1

 

 

„BITTE WAS wollen Sie von mir?”, fragte Brandt fassungslos. Er konnte sich nur verhört haben.

„Sie sollen sich Undercover einschleichen, Informationen sammeln und die Ergebnisse ans Justizministerium weiterleiten. Was ist daran so schwer zu verstehen? Alles wie gewohnt.“

„Als ich der Staatspolizei beigetreten bin, hatte ich nicht erwartet, dass ich …“

„Dass Sie was? Ihren Job erledigen? Wir ermitteln verdeckt für den Justizminister. Mehr verlange ich gar nicht von Ihnen.“

Der Polizist verstummte und setzte dann erneut an.

„Das ist nicht so, als würde ich vorgeben, illegale Autorennen zu fahren, oder so. Sie wollen, dass ich …“

„Ich bitte Sie darum, diesen Auftrag, der vom Justizminister höchstpersönlich kommt, einfach anzunehmen. Sie sind der Einzige, der dafür geeignet ist.“

Officer Brandt schaute auf und erwiderte den Blick seines Vorgesetzten.

„Warum das? Warum bin ich der Einzige?“

Der Chief seufzte und setzte sich auf seine Schreibtischkante.

„Ich dachte, das wäre offensichtlich“, sagte er versöhnlicher als zuvor.

„Für mich nicht. Es wäre schön, wenn Sie es mir erklären könnten.“

Der Chief starrte an die Decke, als hoffte er, irgendetwas würde vom Himmel herabfallen und ihn zerquetschen, damit er diesem Gespräch endlich entkommen konnte.

„Schauen Sie mal. Sie sind der Jüngste in der Truppe. Sie haben College und Polizeischule in einem Wahnsinnstempo abgeschlossen. Mit vierundzwanzig bei der Staatspolizei. Das bedeutet, dass Sie altersmäßig den Zielobjekten am nächsten kommen.“

„Aber Sir, Sie hatten doch gesagt, dass die Männer, die dort arbeiten, gar nicht die Zielobjekte sind. Dem Justizminister geht es doch um den Besitzer und seine Hintermänner.“

Der Chief verdrehte erneut die Augen und holte tief Luft.

„Ich meine damit, dass Sie vom Alter und vom Typ her am ehesten in diesem … Etablissement arbeiten könnten. Wenn wir umfangreiche Informationen über die Vorgänge dort bekommen wollen, brauchen wir jemanden, der dort arbeitet. Das heißt, wir müssen jemanden dorthin schicken, der aussieht, als könnte er dort arbeiten. Und das sind Sie.“

Officer Brandt war sprachlos.

„Warten Sie – es geht also nur darum, wie ich aussehe?“

„Undercoveragenten müssen sich optisch in das Milieu einfügen, in dem sie ermitteln. Da gibt es gar nichts zu diskutieren, Brandt! Ich würde doch niemals Ramirez losschicken, um eine asiatische Bande zu unterwandern! Sie sehen den Männern ähnlich, die dort arbeiten, das ist alles. Erinnern Sie sich noch daran, als man diesen Senator drangekriegt hat, wo war das noch – in Iowa?“

„Meinen Sie Larry Craig aus Idaho?“

„Stimmt, der war das. Die wollten damals verhindern, dass sich Herrenumkleidekabinen in Schwulentreffs verwandeln, also haben sie keinen gammligen Fettsack hingeschickt. Die haben jemanden ausgewählt, der dort auch Aufmerksamkeit erregt.“

Brandt sagte nichts mehr dazu. Als er das Büro des Chiefs betreten hatte, war ihm nicht klargewesen, welche Rolle er bei dieser Ermittlung übernehmen sollte. Dass er jetzt die Wahrheit wusste, machte die ganze Sache nicht gerade angenehmer. Der Auftrag war ihm zugefallen, weil der Chief fand, dass er optisch gut hineinpasste. Der Gedanke jagte ihm einen kalten Schauer über den Rücken.

Der Chief fuhr fort, wohl in der Hoffnung, dieses Gespräch beenden zu können, bevor sich noch mehr peinliche Situationen ergaben.

