, standen vor ihm und es tat so gut, sie zu sehen. Vor allem Kaden, der stets wie ein Fels in der Brandung wirkte. Ein Meter fünfundneunzig, zuverlässiger Familienvater und so klare und große braune Augen, dass Jackson einst geglaubt hatte, in ihnen die Zukunft sehen zu können.

Und das bereits bevor er begriffen hatte, dass er bisexuell war.

Allerdings hatte er niemals mehr als platonische Gefühle für ihn entwickelt. Für Jade schon, weil Jackson und Jade vom gleichen Schlag waren. Doch K repräsentierte für ihn etwas Größeres und Wichtigeres als einen möglichen Liebhaber.

In der sechsten Klasse hatte Jackson soeben die Unterschrift seiner Mutter auf dem Formular für kostenloses Mittagessen gefälscht, als Kaden ihn gebeten hatte, ihm seine Matheaufgaben zu geben. Stattdessen hatte Jackson ihm versehentlich das Formular zugeschoben.

Kein Drama – in ihrer Schule waren 98 Prozent der Schüler auf das Formular angewiesen und die restlichen 2 Prozent waren zu dumm, um die Unterschrift zu fälschen.

Doch Kaden hatte ihm das Blatt zurückgegeben und gesagt: „Deine Matheaufgaben, du Idiot. Und aufs Essen brauchst du dich nicht zu freuen – heute gibt es Enchiladas mit Überraschungsfüllung.“

Jackson schloss die Augen und unterdrückte ein Stöhnen. „Mann, davon hatte ich beim letzten Mal eine Woche lang Dünnschiss!“

„Das war echt scheiße.“ Etwas nervös hoben sie ihre Blicke zur Lehrerin, um zu überprüfen, ob sie ihre vulgäre Ausdrucksweise gehört hatte, doch sie war zu sehr mit dem Kind beschäftigt, das so oft ausflippte und mit Stühlen warf.

„Tja, danke für die Warnung. Dann bleibe ich bei Brot und Milch.“

Kaden brummte zustimmend. „Ja, ich auch. Aber he, meine Mutter macht heute Abend ein Hähnchen. Komm einfach um sechs vorbei und klopf an die Tür. Aber sie wird dich beten lassen. Du darfst nicht sauer sein.“

Jackson blinzelte. „Wer wird denn sauer, weil er vor dem Essen beten soll?“

„Keine Ahnung. Ist auch egal. Nur … du weißt schon. Sei nett zu meiner Mams.“

„Klar.“ Selbst Jackson wusste, dass man sich respektvoll verhielt, wenn einem jemandes Mams etwas Gutes tat.

An diesem Abend ließ Jackson seine Mutter in einer Rauchwolke – aus Tabak und etwas anderem, durch das er tränende Augen und Herzrasen bekam – zurück, um die wackligen Betonstufen vier Wohnungen weiter zu erklimmen. Er klopfte, während er sich wünschte, er hätte den Geruch aus seinen Haaren waschen können.

Die Frau, die ihn begrüßte, sah jung aus – jünger als seine Mutter, von der er wusste, dass sie viel zu jung war, um ihn zu haben. Ihre schwarzen, glänzenden Locken waren hochgesteckt, doch einige wanden sich hinab und umrahmten ihr Gesicht.

Sie trug einen selbst genähten Business-Rock und eine ärmellose Bluse, wie er sie von den Frauen in Gerichtsserien kannte.

Toni lächelte ihm zu wie eine Fernsehmutter. Und sie erlaubte ihm, mit ihnen zu essen. Und als er so viel aß, dass Kaden ihn als Schwein bezeichnete und darüber klagte, dass sie die Reste noch bräuchten, sagte sie ihm, er dürfe sich noch nachnehmen. Ausnahmsweise.

Das versuchte er nur dieses eine Mal, denn, lieber Gott, er war einfach so dankbar für das Essen.

