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FLAMMEN ZÜNGELTEN über seine Haut und der Rauch drohte ihn zu ersticken. Er wollte fliehen, aber seine Arme und Beine reagierten nicht. Er schnappte nach Luft, wollte die Quelle der Schreie erreichen, die er hinter sich hörte. Er erkannte die Stimmen, kannte sie besser als seine eigene, aber er konnte sie nicht finden. Er konnte sich nicht bewegen, konnte nicht atmen. Alles brannte. Oh, wie es brannte.

Mit einem erstickten Schrei schreckte Thorne aus seinem Albtraum auf. Er rieb sich mit beiden Händen übers Gesicht. Sein kurzer Bart kratzte an den wunden Handflächen. Mein Gott, wie er Feuer hasste! Die Armee hatte ihm in den zwanzig Jahren seiner Dienstzeit vieles ein- und ausgeprügelt, nicht aber den Hass und die Faszination, die das Feuer in ihm auslösten.

Thorne schob die Zeltklappe zur Seite und schaute nach draußen. Er konnte nicht entscheiden, ob der helle Schein am Horizont die aufziehende Dämmerung ankündigte oder von dem Buschbrand verursacht wurde, der seit einem Monat auf der Hochebene von New South Wales tobte. Thorne war schon seit Ausbruch des Brandes hier im Einsatz, hatte um jeden Quadratzentimeter Boden gekämpft und würde weiterkämpfen, bis das Feuer entweder gelöscht war oder ihn auch verschlang. Es wäre beinahe eine Erleichterung gewesen, doch er war noch nicht bereit, sich den Flammen geschlagen zu geben.

Er schnaubte verächtlich. Als ob die Flammen sich darum scheren würden, wer oder was sich ihnen hier im Outback in den Weg stellte! Aber Thorne selbst scherte sich darum und er wollte verdammt sein, wenn er ihnen diesen Sieg gönnte.

 

 

CAINE NEIHEISEL starrte auf den Bildschirm, wo ein Reporter über die aktuelle Lage berichtete. Anhand einer Karte erklärte der Mann, wieviel Land und Gebäude bereits ein Opfer der Flammen geworden waren und wie sich die einzelnen Brandherde, die nördlich von Langs Down tobten, vermutlich in den nächsten Tagen entwickeln würden. In den letzten sieben Jahren war die Station nicht von einem einzigen Buschbrand heimgesucht worden. Natürlich waren sie auch immer extrem vorsichtig gewesen und hatten jedes Risiko vermieden. Aber sie hatten auch Glück gehabt, denn es hatte im Winter und Frühjahr immer viel geregnet, sodass die Feuergefahr im Sommer nie allzu hoch gewesen war. In diesem Jahr war das nicht der Fall. In diesem Jahr hatte das Wetter nicht mitgespielt.

„Du kannst den Fernseher noch so lange anstarren, es wird nichts ändern.“

„Ich weiß.“ Caine schaute kaum auf, als er Macklins Stimme hörte. Sein Geliebter und Partner lebte schon seit mehr als dreißig Jahren hier. Er war mittlerweile immun gegen die Gefahren des Outbacks. Caine selbst war noch nicht so abgehärtet. „Ich verfolge nur die Entwicklung des Feuers. Ich will auf dem Laufenden bleiben für den Fall, dass wir Probleme bekommen und reagieren müssen.“

„Wenn ein Feuer außer Kontrolle gerät, muss man sich immer auf Probleme vorbereiten. Aber vor dem Fernseher zu sitzen, wird uns nicht helfen.“

„Und was wird uns helfen?“

„Dass wir die Schafe ins Tal treiben“, erwiderte Macklin. „Danach schlagen wir Feuerschneisen rund ums Tal. So verlieren wir zwar Zäune und einige Hütten, aber die Tiere und die Station mit ihren Gebäuden sind geschützt. Zäune und Hütten kann man leicht ersetzen.“

„Okay“, sagte Caine, stand auf und griff nach seinem Hut. „Das lass uns gehen.“

 

 

THORNE SCHAUFELTE Erde auf die sich ausbreitenden Flammen, um sie zu ersticken, bevor sie die Schneise hinter ihm erreichten. Doch der Wind hatte im Verlauf des Nachmittags aufgefrischt und mit Erde allein konnten sie das Feuer nicht mehr in den Griff bekommen. Trotzdem gab Thorne nicht auf. Er hatte noch nie im Leben kampflos aufgegeben und wollte auch jetzt nicht damit anfangen. Als die Hitze trotz seiner Schutzkleidung unerträglich wurde, trat er einen Schritt zurück. Die Flammen mochten stärker sein als er, aber er wollte sie um jeden Quadratzentimeter Land kämpfen lassen, den sie zu verzehren drohten.