„Ein guter Freund und Wahlkampfunterstützer des Justizministers arbeitet als Bauunternehmer in der Gegend, wo sich dieses Haus befindet. Einige seiner Angestellten wurden gebeten, dort bei Renovierungsarbeiten zu helfen, und haben ihm erzählt, was dort abläuft. Was wir von Ihnen wollen: Stellen Sie sich dort als Zimmermann vor und schauen Sie, ob man Sie dort einstellt.“

„Und wie soll ich das anstellen?“

„Sehen Sie aus wie ein Zimmermann, zeigen Sie sich interessiert und sagen Sie ja zu allem, was man Ihnen anbietet. So einfach ist das.“

Brandt seufzte. Das würde alles andere als einfach werden.

„Sie arbeiten weiterhin mit Donnelly zusammen – berichten Sie ihm über jeden Ihrer Fortschritte und er versorgt Sie mit allem, was Sie brauchen, damit die Sache läuft.“

Brandt schloss die Augen und seufzte abermals. Donnelly war sein Teampartner und normalerweise freute er sich über jede gemeinsame Ermittlung. Aber jetzt … ihm wäre es lieber gewesen, wenn Donnelly hiervon nichts gewusst hätte.

„Sie sind unser bestes Pferd im Stall. Machen Sie uns stolz, Brandt.“

„Ja, Sir“, presste Brandt heraus und verließ das Büro des Chiefs.

 

 

 

2

 

 

„OKAY, UND was brauchst du jetzt alles?“, fragte Donnelly und nahm einen Schluck von seinem Bier.

„Woher zum Geier soll ich das denn wissen? Ich habe noch nie einen Fuß in so einen Schuppen gesetzt.“ Brandt leerte seine zweite Flasche und machte Anstalten, die dritte zu bestellen. In der Kneipe war es ziemlich ruhig, wie man es an einem Dienstagabend erwarten konnte. Brandt und Donnelly hatten den halben Tresen für sich.

„Alles, was sie mir gesagt haben, war dass ich dich von außen unterstützen soll, während du den Undercoverpart übernimmst. Ich verstehe ja die Idee dahinter, aber keine Ahnung, was genau ich zu tun habe. Ich hatte gehofft, du wüsstest mehr.“

Brandt schnaubte spöttisch. „Nichts da. Die haben mir lediglich ein Passwort gegeben, damit wir einen Blick auf die Website werfen können, um zu wissen, worum es eigentlich geht. Ich würde mich lieber einer Wurzelbehandlung unterziehen, als dort zu recherchieren, glaub mir.“ Zu seiner Erleichterung stellte der Wirt das dritte Bier vor ihm ab.

„Tja, irgendwann wirst du dich wohl schlau machen müssen. Wir haben Dienstag. Am Donnerstag ist deine … Einführung.“ Donnelly konnte sein Lachen bei diesen Worten kaum unterdrücken. Brandt trat ihm mit dem Stiefel direkt vors Schienbein.

„Okay, sehr witzig. Trink aus und dann schauen wir nach. Wir beide. Und auch bei den schmutzigen Stellen wird nicht weggeschaut, so wie du das bei diesen blöden Saw-Filmen immer machst.“

Donnelly war das Lachen vergangen.

Zurück in seiner Wohnung holte Brandt den Jägermeister aus dem Gefrierfach und reichte Donnelly, der sich schon vor dem Computer niedergelassen hatte, ein Glas. Brandt setzte sich neben ihn und genehmigte sich einen Schluck, bevor er die Webadresse in den Browser eingab. Ein Banner mit der Aufschrift Str8 Frat Dudes! ploppte auf.

Brandt holte tief Luft, während sich hinter dem Banner eine Fotocollage von muskulösen jungen Männern in verschiedenen Stadien der Freizügigkeit aufbaute. Donnelly warf Brandt einen Blick zu, der Bände sprach. Ganz offensichtlich gab er sich größte Mühe, seine Übelkeit zu unterdrücken. Sie prosteten sich zu und leerten die Gläser.

„Okay, klickst du jetzt auf Enter?“, fragte Donnelly irgendwann.

„Mach du“, gab Brandt zurück. „Ich glaube, mir reicht das, was ich bisher gesehen habe.“

Donnelly griff nach der Maus und klickte auf den Button.