Toni Cameron wurde seine Retterin. Er erwartete nicht, bemuttert zu werden, also hielt sie sich zurück. Für Feiertage kaufte sie ein zusätzliches Hemd und eine Jeans für ihn, damit er nicht immer zerlöchertes Zeug trug. Zwar handelte es sich um Kleidung vom Wühltisch, doch die trug auch Kaden. Es gefiel ihm, dass sie das Gleiche trugen.

Es gab ihm das Gefühl, einen Ort zu haben, an den er gehörte.

Als er alt genug war, um sich von seiner Mutter zu emanzipieren und zu den Camerons zu ziehen, hatte er bereits einen Job und bezahlte so häufig wie möglich die Miete, da er sie nicht ausnutzen wollte. Dass er am ersten Abend so viel gegessen hatte, bereitete ihm noch Jahre später Schuldgefühle.

Toni gab sich die größte Mühe, das zu ändern.

Als sie krank wurde, stand er kurz vor seinem Abschluss an der Akademie und sie war so stolz auf ihn. Bei der Abschlussfeier schoben Jade, Kaden und Rhonda ihren Rollstuhl in den vorderen Teil des Saals, damit sie zusehen konnte, wie Jackson die Bühne betrat. Sie alle studierten, würden jedoch noch etwa zwei Jahre bis zum Abschluss brauchen. Es war Tonis Gelegenheit, eines ihrer Kinder bei einer Abschlussfeier zu erleben.

Jackson war so froh, sie dort zu sehen, so froh, danach mit ihr und den anderen zum Essen auszugehen, dass er ihr nicht von seinen Bedenken erzählte. Nichts davon, dass der Mann, der ihm als sein Unterstützer durch die Akademie geholfen hatte, dafür Dinge zu erwarten schien, die Jackson ihm nicht geben konnte – die gegen jede einzelne seiner hart erkämpften Moralvorstellungen verstießen.

Er setzte eine fröhliche Miene für sie auf.

Er setzte für sie alle eine fröhliche Miene auf.

Und sie bat ihn ruhig darum, noch an diesem Abend mit dem Rauchen aufzuhören. Für sie. Er teilte ihr ruhig mit, dass er es tun würde – und verschwieg dabei, dass er bereits hatte aufhören müssen, um es ohne Erstickungsanfälle durch die Akademie zu schaffen, denn die Ausbildung war zu hart, um sie mit geschwächtem Körper zu meistern. Doch das an Toni gerichtete Versprechen würde dafür sorgen, dass er sauber blieb.

In vielerlei Hinsicht.

„Kaden“, sagte er nun mit vor Emotionen heiserer Stimme. „Gott, Mann, es tut mir so leid.“

Kadens Kinn zitterte. „Uns allen tut es leid, Jacky. Sie war auch deine Mutter.“

Er schloss die Augen. Ja, das war sie gewesen. Das war sie wirklich gewesen, bei allem, was zählte. Es konnte nicht leicht gewesen sein, ihn zu bemuttern – mit einer streunenden Katze zu kuscheln, ist schwierig –, aber sie hatte es verdammt noch mal versucht.

„Sie war die Beste“, sagte er knapp. „Deine Mutter war die Beste.“

„Ich weiß“, antwortete Kaden, während Rhonda ihn mit der Hüfte zur Seite schob, um sich ebenfalls eine Umarmung abzuholen.

„Du siehst dünn aus, Jacky“, sagte sie leise.

Kadens Frau war wundervoll. Ihr ovales Gesicht mit einem etwas weniger auffälligen Teint als Jades und Kadens, besaß einen kräftigen Kiefer, eine Adlernase und kecke Lippen, die weit häufiger lächelten als Jades. Rhonda Cameron hatte für jeden ein freundliches Wort und würde eine fantastische Lehrerin sein.

Nachdem sie eine fantastische Mutter geworden war.

„Ich hole mir das Gewicht zurück, nachdem du es wieder los bist“, sagte er, während er ihren Babybauch tätschelte, der sich im dritten Monat bereits etwas zeigte. Kaden sollte verdammt dafür sein, nicht an das Gummi gedacht zu haben! Von ihnen allen war Rhonda die Klügste – Jackson wusste, dass sie es schaffen würde –, aber sie hätten nicht noch eine zusätzliche Hürde einbauen müssen.

