Prolog

 

 

Eine Woche vor Silvester

 

DIE WISSEN hier durchaus, wie man tolle Partys schmeißt, das muss man ihnen lassen.

Steve Drummond betrachtete die Festivitäten mit gemischten Gefühlen. Die Weihnachtsfeier im BDSM-Club St. Andrew’s war in vollem Gange und alles amüsierte sich prächtig. Warum bin ich dann heute so mies drauf? Steven schüttelte den Kopf und trank sein Glas Wein aus. Mehr als eins würde er sich heute nicht genehmigen. Er warf einen Blick auf den jungen Mann an seiner Seite. David konnte die Augen nicht von den Subs lassen, die sich neben einem Tisch voller Partysnacks zusammengefunden hatten. Steven kicherte. Er wusste ganz genau, was David gerade dachte.

„Boy?“

David drehte sofort den Kopf. „Ja, Sir.“ Sein Blick verharrte auf Brusthöhe, und Steven war stolz auf ihn. Der junge Mann hatte das Zeug zu einem erstklassigen Sub.

„Du darfst zu den anderen Subs gehen, wenn du möchtest.“ In diesen ausdrucksvollen blauen Augen blitzte Freude auf, was Steven nicht entging. „Ich kann mich ja darauf verlassen, dass du dich anständig benehmen wirst.“

David strahlte. „Danke, Sir. Ich werde dich nicht enttäuschen.“ Er setzte sich anmutig in Bewegung und ging zu den anderen, die ihn überschwänglich begrüßten. David lachte, als sie ihn scherzend und kichernd umringten.

„Ist das dein neuer Sub, Steven? Sieht gut aus.“

Steven drehte sich um und begrüßte Alan Marchant, einen befreundeten Dom, der dem Club vor sechs Monaten beigetreten war. Steven hatte ihn auf Anhieb gemocht. Er hatte eine nüchterne, sachliche Ausstrahlung und eine nette Art, mit den Subs umzugehen.

Steven freute sich über das Kompliment, besonders, weil es von Alan kam. „Er wird mal ein verdammt guter Sub“, bekannte er mit einem zufriedenen Lächeln.

Alan grinste. „Dieses stolze Funkeln in deinen Augen sieht auch gut aus.“ Er blickte sich im Club um. „Das St. Andrew’s hat für diese Fete wirklich alle Register gezogen.“ Er warf Steven einen prüfenden Blick zu. „Dann sind die Geldsorgen wohl inzwischen behoben, nehme ich an?“

Steven machte ein finsteres Gesicht. Es war kein Geheimnis, dass der Club im letzten Jahr dreimal die Geschäftsführung gewechselt hatte, und er hoffte inbrünstig, dass es keinen weiteren Wechsel geben würde. Na schön, der Club sah eindeutig besser aus und jemand hatte offensichtlich eine Menge Geld ausgegeben. Die jüngsten Veränderungen waren jedoch nicht alle zum Besseren, soweit es Steven betraf. Er kannte einige der Doms, aber es gab auch sehr viele neue Gesichter.

„Manchmal frage ich mich schon, ob das Aufnahmeverfahren noch so streng ist wie früher“, brummte er, als er ein bekanntes Gesicht in der Menge entdeckte. Nicht zum ersten Mal hätte er gern gewusst, wer Curtis Rogers’ Aufnahmeantrag überprüft hatte. Der Mann war seit ungefähr sechs Monaten Mitglied und nachdem Steven ihn mit ein, zwei Subs gesehen hatte, hatte er Bedenken angemeldet. Er empfand Curtis als zu brutal. Doch man hatte ihm unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass seine Befürchtungen unbegründet waren.

„Ich weiß, was du meinst“, murmelte Alan, den Blick auf Curtis gerichtet. „Nie und nimmer ist dieser Mann ein ausgebildeter Dom.“

Steve warf Alan ein sardonisches Grinsen zu. „Mein bester Freund bildet Doms aus“, sagte er. Alan legte den Kopf schräg. „Er hat strikte Regeln, die er jedem Dom einhämmert, der durch seine Hände geht.“ Er schaute wieder zu Curtis. „Und dieser Mann würde jede einzelne davon verletzen“, sagte er mit düsterer Miene. Thomas hätte Curtis augenblicklich aus dem Club geschmissen. Steven hatte sich einige Male mit Curtis unterhalten, und das hatte seine Meinung von dem Mann nicht verbessert.

