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SIMON HOCKTE am Rand des in tiefe Schatten getauchten Waldes und spähte zu einer Lichtung hinüber, auf der ein einsames Haus stand. An den Knien waren seine Jeans schon völlig durchnässt, weil es am späten Nachmittag ein Gewitter gegeben hatte und der Stoff nun gierig die letzten Tropfen des Regens aufsog. Die Feuchtigkeit irritierte ihn und er brachte sich vorsichtig in eine bessere Position, sodass er den Matsch und die Blätter von der Hose wischen konnte. Er fragte sich kurz, ob Jeans wirklich seine beste Option gewesen waren und verdrehte innerlich die Augen über sich selbst. Schließlich besaß sein Kleiderschrank kein eigenes Fach mit Kleidung für Ich mach mir vor Angst gleich in die Hosen-Situationen wie diese.

Er konzentrierte sich wieder auf das Haus und hielt nach Lebenszeichen Ausschau. Versteckt in den Bergen von East Tennessee schien das alte Holzhaus mit den Fensterläden ein Ort wie aus dem Bilderbuch zu sein, der Besucher Willkommen hieß, ein Heim, in dem eine Familie lebte und liebte.

Eine Blüte eines Hartriegelbaumes driftete sanft durch die Luft und landete auf Simons Wange. Er blies sie fort und beobachtete, wie die Blüte wie eine weißrosa Schneeflocke zu Boden glitt. Die Kirschblüten taten ihr Übriges, um die Illusion komplett zu machen. Ihr leichter, süßlicher Duft hing über allem, während sie durch die Luft trieben und das Gras mit kleinen Farbtupfern bedeckten.

Ganz gleich wie viele Hartriegel fröhlich im Garten blühten, dies war niemandes fröhliches Heim. Seine Magie sagte ihm das, hatte ihn immer wieder und wieder hierher gerufen, obwohl er die letzten zwei Tage damit verbracht hatte, sie zu ignorieren. Die dunkle Magie, die an diesem Ort praktiziert wurde, überschritt sein Können bei weitem. Simon hatte nie zuvor etwas so durch und durch Böses gespürt.

Als einfachem Lehrling stand es Simon eigentlich nicht zu, eine Situation dieser Größenordnung anzugehen, aber er konnte nicht länger so tun, als existierten die Hilfeschreie nicht. Sein Magiermeister hatte ihn wieder und wieder davor gewarnt, sich mit anderen magischen Kreaturen einzulassen. Er hatte ihm wiederholt eindringlich klargemacht, dass man jene, die Kraft und Wesen der Magier auszunutzen versuchten, um jeden Preis meiden musste.

Aber dies waren keine mächtigen Geschöpfe, die hinter ihm her waren. Simon vertraute darauf, dass dieselbe Magie, die ihn am Leben hielt, ihn nicht in Gefahr bringen würde. Sie musste ihn hierher geführt haben, weil er helfen konnte. Die Stimmen, die in seinem Bewusstsein nach Hilfe riefen, waren die kleiner Kinder, und Simon konnte ihre Angst spüren, wie er seinen eigenen Atem spürte.

Es machte die Situation noch gefährlicher, dass es sich nicht um Menschenkinder handelte. Magische Geschöpfe beschützten ihren Nachwuchs um jeden Preis so wie alle anderen Lebewesen auch, aber ihnen standen ganz andere Möglichkeiten zur Verfügung. Falls man ihn hier erwischte, würde man ihn zuerst in Stücke reißen und dann die Fragen stellen. Das Letzte, was er wollte, war plötzlich einem wütenden Werwolf gegenüber zu stehen, der seine Jungen verteidigte.

Simon hatte versucht, sich aus der Sache heraus zu halten, aber zwei Tage waren vergangen und das Rudel war seinen Jungen immer noch nicht zu Hilfe gekommen. Er hatte sich seit Freitagnachmittag, als er die Rufe zum ersten Mal gehört hatte, in seinem Haus verschanzt. Es ging gegen seine Natur, jemanden in Not zu ignorieren, besonders wenn seine Magie ihm weiszumachen versuchte, dass es das einzig Richtige war, zu helfen. Aber Werwölfen zu helfen widersprach dem, was er gelernt hatte und schlimmer noch, es war per Magiergesetz verboten. Zudem bezweifelte Simon, dass das verzweifelte Flehen die festen Schilde der besser ausgebildeten Magier durchdringen würde. Falls es das doch tat, war Simon sich ziemlich sicher, dass die anderen Magier die Kinder einfach ignorieren würden.