Thorne ignorierte die Schreie um sich herum. Die Hälfte davon war nur das Echo längst vergangener Schlachten gegen einen ganz anderen Feind, das ihm in den Ohren dröhnte. Er durfte sich davon nicht beherrschen lassen. Die Menschen hier verließen sich auf ihn. Als er heute früh aufgebrochen war, hatte er hinter der nächsten Hügelkuppe ein Gebäude gesehen. Und wo ein Gebäude war, waren auch Menschen.

„Lachlan, zieh dich zurück.“

Thorne hätte den Captain seiner Brigade beinahe ignoriert, aber wenn ihm die Armee auch seine Angst vor dem Feuer nicht genommen hatte, so hatte sie ihm doch Disziplin vor seinen Vorgesetzten eingebläut. Er zog sich hinter die Feuerschneise zurück und verstreute auf dem Weg dorthin noch etwas Erde über dem trockenen Gras. „Sir?“

„Wir werden versuchen, die Schneise zu halten“, sagte Captain Grant. „Du fährst nach Süden, nach Lang Downs. Falls wir die Schneise nicht halten können, müssen wir auf ihr Land ausweichen. Sie müssen vorab informiert werden und wir müssen wissen, ob und wie sie uns unterstützen können.“

„Captain“, protestierte Thorne. „Kann das nicht jemand anderes übernehmen? Ich kann hier mehr bewirken, als wenn ich mit einem dieser Viehzüchter parliere, der nur seine eigene Haut retten will.“

„Genau dafür brauche ich dich aber“, insistierte der Captain. „Wenn das sein einziges Problem ist, muss ein erfahrener Mann wie du für ihn einspringen und dafür sorgen, dass die Station nicht abbrennt und sich das Feuer weiter ausbreitet. Wenn wir von dort unten keine Hilfe erwarten können, musst du die Männer koordinieren, um die Station so gut wie möglich vorzubereiten und zu schützen.“

„Ich muss hierbleiben“, sagte Thorne.

Der Captain schüttelte den Kopf. „Du willst hierbleiben. Aber du bist erschöpft. Du bist seit Wochen pausenlos im Einsatz. Die anderen Männer hatten alle mindestens einen freien Tag, um sich auszuruhen, zu duschen und vernünftig zu essen.“

„Ich bin in der Eingreiftruppe, Sir“, erinnerte ihn Thorne. „Die paar Wochen machen mir nichts aus. Wir sind dazu ausgebildet, monatelang unter den härtesten Bedingungen zu überleben.“

„Du warst in der Eingreiftruppe“, erwiderte der Captain. „Aber jetzt bist du nicht mehr in der Armee, ja?“

„Einmal Soldat, immer Soldat, Sir.“ Thorne zuckte zusammen, als der Captain ihn an seinen Status erinnerte. Er hatte die Armee nicht verlassen wollen, aber nicht damit leben können, dass ihn seine Vorgesetzten nicht mehr ins Feld schickten. Gegen ein Feuer zu kämpfen war nicht das gleiche wie ein Einsatz in Ost-Timor, Afghanistan oder dem Irak. Es war allerdings immer noch besser als ein Schreibtischjob, der zwar seinen Körper schonte, aber seine Seele auffraß.

„Dann befolge deinen Befehl, Soldat“, sagte der Captain. „Der Wind ist mittlerweile so stark, dass ich nicht weiß, wie lange wir die Position hier noch halten können.“

„Jawohl, Sir.“ Sein ehemaliger Vorgesetzter hätte ihm den Arsch aufgerissen für den mürrischen Tonfall. Andererseits hätte er ihm auch nie befohlen, sich zurückzuziehen, solange die Schlacht noch nicht verloren war.