Curtis steuerte auf einen Tisch zu. Dort kniete ein schlanker, blasser junger Mann, am Stuhlbein angeleint. Im Gegensatz zu den lachenden, fröhlichen Subs, die mit David plauderten, hielt dieser Boy den Kopf gesenkt. Seine Schultern waren hochgezogen und alles an seiner Körpersprache schrie praktisch sein Elend hinaus. Auf Steven machte er den Eindruck, als hätte er sich in sich selbst zurückgezogen, um die Außenwelt auszuschließen.

Steven wollte unbedingt mehr über ihn wissen.

„Bin gleich wieder da“, murmelte er Alan zu, der die Augenbrauen hochzog, als er den Gegenstand von Stevens Aufmerksamkeit sah, und dann einmal bestätigend nickte. Steven ging so lässig wie möglich auf den Tisch zu und lauschte dabei angestrengt auf das, was sich zwischen Curtis und dem Sub abspielte. Als er näherkam, konnte er das Gespräch mithören.

„Rücken gerade, Boy“, fauchte Curtis. „Schultern zurück. Willst du mich etwa schon wieder vor all diesen Doms blamieren, du Witzfigur von einem Sub? Herrgott, ich schwöre, du benimmst dich jedes Mal daneben, wenn ich dich hierher mitnehme.“ Er baute sich vor dem knienden Sub auf, der sich sofort aufrichtete – aber offenbar nicht schnell genug für seinen Master. Curtis schickte ihn mit einem gezielten Fausthieb zu Boden. Der Submissive landete mit einem dumpfen Aufprall ausgestreckt auf dem harten Holzparkett. „Jetzt hoch mit dir und hör auf, so verdammt nervös auszusehen!“

Steven holte scharf Luft. Er sah zu, wie der Sub sich mühsam wieder aufrappelte. Und dabei entdeckte er dann die Blutergüsse. Es gab eine Menge davon. Auf den Armen. Halb verborgen unter dem Hemd. Auf dem Gesicht. Jesus, der Boy sah furchtbar aus. Er zitterte und sein Blick huschte hektisch vom Fußboden zu Curtis und wieder zurück.

Steven musterte die Männer in der Umgebung dieser Szene. Keiner rührte sich, keiner sagte was. Dieser kurze Blick gab für ihn den Ausschlag. Er würde seine Mitgliedschaft am Ende des Monats nicht erneuern. Er konnte nicht zu einem Club gehören, in dem eine solche ungerechtfertigte Gewalttätigkeit gegen einen Sub völlig unbeachtet blieb. Aber im Moment gab es ein viel dringenderes Problem und Steven brauchte Rat.

Stirnrunzelnd kehrte er zu Alan zurück, der ihm mit großen Augen entgegensah.

„Was zum Teufel hat der Sub bloß angestellt?“

Steven zuckte die Schultern. „Keine Ahnung. Ganz bestimmt nichts, was eine solche Behandlung rechtfertigen würde.“ Er drehte sich halb zur Seite und versuchte, Curtis aus dem Augenwinkel zu beobachten. Der Boy kniete jetzt wieder, den Blick gesenkt, während Curtis sich angeregt mit einem weiteren jungen Mann unterhielt.

„Das ist Curtis’ neuer Sub“, erklärte Alan im Flüsterton.

Ungläubig starrte Steven ihn an. „Er hat zwei Subs?“ Alan nickte und schaute dabei an Steven vorbei, dorthin, wo Curtis stand. Steven schürzte abfällig die Lippen. „Das ist nicht okay. Er sollte nicht noch einen Sub annehmen. Erst recht nicht, wenn er schon den ersten so schlecht behandelt.“

„Sir?“ David berührte Steven zaghaft am Arm. Steven hatte ihn nicht herankommen gehört. Der Sub machte einen verstörten Eindruck.

