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„DU GEHST wirklich weg“, sagte Blaze und setzte sich mit einem Seufzer vor Thomas‘ Schreibtisch. „Warum, um Himmels willen? Hier gibt‘s Männer, Spaß und eine Million Dinge zu tun, die alle darauf hinauslaufen, dass du mit jemandem im Bett landest und du willst zurück nach … wohin genau?“ Er beugte sich vor, damit Thomas seinen ungläubigen Gesichtsausdruck besser sehen konnte. „An den Arsch der Welt?“

Thomas schüttelte langsam den Kopf. „Colorado Springs, und ich will nach Hause, um mal wieder ein bisschen Zeit mit meinen Eltern zu verbringen.“ Er brummte kurz. „Arbeitest du nicht für mich? Und da ich weiß, dass du das tust, warum bin ich dann nicht vor deinem Gemecker und deinen Gemeinheiten sicher?“ Thomas gab sich alle Mühe, ärgerlich zu wirken. Er wusste, dass es nicht funktioniert hatte, als Blaze nur mit den Augen rollte.

„Weil ich dein bester Freund bin, schon seit unseren Zeiten bei Alpha Chi, und, ja, die Firma gehört dir, aber du weißt, sie wäre nichts ohne meine charmante Persönlichkeit, mit der ich all die Deals eingefädelt habe, die du in den ganzen Jahren gemacht hast.“ Blaze grinste ihn an und Thomas gab einen eisigen Blick zurück. „Weißt du noch? Im College haben wir beide geschworen, dass wir Furore machen werden und richtig viel Kohle dazu und dass wir niemals in die furchtbaren Städte zurückgehen werden, wo wir aufgewachsen sind.“ Er tat so, als ob er schauderte.

Thomas schüttelte den Kopf. „Ich bin müde geworden, Blaze. Ich habe diese Firma so groß gemacht, dass sie mehr Angestellte hat als damals meine Highschool, und alle meine Leute sind richtig gut und können ihren Job. Sonst hätten du und ich sie nicht eingestellt. Ich ziehe nur nach Colorado Springs zurück, nicht zum Mond, und ich werde immer noch die Firma führen. Ich werde es nur von einem Ort aus tun, der ruhiger ist und weniger … easy.“

„Easy! Du findest New York easy?“ Blaze‘ Augen weiteten sich.

„Ja, finde ich. Hier kann man sich alles einfach so nehmen“, gab Thomas zurück. „Es ist echt viel zu easy. An jeder Ecke gibt’s Typen, oder Mädchen, wenn das dein Ding ist. Wenn dir einer nicht reicht, such dir noch einen oder zwei oder vielleicht drei. Wenn du Geld hast, kommt es dir hier so vor, als ob du alles kaufen kannst. Und ich habe genug davon. Okay? Ich will es ruhiger haben.“ Er schluckte und schloss halb die Augen. „Ich schwöre, ich habe in den letzten achtzehn Jahren keine Nacht mehr als ein paar Stunden geschlafen.“

„Also gibst du alles auf“, hakte Blaze nach. „Einfach so?“

„Meine Eltern werden älter. Sie haben nichts gesagt, aber ich weiß, sie werden bald Hilfe brauchen. Ich will mit ihnen mehr Zeit verbringen und mir vielleicht was Neues aufbauen.“

Blaze nickte. „Ich weiß, was dein Problem ist. Du leidest immer noch darunter, dass Angus dich verlassen hat, deshalb willst du jetzt einen Tapetenwechsel. Aber weißt du was, wenn du über einen Typen hinwegkommen willst, gibt es nichts Besseres, als sich einen neuen zu suchen. Und es gibt reichlich heiße Kerle in New York, die alles für die Chance tun würden, dein Herz zu gewinnen.“

Thomas runzelte die Stirn. Blaze kapierte es nicht. „Das ist das Problem. Die sind vielleicht alle interessiert, aber ich bin es nicht. Und nur zur Klarstellung, ich habe Angus verlassen. Zwischen uns gab es nie eine echte Verbindung und außerdem hat er sich dauernd beschwert, dass ich zu viel arbeite. Jeder Mann, mit dem ich je zusammen war, hat dasselbe gesagt: dass ich zu viel Zeit in der Firma verbringe und zu wenig Zeit mit ihm.“

Das Telefon auf dem Schreibtisch summte und Blaze stand auf. „Das wird Marjorie sein. Ich hau lieber ab, bevor sie mich hier sitzen sieht und beschließt, dass dies eine gute Gelegenheit ist, mir mitzuteilen, was ich in meinem Leben alles falsch mache. Warum quält die Frau mich immer, anstatt ihre Zeit dazu zu nutzen, dir diese verrückte Idee auszureden?“ Blaze versuchte, unschuldig auszusehen, aber Thomas wusste, dass er und Marjorie einen krankhaften Spaß daran hatten, sich gegenseitig so intensiv wie nur möglich auf die Nerven zu gehen.