Aber sie waren nur Kinder und es drohte ihn zu zerreißen. Am Sonntag begriff Simon schließlich, dass er der Einzige war, der ihnen helfen würde. Er musste tun, was auch immer nötig war, um die Kinder zurück zu ihren Familien zu bringen, wo sie hingehörten. Auch wenn er damit alle Regeln brach.

Die Dämmerung brach schließlich herein und die Schatten wurden länger, bis die Lichtung in völliger Dunkelheit lag. Simon konnte die Folter nicht länger ertragen. Fünf Kinder, die nach seiner Magie riefen und um Hilfe bettelten, war mehr als er ertragen konnte. Jetzt, im Schutze der Dunkelheit, fühlte er sich sicherer. Er öffnete sich dem Fluss seiner Magie und gewann augenblicklich an Stärke. Er war vielleicht noch nicht so stark wie andere Magier, aber der Schwall der Magie, die sich ihm geöffnet hatte, ermutigte ihn, dass er die Fähigkeiten besaß, die er brauchte, um die unbekannte Situation zu meistern.

Er atmete tief durch, ließ seinen Schutzschild sinken und tastete sich vorsichtig mit seinen Sinnen an das Haus heran. Er spürte Erwachsene, drei, um genau zu sein. Zwei Menschen und ein Anderer. Simon verharrte kurz und versuchte, die Spur des Dritten zu erkennen ohne sich mit seiner Magie so weit vorzuwagen, dass er aufflog.

Er konnte den düsteren, verwirrten Geist nicht genau zuordnen. Er ließ seine Kräfte vorsichtig zurückweichen und suchte nach den Spuren der Kinder. Da, irgendwo unter dem Haus. Alle fünf, verängstigt und schwach. Irgendetwas saugte ihnen die Kraft aus, langsam und schmerzhaft.

Einer der Menschen trat aus dem Haus und begann, die Umgebung des Gebäudes abzugehen. Er trug eine Tarnjacke und hatte ein Jagdgewehr dabei. Simon beobachtete, wie der Mann das Gelände mit militärischer Genauigkeit absuchte und fürchtete, dass man ihn entdecken würde, noch bevor er überhaupt mit der Rettungsaktion begonnen hatte. Er zog sich weiter in den Schatten zurück und verbarg seine Präsenz mit Hilfe seiner Magie. Der Kimmerer Verhüllungszauber war einer der ersten Zauberbanne gewesen, die er in seinem Training gemeistert hatte und gehörte noch immer zu seinen stärksten Fähigkeiten. Nur andere Magier konnten durch den Bann hindurchschauen und einige von ihnen, wie Simons Meister, schafften es, sich sogar vor anderen Magiern zu verbergen.

Simon rief telepathisch nach dem Mann. Er fuhr herum und starrte zu dem Flecken, wo Simon hockte und begann, auf ihn zuzugehen. Simon lächelte, als er sich an ein Spiel erinnerte, das er als Kind gespielt hatte und schubste einen Gedanken in den Verstand des Mannes.

Hier. Sieh den Baum an. Zähle langsam bis einhunderttausend. Der Mann gehorchte und begann zu zählen, als Simon aus seinem Versteck trat. Simon atmete aus, erleichtert, dass der Zwangbann gewirkt hatte, und nahm das Gewehr aus den Händen des Mannes. Er versteckte es unter den tiefhängenden Zweigen eines nahen Baumes und kroch dichter an das Haus heran. Dann spähte er über die Schulter zurück und vergewisserte sich, dass der Mann immer noch mit seiner Aufgabe beschäftigt war. Das gab Simon ein Gefühl der Sicherheit, auch wenn er nicht wusste, ob der Bann anhalten würde, sobald er das Haus betrat.