Steven richtete sich auf. „Was ist denn, David?“ Er sprach bewusst ruhig. David war offensichtlich ziemlich durcheinander.

„Sir, ich muss unbedingt mit dir reden. Es ist wichtig. Können wir irgendwo hingehen, wo wir … mehr unter uns sind?“

Steven überlegte einen Moment. „Komm mit.“ Er ging voran zu einem der Séparées in der Nähe der Bar, und David folgte ihm hinein. Steven schloss die Tür und lehnte sich dagegen. „Okay. David, rede mit mir.“ David rang nach Luft, seine Wangen waren gerötet. Da stimmte was nicht.

„Sir, ich habe ich mit einem von den Subs unterhalten, einem Typen namens Christian. Sein Master hat noch einen zweiten Sub, Peter. Christian hat mir erzählt, dass sein Master …“ David schluckte nervös.

„Sprich weiter, Boy“, sagte Steven aufmunternd. David holte tief Luft.

„Sir, anscheinend verprügelt sein Master diesen Peter – und zwar oft.“

Steven war sich nicht sicher, was er dazu sagen sollte. Sein Sub war noch recht neu in der Szene. Er konnte keine Vorstellung davon haben, wie es war, schmerzgeil zu sein. Steven grübelte über eine passende Erklärung nach.

„David, manche Subs stehen einfach auf Schmerz.“ Doch weiter kam er nicht. David schaute ihm direkt in die Augen. Steven zuckte bei diesem ungewohnten Benehmen überrascht zusammen. David starrte ihn mit ernstem Blick an.

„Nein, Sir, entschuldige bitte, aber das ist hier nicht der Fall. Christian hat eine Bemerkung gemacht, die mich beunruhigt hat. Er sagte: ‚Ich hätte nicht gedacht, dass Peter so ein Maso ist, aber Master sagt, dass er auf Schmerzen steht. Und so oft, wie er verprügelt wird, stimmt das vermutlich.‘“ David erschauerte. „Das klingt einfach irgendwie falsch, Sir.“

Steven dachte rasch nach. „Weißt du zufällig, wie sein Master heißt“, fragte er beklommen. Er hatte das ungute Gefühl, bereits zu wissen, wie Davids Antwort lauten würde.

David nickte langsam. „Curtis Rogers, Sir.“ Sein Zittern verriet, wie sehr ihm die Situation zu schaffen machte. Als Steven ihm den Arm um die Schultern legte, spürte er die Schauer, die den Boy überliefen. Er zog David an sich.

„Schon gut“, murmelte er. „Ich muss nur nochmal kurz mit meinem Freund reden und dann gehen wir nach Hause. In Ordnung?“ David nickte, sichtlich bemüht, sich zu beruhigen. „So ist’s brav. Und danke, dass du es mir gesagt hast. Du hast das Richtige getan.“ Er wartete, bis David seine Emotionen wieder unter Kontrolle hatte und führte ihn dann hinaus. Alan drückte sich mit besorgter Miene vor der Tür herum.

„Alles okay?“

Steven nickte knapp. „Ich bringe David jetzt nach Hause. Und dann muss ich einen Anruf machen, glaube ich. Dieser Freund, den ich vorhin erwähnt habe? Er leitet einen BDSM-Club. Ich brauche hier seinen Rat, Alan, bevor ich einschreite und was Dummes mache.“

Alan betrachtete ihn nachdenklich. „Dann solltest du auf jeden Fall seinen Rat einholen. Und sag mir Bescheid, wenn du weißt, was du tun willst.“ Er drückte Steven fest die Hand. „Falls du irgendwas brauchst, du hast ja meine Nummer.“ Steven warf ihm einen dankbaren Blick zu, dann wandte er sich an seinen Sub, der ihn und Alan ehrfürchtig beobachtet hatte.

„Komm, Boy. Gehen wir nach Hause.“

 

 

„ALSO, WAS meinst du? Was soll ich jetzt machen?“, fragte Steven. Er stand in seinem Wohnzimmer vor einem Fenster, das die Skyline des Stadtzentrums von Manchester überblickte. Zwei Tage waren vergangen, ehe er dazu gekommen war, seinen besten Freund Thomas Williams anzurufen. Weihnachtliche Verpflichtungen hatten leider Vorrang gehabt.