„Ich werde dich daran erinnern“, antwortete Rhonda leise und streichelte ihm über die Wange. „Aber du siehst trotzdem nicht gut aus. Dein Abschluss ist erst ein paar Monate her, Jacky. Ist die Arbeit so furchtbar?“

Am liebsten hätte Jackson sich in ihre Arme geworfen und losgeschluchzt.

Ja. Verdammt, ja. Die Arbeit war furchtbar. Woran er sich auf Patrick Hanovers Wunsch beteiligen sollte, war furchtbar. Was er tat, um Patrick Hanover aufzuhalten, war furchtbar.

Toni Cameron wurde heute der Erde übergeben und es schien, als wäre die ganze Welt grau und verdorben, denn dort draußen gab es lediglich eine begrenzte Menge an Güte und ein großes Stück goldenen Lichts war nun vom Lungenkrebs zu aschfahler Haut und Knochen gemacht worden.

„Ich komme schon zurecht“, sagte er, obwohl ihn der Kloß in seinem Hals beinahe am Sprechen hinderte. Dann ergriff Jade seine Hand und es war Zeit, dem Prediger zu lauschen, der Worte sagte, die Toni Cameron geliebt hätte.

Doch Jackson, obwohl er still und ruhig dastand, hörte kaum zu. Er war zu sehr mit dem Kampf in seinem Herzen beschäftigt, bei dem es darum ging, was er seiner Familie sagen wollte und was er ihr nicht sagen konnte.

Jade musste sich wieder um ihr Studium kümmern.

Kaden und Rhonda mussten es beenden und ein Zuhause für ihr Kind vorbereiten.

Diese Sache, die Jackson tat – diese sehr wichtige, beängstigende, gefährliche Sache –, tat er deshalb, weil er Menschen wie seine Familienmitglieder davor schützen wollte, von Personen verletzt zu werden, denen sie eigentlich vertrauen sollten.

Die Familie Cameron hatte Jackson gerettet, als er ein dünner Junge gewesen war, der nur hatte Hähnchen essen wollen. Toni Cameron hatte einen Teil ihres wenigen Geldes dafür verwendet, ihn durchzufüttern und ihm Kleidung zu kaufen. Selbst bevor er zu Hause ausgezogen war, hatte er auf ihrem Sofa übernachten dürfen, wenn seine eigene Wohnung einem kleinen Stück Hölle glich.

Jackson hatte ihnen viel zu verdanken. Vom reinen Überleben bis hin zum Highschoolabschluss und dem erfolgreichen Durchlaufen der Akademie. Er verdankte ihnen den Glauben daran, dass Menschen gut sein konnten und dass gute Menschen glücklich sein konnten.

Er verdankte ihnen alles.

Dafür würde Jackson alles tun, um die Camerons von der Korruption fernzuhalten, die ihn bei lebendigem Leibe auffraß.

Nach der Beerdigung fuhren sie gemeinsam zum Hometown Buffet, da sie hungrig waren und nicht genug Geld für etwas Besseres besaßen. Jackson verspeiste Toni zu Ehren zwei Portionen Hähnchen und versprach Rhonda, dass er daran denken würde, mehr zu essen.

 

 

AN DIESEM Abend nach Hause zurückzukehren, war so schwer gewesen.

Sobald ihm von der Polizei sein erstes Gehalt gezahlt worden war, hatte er ein von der Gewerkschaft angebotenes Programm wahrgenommen und es in die Anzahlung für ein Zweifamilienhaus investiert. An freien Tagen hatte er es gestrichen, das Dach und andere Dinge repariert und vor Kurzem hatte er begonnen, sich nach einem Mieter umzusehen.

An diesem Abend hatte er seine noch kahle kleine Hälfte des Hauses betreten und gelauscht, einfach auf einen Herzschlag irgendwo im Innern gelauscht.