Thomas winkte Blaze zu und nahm den Anruf an.

„Dein Zwei-Uhr-Termin wartet draußen und halb drei hat angerufen und verspätet sich um ein paar Minuten. Das heißt, mit deinem Drei-Uhr-Termin wird es knapp, und –“

„Wir werden es schon schaukeln. Tun wir doch immer.“

Thomas blickte auf die Uhr, während Blaze aus dem Büro verschwand. Das einzig Gute an diesem Termin war, dass er nicht noch länger mit Blaze darüber reden musste, dass er näher zu seiner Familie ziehen wollte. Thomas wusste, dass dies für Blaze ein schmerzhaftes Thema war. Seine Eltern hatten Blaze nie als den Menschen akzeptiert, der er war. Sie gaben sich immer noch der Illusion hin, dass er über diese schwule Phase in seinem Leben hinwegkommen und eines Tages heiraten und für Enkelkinder sorgen würde. Thomas‘ Eltern hatten ihn wenigstens immer unterstützt … auch wenn sie ziemlich anstrengend sein konnten.

Als sein Gesprächspartner hereinkam, stand Thomas auf und bat ihn an den Konferenztisch. Er hörte sich den Geschäftsvorschlag an, für den er sich nicht wirklich interessierte und am Ende konnte er für beide Seiten immer noch keinen echten finanziellen Nutzen erkennen.

Er hoffte, dass der Rest des Nachmittags produktiver verlaufen würde.

Zum Glück tat er das und als Thomas nach sieben aus dem Büro kam, hatte er viel geschafft. Marjorie saß immer noch an ihrem Schreibtisch wie eine Torwächterin.

„Du musst nicht so lange bleiben. Geh nach Hause und unternimm was Schönes.“

Sie schnaubte und schaute ihn missbilligend an. „Und das sagt ausgerechnet der Mann, der morgens vor allen anderen da ist und abends als Letzter nach Hause geht. Was wirst du nur machen, wenn du umziehst und kein Büro mehr hast, wo du bis in die Nacht sitzen kannst?“

Sie lächelte, um ihm zu zeigen, dass es ihr nur halb ernst war.

„Keine Ahnung. Bist du sicher, dass du nicht mitkommen willst?“ Er hatte sie schon vier Mal gefragt, aber er war bereit, es noch einmal zu versuchen.

„Ja. Ich bin sicher. Ich werde dich hier vertreten und wenn du in Colorado Springs bist, werde ich dir helfen, einen Assistenten zu finden, der dort für dich arbeiten kann.“

Also jemanden, der Marjorie nicht verrückt machen würde. Sie hatte ihre bestimmte Ordnung und er liebte es, wie organisiert und kompetent sie war. Marjorie dachte immer einen Schritt voraus und kümmerte sich um alles, damit dafür gesorgt war, dass er so effektiv wie möglich arbeiten konnte. Thomas würde sie vermissen.

„Es wird gut laufen und ich werde sogar aufhören, Blaze zu ärgern … so gut es geht.“

Gott, Thomas liebte es, wenn sie so mit den Augen zwinkerte.

„Und wenn du erst mal weg bist, verspreche ich, dass ich hin und wieder mal schon um fünf Uhr Schluss machen werde.“

Thomas lachte. „Danke.“ Dass er sie zurücklassen musste, war das Einzige, was ihm wirklich Sorgen machte. Sie war diejenige, die sein Leben organisierte und zusammenhielt, damit er sich auf die wichtigen Dinge konzentrieren konnte, und er brauchte sie. „Gute Nacht. Wir sehen uns morgen früh.“

„Morgen ist Samstag und die Möbelleute kommen, um deine Sachen zusammenzupacken. Ich werde dir eine Nachricht aufs Handy senden, damit du es nicht vergisst.“ Sie lächelte und winkte, als Thomas das Büro verließ.

Er schaffte es bis zum Fahrstuhl, dann musste er gähnen. Während der Fahrt hinunter zur Tiefgarage, lehnte er sich an die Wand der Liftkabine. Er bat seinen Fahrer, auf dem Nachhauseweg bei der Bodega zu halten, damit er sich etwas zu essen kaufen konnte. Er schnappte sich etwas zum Mitnehmen und lief zurück zum Auto, um sich zu seinem Apartment bringen zu lassen.