Durch das Küchenfenster konnte Simon den anderen Mensch sehen. Er stand am Herd und brummte leise: „Ich verstehe nicht, warum ausgerechnet ich das verdammte Kochen übernehmen muss. Warum füttern wir die kleinen Scheißer überhaupt, wenn er sie doch nur aussaugen will?” Als Simon in das Bewusstsein des Mannes tauchte wurden dessen Gedanken genauso laut wie seine gesprochenen Worte. Ich wünschte, er würde seinen Arsch in Bewegung setzen und sich beeilen, damit wir von hier verschwinden können. Ich will bestimmt keinen Ärger mit einem verdammten Rudel Wölfe.

Ja, dachte Simon, das würde ich auch nicht wollen. Er schickte einen kleinen Stups in das Bewusstsein des Mannes: Du musst das ganze Essen für die Wölfe zubereiten! Sie werden dich fressen, wenn du nicht für sie kochst! Simon legte die Hand über seinen Mund, um das Lachen zu dämpfen, das ihn angesichts des erschrockenen Gesichtsausdrucks des Mannes überkam. Der Mann begann hektisch in der Küche umherzurennen und Zutaten aus den Schränken zu holen.

Wer ist jetzt der kleine Scheißer?, dachte Simon.

Jetzt war nur noch der Andere übrig, den es abzulenken galt. Mit Menschen war das einfacher, sie waren empfänglicher für Simons Suggestionen. Ein Anderer war mit höchster Wahrscheinlichkeit nicht so einfach zu kontrollieren und, was die Sache noch schlimmer machte, Simon hatte keinerlei Erfahrung darin. Aber die Angst der Kinder gab seinem Mut neuen Auftrieb und bevor er es sich anders überlegen konnte, öffnete Simon die Tür und betrat das Haus. Der Mann in der Küche schaute nicht einmal auf und Simon schlich leise an ihm vorbei.

Der Andere war bei den Kindern unten im Keller und Simon konnte spüren, wie ihre Not immer größer wurde. Je näher er ihnen kam, desto größer wurde ihre Angst. Der magische Faden in seinem Kopf, der ihn hierher geführt hatte, hatte sich mittlerweile wie ein straffes Seil um seinen Verstand gelegt und drohte, die Verbindung zu seiner Magie abzuschneiden. Er kämpfte gegen die Angst an und folgte der Spur zur Kellertür. Als er sie öffnete, überrollte ihn der Gestank der Angst so sehr, dass er sich beinahe auf die Kellertreppe übergeben hätte, die in die Dunkelheit hinunterführte.

Simon legte eine Hand auf seinen rumorenden Magen und versuchte durch den Mund zu atmen. Jetzt oder nie, dachte er, als sich die Übelkeit langsam legte. Er verstärkte seinen Verhüllungszauber, obwohl er die wertvolle Energie eigentlich nicht entbehren konnte. Fortgeschrittenere Magier hatten einen größeren Vorrat an Magie zur Verfügung, aber Simon brauchte immer eine Weile, um sich wieder aufzuladen, wenn er so viel Energie aufwandte. Nichtsdestotrotz benötigte er die Zeit, um besser abschätzen zu können, mit was er es eigentlich zu tun hatte.

Er begann, langsam die Kellertreppe hinabzusteigen, damit die Stufen nicht plötzlich unter seinem Gewicht ächzten und quietschten. Eine Glühbirne war die einzige Lichtquelle, aber sie reichte Simon, um sich zu orientieren. An einer Wand reihten sich Regal um Regal mit Konservendosen aneinander. Staubige Kisten waren zu kleinen Türmen gestapelt und verstopften den feuchten Raum. Den Spinnweben nach, die alles überzogen, war der Keller seit Jahren nicht angerührt worden.

Die Kinder saßen aneinandergedrängt in der Ecke. Eine magische Absperrung hinderte sie daran, wegzulaufen. Der Anblick ihrer kleinen Körper, die in der Kälte zitterten, machte Simon wütend. Er kannte sich nicht genug mit Kindern aus, um mit Bestimmtheit zu sagen, wie alt sie waren, aber er schätzte keines der Kinder über zehn Jahre. Einer von ihnen, ein Junge, der etwas größer war als die anderen, hatte seinen Blick auf die Kellertreppe und Simon gerichtet.