Thomas’ Schnauben hallte in seinem Ohr wider. „Ich kenne dich, Steven. Du willst auf deinem weißen Ross da reinpreschen und diese männliche Jungfer in Nöten retten, stimmt’s?“

Steven schnitt eine Grimasse. „Bin ich so leicht zu durchschauen?“

Am anderen Ende der Leitung blieb es eine Weile still. Als Thomas weitersprach, klang seine Stimme ernst.

„Steven, du weißt nicht, was da vorgeht. Du kennst nicht alle Fakten. Du hast einen winzigen Einblick in das Leben dieses Boys bekommen – und das reicht nicht.“ Er machte eine Pause und ließ Steven Zeit, um über seine Worte nachzudenken. „Besteht denn die Möglichkeit, dass du mal bei Peter zuhause vorbeischauen könntest? Damit du siehst, wie Curtis ihn behandelt, wenn sie nicht im Club sind?“

Steven überlegte rasch. „Ich könnte ja mal hingehen und mich erkundigen, ob Curtis zur Silvesterparty kommt. Anscheinend findet da eine Sub-Auktion statt – für einen guten Zweck – und ich bin mir nicht sicher, ob er das weiß.“

„Bist du dafür gut genug mit Curtis bekannt? Will sagen, würde es ihn misstrauisch machen, wenn du bei ihm zuhause auftauchst?“

Es war eine berechtigte Frage. Steven überlegte. „Wir haben ein paarmal miteinander gesprochen“, räumte er ein, „also bin ich nicht gerade ein Fremder. Ich könnte mich erkundigen, ob seine Subs hingehen – als ob ich die Teilnehmerzahlen überprüfen wollte oder sowas.“ Der Vorwand klang selbst für seine Ohren lahm.

Er hörte Thomas seufzen. „Wenn du der Sache unbedingt weiter nachgehen willst, solltest du besser eine erstklassige Vorstellung abliefern. Dem Vernehmen nach ist Curtis Rogers ein Mensch, dem man nicht in die Quere kommen sollte.“

Das weckte Stevens Aufmerksamkeit. „Was hast du gehört?“

Thomas räusperte sich. „Nur Gerüchte, um ehrlich zu sein. Anscheinend hat Mr. Rogers sich mit ein paar ziemlich zwielichtigen Gestalten eingelassen und steckt jetzt in zu vielen Dingen bis zum Hals mit drin, nennen wir’s mal so – und einige davon sind wahrscheinlich illegal.“

Je mehr Steven über Curtis Rogers hörte, desto weniger mochte er den Mann.

„Damit ist die Sache klar. Ich geh’ da mal vorbei“, sagte Steven entschlossen.

„Na schön. Aber melde dich bitte wieder bei mir, wenn du bei ihm warst.“ Thomas hustete einmal. „Und Steven? Unternimm nichts, ehe du nicht mit mir geredet hast. Das ist mein Ernst.“ Steven kannte diesen autoritären Ton. Er hatte so einige Subs und Doms erzittern sehen, wenn sie ihn abbekamen.

„Versprochen.“ Verdammt, der Mann kannte ihn viel zu gut.

 

 

STEVEN HIELT vor Curtis’ Eingangstor am Straßenrand und ließ den Motor laufen. Er bekam vor Staunen den Mund nicht mehr zu. Was auch immer Curtis beruflich machte, er verdiente offenbar sehr gut damit. Das Haus war ein Palast verglichen mit Stevens Dreizimmerwohnung im Stadtzentrum. Eine lange, geschwungene, kiesbestreute Auffahrt führte zu einem Gebäude, das man nur protzig nennen konnte. Vor der Doppelgarage standen zwei Autos, die zusammen schätzungsweise an die zweihunderttausend Pfund wert sein mussten. Für einen Moment bewunderte Steven ihre schnittigen Linien. Er hatte eine Schwäche für Nobelkarossen.