Thomas ging hinein und aß sein Dinner vor dem Fernseher mit ein paar Akten als Gesellschaft. Jahrelang hatte er seine Zeit und Kraft dazu genutzt, Stepford Management zu einer der Top-Immobilienentwicklungs- und beratungsfirmen Amerikas zu machen. Unzählige Geschäfte, immer neue Projekte – er und seine Teams organisierten alles, zogen das Projekt erfolgreich durch und verdienten eine Menge Geld dabei. Thomas hatte inzwischen mehr, als er ausgeben konnte und er war erschöpft.

Früher hatte er sich immer darauf gefreut, ins Büro zu gehen. Als er jünger gewesen war, hatten ihn die Deals motiviert und nächtelang auf Trab gehalten. Er hatte immer davon geträumt, Hochhäuser zu bauen, mit Mietern zu füllen und dabei die Skyline New Yorks zu verändern. Und er hatte das alles erreicht. Thomas hatte über die Jahre mit einigen der wichtigsten Leute der Stadt New York zusammengearbeitet und er hatte es geliebt. Aber der Kick war nicht mehr da. Es war nur noch Arbeit, und Thomas kannte sich selbst gut genug, um zu wissen, dass er einen Wechsel brauchte. Etwas anderes, Ruhigeres. Er brauchte die Möglichkeit, etwas anderes zu tun, als zu arbeiten.

Sein Handy vibrierte in seiner Hosentasche und er zog es heraus. Eine Textnachricht von seiner Mutter. Sie schrieb, sie habe dafür gesorgt, dass alles seinen Vorstellungen entspräche, und alles wäre in bester Ordnung.

Danke, Mom, antwortete er. Seine Mutter textete ausgesprochen gern. Sie hatte es immer gehasst, zu telefonieren und nun verschickte sie andauernd Nachrichten.

Wann verlässt du New York?

Morgen werden meine Sachen gepackt. Ich fliege am Dienstag, sobald ich ein paar Dinge im Büro geregelt habe.

Gut. Der Bildschirm zeigte an, dass sie noch schrieb, also wartete er. Kommt Marjorie mit?

Nein. Sie bleibt in New York und wird sich hier um alles kümmern. Er schob die Akten zur Seite und zuckte zusammen, als sein Handy läutete. Er hatte absolut nicht damit gerechnet, dass seine Mutter anrufen würde. „Was ist los?“, fragte er.

„Reden ist vielleicht einfacher“, sagte seine Mutter in leicht beleidigtem Ton. „Brauchst du hier einen Assistenten? Ich werde mich nämlich nicht um deine Angelegenheiten kümmern. Das ist zu viel Arbeit für eine alte Frau wie mich.“

„Du bist nicht alt. Marjorie besorgt mir einen Assistenten.“ Er war so verdammt müde und hatte so gar keine Lust auf dieses Gespräch. Marjorie würde jemanden finden, mit dem er gut zurechtkam. Er brauchte ja niemanden, der so viele Stunden arbeitete wie sie. Sie würde immer noch da sein, um seinen Terminkalender zu führen und den Hauptteil der Dinge, die anfielen, für ihn zu erledigen. Jemanden zu haben, der ihm vor Ort half, war aber eine gute Idee.

„Thelma Wilsons Enkel hat gerade seinen Collegeabschluss gemacht und sucht einen Job. Ich habe ihr gesagt, dass du kommst und wahrscheinlich jemanden brauchst, also habe ich versprochen, es dir weiterzusagen.“

Na super. Das war ja genau das, was er brauchte: dass seine Mutter versuchte, einen Assistenten für ihn aufzutreiben. Thomas war kurz davor, ihr zu sagen, dass Marjorie sich um alles kümmern würde, aber er war nicht in der Stimmung, mit seiner Mutter zu streiten. Es würde ihm nichts nützen, und seine Mutter wäre verstimmt. „Er soll seinen Lebenslauf und so weiter an die Personalabteilung in New York schicken. Die regeln alles für mich.“ So, das war gar nicht so schlimm.

„Okay. Ich werde es Thelma sagen. Kannst du mir die E-Mail-Adresse geben, die er benutzen soll?“, fragte sie und Thomas gab sie ihr durch. „Gute Reise für dich, und ruf deinen Vater und mich an, wenn du da bist.“ Er hörte die Vorfreude in ihrer Stimme. Thomas war in den letzten Jahren nicht so oft nach Hause gefahren, wie er es hätte tun sollen. Seine Eltern waren begeistert gewesen, als er ihnen erzählt hatte, dass er nach Hause zurückkehren würde.

„Werde ich machen, Mom. Lasst es ruhig angehen und wir sehen uns am Mittwoch.“ Er würde am Dienstag erst spät ankommen und wollte sie nicht stören. „Vielleicht können wir am Abend zusammen essen, falls es für dich und Dad passt.“ Es war an der Zeit, dass er selbst anfing, es ruhiger angehen zu lassen und die Chance ergriff, sich ein Leben aufzubauen, das sich nicht nur um die Arbeit drehte.