Er trat einen Schritt vor und positionierte sich schützend vor den anderen. Sein dunkles Haar fiel ihm in die Stirn. Er strich es ärgerlich weg und funkelte Simon grimmig an. Als er erkannte, dass Simon nicht zu den Kidnappern gehörte, blitzte in seinen blauen Augen Hoffnung auf. Ein Sensibler, fuhr es Simon durch den Kopf, als er verstand, dass der Junge durch den Verhüllungszauber sehen konnte. Gut. Das würde die Sache einfacher machen. Simon warf ihm ein aufmunterndes Lächeln zu und schickte ihm eine mentale Nachricht. Ich bin hier, um zu helfen. Sei bereit.

Der Junge nickte und wandte den Blick ab. Simon konzentrierte sich auf den Anderen. Nun, da er die Kreatur sehen konnte, konnte er deren Magie besser abschätzen. Er sah aus wie ein gewöhnlicher Mann; einer, den man auf der Straße passierte und ihm keine weitere Beachtung schenkte. Mit seiner dünnen Statur und dem zerrauften, hellbraunen Haar hätte Simon ihn wahrscheinlich nie als Anderen erkannt, wären da nicht die Strahlen aus dunkler Magie gewesen, die von den Kindern zu der Kreatur und in seinen Körper führten.

Seine seelenbasierte Magie floss anders als die eines Magiers und Simon begriff, dass es sich um einen Dämon handeln musste. In seiner Lehrzeit hatte man Simon gewarnt, dass es Dämonen mit menschlichem Aussehen gab; aber nun einer menschlichen Gestalt zu begegnen, die solch unglaublich dunkle Magie aussandte, ließ das Blut in Simons Adern gefrieren. Er wusste überhaupt nicht, was zu tun war.

Seine Augen geschlossen und den Kopf leicht zurückgeneigt, zeigte der Dämon ein abscheuliches Lächeln, während er sich an den magischen Kräften der Kinder labte. Er weidete sich förmlich an ihrer Magie und Lebensenergie. Der Dämon kicherte und die Kinder schrien vor Schmerz auf, als der Energiefluss zwischen ihnen und dem Dämon schneller und stärker wurde. Die Qual, mit der die Kreatur ihre kleinen Körper zu Tode folterte, wurde plötzlich fast körperlich spürbar.

Blinde Wut ergriff von Simon Besitz. Er konzentrierte sich auf den magischen Bann, der sich in roten, tödlichen Linien durch die Luft schlängelte. Mit einem telepathischen Schubs lenkte Simon den Dämon von dem grausamen Zauber, mit dem er die Kinder zur Ader gelassen hatte, ab und beschäftigte die Kreatur mit einem imaginären Eindringling, den Simon heraufbeschwor. Er schuf ein abscheuliches Monster, das die Taten des Dämons widerspiegelte, achtete aber darauf, dass nur der Dämon und Simon es sehen konnten.

Aus seinen riesigen Augen tropfte Eiter und seine schuppigen gelben Arme streckten sich nach dem Dämon aus. Der Dämon verlor die Beherrschung und ihm entfuhr ein grellender Schrei, der von den schmutzigen Wänden zurückgeworfen wurde. Das Ablenkungsmanöver gab Simon Zeit, zu den Kindern zu eilen, die in ihrem Gefängnis kauerten und sich aneinanderdrückten. Sie hielten sich die Ohren zu und beobachteten, mit Angst in den Augen, den schreienden Dämon. Simon bekam ein schlechtes Gewissen, weil er ihnen noch mehr Panik verursachte, aber der Dämon musste beschäftigt sein, damit Simon Zeit hatte, die Kinder zu befreien.

Simon versuchte, die seltsamen orangefarbenen Linien zu entschärfen und spürte sofort, wie seine eigene Energie zu schwinden begann. Was für Kräfte der Dämon auch immer besaß, er war ungewöhnlich stark. Simon seufzte frustriert und sammelte seine Kraft, um die Absperrung Stück für Stück zu zerlegen. Eine kleine Öffnung erschien und der Junge, der durch Simons Zauber gesehen hatte, begann, die anderen Kinder hindurchzuleiten, bis sie alle befreit waren. Simon ließ die Absperrung wieder zurückfallen.