Valerie hatte sich vor zwei Wochen von ihm getrennt, direkt vor Tonis Tod, was er ihr nicht vorwerfen konnte. Er hatte kein einziges Wort darüber gesagt, was vor sich ging, warum er zitternd nach Hause kam, warum er so launisch war.

Niemand war hier. Kein geliebter Mensch, kein Freund, keine Familie. Und niemand konnte es sein. Nicht, bis die Sache vorbei war.

Er fühlte sich einsamer, als er es je in seiner schlimmen, von Vernachlässigung geprägten Kindheit getan hatte, als er nun an der Wand des Flurs hinabrutschte, bis er mit vor sich ausgestreckten Beinen auf dem Boden saß.

Dann vergrub er das Gesicht in den Händen und weinte.

 

 

 

 

Fische aus demselben Glas

 

 

„OH … OH Gott! Ja! Ja! Fick mich weiter, du Arschloch, hör verdammt noch mal nicht auf!“

Jackson mochte es immer noch sehr, Jade zu knallen wie eine Tür bei einem Orkan, aber die Frau war laut. Und herrisch. Aber wow, sie konnte ihn mit den Muskeln in ihrem Innern umklammern wie ein Profi.

Also lieber tun, was die Lady sagt!

Jackson bewegte die Hüften schneller, bis seine Bauchmuskeln schmerzten, und war erleichtert, als Jade schrie: „Verdammte Scheiße, ja!“ Feuchtigkeit umfing seinen Schwanz und gab ihm die Erlaubnis, ebenfalls zu kommen.

Gott. Sei. Dank.

Nun, zumindest hatte sie den Namen des Herrn oft genug gerufen, also war er vielleicht im Raum.

Jackson kam kontrolliert zum Orgasmus, als hätte er einen Schalter umgelegt, bevor er sich auf sie sinken ließ und gegen das Stück zwischen ihrem Ohr und ihrer Schulter keuchte.

„War’s gut für dich?“, fragte er.

„Und ob, Baby“, säuselte sie, während sie ihm mit ihrer französischen Maniküre durchs Haar strich.

Nachdem er einige Sekunden später wieder zu Atem gekommen war, stützte er sich auf die Ellbogen. „Versteh das nicht falsch, J, aber selbst wenn ich mit einem Typ im Bett bin, übernehme ich normalerweise den dominanten Part.“

„Beweg deinen verschwitzten Arsch von mir runter“, brummte Jade und presste eine Hand gegen seine Schulter, um ihn von sich zu schieben. „Und red nicht von deinen ekligen schwulen Angewohnheiten. Ich brauch ’ne Zigarette.“

Jackson drehte sich auf den Rücken und zog das Gummi von seinem Schwanz, um es in den Papierkorb neben dem Bett zu werfen. „Kein Rauchen im Haus – das weißt du doch.“

Sie bleckte die Zähne und rollte mit den Augen. „Du hast soeben einen kostenlosen Mitleidsfick bekommen und stellst dich jetzt wegen einer Kippe an?“

Jackson stieß ein heiseres Lachen aus und nahm ein Feuchttuch vom Nachttisch, um sich den Geruch von Sex vom Körper zu wischen. Jade hatte das Bettlaken durchnässt. Er würde es wechseln, nachdem sie aufgestanden war.

„Es war von beiden Seiten ein Mitleidsfick“, antwortete er dann kopfschüttelnd. Die gute alte Jade. An diesem Abend war sie diejenige gewesen, die ihn verführt hatte. Sie hatten zusammen im Büro herumgehangen und sich unterhalten, über die gute alte Zeit geredet. Er und Jade hatten miteinander ihre Jungfräulichkeit verloren und später hatte ihre Freundschaft Exfreundinnen und -freunde überstanden. Da Jackson niemals eine Langzeitbeziehung suchte, wurde es zu einer Angewohnheit, mit ihr zu schlafen, wenn sich die Gelegenheit bot. Dass Jade als Rechtsanwaltsgehilfin in der Kanzlei angestellt war, für die Jackson als Detektiv ermittelte, sorgte dafür, dass sie sich häufig zu günstigen Zeitpunkten in ihrem Libido- und Beziehungskreislauf über den Weg liefen.

