CHICO WUNDERTE sich, ob es möglich war, verloren zu sein, während man genau wusste, an welchem Ort man sich befand. Er starrte auf das Äußere des Tanzstudio Winters mit seinem frischen Anstrich aus weißer Farbe und den großen, blühenden Rosenbüschen und dachte darüber nach, was zur Hölle er hier tat.

Ohne jegliche Intention zum Tanzen, war dies der letzte Ort, an den er gehörte. Das Gebäude war aus der Jahrhundertmitte, aber nicht im plastischen Sinne der 1950er. Es war mit solider Anmut erbaut worden, fast wie eine Kirche inmitten der Redwoods.

Die Bäume spendeten etwas Schatten, auch wenn um das Studio nicht so viele standen wie oberhalb der Straße, wo die Stadt in das Küstengebirge und den Wald überging. Er hatte sich noch nie dorthin gewagt und war sich nicht sicher, ob er es jemals würde. Chico liebte die Bäume, aber er mochte es ebenso Häuser um sich herum zu haben. Wenn er den Weg, den er gerade gekommen war, zurückging, der Fahrbahn allerdings weiter folgte, würde er im Zentrum der kleinen Stadt landen, die als Brandywine bekannt war. Aber um ehrlich zu sein, klang das genauso erschöpfend wie seine freie Zeit als Ehrenamtlicher oder was auch immer er war, im Tanzstudio Winters zu verbringen.

Das Studio war größer als manch anderes Gebäude in der Stadt. Beim Hinaufgehen erkannte er drei separate Eingänge. Einer war wohl für Lieferungen. Der andere bestand aus zwei großen französischen Türen, die momentan geschlossen waren. Die Tür auf der Vorderseite musste der Haupteingang sein.

Chico konnte die andere Seite des Gebäudes zwar nicht sehen, aber er vermutete, dass dort mindestens noch eine weitere Tür war. Überall waren Reklameschilder aufgestellt, die die jährliche Abschlussaufführung ankündigten und für ein Ballett namens The Clockwork Dancer warben, von dem Chico noch nie etwas gehört hatte. Nicht dass er viel von Ballett verstand, außer dass er irgendwann mal den Nussknacker gesehen hatte.

Obwohl es erst früher Mai war, hatten die Nachmittagssonne und sein kleiner Spaziergang dafür gesorgt, dass er schwitzte und müde war. Er war es gewohnt, zu Fuß zu gehen. Wenn John ihn nicht hatte fahren können wie meistens, war er so in die Stadt gekommen. Chico fuhr niemals selbst in die Stadt, denn er war miserabel im seitwärts Einparken, besonders an einem Hang und in Eile. Aber selbst das tägliche Begehen der steilen Straßen von San Francisco hatte ihn nicht erschöpft. Vielleicht hatte sein Cousin recht und er verbrachte zu viel Zeit im Haus.

Autos säumten die ohnehin schon schmale Straße. Was wahrscheinlich der Grund dafür war, dass einige Eltern bis zum Eingang fuhren und ihre Kinder rausließen, bevor sie entweder heimfuhren oder, falls sie weiter weg wohnten, als es die meisten taten, nach einem Parkplatz suchten und darauf warteten, dass ihre Kinder fertig waren.

 

 

ER HÄTTE das Auto nehmen oder zumindest einen Zwischenstopp einlegen sollen, um seine Arbeitskleidung loszuwerden, bevor er hierhergekommen war. Ein schwarzes Hemd und eine schwarze Hose waren in der Hitze nicht gerade das bequemste oder das am besten geeignete Outfit, egal für was man ihn einsetzen würde. Aber er war mehr damit beschäftigt gewesen, alles schnell hinter sich zu bringen als damit, darüber nachzudenken, was ihn genau erwarten würde.

Er nahm den kürzesten Weg zum Haupteingang und seufzte, als eine kühle Brise ihn begrüßte. Das Foyer war nicht groß, wirkte aber, trotz der Vitrinen und Regale entlang der Wände, welche überraschenderweise eine obszöne Anzahl an Trophäen und Sieges-Statuen enthielten, geräumig. Brandywine hatte zwar unter den Einwohnern San Franciscos eine lange Geschichte als beliebter Urlaubsort in den Redwoods, war aber kein Ort, an dem man ein preisgekröntes Tanzstudio erwartete. Direkt in der Stadt oder vielleicht irgendwo in den umliegenden Buchtgebieten schien es bessere Plätze dafür zu geben. Und dennoch warb ein Schild draußen damit, dass das Studio bereits seit 1952 existierte.