Thorne warf die Schaufel einem seiner Kollegen zu und schlurfte zu seinem Ute zurück. Das GPS des Geländewagens zeigte ihm den Weg nach Lang Downs an, der nach Westen bis Cowra führte, bevor er nach Süden abbog. Es kam Thorne wie ein vollkommen sinnloser Umweg vor. Er verfluchte seine rückgratlosen Vorgesetzten und ihre unsinnigen Befehle und lenkte den Ute direkt nach Süden. Er wollte bis zum nächsten Weidezaun fahren, ihm zu einem Tor folgen und dann einen der Schotterwege zur Station nehmen. So sollte er früher oder später Lang Downs erreichen können, ohne vorher den überflüssigen Abstecher nach Cowra zu machen.

 

 

NACH EINEM Monat im Outback war es ein merkwürdiges Gefühl, plötzlich wieder in die Zivilisation zurückzukehren. Thorne folgte dem Schotterweg ins Tal, dem keinerlei Spuren der Verwüstung anzusehen waren, die der heiße, trockene Sommer auf der Hochebene hinterlassen hatte. Es war vielleicht nicht so saftig grün, wie es nach einem regnerischen Frühjahr gewesen wäre, aber es war auch nicht braun oder schwarz wie das verbrannte Outback, in dem er die letzten Wochen verbracht hatte. Mitten im Tal stand eine Ansammlung von Häusern, Ställen und Schuppen, umgeben von grünem Gras. Es sah aus wie eine ganz eigene, kleine Welt.

Thorne verspürte einen Stich in der Brust bei dem Anblick. Das waren nicht nur irgendwelche Gebäude, das war ein Zuhause. Thorne erkannte ein Zuhause noch, auch wenn sein eigenes schon vor vielen Jahren abgebrannt war. Damals war er erst achtzehn Jahre alt gewesen und hatte bei dem Brand seine Eltern und seinen jüngeren Bruder verloren. Danach hatte er zwanzig Jahre bei der Armee gekämpft, aber sein eigenes Zuhause hatte er nicht retten können. Es war den Flammen zum Opfer gefallen, während er die Nacht bei Freunden verbrachte. Er konnte nur noch verhindern, dass andere Menschen ihr Zuhause verloren. Dass sie Opfer von Terroristen wurden, von Aufständischen und Rebellen. Nein, diese Station war nicht sein Zuhause. Aber sie war ein Zuhause für ihre Bewohner – von Männern, Frauen und vielleicht auch Kindern. Thorne wollte nicht zulassen, dass der Buschbrand ihnen dieses Zuhause raubte.

Er hielt den Ute an, schaltete den Motor ab und stieg aus. Dann sah er sich in dem Tal um. Er studierte die Topografie, kalkulierte Entfernungen, Windrichtung und Windstärke. Der Kampf gegen das Feuer wurde nicht mit Waffen und Munition ausgetragen, aber ein Kampf war es trotzdem. Und je besser sie das Tal verteidigten, umso wahrscheinlicher konnten sie das Feuer besiegen. Das Tal war wie ein ovaler Kessel geformt. Am Eingang waren die Wände weniger steil als weiter hinten, wo sie eine scharfe Grenze zu der umgebenden Hochebene bildeten. Die Abbruchkante war optimal zum Anlegen einer Feuerschneise geeignet. Sie ließ sich leicht verteidigen, denn die Funken konnten dort nicht so leicht überspringen und neue Nahrung finden. Sie würden nach unten fallen und dabei erlöschen. Auf der anderen Seite, wo die Straße ins Tal führte, waren die Abhänge sanfter geneigt. Doch auch hier konnte Thorne noch eine schwach ausgeprägte Grenze zwischen Tal und Hochebene erkennen, die sich für eine Feuerschneise anbot. Allerdings war die Gefahr durch überspringende Funken in diesem Bereich wesentlich stärker, sodass sie dort die meisten Leute einsetzen mussten, um die Station wirkungsvoll zu verteidigen.

Mit diesem Plan im Kopf stieg er wieder in den Ute ein und fuhr den Rest des Wegs zur Station. Als er sich dem Haupthaus näherte, kamen zwei Männer auf ihn zu, um ihn zu begrüßen. Sie trugen beide verbeulte Akubras und abgewetzte Stiefel, doch damit endeten sämtliche Ähnlichkeiten zwischen ihnen. Unter den Hüten war der eine blond, der andere braunhaarig. Der eine war verwittert wie die Hügel, die das Tal umgaben, der andere hatte ein junges Gesicht und war frisch rasiert. Thorne hielt direkt vor ihnen an und kurbelte das Seitenfenster nach unten.