Steven bog schwungvoll in die Auffahrt ein und fuhr auf das Haus zu. Er parkte gegenüber von den beiden Autos, stieg aus, schloss seinen Volvo ab und näherte sich der Eingangstür. Ehe er klingeln konnte, ging die riesige, kunstvoll verzierte Holztür langsam auf. Steven erkannte Christian von der Weihnachtsfeier.

„Guten Tag. Ist dein Master zuhause?“

Christian nickte und trat beiseite, um Steven herein zu lassen. „Bitte hier entlang, Sir. Ich gebe meinem Master Bescheid, dass du hier bist.“ Er führte Steven in einen hellen, luftigen Flur mit einem breiten, opulenten Treppenaufgang. Dann öffnete er eine Tür zu seiner Linken. Als Steven eintrat, fand er sich in einem großen Wohnzimmer wieder. Eine Wand wurde von einem offenen Kamin dominiert, um den herum drei Ledersofas arrangiert waren. „Bitte nimm Platz, Sir. Mein Master kommt gleich zu dir.“

Steven setzte sich auf das nächststehende Sofa und fasste die Gemälde und diversen Ziergegenstände ins Auge. Curtis hatte keine Kosten gescheut, wie es schien. Der Weihnachtsbaum am Fenster war mindestens zweieinhalb Meter hoch und mit so vielen Kugeln geschmückt, dass die Zweige kaum noch zu sehen waren.

„Bewunderst du gerade das Werk meines Innenausstatters?“

Steven stand auf, um Curtis zu begrüßen, der ihn kritisch musterte. Curtis war lässig in Jeans und Pulli gekleidet. Er kam Steven mit ausgestreckter Hand entgegen, die Lippen geschürzt.

„Was führt dich zu mir, Drummond?“

Als Steven ihm die Hand schüttelte, wurde er plötzlich überraschend nervös. Er spulte seine vorbereitete Story ab.

„Ja, ich gehe zu der Party“, sagte Curtis. „Christian hier steht zur Auktion.“ Er deutete mit einer raschen Handbewegung auf den Sub. „Er sollte einiges an Spendengeldern einbringen, meinst du nicht? Ein gut aussehender Boy.“ Er warf Christian einen anzüglichen Blick zu.

„Ich denke schon“, murmelte Steven unverbindlich. „Und willst du deinen anderen Sub auch versteigern?“

Curtis machte ein mürrisches Gesicht. „Wenn er so weitermacht, darf Peter erst gar nicht mitkommen. Wir werden sehen. Apropos …“ Er ging zur Tür, machte sie auf und brüllte in den Flur: „Peter! Wo bleibt der Tee?“ Er blickte sich zu Steven um und seine Miene wurde noch finsterer. „Dieser Boy … ich schwöre, der macht mehr Ärger, als er wert ist.“ Er kehrte zu Steven zurück, der immer noch stand. „Setz dich, Drummond“, sagte er mit einem Wink zum Sofa. „Der Tee kommt gleich … wenn dieser Boy weiß, was gut für ihn ist.“ Curtis’ Augen verengten sich. Er fixierte Steven mit stählernem Blick. „Bist du nur aus diesem einen Grund vorbeigekommen?“

Steven reagierte schnell und entschlossen. „Na ja, wenn ich ehrlich bin …“ Er blickte sich im Zimmer um. „Ich habe im Club gehört, dass du ein tolles neues Haus hast“, sagte er mit einem verlegenen Schulterzucken. „Ich war neugierig. Wollte mal sehen, wie die andere Hälfte so lebt.“ Er hielt den Atem an, in der Hoffnung, den anderen Mann an seiner Eitelkeit packen zu können.

Curtis plusterte sich auf, die Brust von Stolz geschwellt, und Steven stieß innerlich einen Seufzer der Erleichterung aus.

