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RED MARKHAM hörte über Funk den Ruf nach Verstärkung, schaltete das Blaulicht an und raste die High Street hinunter. Er bog Richtung Norden ab und fuhr zwei Blocks weiter, dabei überfuhr er ein Stoppschild. Red hielt hinter dem anderen Polizeiwagen an und stieg aus dem Auto. Er erkannte sofort, was das Problem war, und ging zu den beiden Polizisten, die mit einem Verdächtigen rangen.

„Nehmt eure Hände von mir! Ich hab nichts gemacht!”, schrie der Mann lauthals und versuchte, sich von Smith loszureißen. Er schaffte es und schlug mit der freien Hand nach Rogers. „Dazu habt ihr kein Recht!” Smith bekam ihn wieder zu fassen. Der Kerl war nicht allzu groß, aber er schien irgendetwas genommen zu haben, das war offensichtlich. Red erkannte, dass seine Augen gerötet, seine Pupillen extrem erweitert und so wild waren wie die einer Raubkatze.

„Das reicht jetzt!”, fauchte Red und benutzte seine Stimme wie eine Waffe. Der Mann wehrte sich weiterhin.

„Nimm den Taser, verdammt noch mal”, rief Rogers. Smith griff nach seinem Taser, aber der Verdächtige schlug seine Hand weg. Die Situation geriet außer Kontrolle. Red trat näher und zog seine Waffe.

„Auf den Boden!”

Der Verdächtige drehte sich zu ihm um und hielt mitten in der Bewegung inne.

„Ich sagte: Auf den Boden!” Reds Tonfall wurde schärfer. Man hatte ihm schon gesagt, dass Ausbilder in der Armee sich von ihm noch eine Scheibe abschneiden konnten.

Die Augen des Kerls wurden noch größer und er erstarrte. Dann ließ er sich mit dem Gesicht nach unten auf den Boden fallen und rührte sich nicht mehr. „Was zum Teufel bist du?”, flüsterte er.

Red ignorierte den Kommentar und richtete seine Waffe weiterhin auf den Kerl, während die anderen beiden ihm Handschellen anlegten. Als der Mann unter Kontrolle war, steckte Red seine Waffe weg.

„Oh Gott, ich bin bei den Freaks gelandet.”

„Und du passt gut zu uns”, sagte Smith zu dem Verdächtigen auf dem Boden. „Du hast schon mehr Ärger, als dir guttut.” Smith verlas ihm seine Rechte und riet ihm dringend, in der nächsten Zeit den Mund zu halten. Red trat zurück und funkelte den Mann an, damit er sich ruhig verhielt.

„Was ist passiert?”, fragte Red, nachdem der Verdächtige sich beruhigt hatte.

„Keine Ahnung. Er sah komisch aus. Als ich nachsehen wollte, ob er Hilfe braucht, ist er durchgedreht”, erklärte Rogers. Er war ein paar Jahre älter als Red. Sie hatten etwa zur gleichen Zeit den Dienst bei der Polizei in Carlisle angetreten. Nicht, dass Red ihn außerhalb der Arbeit besonders gut kannte, genauso wenig wie Smith. Beide waren anständige Männer, denen Red im Dienst sein Leben anvertrauen würde, aber sie als Freunde zu bezeichnen, wäre zu viel des Guten.

„Der Typ ist total high”, warf Smith ein.

„In der Stadt ist ein neuer Stoff aufgetaucht. Der ist so stark wie sonst was. Das ist der Zweite, der so drauf ist, mit dem ich persönlich zu tun habe, der Sechste in unserem Revier. Es ist übel, und es wird noch schlimmer werden”, fügte Rogers hinzu.

Der Verdächtige bewegte sich nicht, deshalb beugte Smith sich zu ihm hinunter. „Scheiße, ruft einen Krankenwagen! Er atmet kaum noch.”

Rogers forderte über Funk Hilfe an. Nach ein paar Minuten hörten sie die Sirenen, die näherkamen. Das war das Schöne in einem Städtchen dieser Größe. Die Station der Krankenwagen war nur wenige Kilometer entfernt, und die Sanitäter waren immer auf Zack. Red behielt den Verdächtigen stets im Blick, für den Fall, dass er ihnen nur etwas vorspielte, aber der Kerl wurde immer schlaffer. Der Krankenwagen hielt an und die Sanitäter übernahmen den Verdächtigen. Sie untersuchten ihn noch an Ort und Stelle und hievten ihn erst dann auf einer Trage in den Wagen. Rogers fuhr mit ihnen und Smith würde ihnen im Polizeiwagen folgen. Reds Meinung nach sah es nicht gut aus, überhaupt nicht gut.