Die eingerahmten Zeitungsberichte und Fotografien als auch die in Schaukästen präsentierten Ausstellungsstücke, die er entdeckte, ließen ihn sich nicht gerade besser fühlen. Eines dieser Ausstellungsstücke sah wie ein Paar Spitzenschuhe aus Satin aus, wodurch sich sein Eindruck verstärkte, dass es sich hierbei um ein professionelles Tanzstudio und nicht nur um ein unbedeutendes Studio in einer kleinen Stadt handelte, in dem Knirpse den Jazz-Stepp lernten und Senioren im Swing-Tanz unterrichtet wurden.

Eine Jugendliche kam aus einem Raum zu seiner Linken und schwebte, von seiner Anwesenheit völlig unbeeindruckt, durch den Flur. Sie schienen ungefähr gleich groß zu sein, 1,65 m circa. Dann stellte sie sich kurz auf die Spitzen und hüpfte auf und ab, als wolle sie ihre Schuhe testen.

Chico hielt an, um sie vorbei zu lassen, änderte dann aber seine Richtung. Auf keinen Fall war dieses Mädchen zu den anderen Ehrenamtlichen unterwegs, wo auch immer sich diese befanden. Er hielt an einer Tür, die mit Flugblättern zum Hundesitten und einem Anmeldebogen beklebt war, dann klopfte er an.

Keiner antwortete. Innerlich verfluchte er seinen Cousin, legte aber seine Hand auf den Türgriff und klopfte erneut. Wenn es hier ein Büro gab, dann war dieses wohl gerade geschlossen.

Die Tür sprang auf.

Chico wartete, aber als niemand ihn hereinrief, steckte er seinen Kopf durch die Tür und sah, dass der Raum tatsächlich eine Art Büro war. Es gab einen unordentlichen Schreibtisch, einen Wandkalender, einen kleinen surrenden Tischventilator, eine leere Sitzbank gegenüber dem Schreibtisch und ein Schild auf dem Boden, was wohl heruntergefallen war. Hierauf war zu lesen: „Bitte lassen Sie die Bürotür während der Öffnungszeiten des Studios offen“. Gegenüber war eine weitere Tür, ebenfalls geschlossen, auch wenn er Stimmen aus dem Raum dahinter hören konnte.

Er schob die Tür auf und ging hinein. Er konnte auf der Bank warten. Oder er konnte gehen. Oder er konnte nachsehen, ob sich sein Cousin in dem Raum hinter der geschlossenen Tür befand, bereit ihm die Leviten dafür zu lesen, dass er zu spät war. Davi war davon überzeugt, dass Chico alles tun würde, um das Verlassen seines Apartments zu vermeiden, womit er nicht völlig unrecht hatte. Doch auf Davis Gesichtsausdruck, wenn Chico sich zurück nach Hause in sein kleines umgebautes Zimmer über Davis Garage stahl, konnte er sehr gut verzichten.

Seufzend hob er das Schild auf und legte es auf die Bank, dann schlich er in Richtung der anderen Tür. Das Murmeln der verschiedenen Stimmen auf der anderen Seite wurde lauter. Die Menschen in dieser Stadt nahmen ihre Aktivitäten und die ehrenamtliche Arbeit sehr ernst. Er vermutete, dass das bei kleinen Städten so sein musste, damit sie überleben konnten. Vielleicht hatten die Einwohner so auch einfach etwas Beschäftigung. Brandywine war nicht vom Rest der Welt abgeschottet, was es jedoch auch nicht einfacher machte, sich zufällig dorthin zu verirren.

Die Stadt war von der Küste aus innerhalb von zwanzig Minuten nur über eine lange, kurvenreiche Straße zu erreichen und eine dreißigminütige Fahrt durch die Berge von der nächsten Autobahn und der nächstgrößeren Stadt entfernt. Umrundet von Bäumen und Häuschen – die einen wilden Mix von Touristen und Anwohnern mit Geld, in derselben emotionalen Verfassung wie Chico, beherbergten – hatte die Stadt ihren Namen von einer Gaststätte und Bar erhalten, die einst das größte Gebäude hier gewesen war.