„Aaah, jetzt verstehe ich!“ Curtis strahlte. „Umwerfend, nicht? Hat mich auch ganz schön was gekostet.“

Die Tür ging auf und Peter kam herein, ein Tablett mit einer silbernen Teekanne, Tassen und Untertassen, Milchkännchen, Zuckerdose und einem Teller Keksen in den Händen. Er ging zögernd auf die wartenden Männer zu. Als er sich dem niedrigen Kaffeetisch näherte, stolperte er leicht und kleckerte ein paar Tropfen Milch auf das Tablett. Er schaute sofort zu Curtis und Steven konnte nur mühsam den Schauer unterdrücken, der ihm über den Rücken rann. Die Furcht in diesen Augen …

„Du blöder …“ Curtis machte einen Schritt auf Peter zu und der Sub zuckte zusammen, was bei Steven keinen Zweifel daran ließ, dass er einen Schlag erwartete. Er duckte sich und kniff in Erwartung einer Ohrfeige die Augen zu. Doch sie kam nicht. Curtis erhaschte offenbar einen Blick auf Stevens Gesicht und richtete sich eilig wieder auf. „Stell das Tablett hin und dann machst du das sauber“, sagte er mit zusammengebissenen Zähnen. Er sprach jedes einzelne Wort klar und deutlich aus, doch mit einem Unterton, bei dem Steven eiskalt wurde. Peters Gesicht war weiß, als er fluchtartig das Zimmer verließ. Bald darauf kam er mit Papiertüchern wieder, um die relativ kleine Menge verschütteter Milch aufzuwischen.

Steven nutzte die Gelegenheit, um den Boy zu mustern. Er schätzte Peter auf Mitte zwanzig. Die Blutergüsse, die er im Club entdeckt hatte, sahen im Tageslicht noch schlimmer aus. Sie umschlossen die schmalen Handgelenke des jungen Mannes und erstreckten sich bis unter das langärmlige Hemd, das er trug. Aber die Prellungen in seinem Gesicht … Peter blickte ängstlich zu ihm auf und schaute dann rasch wieder zu Boden. Steven versuchte, seinen Blick so beruhigend wie möglich zu erwidern. Curtis’ Aufmerksamkeit war auf den Sub fixiert.

„Du kannst jetzt gehen“, knurrte er. Steven schaute sich Peters schnellen Abgang an; er hatte noch nie einen Sub so hastig aus der Gegenwart seines Masters verschwinden sehen. Curtis schenkte ihm eine Tasse Tee ein und Steven gab Milch dazu. Er wollte keinen Tee trinken, verdammt nochmal. Er wollte hier raus. Er wollte Thomas anrufen. Steven lehnte sich zurück, führte eine höfliche Unterhaltung mit Curtis und versuchte dabei, nicht ständig nach der Uhr auf dem Kaminsims zu schielen. Seine Haut kribbelte. Wenn er wieder zuhause war, würde er als erstes eine lange, heiße Dusche nehmen. Er musste sauber werden.

 

 

„ICH SAGE dir, es war einfach … ein ganz ungutes Gefühl.“ Für einen redegewandten, intelligenten Mann tat Steven sich schwer damit, seine Emotionen genau zu bestimmen. Vor dem Anruf bei Thomas hatte er an seinem Esstisch gesessen und ins Leere gestarrt, in Gedanken völlig auf den Sub fixiert. Je mehr er darüber nachdachte, desto mehr kam er zu der Überzeugung, dass Peter misshandelt wurde. Der entscheidende Faktor war Peters Gesichtsausdruck gewesen. Es hatte nicht der leiseste Anflug von Freude oder gar Glück darin gelegen. Vielmehr ließ der gehetzte, furchtsame Blick in Peters Augen Steven einfach nicht los, selbst Stunden, nachdem er da rausgekommen war.

Er hörte Thomas’ geduldigen Seufzer am anderen Ende der Leitung.

„Okay, du hast mich überzeugt.“ Thomas klang resigniert. „Was willst du jetzt machen?“

Das war der einfache Teil. Steven wusste genau, was er machen wollte. Das Problem würde sein, seinen besten Freund und einstigen Lehrer zum Mitmachen zu überreden.

„Ich werde ihn von Curtis wegholen.“

Thomas gab ein leises, ironisches Lachen von sich. „Das hatte ich bereits vermutet. Meine Frage lautet … wie?“

Steven holte tief Luft. Jetzt kam der knifflige Teil.