„Können wir Ihnen behilflich sein?“, erkundigte sich der Brünette mit unüberhörbar amerikanischem Akzent.

„Das hoffe ich doch, Kumpel. Ich suche den Chef. Ein Buschbrand ist auf dem Weg hierher. Ich bin gekommen, um bei der Organisation der Schutzmaßnahmen zu helfen.“

„Lang Downs gehört uns“, sagte der Yank. „Caine Neiheisel. Und das ist mein Partner, Macklin Armstrong. Wer sind Sie?“

„Thorne Lachlan“, stellte Thorne sich vor. „Ich gehöre zu der Feuerbrigade, die nördlich von hier im Einsatz ist. Der Captain hat mich geschickt, um Sie zu warnen und bei den Vorbereitungen zu helfen, damit die Station und ihre Bewohner sicher sind.“

„Wieviel Zeit haben wir noch?“, wollte Armstrong wissen. Thorne entspannte sich sichtlich. Armstrong war Aussie und sah aus wie ein Mann, der sich in seinem Job auskannte.

„Wenn sich die Bedingungen nicht ändern, bleiben uns noch ungefähr achtundvierzig Stunden“, erwiderte Thorne. „Falls der Wind sich abschwächt, können wir das Feuer vielleicht vorher aufhalten oder uns zumindest etwas Zeit kaufen. Aber darauf würde ich mich nicht verlassen. Bis wir die Lage besser einschätzen können, wird es zu spät sein, noch rechtzeitig zu reagieren und Schneisen anzulegen.“

„Wir haben die Jackaroos schon losgeschickt, um die Herden ins Tal zu holen“, sagte Neiheisel. „Sobald sie zurück sind, stehen uns fünfzig Männer und die komplette Ausrüstung zur Verfügung. Onkel Michael hat diese Station aus dem Nichts aufgebaut. Ich werde nicht zulassen, dass wir sie verlieren.“

Thorne atmete erleichtert aus. Ihm war gar nicht aufgefallen, dass er die Luft angehalten hatte. Mit der Kooperation des Besitzers und jedem Paar Hände, das zum Zupacken bereit war, wuchsen ihre Chancen, diese Station erfolgreich gegen die Flammen zu verteidigen. Thorne hätte das Feuer mit Zähnen und Klauen bekämpft, auch allein. Aber so war es eindeutig besser.

„Gut. Wo kann ich mein Zelt aufschlagen? Ich kümmere mich kurz um meine Ausrüstung, dann können wir damit beginnen, den Verlauf der Schneisen festzulegen und zu markieren.“

„Du brauchst dein Zelt nicht“, meinte Neiheisel und gab das Sie auf. „Wir haben ein Gästezimmer mit einem bequemen Bett. Du kannst im Haus schlafen.“

„Das wird nicht reichen, wenn meine Kollegen nachkommen“, warnte Thorne.

Neiheisel zuckte mit den Schultern. „Dann können sie auf Sofas schlafen oder die Kinder rutschen zusammen und machen Betten frei. Solange ich es verhindern kann, wird hier niemand auf dem Boden schlafen.“

Thorne gefror das Blut in den Adern, als er hörte, dass hier Kinder lebten. „Vielleicht sollten die Familien mit Kindern evakuiert werden, bis das Feuer wieder unter Kontrolle ist. Gebäude kann man reparieren und wiederaufbauen. Kinder sind unersetzbar.“

„Wir haben schon mit den Eltern gesprochen“, sagte Armstrong. „Wenn es wirklich gefährlich wird, fahren Carley und Molly mit den Kindern in die Stadt. Aber bis dahin wollen alle hierbleiben und helfen.“

Es stand Thorne nicht zu, diese Entscheidung zu kritisieren. Er parkte seinen Ute an dem Platz, den Armstrong ihm zuwies. Noch während er die Ausrüstung ablud, beschloss er für sich, alles in seiner Macht Stehende und mehr zu tun, um diese Station gegen das drohende Inferno zu schützen.