„Hey, Mann”, sagte Smith, bevor er sich auf den Weg machte. „Vielen Dank für die Hilfe.” Die ganze Situation hatte sich innerhalb von etwa zwei Minuten von übel über schlimm zu vermutlich tragisch entwickelt.

„Kein Problem. Wir sehen uns auf dem Revier.” Die hinteren Türen des Krankenwagens schlossen sich knallend, und Smith stieg in sein Auto. Red wartete, bis alle verschwunden waren, bis er in seinen eigenen Wagen stieg. Er setzte sich auf den Fahrersitz und stellte den Rückspiegel ein. Sich selbst schaute er dabei nicht an. Er blickte nie in den Spiegel, wenn er es vermeiden konnte. Er brauchte keine Erinnerung daran, wie er aussah. Er wusste es. Er würde nie im Leben einen Schönheitswettbewerb gewinnen.

Ein weiterer Funkspruch riss Red aus seinen Gedanken – eine Auseinandersetzung im Familienzentrum. Das war etwas Neues. Er nahm den Funkspruch an und wurde informiert, dass ein Krankenwagen schon auf dem Weg wäre, ebenso die Feuerwehr. Was für ein Tag! Er fragte sich kurz, ob das am Vollmond lag, aber er glaubte sowieso nicht an diesen Unsinn, also schaltete er die Sirene an und machte sich auf den Weg.

Das Familienzentrum war in einer ehemaligen, ausgebauten Schule untergebracht. Der alte Teil des Gebäudes war genau das, alt, während der Anbau sich neu, glänzend und gut ausgestattet präsentierte. Red parkte neben dem Krankenwagen und den anderen Rettungsfahrzeugen. Er ging hinein und wurde direkt zum Schwimmbereich geführt. Nicht, dass er nicht auch so herausgefunden hätte, wohin er gehen musste, bei all den Gaffern vor der Tür. Die Menschen liebten es zu starren. „Entschuldigung”, sagte Red, und einige Leute drehten sich herum. Sie starrten ihn an, wie es jeder tat, und traten ihm wortlos aus dem Weg. Dabei tippten sie einander auf die Schultern, während sich die in Sportkleidung und tropfnasse Badesachen gekleidete Menge wie das Rote Meer teilte.

Red öffnete die Tür und schaute sich um. Eine Frau und ein junger Mann in einer knappen, roten Badehose standen am Beckenrand. Die Frau, Red schätzte sie auf etwa dreißig, Typ Soccer-Mom, brüllte und war dabei, dem Jungen den Finger in die Brust zu stoßen. Einer der Feuerwehrleute versuchte, die beiden zu trennen und blickte Red dankbar an, als der näherkam.

„Was ist hier los?” Seine Stimme hallte von den Wänden der Schwimmhalle wider.

Die Frau erstarrte und der Mann trat einen Schritt zurück, dabei fiel er fast ins Schwimmbecken. „Er …”, setzte die Frau an, als sie sich wieder gefangen hatte. „Er hat fast meinen Sohn umgebracht.”

„Das habe ich nicht, Lady”, protestierte der Mann und verschränkte die Arme vor seiner definierten Brust. Red sah ihn an und musste schlucken. Er war das perfekte Abbild eines Mannes, der auf das Cover eines Magazins gehörte. Er ließ den Gedanken einen Moment lang zu. „Wenn Sie Ihren Sohn beaufsichtigt und dafür gesorgt hätten, dass er sich an die Regeln hält, was Ihre Aufgabe ist, dann wäre nichts von alldem passiert.”

„In Ordnung. Sie da.” Red deutete auf den Mann. „Setzen Sie sich und warten Sie auf mich.” Dann wandte er sich an die Frau. „Sie kommen mit mir.” Er trat einen Schritt zurück und wartete ab, bis beide seinen Anweisungen gefolgt waren. „Setzen Sie sich. Ich bin gleich bei Ihnen.” Er wartete, bis sie tat, was er gesagt hatte, dann ging er zu dem kleinen Jungen, der auf dem gefliesten Boden neben dem Pool lag. Der Junge war blau. Red beobachtete, wie zwei Sanitäter versuchten, ihn wiederzubeleben. Es sah nicht gut aus, aber dann hustete der Junge, spuckte Wasser aus und holte keuchend Luft. Seine Mutter eilte zu ihm und er begann zu weinen.