„Es gibt ein paar nette junge Männer in der Stadt, die andere Männer mögen, und …“

Er stöhnte. Bevor er sich vor seinen Eltern geoutet hatte, hatte seine Mutter ihr Bestes gegeben, um ihn mit jedem halbwegs passenden Mädchen zu verkuppeln, das sie kannte. Damals hatte er immer etwas vorgehabt, nur um nicht auf diese Dates gehen zu müssen. „Mom, ich komme nach Hause, um mit dir und Dad Zeit zu verbringen. Ich werde immer noch eine Menge zu tun haben.“ Und das Letzte, was er brauchte, war, dass seine Mutter Männer für ihn aussuchte. Ja, es freute ihn, dass seine Eltern ihn so akzeptierten, wie er war, aber wenn seine Mutter jetzt versuchte, ihm einen Partner zu besorgen, ging das etwas zu weit. „Wenn ich jemanden treffen will, werde ich das. Ich bin kein Troll, der dafür die Hilfe seiner Mutter braucht.“

„Werd nicht frech“, schimpfte sie.

„Dann hör auf, die Kupplerin zu spielen und überlass mein Liebesleben mir.“ Er seufzte, denn egal, wie oft er sie zurechtwies, seine Mutter war seine Mutter und würde genau das tun, was sie wollte. „Kümmere dich um Collins Liebesleben. Er ist hetero und er ist wieder Single.“ Ungefähr zum dritten Mal. Für ihn konnte sie die Heiratsvermittlerin spielen, so viel sie wollte. Er konnte es brauchen. „Oder noch besser, lass uns beide selber zusehen, wie wir in der Liebe glücklich werden.“

Seine Mutter schwieg, und Thomas wusste sofort, dass etwas nicht stimmte. „Ich habe ihm Karla vorgestellt“, gab sie verlegen zu.

Du warst das“, keuchte er.

„Er hat sie geheiratet“, verteidigte sich seine Mutter. „Ich habe die beiden nur miteinander bekannt gemacht. Ich hatte ja keine Ahnung, dass sie sich als eine solche Harpyie herausstellen würde. Als ich sie kennenlernte und zum Dinner eingeladen habe, war sie sehr nett.“

Er rollte mit den Augen, obwohl sie es nicht sehen konnte. „Das zeigt nur, was für eine hoffnungslos schlechte Kupplerin du bist. Du bist einfach zu nett und siehst in jedem nur das Gute. Ich wusste zwei Sekunden, nachdem ich diese Frau zum ersten Mal gesehen hatte, dass sie eine Hexe ist. Aber da hatte sie schon den verdammten Ring am Finger und Collin fest in ihren Klauen. Es war wirklich abscheulich. Alles, was sie wollte, war Collins Geld … oder das Geld, das sie meinte, über Collin mir aus der Tasche ziehen zu können.“

Beinahe hätte das alles sein Verhältnis zu seinem Bruder zerstört. Karla verlangte alles Mögliche – Schmuck, ein Haus – und Collin versuchte, es ihr zu beschaffen. Als klar war, dass er sich das nicht leisten konnte, kam Collin zu Thomas und bat um Geld, mit dem Hut in der Hand und dem Gefühl, ein kompletter Loser zu sein. Schließlich weigerte sich Thomas, weiter mitzumachen. Collin redete monatelang nicht mit ihm … bis Karla schließlich ging und Collin nicht länger unter ihrem Einfluss stand. Erst dann kam der alte Collin langsam wieder zum Vorschein.

„Ich bin keine hoffnungslos schlechte Kupplerin. Ich mache nur Leute miteinander bekannt. Ich habe nichts weiter getan, als sie einmal zum Dinner einzuladen. Dein Bruder hat den Rest gemacht.“ Sie war dabei, ärgerlich zu werden.

„Trotzdem, du musst zugeben, dass du ein Stück Verantwortung trägst.“ Wenn es ihm gelang, seine Mutter dazu zu bringen, sich zurückzuhalten, konnte das nur gut für ihn sein. „Lass Collin und mich in Frieden. Wir sind sehr wohl selbst in der Lage, Partner zu finden.“

„Gut.“ Sie schmollte und Thomas wusste, dies war nur ein strategisches Nachgeben. Seine kuppelfreudige Mutter würde nur allzu schnell zurücksein.

„Soll ich also die Leute wieder ausladen, die heute zum Dinner kommen?“

„Mom. Collin ist erst vor drei Monaten geschieden worden. Lass ihn erst mal zu sich kommen.“ Sie hatte es wirklich verflixt eilig.