Die Landschaft war entzückend. Der Name charmant. Und die Menschen waren nett genug. Unter anderen Umständen hätte er hier wohl Urlaub machen können. Einige seiner alten Freunde besuchten ein oder zwei Mal im Jahr eine andere Stadt in der Nähe, um Party zu machen. Er wollte sich das anschauen, wenn er besser drauf war.

Aber er tat es nicht und Davi war der Ansicht, dass es an der Zeit war, Menschen kennenzulernen. Also hier war er nun, auf dem Weg zu einer Gruppe Ehrenamtlicher, so langsam, dass man meinen könnte, er würde in nassem Zement feststecken. Er gab einen leisen, traurigen Ton von sich, als er die Tür erreichte, drückte sie aber auf und steckte seinen Kopf hinein.

Er erstarrte.

Die Menschen, die auf dem Fußboden nahe der Tür saßen, erstarrten mit ihm. Was aber wohl daran lag, dass er, bei dem Anblick so vieler Menschen – Menschen die offensichtlich nicht zur Gruppe der Ehrenamtlichen gehörten – wie ein Reh im Scheinwerferlicht stehen geblieben war.

Irgendwo plapperten andere immer noch aufgeregt über die Strapazen der klassischen Musik.

Chico blinzelte ein paar Mal, sich plötzlich ungewöhnlich bewusst, dass er kein Kleinstädter war, nicht einmal hier, inmitten der Massen von Sommertouristen aus dem ganzen Land. Sein Gesicht war zwar nicht das einzig dunkle in einem Raum von blassen Gesichtern, aber es waren so wenige von ihnen, dass er dennoch hervorstach.

Dann war da sein Aussehen – er hatte glänzendes Haar und einen Undercut sowie Ohrpiercings. Zumindest trug er heute keine seiner zahlreichen Ringe, nicht an einem Arbeitstag. Nicht einmal um in Teilzeit Herrenschuhe in einem Kaufhaus zu verkaufen.

Er hatte eine Zeit lang nicht mehr an seine Ringe gedacht. Außer den Steckern, die sich zurzeit in seinen Ohren befanden, hatte er seinen ganzen Schmuck bei dem hastigen Umzug aus der Stadt in irgendwelchen Kisten verstaut. Seine Haare waren wegen der Arbeit ordentlich zurechtgemacht, die Ohrringe durfte er anbehalten, aber hätte man ihn heute nicht gezwungen, das Haus zu verlassen, dann würde er jetzt die kurzen Hosen tragen, in denen er die letzten vier Nächte geschlafen hatte.

Er war eine Katastrophe auf zwei Beinen.

„Da bist du ja.“ Eine leise, heisere Stimme unterbrach Chicos Moment der Selbsterkenntnis, aber er war immer noch so verdutzt, dass er einen Moment brauchte, bis er die einladenden Worte wahrnahm, die an ihn gerichtet waren.

Da er keinen kannte, der so mit ihm sprechen würde, drehte er seinen Kopf in Richtung der Stimme und bekam einen trockenen Mund, als er den Sprecher lokalisiert hatte. Er war seit dem Buchstabierwettbewerb in der sechsten Klasse nicht mehr so nervös und zittrig gewesen. Nicht einmal, als er sein Coming Out vor seinen Eltern gehabt hatte. Aber da hatte er auch Davi gehabt, der das meiste abgefangen hatte, zumindest bis zum letzten Jahr, in dem Davi bekannt gegeben hatte, dass er transsexuell war, woraufhin die gesamte Familie völlig ausflippte.

Auf der anderen Seite des Raumes stand ein Mann mit einer ruhigen Ausstrahlung, dunklen Haaren, einem glatt rasierten Gesicht und dem Körper eines Tänzers. Chico wusste nicht viel über Tänzer, aber er nahm sofort die schmale, aber muskulöse Statur, die starken Schultern und Arme und die strammen Oberschenkel in den eng sitzenden Hosen wahr. Der Mann trug ein sportliches Hemd in Marineblau, war aber ansonsten nicht so angezogen, wie er es sich bei einem Tanzlehrer vorgestellt hatte.