„Du musst deine Benutzerkennung und das Passwort eingeben.“

Brandt reichte ihm den Zettel, den er vor ein paar Stunden vom Chief bekommen hatte. Donnelly tippte.

„Alles klar, wir sind drin.“ Er warf Brandt einen Blick zu. „Um es mal so zu sagen.“

Die beiden Männer glotzten staunend auf den Bildschirm. Während die Fotos auf der Startseite noch einiges der Fantasie überließen – sofern man dazu neigte, sich vorzustellen, wie ein Footballspieler ohne seine engen Hosen aussah oder was wohl passieren mochte, wenn ein unfassbar attraktiver junger Mann einem anderen unfassbar attraktiven jungen Mann beim Herumalbern am Strand die Kleider vom Leib riss – brauchte man keinerlei Fantasie mehr, sobald man sich eingeloggt hatte. Hier wurde schamlos zur Schau gestellt.

„Heilige Scheiße“, murmelte Donnelly, den Blick hilfesuchend auf die Wand hinter dem Computerbildschirm gerichtet.

„Das war’s“, stöhnte Brandt. „Mein Leben ist vorbei. Wie soll ich das durchziehen? Dort als Undercoveragent, das heißt doch … das da zu machen.“ Er zeigte auf den Bildschirm, auf all das nackte Fleisch und die lächelnden Gesichter der Männer, die es offenbar genossen, sich dort zu entblößen.

„Wenigstens weißt du, warum der Chief genau dich für den Job ausgewählt hat“, meinte Donnelly, als wäre das etwas, worauf Brandt sich etwas einbilden konnte.

Dieser fuhr zu ihm herum. „Was zum Henker soll das denn heißen?“

„Hey, komm mal runter! Ich meine doch nur, dass von allen Kollegen, du“, er zeigte auf Brandt, „derjenige bist, der denen da“, er zeigte auf den Bildschirm, „optisch am nächsten kommt.“

„Wenn du damit sagen willst, dass ich aussehe wie eine männliche Nutte, die sich auf einer beschissenen Website verkauft, dann pass auf, dass ich dir nicht ganz aus Versehen ein paar Schneidezähne ziehe.“

„Das meinte ich nicht damit. Aber du bist ungefähr in ihrem Alter …“

„Ich bin vierundzwanzig und nur zwei Jahre jünger als du alter Sack.“

„Ja, aber du siehst jünger aus. Und guck dir die Jungs hier an – du bist mindestens so gut gebaut, wie die es sind. Holla! Abgesehen von dem da. Scheiße, guck dir die Bauchmuskeln an!“

„Soll ich dich eine Weile alleine lassen, damit du dich ganz in Ruhe an den hübschen Jungs ergötzen kannst?“

„Halt’s Maul. Ich sag ja nur, dass du gut genug in Form bist. Das ist alles. Also, wird das so eine typische Rotlichtrazzia? Sind wir hinter den Freiern her?“

„Nein. Das ist ja das Seltsame daran. Sie wollen, dass ich Bericht erstatte über alles, was dort vor sich geht. Die wollen sie nach Abgabenordnung 164.32 belangen.“

„‘tschuldige, aber an den Abgabenordnungskram kann ich mich nicht mehr gut erinnern. Warte, 164, da geht es um Verbrauchsbesteuerung, und die Dreißiger beschäftigen sich mit Einzelhandelsgütern …“

„Und Dienstleistungen. Anscheinend zahlen die keine Steuern auf erbrachte persönliche Dienstleistungen.“

Donnelly runzelte die Stirn. „Warum kriegen wir die nicht einfach wegen Prostitution dran?“, fragte er. „Klingt erfolgsversprechender.“

„Weil die Typen keine Prostituierten sind. Die drehen Videos. Ihre Liveshows kommen der Prostitution noch am nächsten. Aber da finden ja auch keine Berührungen oder so was statt. Die Kunden, die dafür bezahlen, die Shows zu sehen, können in ganz anderen Staaten oder Ländern sitzen. Wird schwer, die wegen Prostitution dranzukriegen.“

„Und wenn die dich wirklich einstellen … was machst du dann? Was tun die in den Videos, für die die Leute Geld bezahlen?“

„Tja, klicken wir mal drauf und schauen uns das an.“