„Dir geht’s gut”, sagte ein Sanitäter zu ihm. Red hatte schon mit Arthur zu tun gehabt und wusste, dass er sein Handwerk verstand. „Ruh dich aus und atme ganz tief.”

„Mom”, schluchzte der Junge.

Sie nahm seine Hand. „Es ist alles in Ordnung”, beruhigte sie ihn und bedankte sich bei den Leuten, die ihrem Sohn geholfen hatten.

„Wir nehmen ihn mit ins Krankenhaus, damit er untersucht werden kann”, teilte Arthur der Frau mit. Sie nickte, dabei ließ sie die Hand ihres Sohnes nicht los.

„Ma’am, ich muss mit Ihnen sprechen”, sagte Red zu ihr. Sie nickte abermals und flüsterte ihrem Sohn etwas zu, bevor sie aufstand und zu Red herüberkam. „Was ist passiert?”

„Ich habe es nicht gesehen. Ich hatte Connor zum Schwimmunterricht hergebracht, aber er wollte danach noch hierbleiben. Das tun er und seine Freunde meistens. Als ich ihn abholen wollte, habe ich gesehen, wie man ihn aus dem Wasser gezogen hat. Da habe ich die Polizei angerufen.” Sie drehte sich zu dem Rettungsschwimmer um, der noch dort saß, wo Red es ihm gesagt hatte. Er sah sehr nervös aus. „Ich weiß nur, dass nichts von alldem passiert wäre, wenn der da seinen Job gemacht hätte”, fauchte sie.

Red zog seinen Block heraus und begann zu notieren, was sie ihm erzählt hatte. Er ließ sich ihren Namen geben, Mary Robinson. Er notierte auch ihre Adresse, Telefonnummer, ihr Geburtsdatum, das ihres Sohnes und weitere relevante Informationen. „Also, um das klarzustellen, Sie haben überhaupt nicht gesehen, was passiert ist?”

„Nein, aber …” Ihr gingen die Argumente aus, was sie auch zu erkennen schien. Sie schaute zu ihrem Sohn. Red bemerkte, dass sie es vermied, ihn anzusehen. Daran hatte er sich mittlerweile gewöhnt.

„Ist schon in Ordnung. Wir werden herausfinden, was passiert ist.”

Sie blickte immer noch zu ihrem Sohn. Red trat zurück, damit sie sich um ihn kümmern konnte. Er ging zu dem Rettungsschwimmer, der auf einem Sitz in der unteren Zuschauerreihe saß.

Er bemerkte, wie der junge Mann zusammenschreckte, als Red sich ihm näherte. Allerdings konnte er das Mitleid in seinem Blick besser verbergen als die meisten Leute, denen Red begegnete. „Wie lautet bitte Ihr Name?”, fragte Red, um die Sache voranzubringen.

„Terry Baumgartner”, antwortete er und schluckte nervös. „Der Junge und seine Freunde haben am Beckenrand herumgealbert. Ich habe ihnen mehr als einmal gesagt, dass sie aufhören sollen und wollte sie gerade auffordern, die Halle zu verlassen, als ein kleines Mädchen zu meinem Sitz kam und ich mich abwenden musste. Als ich wieder hinsah, war er unter Wasser. Ich bin ins Wasser gesprungen, genau wie Julie.” Er deutete auf eine junge Frau in einem roten Badeanzug, die etwas abseits stand. „Ich war zuerst bei ihm und habe ihn herausgezogen. Wir haben sofort begonnen, ihn wiederzubeleben, und haben weitergemacht, bis die Sanitäter ein paar Minuten später hier waren.”

„Wer hat sie gerufen?”, fragte Red.

Ein Mann trat vor. „Das war ich. Die beiden haben geschrien, jemand solle 911 anrufen, also habe ich es getan. Die Kinder haben ziemlich wild getobt und gerade hatte ich noch gedacht, dass bestimmt jemand verletzt werden würde.”

„Daddy, geht es Connor gut?”, fragte ein kleines Mädchen in einem nassen Badeanzug, das nähergekommen war und seine Hand gepackt hatte.

„Ja, Schätzchen, ihm geht’s gut”, beruhigte er das Kind, bevor er sich wieder zu Red umdrehte. Er schluckte, als er Red in die Augen blickte. Das taten nicht viele Leute. „Er hat die Wahrheit gesagt. Die Kinder haben es herausgefordert. Wenn er etwas falsch gemacht hat, dann, sie nicht schon früher hinauszuwerfen. Aber er hat sie verwarnt.”