„Wenn er nicht bald ein nettes Mädchen heiratet, dann werden sie zu alt sein, um Kinder zu haben und ich werde niemals Großmutter.“ Jetzt kamen Tränen ins Spiel und das war, das wusste Thomas, seine große Schwäche, wenn es um seine Mutter ging.

„Okay. Ich halte mich da raus. Aber wenn Collin noch mal so eine Harpyie wie Karla heiratet, werde ich dir die Schuld geben.“ Er lachte, als seine Mutter am anderen Ende der Leitung aufgebracht nach Worten suchte. „Ich mach jetzt Schluss. Eine gute Nacht dir und Dad.“ Er wollte schon auflegen, aber dann fügte er noch hinzu: „Und noch mal, versuch ja nicht, mich mit jemandem zu verkuppeln.“

Er beendete das Gespräch und überlegte, ob seine Mutter sich daran halten würde, was er ihr gesagt hatte. So oder so würde er sich nicht in jemanden verlieben, den seine Mutter für ihn ausgesucht hatte. Er liebte sie von ganzem Herzen, aber die Frau hatte in puncto potentielle Schwiegertöchter einen denkbar schlechten Geschmack. Thomas konnte sich nur ausmalen, was für eine Sorte Mann sie für ihn auswählen würde. Verdammt, er würde als Ehemann seines Vaters enden. Der Gedanke ließ ihn erschaudern. Er legte das Handy zurück auf den Couchtisch und wandte seine Aufmerksamkeit wieder den Akten zu, die er mit nach Hause genommen hatte. Aber er merkte schnell, dass er nicht vorwärtskam. Er legte die Ordner weg und beschloss, damit anzufangen, ein paar persönliche Dinge für den Umzug einzupacken. Die meisten seiner Sachen waren ihm ziemlich egal, um die konnten sich die Möbelleute kümmern.

Aber es gab ein paar Dinge, die nicht unbedingt von Fremden durchwühlt werden mussten und so zog er seine Koffer unter dem Bett hervor, klappte sie auf und begann, sie mit Unterwäsche und den Kleidern zu füllen, die er mit ins Flugzeug nehmen wollte.

Da klopfte es an der Tür. Er ging, um aufzumachen.

Blaze rauschte in die Wohnung und schaute sich um. „Oh mein Gott, lass mich raten – du packst.“ Er stemmte die Hände in die Hüften und durchbohrte Thomas mit seinem Blick. „Es ist Freitagabend, der letzte, den du in nächster Zeit in New York verbringen wirst.“ Blaze schaute kurz ins Schlafzimmer und dann wieder zu ihm. „Ich wusste, dass ich kommen musste, um dich vor dir selbst zu retten. Geh da wieder rein und zieh dir was Vernünftiges an. Du und ich, wir gehen jetzt aus und wir werden einen jungen, heißen Typen für dich aufgabeln. Du kannst die Stadt ebenso gut mit einem Bums verlassen.“

„Deine Wortspiele sind scheußlich“, sagte Thomas. „Ich bin müde und ich habe morgen einen langen Tag.“

Blaze schüttelte den Kopf. „Du wirst rumstehen und den Möbelpackern zugucken und aufpassen, dass keiner einen Finger durch den de Kooning oder den Pollock steckt. Ansonsten wirst du auf dem Sofa hocken und arbeiten. Also, wen interessiert’s?“ Er wartete auf Thomas‘ Antwort. Thomas fiel nichts Gutes ein, also ging er in sein Schlafzimmer, um sich umzuziehen.

„Warum bin ich noch mal mit dir befreundet?“, fragte er, während er seinen Schrank durchsah.

„Das ist einfach. Weil ich der einzige Mensch bin, der dich an einem Freitagabend nicht rumsitzen und Trübsinn blasen lässt.“ Blaze‘ Stimme drang vom anderen Zimmer herüber. „Zieh was Heißes an und achte drauf, dass die Hosen eng genug sind, damit dein Arsch schön zur Geltung kommt.“

„Mein Gott, Blaze. Ich bin keine zwanzig mehr. Ich brauche diesen ganzen Mist nicht zu machen.“

Thomas griff nach einem Paar bequemer Jeans und warf sie aufs Bett, um dann nach einem Seidenhemd zu suchen, das er gern mochte.

„Wir sind beinahe vierzig, verdammt noch mal. Wir müssen diesen ganzen Mist machen, und noch mehr. Hast du in letzter Zeit mal in den Spiegel geguckt? Keiner von uns beiden ist fett, aber wir gehen trotzdem auseinander. Unsere Hintern werden breiter und unsere Beine dicker. Diese Skinny-Jeans, in die wir uns gezwängt haben, als wir jung waren, können wir nicht mehr tragen. Deshalb müssen wir alles zeigen, was wir noch zu bieten haben und die Jungs daran erinnern, dass ein paar mehr Jahre eine Menge mehr Erfahrung bedeuten.“

Blaze sah immer gut aus und Thomas hatte noch nie irgendein Auseinandergehen an seinem Freund bemerkt.