Um seine restliche Kraft nicht zu verschwenden, ließ Simon den Verhüllungszauber fallen. Die Kinder machten vor Schreck einen Satz, als er plötzlich vor ihnen erschien. Der Junge bedeutete den Kindern still zu sein und schaute hilfesuchend zu Simon. Simon legte einen Finger auf den Mund und zeigte zu der Kellertreppe, über die er gekommen war.

Die Kinder liefen fast lautlos zu den Stufen. Simon behielt den Dämon im Blick, der noch immer seinen unsichtbaren Feind bekämpfte. Simon trat den Rückzug an und hatte etwa die Hälfte des Weges geschafft, als der Dämon sich aus dem Bann befreite und zu Simon herumschnellte.

„Magier!”

Simon sammelte seine Kraft und entsandte einen weiteren mentalen Schub, dieses Mal stärker, doch der Dämon lachte nur. Er riss die Arme hoch und warf ein Bündel schwarzer Energie auf Simon, das ihn an der Brust traf und mit voller Wucht gegen die Treppe schleuderte. Bevor Simon eine Chance hatte, auf die Beine zu kommen, war der Dämon schon bei ihm. Er griff Simon am Jackenkragen und schleuderte ihn durch den Raum. Simon prallte auf den Boden und schnappte nach Luft. Der Dämon kletterte die Stufen hinauf, die Arme nach den Kindern ausgestreckt, die noch immer auf der Treppe kauerten, und versuchte, einen weiteren magischen Bann um die Kinder zu legen. Die ersten orangefarbenen Linien waren dabei, sich zu formen.

Simon rappelte sich auf die Beine und warf sich auf den Dämon, der das Gleichgewicht verlor und gegen die Wand prallte. Mit einer Hand hielt Simon sich am Geländer fest, mit der anderen stieß er den Dämon weiter die Treppe hinunter. Der Dämon traf hart auf dem Boden auf, kam aber schnell wieder auf die Beine. Simon beeilte sich, seine Magie zu sammeln und streckte seine Hand aus, um sie zu dirigieren. Abgesehen vom Verhüllungszauber gab es nur noch einen weiteren Bann, den Simon gut beherrschte: die Starrtrance. Er sammelte alle Kraft, die er aufbringen konnte und befahl dem Dämon, zu schlafen. Der Dämon hörte mitten in seinem Zauberspruch auf, sich zu bewegen und Simon schaute ungläubig dabei zu, wie er einfach umfiel.

Die Kinder warteten oben an dem Treppenabsatz auf weitere Anweisungen. Ein warmes Rinnsal lief über Simons Gesicht. Müde kletterte er die Treppe hinauf. Seine Nase blutete. Er drückte seine Nasenlöcher mit Mittel- und Zeigefinger zu, um die Blutung zu stoppen. Sein nun angewinkelter Arm verschlimmerte den Schmerz in seiner Brust dort, wo der Dämon ihn mit seinem Bann getroffen hatte. Simon versuchte, seine Magie zu erreichen, aber sie war völlig aufgebraucht. Das wurde ja immer schlimmer. Er sah den Jungen an, der seinen Blick mit einem besorgten Ausdruck erwiderte.

„Mir geht es gut. Los, wir müssen uns beeilen.”

Simon nahm das jüngste der Kinder auf den Arm. Ihre blonden Locken legten sich in feuchten Strähnen um ihr Gesicht und sie zitterte in Simons Armen. Ihr T-Shirt und die Shorts waren dünn und hatten auf dem kalten Boden kaum Schutz geboten. Er öffnete seine Jacke und drückte das Mädchen enger an sich, sodass die Jacke sie beide schützte. Das Mädchen schniefte und presste ihr Gesicht gegen seinen Nacken.

„Ich will meine Mommy”, wimmerte sie.

„Das weiß ich, Kleines. Ich bring dich nach Hause, okay?”