Tatsächlich war Jacksons Libido an diesem Abend eigentlich noch auf jemand anderen scharf gewesen, nachdem er einige Stunden zuvor einem gewissen Anwalt – groß, hellhäutig, schlank und kaltblütig im Gerichtssaal – dabei zugesehen hatte, wie er einen bestochenen Zeugen auseinandernahm. Er hatte ihn aus der Ecke des Saals beobachtet und dabei gegen eine schmerzhaft heftige Erektion angekämpft. Nachdem er und Ellery Cramer sich bereits seit sechs Jahren böse Blicke zuwarfen, war Jackson mehr als bereit dazu, endlich vom Laufburschen, der ihm Dinge holte und besorgte, zu jemandem zu werden, der ihm den Schwanz lutschte und es ihm besorgte. Doch Jackson hatte noch eine Akte für einen der anderen Anwälte holen müssen und nach seiner Rückkehr war Cramer bereits verschwunden gewesen.

Mist.

Nun, es war nicht so, als hätte Jackson den Ruf eines treuen Liebhabers gehabt – oder auch nur den eines Mannes, der einer Schwärmerei treu blieb. Jade war dort, willig und bereit gewesen und das war besser als ein Orgasmus allein.

Außerdem war die Frau sexy und schamlos. Nun schwang sie brummend und seufzend ihre Beine über die Bettkante und nahm sich ein sauberes T-Shirt vom Stapel neben dem Bett. Es reichte ihr bis zu den Oberschenkeln und spannte sich straff über ihre üppigen Brüste, wodurch ihre Brustwarzen sich durch den Stoff drückten wie Radiergummis an einem Bleistift, was sie jedoch nicht interessierte. Mit nichts anderem bekleidet, trat sie mit schwingenden, pinkfarbenen Zöpfchen auf seine winzige Terrasse hinaus, nachdem sie auf dem Weg eine Schachtel Zigaretten aus ihrer Ledertasche genommen hatte, die neben ihrem Kostüm auf dem Boden lag.

Jackson stand auf und begann das Bett abzuziehen. Im Gegensatz zu Jade verzichtete er darauf, sich zu bedecken. Jade kannte seine Narben und er hatte es bereits vor langer Zeit aufgegeben, sie zu verstecken.

Eine Zeit lang wurde die Stille lediglich vom Rascheln der Bettwäsche und Jades geräuschvollen Zügen an der Zigarette erfüllt, die durch den Spalt der gläsernen Schiebetür zu hören waren. Als Jackson die schmutzigen Laken in den Wäschekorb geworfen hatte und die Bettdecke auf der Matratze ausbreitete, drückte Jade ihre Zigarette aus, kam wieder ins Zimmer und schloss die Tür, um die kühle Luft auszusperren. Dabei tat sie, als hätte sie den struppigen Schatten, der neben ihren Knöcheln in den Raum gehuscht war, nicht bemerkt.

„Hast du deine innere Ruhe wiedergefunden?“, erkundigte sich Jackson trocken, während er sich nackt auf die Bettdecke warf.

„Das ist die hässlichste Katze, die ich je gesehen habe“, teilte sie ihm mit, während sich die vollen Lippen zu einem verächtlichen Ausdruck verzogen.

„Das sagst du jedes Mal, wenn du ihn siehst. Billy Bob bekommt noch Komplexe.“ In einem früheren Leben mochte Billy Bob eine gepflegte Siamkatze gewesen sein – in einem, das sich nicht darum gedreht hatte, die Gegend zu durchstreifen und jedes Tier im Radius von vier Häuserblöcken zu vertreiben oder es mit ihm zu treiben. Jackson hatte vor einem Jahr begonnen ihn zu füttern, als er ein schlaksiger, von seinen Abenteuern ausgelaugter junger Kater gewesen war. Ihm hatte ein Auge und ein halbes Ohr gefehlt und mitten auf seiner Nase befand sich eine tiefe Kerbe. Jackson hätte schwören können, dass er einmal gesehen hatte, wie der kleine Mistkerl den Schäferhund des Nachbarn besprang, aber falls das arme Tier anschließend bizarre kleine Katzenhunde geworfen haben sollte, hatte er es nie erfahren.