Als er schließlich zu den beiden Besitzern der Station zurückkam, hatte sich ein Reiter zu ihnen gesellt. Sein Pferd tänzelte unruhig.

„Neil, das ist Thorne Lachlan vom Rural Fire Service.“ Während Caine ihn vorstellte, stieg Neil vom Pferd und übergab einem vorübergehenden Jackaroo die Zügel. „Seine Brigade ist nördlich von hier stationiert und er ist gekommen, um uns bei der Vorbereitung auf das Feuer zu helfen. Thorne, das ist Neil Emery, unser Vormann.“

„Grüß dich, Kumpel“, sagte Neil und reichte ihm die Hand. Er hatte einen festen Griff und Thorne registrierte die Schwielen, die von harter Arbeit zeugten. „Am Horizont ist bereits Rauch zu sehen. Ich dachte mir schon, dass wir bald gewarnt würden.“

„Die Warnung war überflüssig“, meinte Thorne und beobachtete die Schafe, die über die Kante zur Hochebene ins Tal strömten. „Ihr habt schon Vorsichtsmaßnahmen ergriffen. Aber ich habe noch den einen oder anderen Trick parat, der euch zusätzlich helfen kann.“

Neil nickte und drehte sich zu Caine um. „Richte Molly aus, dass sie jetzt aufbrechen soll. Bitte?“

„Sie ist deine Frau“, erwiderte Caine. „Wie kommst du auf die Idee, dass sie mir gehorchen wird, wenn sie nicht auf dich hören will?“

„Du bist ihr Boss. Ich bin nur ihr Mann.“

Thorne und Armstrong grinsten sich amüsiert an. Thorne hatte schon seit Jahren keinen regelmäßigen Kontakt mehr zu Frauen gehabt. Aber er konnte sich noch gut an die fruchtlosen Diskussionen erinnern, wenn sein Vater seine Mutter von etwas überzeugen wollte, das ihr gegen den Strich ging. Er spürte einen vertrauten Schmerz in der Brust bei der Erinnerung an seine Eltern. Obwohl ihr Tod schon zwanzig Jahre zurücklag, trauerte er immer noch um sie. Die Zeit heilte offensichtlich doch nicht alle Wunden.

„Wenn es gefährlich wird, werden wir alle gehen“, sagte Caine mit einem scharfen Blick auf Macklin. „Gebäude können wiederaufgebaut, Vieh ersetzt werden. Dafür sind wir schließlich versichert.“

„Es wird nicht dazu kommen“, versprach Thorne. „Ich werde es nicht zulassen.“

 

 

ALS DIE Sonne langsam unterging und die Glocke zum Abendessen rief, war Thorne mehr als beeindruckt von den Männern von Lang Downs. Sie hatten seine Vorschläge ernst genommen und Emery gab sofort Anweisungen, um sie in die Tat umzusetzen. Als dann die Glocke ertönte, ließen die Männer jedoch wie auf Befehl alles stehen und liegen und machten sich auf den Rückweg ins Tal.

„Wir arbeiten morgen weiter“, erklärte Emery, bevor Thorne dagegen protestieren konnte. „Es wird dunkel und Kami hat das Abendessen unseretwegen extra später gerichtet. Komm jetzt, du musst auch essen.“

„Ich habe Proviant in meinem Ute“, entgegnete Thorne automatisch.

Emery schnaubte. „Na klar. Erkläre das unseren Chefs. Oder – noch besser – erkläre es Sarah und Kami. Die fallen vermutlich mit ihren Kochlöffeln über dich her. Und glaube nicht, du hättest eine Chance gegen sie.“

Thorne hätte ihm beinahe widersprochen. Er war Soldat. Kein kochlöffelschwingender Koch konnte ihn zu etwas zwingen. Aber es war den Streit nicht wert. Er wäre ein Narr, ein gutes, selbstgekochtes Abendessen auszuschlagen. Der Proviant wurde nicht schlecht, und früher oder später war er sowieso wieder auf den Fraß angewiesen. „Wie du meinst.“