Red blickte zu Terry, der nickte. Seine wasserblauen Augen sahen nicht mehr so besorgt aus und sein gottgleicher, schlanker Körper wirkte weniger angespannt. Er ließ die schlanken Arme und die muskulösen Schultern sinken. Verdammt – der junge Mann war nicht groß, aber in Reds Augen war er perfekt. „Vielen Dank”, sagte Red und wandte sich wieder dem anderen Mann zu. Er notierte seine Kontaktinformationen und stellte noch ein paar Fragen, bevor er sich erneut bedankte. Dann sprach er mit der anderen Rettungsschwimmerin, Julie, die bestätigte, was Terry ihm erzählt hatte. Red war froh, dass es ein Unfall und nicht die Schuld des Rettungsschwimmers gewesen war. Dann sprach er mit dem Manager der Anlage und ließ sich von ihm alle nötigen Informationen geben. Er war sehr hilfsbereit und schien besorgt und erleichtert zugleich zu sein.

Als Red fertig war, war Connor auf dem Weg ins Krankenhaus und die meisten anderen Leute hatten gehen dürfen. Er wollte sich auch gerade wieder auf den Weg machen, als er Terry und Julie sah, die etwas abseits standen und sich angeregt unterhielten. Ihre Stimmen waren nicht so leise, wie sie wohl annahmen, denn er konnte ihre Unterhaltung teilweise hören. „Ich würde sterben, wenn ich so aussehen würde”, hörte er Terry sagen, als der in seine Richtung blickte. Red ignorierte ihn und ging vorsichtig über die feuchten Fliesen zur Tür. Terrys Schönheit war anscheinend nur äußerlich.

„Red.” Er drehte sich um und sah Arthur näherkommen. Er hatte offensichtlich auch gehört, was gesagt worden war. „Hör nicht auf den. Der Kerl ist so oberflächlich wie sonst was.” Arthur sprach lauter als notwendig, und das Geschnatter in der Ecke endete abrupt. „Wollen wir uns im Hanover Grille treffen, wenn du Feierabend hast?”, fragte er leiser. „Einige von uns wollen dort essen und etwas Spaß haben. Du kannst dich gern anschließen, das weißt du ja.”

Red lächelte verhalten. Sein Lächeln war ihm unangenehm, und als es breiter wurde, nahm er die Hand vor den Mund. „Danke.” Zuerst wollte er ablehnen und nach der Arbeit einfach nach Hause gehen, aber Arthur meinte es ehrlich. Zur Abwechslung wäre es ganz schön, sich mit Leuten zu treffen. „Ich versuche vorbeizukommen, wenn meine Schicht zu Ende ist und ich meine Berichte fertig habe. Es könnte aber spät werden.”

„Ich weiß, wie das ist”, versicherte Arthur und eilte aus der Schwimmhalle.

Red ging noch einmal durch, ob er mit allen Beteiligten gesprochen und alle relevanten Informationen notiert hatte. Als er sich sicher war, schaute er auf die Uhr, bedankte sich im Stillen und verließ dann das Gebäude.

Sobald er durch die Tür trat, sah er draußen vier Nachrichtenwagen und Reporter, die umherschwirrten und sich auf ihren Auftritt vorbereiteten. Red ging direkt zu seinem Auto und fuhr los, als sie auf ihn zukamen. Er wollte bestimmt nicht mit der Presse reden. Er würde zum Revier zurückfahren und es anderen überlassen, die Presse über den Vorfall zu informieren.

Als er wieder auf dem Revier war, berichtete er dem Captain von dem Mann auf dem Gehweg und dem Beinahe-Ertrinken. Er erzählte auch von den Reportern. Anschließend ging er zu seinem Schreibtisch, um die Berichte zu erledigen. Dafür brauchte er eine Stunde, dann konnte er sich auf den Heimweg machen. Es war ein langer und aufregender Tag gewesen und er fühlte sich völlig erschöpft. Red sprach nicht viel mit den anderen Polizisten auf dem Revier, aber er verabschiedete sich der Höflichkeit wegen von denen, die ihm begegneten, und eilte dann hinaus.

Er saß schon in seinem Auto und war dabei, den Parkplatz zu verlassen, als er sich an Arthurs Einladung erinnerte. Da er nichts Besseres zu tun hatte, abgesehen davon, zu Hause zu sitzen, fernzusehen und zu viel Bier zu trinken, entschied er sich, Arthurs Einladung anzunehmen.