„Diese Katze …“ Jade schüttelte den Kopf und gab ein leises „Mm-mm“ von sich. „Diese Katze bedeutet nichts Gutes.“

Jackson kraulte Billy Bob unter dem Kinn, woraufhin der alte Billy zu seiner großen Freude für ihn schnurrte. „Für andere Katzen“, sagte er liebevoll, während Billy Bob hemmungslos sabberte.

„Jackson“, sagte Jade nachdenklich. „Kann ich dich etwas fragen?“

„Alles.“

„Auf wen hast du heute Abend gewartet?“

Gott. Wie peinlich. Er hatte nicht damit gerechnet, dass sie es bemerken würde. „Dich, Süße – das weißt du doch.“

Sie bedachte ihn mit einem Seitenblick aus verdrehten Augen, während sie noch an die Glastür gelehnt dastand und den klaren Himmel betrachtete, und er fühlte sich angemessen gerügt. „Ich weiß, dass du auf ihn stehst.“

Jackson brummte. „Unerreichbar für Leute wie uns“, antwortete er leise. „Du und ich, wir sind Hotdogs oder Hamburger von der Straßenecke. Er ist Filet mignon und Kaviar.“

Sie wandte kopfschüttelnd den Blick ab. „Ich bin Kaviar und Lachs, du anmaßendes Arschloch. Wenn du mich hin und wieder zu einem Date einladen würdest, wüsstest du das.“

Oh. Er hatte sie verletzt – das war keineswegs seine Absicht gewesen! „Klar, Jade. Sag mir nur, wohin. Dann bestellen wir einen guten Wein und …“

„Warum er?“ Sie drehte sich um und lehnte sich wieder an die Tür.

Er seufzte. „Weil er gut ist. Er kämpft wirklich. Es ist nicht nur Show.“

„Und du bist sicher, dass es nicht nur an dieser widerlichen Schwulensache liegt?“

Jackson streckte sich lachend. „Hab ich bei dir etwa schon mal keinen hochgekriegt?“, fragte er spöttisch. Denn daran lag es wirklich nicht. Er schwamm mit großer Begeisterung an beide Ufer.

Sie schüttelte seufzend den Kopf, näherte sich dem Bett und streckte sich neben ihm aus. Der Zigarettengeruch, der von ihr ausging, erinnerte ihn daran, wie sie als Jugendliche heimlich geraucht hatten. „Denkst du jemals darüber nach, ob wir allmählich zu alt hierfür sind?“

Jackson brummte. Dreißig – er war es bereits und bei Jade dauerte es nicht mehr lange. „Für Mitleidssex?“, fragte er trocken und grinste. „Dafür ist niemand zu alt.“

Sie verzog das Gesicht. „Nein“, sagte sie dann mit gesenkter Stimme. „Ich meine diese Sache, bei der wir wissen, dass der andere da sein wird, wenn wir gerade keinen besonderen Fickfreund haben.“

Oh, verdammt. „Willst du etwa mit mir Schluss machen, J?“

Sie stützte sich auf einen Ellbogen und legte den Kopf in die Hand. „Mein Bruder hat schon zwei Kinder“, sagte sie in nüchternem Tonfall.

„Dein Bruder hat als Student Rhonda geschwängert“, erwiderte Jackson lächelnd. Doch Rhonda war die perfekte Mutter – und Kaden ein Vater, wie ihn niemand von ihnen gehabt hatte. Die Leichtigkeit, mit der er Verantwortung trug, machte es manchmal schwer vorstellbar, dass sie zusammen aufgewachsen waren.