„Ich werde zu dieser Silvesterparty gehen und schauen, ob er Curtis begleitet. Falls er da ist, lenke ich Curtis irgendwie ab. Ich hätte da einen Freund, der mir vielleicht dabei helfen könnte. Und wenn sich die Gelegenheit bietet, mache ich meinen Zug.“

„Und wenn er nicht da ist?“

„Dann gibt es nur einen anderen Ort, wo er sein kann … zuhause. Also gehe ich dorthin.“

Thomas blieb für einen Moment stumm. Steven machte sich auf das gefasst, was gleich kommen würde, wie er wusste. Und wirklich …

„Wie kommst du darauf, dass Peter in der Lage sein wird, dir die Tür aufzumachen? Und selbst wenn, glaubst du wirklich, du kannst da einfach reinmarschieren und ihn mitnehmen? Was, wenn er nicht mitkommen will? Was machst du dann?“

„Das weiß ich nicht, okay?“ Steven zuckte zusammen. Er hatte nicht schreien wollen, aber er war hier auf spontane Entscheidungen angewiesen. „Mein größeres Problem ist die Frage, was ich mit Peter machen soll, falls ich es schaffe, ihn aus Curtis’ Fängen zu befreien.“

Die Pause am anderen Ende wirkte lastend. „Was willst du damit sagen?“ Thomas’ Tonfall war plötzlich zurückhaltend. Nein, niemand hätte Thomas jemals vorwerfen können, schwer von Begriff zu sein. Der Mann hatte einen rasiermesserscharfen Verstand.

„Er kann nicht bei mir wohnen, Thomas. Ich könnte nicht David ausbilden und mich zugleich um einen traumatisierten Sub kümmern. Davids Bedürfnisse haben Vorrang. Und Peter würde viel Zuwendung brauchen.“ Steven schloss die Augen und sah wieder dieses bleiche, blaugeschlagene Gesicht vor sich. „Also hatte ich daran gedacht, ihn zu dir zu bringen.“ Er hielt den Atem an und wartete auf den Ausbruch seines Freundes. Er brauchte nicht lange zu warten.

„Und wie kommst du darauf, dass ich mich um ihn kümmern kann?“ Thomas’ Stimme wurde lauter.

„Thomas, du brauchst nicht rund um die Uhr in deinem Club zu sein, oder? Du hast keinen eigenen Sub. Du lebst allein. Es sei denn, das hat sich geändert?“ Er wartete ab, ob Thomas darauf anspringen würde. Schweigen. Steven preschte weiter vor. „Okay, dann bist du viel besser als ich in der Lage, dich um ihn zu kümmern.“ Er verstummte, um Thomas nicht zu drängen, obwohl er das nur zu gern getan hätte. Das Schweigen hielt eine Zeit lang an. Steven begann sich Sorgen zu machen.

Thomas räusperte sich. „Du nervst, Steven, weißt du das?“ Steven hielt den Atem an. „Na gut. An Silvester hältst du mich telefonisch ständig über alles auf dem Laufenden. Das ist mein Ernst, Steven. Ich will nicht, dass die Polizei bei mir anruft und mir mitteilt, dass sie dich wegen Einbruchs in Tateinheit mit Kidnapping verhaftet haben.“

Steven atmete tief durch. Gott sei Dank.

„Versprochen. Ich sage dir auf Schritt und Tritt Bescheid, was gerade passiert.“

„Du wirst mich vielleicht nicht immer erreichen können. An dem Abend findet bei uns eine Halsbandzeremonie statt, an der ich beteiligt bin.“ Steven konnte Thomas’ leisen Seufzer nicht überhören. „Ich nehme mein Handy mit, okay? Falls du nicht gleich durchkommst, versuchst du’s weiter. Das meine ich ernst, Steven.“ Seine Stimme hatte erneut diesen deutlich autoritären Beiklang.

„Verstanden.“ Steven konnte sein Lächeln nicht zurückhalten. „Und danke, Thomas.“

„Ich muss verrückt sein“, murmelte Thomas. „Was zum Teufel habe ich mir da eben eingebrockt, frage ich mich?“

„Es ist ja nur für eine kleine Weile“, sagte Steven. Vom anderen Ende der Leitung kam ein unwirsches Brummen.

„Das werden wir dann ja sehen, nicht wahr?“