Aber er war definitiv der Lehrer. Zum einen hatte er keinen Partner und zum anderen drehten sich alle zu ihm um, als er sprach, bevor sie zurück zu Chico schauten.

Chico hätte gerne gesagt, dass er den Mann nicht kannte, aber er erinnerte sich nur zu gut daran, wie er an seinem ersten Tag in der Stadt in ihn hineingelaufen war. Brandywine hatte lediglich sechs große Straßen und eine Menge kleine Gassen, die zu den Häusern außerhalb der Stadt führten und durch die vielen Bäume schwer zu finden waren. Chico hatte sich völlig verfahren und seine kleine Kombilimousine, die über und über mit Regenbogenflaggen-Aufklebern bedeckt war, vor dem Supermarkt geparkt und die erste Person um Hilfe gebeten, die er finden konnte.

Diesen Mann. Natürlich hatte Chico diesen Mann ausgewählt, als er, bedingt durch den Umzug, die lange Fahrt und das damit verbundene Sich-verfahren, am Rande der Erschöpfung stand, den Tränen nahe. Zu allem Überfluss hatte er kurze, enge Hosen getragen, die John gehasst hatte, und ein fliederfarbenes Netzhemd, welches Chico aus Ironie gekauft und dann anbehalten hatte, weil ihm alles egal war. Er hatte sich einen gut aussehenden, glatt rasierten Mann mit haselnussbraunen Augen und dunkelbraunem Haar, das mit grauen Strähnchen durchzogen war, ausgesucht, um sich bei ihm auszuheulen, während er versuchte, ihm zu erklären, dass er verzweifelt nach Davis Haus suchte und ihm doch bitte jemand sagen sollte, wo die Alberi Lane war, denn alles, was er wollte, wäre nach Hause zu gehen. Und der Mann war zu ihm gekommen und hatte ihm mitgeteilt, dass er selbst in der Alberi Lane wohne und er ihm sagen könnte, wie er dort hinkäme, dies wäre kein Problem, er bräuchte sich keine Sorgen zu machen. Chico hatte sich wie ein Idiot gefühlt, dass er am Rande eines Nervenzusammenbruchs stand und das nur, weil er den richtigen Weg nicht fand.

Er hatte versucht die Erinnerung daran zu verdrängen, aber die ruhige Art des Mannes war eine schmerzliche Erinnerung daran gewesen, wie sehr Chico sich zum Idioten gemacht hatte. Der Tanzlehrer schien in seinen späten Dreißigern zu sein und war darüber hinaus wunderschön, selbstbeherrscht und, verdammt, wahrscheinlich einer der Winters, denen dieses Studio gehörte. Ein Mensch wie er würde nie verstehen, wie jemand in Chicos Alter solch ein Versager sein konnte.

Er war Chico außerdem nähergekommen während dieser ihn blöd angeglotzt hatte.

„Los geht‘s“, forderte der Mann ihn auf und reichte ihm mit einer graziösen Bewegung, die an einen Disneyprinzen erinnerte, seine Hand. Er blieb vor Chico stehen und lächelte ihn so herzlich an, dass dieser sich umdrehte, um zu sehen, wer hinter ihm stand.

„Kein Grund schüchtern zu sein“, fuhr der Mann fort, da Chico scheinbar vergessen hatte, wie man sprach. Er schüttelte den Kopf, als ob ein Teil von ihm seine Schüchternheit verneinen wollte. Der Mann nahm dies als Zeichen, dass Chico mehr seiner beruhigenden Worte benötigte: „Mach dir keine Gedanken über deine Verspätung oder darüber, dass du keinen Partner hast. Du kannst immer noch alles lernen.“ Er legte seine Hand auf Chicos, die immer noch auf dem Türgriff ruhte und zog sie sanft weg.

Chico fand endlich seine Stimme wieder: „Oh.“ Diese Hand war genauso warm wie die Stimme des Mannes, genauso kontrolliert und sicher und Chico konnte sich nicht daran erinnern, dass er jemals so sehr auf eine Hand fixiert gewesen war. Aber es war auch schon fast sechs Monate her, dass er von jemandem berührt worden war, der ihn nicht nur umarmte. „Okay“, stimmte er verblüfft zu und schüttelte dann den Kopf. „Nein, warte, ich habe mich schon wieder verlaufen. Ich bin nicht hier für einen –“