Ein Haus, Erfolg im Beruf, wunderschöne Kinder – für K und Rhonda hatte sich alles zum Guten gewendet. Sie machten ihren Weg. Auch wenn K zwei Jobs hatte, damit er seine Familie versorgen konnte, wurde er dafür von ihr geliebt. Nach einer Doppelschicht begrüßte ihn Rhonda stets mit Abendessen und einem Bier, und wenn Rhonda bis spät in die Nacht Arbeiten korrigieren musste, machte K die Kinder am nächsten Morgen für die Schule fertig.

Unglaublich häuslich. Bei ihrem Anblick wünschte Jackson sich stets, Glück könne in diesem Leben für immer anhalten.

„Ja“, sagte Jade. Ihre vollen Lippen spannten sich an den Mundwinkeln ein wenig. „Sie haben mir ja immer leidgetan, weil du und ich rausgehen und tolle Sachen unternehmen konnten.“ Sie seufzte. „Aber weißt du, Jacky, jetzt bin ich einsam.“

Oh, Mann. „J …“

„Ja“, sagte sie, während sich ihr Gesicht zu einem enttäuschten Ausdruck entspannte. „Es liegt nicht an mir. Das verstehe ich. Du hast dein großes, aufregendes Leben, in dem du alles ficken kannst, was sich bewegt …“

„He.“ Er berührte sanft ihre Wange. „Du und ich … Ich finde es toll, dass wir das hier tun können.“

Sie seufzte. „Es … es ist zu leicht. Letztens hatte ich die Gelegenheit zum Ausgehen und habe gedacht: ‚Ich sollte einfach Jacky anrufen. Ich weiß, dass bei ihm gerade nichts läuft.‘ Dabei hat der Typ nicht mal einen schlechten Eindruck gemacht. Bei dir weiß ich nur einfach, was ich bekomme.“

Oh.

„Keine Verpflichtungen“, sagte er leise.

„Ja“, antwortete sie. „Ich glaube, wir müssen das beenden.“

Er seufzte. „Ja, na gut. Aber …“ Er hasste es, sie darum zu bitten. Aber J wusste es. Sie wusste, warum er in manchen Nächten irgendjemanden bei sich haben wollte, selbst wenn es ein schlechtes Date war.

„Ich übernachte hier“, sagte sie leise. „Und auch in Zukunft, wenn du mich brauchst. Aber von jetzt an …“

„Schläfst du auf dem Sofa“, vervollständigte er den Satz. Oder im Gästezimmer. Das Bett dort war gemütlich. Das ganze kleine Häuschen war gemütlich. Kein Paradies, aber er hielt es sauber, sorgte für Möbel, die keine Rückenschmerzen verursachten, und wechselte regelmäßig die Bettwäsche. Auch wenn er nicht viel Zeit dort verbrachte, war es nicht übel.

„Genau.“

Sie wirkte so traurig. Er nahm seine Boxershorts vom Kleiderhaufen auf dem Boden und schlüpfte rasch hinein. Da es trotz der kleinen Klimaanlage heiß war, legte er sich wieder auf die Decke, nachdem er das Licht ausgeschaltet hatte. Dann lagen sie einander zugewandt da und redeten flüsternd, wie damals als Teenager, über ihre Kindheit in Del Paso Heights, über ihre Zeit an der MLK Junior Highschool, wo sich Prostitution und Drogenhandel ganz öffentlich vor der Schule abgespielt hatten.

Seitdem war die Gegend etwas aufgeräumt worden. Zwar handelte es sich noch immer nicht um einen schönen Stadtteil, aber die Kinder mussten sich auf dem Weg zum Klassenzimmer zumindest nicht mehr durch Drogengeschäfte winden. Jackson und K hatten sich damals durch die Schule kämpfen müssen, manchmal Rücken an Rücken, um sich und die Mädchen zu schützen.

Jackson und Jade hatten viele Geschichten. Es tat gut, sie in der Dunkelheit der Nacht loszuwerden, um sich verabschieden zu können.

 

 

UM SECHS Uhr morgens klingelte Jacksons Handy und Kaden riss ihre kleine Welt unbarmherzig auseinander.