Thomas hatte sich fertig angezogen und kam aus dem Schlafzimmer. „Hiermit einverstanden, Hoheit?“, grinste er.

„Lieber Gott. Wir gehen aus, und zwar in einen Club, nicht zu einem Figurentanz.“ Blaze rauschte an ihm vorbei, direkt auf Thomas‘ Schrank los. „Zieh das Hemd hier an. Und diese Jeans sehen aus, als hättest du sie von Tattergreise R Us.“ Er wühlte den Schrank durch und warf ein Paar schwarze Jeans auf das Bett. „Zieh die an. Schwarz macht schlank.“

„Aber das Hemd ist zu eng.“

„Perfekt. Es muss eng sein, damit man deine Armmuskeln sieht.“ Blaze ging aus dem Zimmer und Thomas fragte sich, ob sich das hier wirklich lohnte.

Er zog sich noch einmal um. Die Jeans saßen wie eine zweite Haut auf seinen Hüften und das Hemd spannte sich über seine Brust. Als er in den großen Spiegel sah, musste er zugeben, dass er ziemlich gut aussah.

„Okay. Los geht’s“, sagte Thomas, als er aus dem Schlafzimmer kam. Blaze nickte und wandte sich zur Tür. Thomas holte sein Portemonnaie und seine Schlüssel, folgte Blaze nach draußen und schloss die Wohnungstür ab. Nachdem sie mit dem Lift ins Parterre gefahren waren, wurden sie vom Portier begrüßt und traten dann hinaus in die Nachtluft der Upper West Side.

„Ich kann nicht glauben, dass du all das hier aufgibst“, sagte Blaze, während er versuchte, ein Taxi heranzuwinken. „Wo wirst du in Colorado Springs wohnen?“

Thomas zuckte die Schultern. „Weiß ich noch nicht. Ich habe noch kein Haus gekauft. Ich hab mir gedacht, ich wohne erst mal eine zeitlang zur Miete und ziehe dann um, wenn ich etwas gefunden habe, was mir wirklich gefällt.“ Er war nicht so dumm, sich irgendetwas unbesehen zu kaufen.

„Du ziehst das alles ganz schön flott durch.“ Blaze schaute die Straße hinauf und hinunter und schließlich gingen sie das kurze Stück Richtung Fifth Avenue zu Fuß.

„Collin hat mich vor ein paar Wochen angerufen und gesagt, dass Mom und Dad nicht mehr so gut zurechtkommen. Sie würden nie etwas sagen, aber Mom ist mit ihrem Rheumatismus nicht mehr so beweglich und Dad muss immer mehr für sie machen. Collin hilft, aber er hat ungünstige Arbeitszeiten im Restaurant, und, na ja …“ Thomas zuckte mit den Schultern. „Ich bin fast vierzig und ich bin erschöpft.“ Er wich einem Hundehaufen aus und hoffte, dass der Besitzer dafür ein üppiges Bußgeld gezahlt hatte. „Ich habe Tag und Nacht gearbeitet, um meine Firma hochzuziehen und erfolgreich zu machen. Jetzt will ich Zeit mit meinen Eltern verbringen, bevor es zu spät ist.“

Sie waren an der Straßenecke angelangt und Blaze pfiff schrill nach einem Taxi. „Nach Hause zu ziehen, um meine Eltern zu sehen, das ist echt das Letzte, woran ich je denken würde. Verdammt, ich würde lieber ein Bein verlieren, als auch nur eine Stunde mit meinem Vater in Georgia zu verbringen. Der Mann ist ein Fanatiker. Von dem Moment an, als er kapierte, dass ich vielleicht schwul bin, wollte er nichts mehr mit mir zu tun haben.“

Ein Taxi hielt neben ihnen. Blaze öffnete die hintere Tür, um einzusteigen und Thomas folgte ihm. Es wäre besser gewesen, diese Fahrt mit seinem Limousinen-Service zu organisieren. Das hätte er auch gemacht, wenn Blaze ihm nur irgendeine Vorwarnung gegeben hätte wie ein normaler Mensch.

„Zum Brick“, sagte Blaze zum Fahrer, der nickte und anfuhr.

„Willst du da wirklich hin?“ Den Schwulenclub gab es schon seit Ewigkeiten.