Sie nickte und entspannte sich. Simon führte die Kinder aus dem Haus, vorbei an dem Mann, der immer noch in der Küche stand und frenetisch kochte. Die Hängeschränke standen offen und überall waren Zutaten verstreut. Die Kinder beäugten ihn misstrauisch und einer der jüngeren Jungs fasste nach Simons Hand und umklammerte sie fest.

Die Gruppe hastete zu dem Wald und passierte dabei den anderen Mann, der noch immer mit Zählen beschäftigt war.

„Fünfhundertsiebenunddreißig. Fünfhundertachtunddreißig.”

Simon trieb die Kinder vorwärts. Während er rannte, warf er nervös Blicke über die Schulter, um sicherzustellen, dass er weder ein Kind verloren hatte noch von dem Dämon verfolgt wurde. Er stolperte über einen Ast, doch der älteste Junge packte ihn am Arm und zog ihn weiter. Die Kinder liefen beinahe lautlos durch den Wald. Ihre Gestaltwandlerfähigkeiten verschafften ihnen in der Umgebung einen Vorteil.

Er justierte seinen Griff um das kleine Mädchen in seinen Armen und sie drückte sich eng an seinen warmen Körper. Immerhin zitterte sie nicht mehr ganz so stark. Der kleine Junge, der Simons Hand hielt, schnaufte frustriert.

„Ich will mit dem Alpha sprechen.”

Der Älteste nickte. „Ich auch. Ich dachte, wir könnten ihn rufen, sobald wir von hier weg wären.”

„Keine Sorge. Wir sind gleich am Auto und dann könnt ihr ihn anrufen.”

Simon versuchte, beruhigend zu klingen und hoffte, dass es half.

Es schien zu funktionieren. Die Kinder schauten geschlossen zu ihm auf und nickten. Der älteste Junge schien zu bemerken, dass die Dunkelheit Simon Probleme verursachte, und griff nach Simons Arm. Die anderen drängten sich näher und hielten einander an den Händen. Simon spürte einen sanften Druck auf seiner Magie und auf einmal fiel es ihm leichter, sich durch den Wald zu bewegen. Verwundert öffnete Simon seine Gedanken und spürte die Körpermagie in den Kindern, die sich nach ihm ausstreckte, um zu helfen. Er ließ sich darauf ein und seine Bewegungen wurden schneller und geschmeidiger als zuvor. Die Kinder lächelten und schienen nun entspannter zu sein.

Simon konnte nicht sagen, wie sie es schafften, aber es dauerte nicht lange und sie hatten den Wald hinter sich gelassen, und die Straße, auf der Simon sein Hybridauto geparkt hatte, erreicht. Er fischte die Autoschlüssel aus seiner Hosentasche und drückte auf den Schlüsselanhänger, um aufzuschließen. Noch bevor Simon die Fahrertür geöffnet hatte, waren die Kinder bereits in den Wagen geklettert. Der ältere Junge setzte sich nach vorne, während die anderen drei sich hinten ihre Plätze suchten. Das braunhaarige Mädchen streckte ihre Hände nach der Kleinen in Simons Armen aus und er reichte ihr vorsichtig das Kind. Er schlüpfte aus seiner Jacke und deckte das Mädchen zu, bevor er sich hinter das Lenkrad setzte und das Auto startete.

Er drückte das Gaspedal bis zum Anschlag durch und das Auto machte einen Satz nach vorne. Simons Blick wechselte nervös zwischen der Straße vor ihm und dem Rückspiegel. Er hatte Zwangbanne, wie die heute Abend, noch nie vorher benutzt und ganz sicher noch nie an einem Anderen ausprobiert, und er konnte nicht sagen, wie lange die Wirkung anhalten würde. Simon fuhr wie in Trance immer auf die Stadt zu. Er drückte seine zitternde Hand gegen seine Nase, aus der immer noch Blut lief, und war so begierig darauf, so weit wie möglich von dem Dämon wegzukommen, dass er seinen Verletzungen keine Beachtung schenkte. Jeder Autoscheinwerfer, der auf der einsamen Landstraße auftauchte, ließ ihn das Schlimmste befürchten.