„Ich meine“, erwiderte Emery grinsend, wurde aber sofort wieder ernst. „Ich muss dich allerdings warnen. Du bist neu auf Lang Downs und weißt nicht viel über uns und unsere Chefs. Wir dulden hier keinen homophoben Mist. Caine und Macklin haben sich hier ein Zuhause aufgebaut, nicht nur für sich selbst, sondern für jeden, der es braucht. Wir lassen nicht zu, dass unser Zuhause bedroht oder beschimpft wird.“

Thorne sah ihn an, ohne mit der Wimper zu zucken. Was er da über die beiden Viehzüchter hörte, überraschte ihn nicht. Was ihn aber überraschte, war die Vehemenz, mit der Emery seine Chefs verteidigte. Die Menschen im Outback waren normalerweise nicht für ihre Toleranz bekannt. „Die einzige Bedrohung hier ist der Buschbrand“, erwiderte er ungerührt. „Darauf wollen wir uns konzentrieren.“

„Es freut mich, das zu hören“, sagte Emery und lächelte so strahlend und offen, wie Thorne es bei ihm heute noch nicht erlebt hatte. Er hatte den Eindruck, gerade einem Fehdehandschuh ausgewichen zu sein, ohne überhaupt zu bemerken, dass er ihm vor die Füße geschleudert worden war.

 

 

CAINE LIESS sich auf das Sofa im Wohnzimmer fallen. Er hatte sich seit seiner Ankunft in Lang Downs an die harte, körperliche Arbeit gewöhnt, die weit über alles hinausging, was er aus seinem früheren Leben in Philadelphia kannte. Aber der heutige Tag war so anstrengend gewesen, dass er selbst nach den Standards von Lang Downs ungewöhnlich war. Auf Thornes Drängen hin hatten sie damit begonnen, eine Feuerschneise rund um das Tal anzulegen, in der Hoffnung, die Gebäude und das Vieh vor dem sich nähernden Feuer zu schützen. Jetzt war der Tag zu Ende und die gesamte nördliche Seite des Tals durch eine zwölf Meter breite, vegetationslose Schneise von der Hochebene getrennt. Morgen wollten sie die südliche Seite ebenfalls sichern und so den Ring schließen, der verhindern sollte, dass die Flammen auf das Tal übergreifen konnten. Danach wollten sie dem Feuer entgegenfahren und es direkt bekämpfen.

„Hat Thorne erwähnt, wie groß die Feuerbrigade ist?“, fragte Caine, als Macklin ins Wohnzimmer kam. „Es ist kein Problem, ihn im Gästezimmer unterzubringen und Kami zu bitten, für einen Mann mehr zu kochen. Aber wenn eine ganze Brigade anrückt, müssen wir uns vorbereiten und wissen, wie viele Personen unterzubringen und zu verköstigen sind.“

„Nein, das hat er nicht gesagt.“ Macklin setzte sich zu Caine aufs Sofa und legte ihm den Arm um die Schultern. Caine lehnte sich an ihn und genoss die Nähe. Lang Downs war sein Leben, sein Lebensunterhalt und seine Rettung. Er hatte es ernst gemeint, als er sagte, Gebäude könnten ersetzt werden. Und wenn es dazu kommen sollte, würden sie es tun. Trotzdem wollte er das Haus nicht verlieren, das Onkel Michael und Donald mit ihren eigenen Händen erbaut hatten. Hier war ihre Liebe sicher und geborgen gewesen. Hier hatte sie sich entfalten können und die beiden Männer glücklich gemacht. Doch selbst das Haus war es nicht wert, dafür Menschenleben zu riskieren. Onkel Michael würde sich im Grabe umdrehen, wenn Caine einen der Männer, die für ihn arbeiteten, in Gefahr brachte, um ein Haus zu retten. Deshalb mussten sie alles geben, dass es nicht so weit kam.

Im Flur waren Schritte zu hören. Sie brachten Caines Gedanken zu ihrem Gast zurück. Er wollte sich in seinem eigenen Haus nicht verstecken und blieb, an Macklin geschmiegt, auf dem Sofa sitzen. Doch innerlich richtete er sich auf eine ablehnende Reaktion ein und war überrascht, als Thorne ihnen nur zunickte, während er an ihnen vorbei zur Treppe ging.