„Die haben alles umgestaltet, das ist wieder trendy. Die Leute haben genug von diesem Techno-Scheiß und wollen gute, saubere … okay, vielleicht eher heiße und schmutzige Action. Das Brick ist der Club, wo jetzt alle angesagten Typen sind.“ Und Blaze musste es wissen. Es war sein besonderes Talent, immer darüber auf dem Laufenden zu sein, was in der Szene gerade angesagt war und wo er für sein Geld alles kriegen konnte, was er haben wollte.

Thomas wandte sich zu Blaze. „Hast du jemals darüber nachgedacht, dieses Leben irgendwann mal hinter dir zu lassen? Dir was Festes zu suchen?“

Blaze‘ Augen brannten im Halbdunkel des Wagens im Schein der vorüberziehenden Lichter. „Ich habe den ganzen Beziehungskram gemacht. Erinnerst du dich an Mathias? Er war …“ Blaze schien keine Worte zu finden. „Du weißt, wie toll das alles gelaufen ist.“ Er schüttelte den Kopf. „Mir geht’s sehr viel besser ohne all diese fürchterlichen Verwicklungen, die nur dazu führen, dass du dir verdammt noch mal wünschst, du hättest den Kerl nie in dein Herz gelassen … oder in deine Wohnung.“ Blaze fluchte leise. „Der Scheißkerl hat mich schamlos beklaut und ich habe eine Antibiotikatherapie gebraucht, um ihn restlos loszuwerden. Also, nein, ich denke nicht darüber nach, mir was Festes zu suchen. Ich werde mich durch die Clubs bumsen, bis ich zu alt und hässlich dazu bin. Und danach kauf ich mir den Sex.“

Thomas kannte die ganze Geschichte von Mathias, aber ihm war nicht klargewesen, wie sehr der kleine Dreckskerl Blaze verletzt hatte. Was Thomas ärgerte, denn er hätte genauer hinsehen müssen. Er hatte nicht übel Lust, Mathias aufzuspüren, nur damit er dem Mistkerl einmal eine Lektion erteilen konnte. „Du solltest nicht zulassen, dass ein einziges Arschloch darüber bestimmt, wie du dein Leben leben willst.“

Sie waren in Midtown angekommen und Blaze sah aus dem Fenster. „Quatsch. Ich hab noch andere Typen gedatet und es endete immer auf die gleiche Art.“ Er schaute Thomas nicht an, aber Thomas konnte den Schmerz in seiner Stimme hören. „Ich habe gute Freunde, denen ich vertraue, und wenn ich jemanden brauche, der mir für eine Nacht das Bett wärmt, gehe ich in Clubs oder Bars.“ Endlich drehte er sich wieder zu Thomas um. „Ich habe immer gedacht, dir geht es genauso. Ich meine, du warst doch nie in einer Beziehung, nicht wirklich.“

„Stimmt, ich war nie in einer Beziehung … na ja, mit Ausnahme von Angus.“ Thomas verdrehte die Augen. Bei den wenigen Gelegenheiten, als er mit einem Mann ein zweites Mal ausgegangen war, war immer etwas in der Firma dazwischengekommen, und er hatte das Treffen abgebrochen oder abgesagt. Die Männer hatten ziemlich schnell kapiert, dass sein Job zuerst kam und sie weit dahinter. Es war nie zu einem dritten Date gekommen – außer mit Angus und das hatte ein katastrophales Ende genommen … für sie beide.

„Siehst du, ich habe mir schon gedacht, dass du von irgendeinem Deppen verletzt worden bist und es mir nie erzählt hast.“

„Stimmt nicht. Ich hatte einfach nie Zeit.“ Thomas wandte sich ab und sah aus dem Fenster. Sie fuhren nicht mehr durch Wohngebiete, sondern an Geschäftshäusern und Clubs vorbei.

„Wünschst du dir ein Privatleben?“, fragte Blaze, als das Taxi an den Rand schwenkte.

Thomas öffnete die Tür, dankbar, dass er der Frage ausweichen konnte. Er bezahlte den Fahrer und trat zu Blaze, während das Taxi davonfuhr.

„Du hast meine Frage nicht beantwortet.“

Thomas betrachtete die Schlange von Männern, die darauf warteten, in den Club gelassen zu werden. Das hier war keine gute Idee. Es würde Stunden dauern, bis sie hineinkamen, und das Letzte, wozu er Lust hatte, war, an einem Freitagabend in einer verdammten Schlange zu stehen. „Vielleicht. Weiß nicht.“ Er wusste, dass er es leid war, seine Tage im Büro zu verbringen und die Nächte mit noch mehr Arbeit. „Es muss mehr im Leben geben als nur das hier.“ Er hob die Hand, aber er meinte nicht wirklich den Club, sondern alles.