Er wusste nicht, ob der Dämon sich genauso leicht aus dem zweiten Bann befreien würde wie aus dem ersten, und Simon wollte die Kinder sicher bei ihrem Rudel wissen, bevor der Dämon sie einholen konnte. Er versuchte, sich einen Plan zurechtzulegen, für den Fall, dass die Entführer sie vorher fanden. Aber Simon hatte kaum noch Kraft zur Verfügung und alles, was ihm blieb, war zu hoffen, dass er die Kinder ohne weitere Schwierigkeiten zu Hause abliefern konnte.

Bevor er sich versah, hatten sie die Stadt erreicht und Simon hatte keine Ahnung, wohin er die Kinder bringen sollte. Er bog auf den Parkplatz eines kleinen Einkaufszentrums ein und ließ den Kopf auf das Lenkrad sinken. Er atmete tief durch und versuchte, seine restliche Energie zu sammeln und sein Schutzschild wiederaufzubauen. Er brauchte sehr viel länger als ihm lieb war. Nach einer Weile fühlte er sich schließlich wieder einigermaßen bei Kräften und hob den Kopf.

Die Kinder beobachteten ihn genau, noch immer auf der Hut und misstrauisch. Er wandte sich zu dem ältesten Jungen und fragte: „Wohin?”

Der Junge schwieg für einen langen Moment. Er starrte Simon mit einem Ausdruck unverhohlener Neugier an, der Simon zu denken gab. Sein schwarzes Haar fiel dem Jungen über die Stirn und bis in die Augen. Simon strich es zurück und mit einem Grinsen schüttelte der Junge den Kopf, sodass die Strähne zurückfiel. Offensichtlich war es eine vertraute Geste. Simon konnte sich richtig vorstellen, wie seine Mutter sich immer wieder mit dem Schopf des Jungen abmühte.

Welche Fragen auch immer im Kopf des Jungen gekreist hatten, Simons Geste schien sie beantwortet zu haben. Der Junge nahm Simons Hand vom Lenkrad, drückte sie zuerst an seine Stirn und führte sie dann zu seinem Mund, wo er sie kurz ableckte.

Simon durchschoss ein Blitz von Magie, der seine leeren Reserven augenblicklich auffüllte. Er wollte sich dem Griff entziehen, doch der Junge ließ die Hand nicht los. Sein Blick suchte Simons. Er kaute mit einem verwirrten Gesichtsausdruck auf seiner Unterlippe, als versuche er verzweifelt, sich an etwas zu erinnern. Dann sprach er:

„Ich bin Garon, Sohn von Gray. Ich ernenne dich hiermit zum Freund des High Moon Rudels.”

Die anderen Kinder schnappten nach Luft und ihre Augen wurden groß vor Verwunderung. Dann streckten sie alle ihre Hände nach Simon aus und begannen, ihn zu tätscheln. Die Jüngste, noch immer eingewickelt in Simons Jacke, kletterte über sie alle hinweg und gab Simon einen flüchtigen Kuss auf die Wange. Während sie ihn berührten, begann ihre Magie sich mit Simons zu vermischen. Der Schmerz in Simons Brust verschwand und das blutige Rinnsal, das aus seiner Nase lief, versiegte.

Garon schenkte ihm ein vorwitziges Lächeln und Grübchen erschienen in seinen Wangen. Es wollte nicht ganz zu der gefassten Art, mit der er die ganze Situation bisher durchgestanden hatte, passen. Schließlich ließ er Simons Hand los und lenkte dessen Aufmerksamkeit auf die Straße vor ihnen.

„Fahr bis zu der alten Mühle. Wenn wir näher dran sind, werde ich dir sagen, wo wir abbiegen müssen.”

Die anderen Kinder kletterten zurück auf ihre Plätze. Anscheinend waren sie mit Garons Entscheidung zufrieden und ihre Furcht vor Simon war gänzlich verschwunden.

Simon rieb seine Hand, wo Garon sie abgeleckt hatte, und spürte das Prickeln starker Körpermagie, die typisch für alle Wers war. Er würde sich später darum kümmern. Jetzt musste er erst mal die Kinder zu ihrem Rudel bringen.