„Du musst erschöpft sein“, sagte er, bevor Thorne die Treppe erreichte. „Hast du noch ein paar Minuten Zeit für mich, bevor du ins Bett gehst? Ich habe einige technische Fragen an dich. Wenn wir sie heute Abend noch klären, kann ich früher mit der Planung beginnen.“

Thorne drehte sich kommentarlos wieder zu ihnen um, kam zurück und blieb abwartend neben einem Sessel stehen.

„Setzt dich doch“, forderte Caine ihn auf. „Mach es dir bequem.“

„Wenn ich mich jetzt setze, komme ich vielleicht nicht mehr hoch“, erwiderte Thorne bedauernd. „Ich bin seit Anbruch der Dämmerung auf den Beinen und habe seitdem keine Pause gemacht.“

„Es dauert nicht lange“, versprach Caine. „Ich muss nur wissen, wie viele Leute ich zu erwarten habe, wenn der Rest der Brigade kommt. Wir müssen Schlafgelegenheit und Verpflegung organisieren.“

„Das ist nicht nötig“, meinte Thorne. „Wir haben Zelte und Schlafsäcke und bringen unseren eigenen Proviant mit. Wir werden euch nicht zur Last fallen.“

Macklin schnaubte, aber Caine ignorierte die Reaktion seines Geliebten. „Ich kann mich nicht erinnern, von einer Belastung für die Station gesprochen zu haben“, sagte er zu dem Feuerwehrmann. „Du und deine Brigade, ihr kommt hierher, um uns zu beschützen. Dafür zu sorgen, dass ihr einen Schlafplatz und gut zu essen habt, ist das mindeste, was wir für euch tun können. Mein Onkel würde sonst aus dem Grab auferstehen und mich als Geist heimsuchen. Und jetzt beantworte bitte meine Frage.“

„Die Brigade, die ich heute früh verlassen habe, besteht aus dreißig Männern“, erwiderte Thorne steif. „Der Captain hat mich nicht darüber informiert, ob er die Feuerfront aufgeben und sie alle hierherschicken wird oder ob sie vorübergehend noch im Norden bleiben. Daher weiß ich nicht, ob sie alle gemeinsam kommen oder ob überhaupt jemand kommt. Er hat mir nur befohlen, Lang Downs zu warnen und zu helfen, sich auf das Feuer vorzubereiten.“

„Dann werden wir davon ausgehen, dass sie alle kommen“, entschied Caine. „Eine Frage noch … Lang Downs ist eine organisch produzierende Station. Wir haben lange für dieses Zertifikat gearbeitet. Benutzt der RFS Löschschaum zur Feuerbekämpfung?“

„Ja“, antwortete Thorne. „Aber wir benutzen nur Schaum der Güteklasse A. Er ist biologisch abbaubar. Wir versuchen, ihn nicht ins Wasser gelangen zu lassen, aber er schädigt den Boden nicht.“

Biologisch abbaubarer Schaum hörte sich gut an. Caine wusste jedoch nicht, ob er von der Behörde akzeptiert wurde oder ihr Zertifikat infrage stellte. Er musste sich erst kundig machen. „Könntest du den Captain bitten, ihn nur im Notfall einzusetzen? Wir verlieren lieber unser Zertifikat als die ganze Station, aber am liebsten würden wir beides behalten.“

„Ich werde mit ihm reden“, erwiderte Thorne. „Ich kann allerdings nicht garantieren, dass er auf die Bitte eingeht. Hast du noch mehr Fragen?“

Caine konnte spüren, wie Macklin sich an seiner Seite bei Thornes kurz angebundenem Tonfall versteifte. Er erkannte aber auch die Erschöpfung in Thornes Gesicht. „Nein, danke. Wir sehen uns dann zum Frühstück. Gute Nacht.“

Thorne schlurfte die Treppe hoch. Als sich die Tür zum Gästezimmer hinter ihm schloss, drehte Caine sich zu Macklin um. „Was meinst du?“

„Ich meine, dass wir diese Gefahr genauso bewältigen wie alle anderen Probleme auch, die sich uns bisher in den Weg gestellt haben.“

„Das habe ich nicht gemeint“, sagte Caine. „Ich wollte wissen, was du von unserem persönlichen Feuerwehrmann hältst.“

Macklin lachte. „Immer noch auf der Suche nach Streunern?“

Caine wurde rot. „Vielleicht. Wenn er ein Zuhause sucht …“