„Mach dir keine Sorgen, mein Freund.“ Blaze marschierte auf den Türsteher zu, sprach ein paar Sekunden lang mit ihm und gab Thomas dann ein Handzeichen. Das Samtband hob sich vor ihnen und sie waren drinnen, einfach so.

Thomas hatte keine Zeit, darüber nachzudenken. Von einem Moment zum nächsten umfing ihn der stampfende Rhythmus der Musik und das Gedränge von Männern, viele ohne Hemd. Muskelbepackte, nackte Oberkörper, Waschbrettbäuche, die von Schweiß glänzten – Schönheit und Sex, zur Schau gestellt, wohin man auch sah.

„Wo willst du anfangen?“, fragte Blaze, als schon ein Mann direkt auf ihn zusteuerte. Er war kleiner als Blaze – ein menschliches Minikraftwerk, den vielen Muskeln nach zu schließen. Er stellte sich auf die Zehenspitzen und flüsterte Blaze etwas zu, bevor er seinen Arm um Blaze‘ Taille legte. Blaze lächelte und ging mit ihm zur Bar, während Thomas sich wieder umsah. Er fühlte sich wie ein Junge, der beim Highschool-Ball an der Wand steht, während alle anderen tanzten.

Thomas war der Chef einer erfolgreichen Firma, die er selber aufgebaut hatte; es hätte kein Problem für ihn sein sollen, sich auf den Weg zu machen und Männer anzusprechen. Es war nichts dabei. Er redete den ganzen Tag lang mit Leuten, ohne die geringsten Schwierigkeiten. Aber gerade jetzt, hier, waren alle Jungs attraktiv, braun gebrannt, durchtrainiert … heiß.

„Geh los und lern Leute kennen“, sagte Blaze, der zurückgekommen war, um ihm ein Bierglas in die Hand zu drücken. Er kippte seinen eigenen Drink herunter und verschwand wieder mit dem kleinen Muskelmann. Die beiden drängten sich zur Tanzfläche durch, wo Blaze den anderen Mann lässig in den Arm nahm und mit ihm einen superheißen Engtanz anfing. Sogar Thomas bemerkte, dass sie scharf zusammen waren, und ihm war schon oft gesagt worden, dass er von solchen Sachen ziemlich wenig Ahnung hatte. Seine eigenen Tanzkünste lagen irgendwo zwischen sterbendem Huhn und Vogelscheuche.

Thomas schob sich langsam zur Bar durch und fand einen leeren Platz, von dem aus er beobachten konnte, was vor sich ging. Er trank sein Bier aus und bestellte sich ein zweites.

„Hey“, sagte ein Mann um die dreißig mit lackschwarzem Haar und stechenden Augen, der sich über den Tresen lehnte und zu Thomas herübersah.

„Hallo“, sagte Thomas und setzte sein bestes Lächeln auf. Warum war er nur so nervös? Er suchte angestrengt nach etwas, das er sagen konnte, was nicht wie ein Spruch klang. „Möchtest du was trinken?“

„Danke, das wäre nett.“ Der Mann setzte sich neben ihn und lächelte, als Thomas den Barkeeper rief und einen Martini bestellte. „Ich war noch nie hier.“ Er drehte sich zur Tanzfläche um und Thomas folgte seinem Blick. „Ich hatte keine Ahnung, dass hier so viele alte Männer rumhängen, die einen jungen Typen aufgabeln wollen.“ Der Martini kam, und der Mann war weg.

Thomas schüttelte den Kopf und bezahlte den Drink. Abzublitzen, bevor er überhaupt einen Move gemacht hatte, war eine Sache, aber derart grob behandelt zu werden, das tat weh. Wenn Männer so drauf waren, dann begriff Thomas nicht, warum sich das irgendjemand überhaupt antat.

Er drehte sich auf seinem Hocker um, um Blaze und Muskelmann dabei zuzusehen, wie sie sich aneinanderschmiegten, während sie tanzten oder im Stehen fickten – was auch immer sie da genau taten. Er bestellte sich noch einen Drink und wartete, ob sich jemand finden würde, mit dem er ins Gespräch kommen konnte.

Thomas wurde bald klar, dass diese ganze Aktion ein Fehler gewesen war. Es zeigte nur noch einmal sehr deutlich, dass er eine Veränderung brauchte. Thomas schlängelte sich zu Blaze durch, erklärte, dass er nach Hause gehen würde und wünschte ihm viel Spaß. Dann drängte er sich durch die Menge nach draußen an die frische Luft. Diesmal rief er seinen Limo-Dienst an und bat um einen Wagen. Er wartete neben den Jungs, die in der Schlange standen. Als der Wagen kam, stieg er ein, ohne auf ihre neugierigen Blicke zu achten, und fuhr nach Hause.

Es war wirklich Zeit, New York zu verlassen.