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„HIER IST dein lächerlicher rosa Drink.“ Padma setzte sich auf den Stuhl auf der anderen Seite des hohen Tisches direkt am Fenster.

Veera nahm ihrer Freundin den eiskalten Cosmopolitan ab. „Wir Mädels können nicht alle Single Malt trinken“, sagte sie mit hochgezogenen Augenbrauen. „Ich brauche etwas Zucker in meinem Äthanol.“ Sie trank einen tiefen Schluck.

„Wenn ich jemanden so trinken sehe, frage ich mich immer nach dem Namen des Übeltäters. Aber in deinem Fall … Ich glaube, ich kenne ihn schon.“

„Er ist so ein verdammter Sturkopf.“

Padma lachte. „Da kommt er ganz nach dir.“

„Ich wünschte, ich könnte es ihm irgendwie abgewöhnen.“

„Entscheidest du etwa nicht, was er sein lassen soll? Kannst du nicht einfach die Befehlszeile löschen, die nicht funktioniert?“

„Er hält es aber für wichtig, deshalb kann ich sie nicht löschen. Es wäre, als würde ich dir jedes Mal einen Teil deines Gehirns amputieren, wenn du etwas sagst, das mir nicht gefällt.“

„Dann sei froh, dass ich so ein umgänglicher Mensch bin.“

„Ja, das dachte ich auch gerade“, erwiderte Veera trocken.

Padma lachte. „Aber er kann nicht denken. Er ist nur eine AI, die du selbst programmiert hast.“

„Und genau deshalb kann ich nicht einfach etwas löschen, nur, weil es nicht so funktioniert, wie ich es mir ursprünglich vorgestellt habe. Wenn er nicht selbst dazulernt, ist er keine AI, sondern nur ein ganz normales Programm für Standardanalysen. Und das wäre ja so bahnbrechend!“ Veera rollte mit den Augen.

„Wir sind nicht aufgebrochen, um den Hunger auf der Welt zu beseitigen“, meinte Padma. „Wir machen nur Vorschläge, mit wem man ausgehen könnte. Das ist nicht gerade Atomchirurgie.“

Veera schüttelte den Kopf über Padmas verdrehte Redewendung. „Aber wenn wir es schaffen, dieses menschlichste aller Probleme mit einer künstlichen Intelligenz zu lösen, die in der Lage ist, dazuzulernen … Dann ist der Welthunger vielleicht der nächste Schritt.“

Padma nippte an ihrem Whiskey und lehnte sich zurück. „Warum ist dir das eigentlich so wichtig?“

Veera studierte seufzend den Cosmo in ihrem Glas. Es war schon fast leer. „Haben deine Eltern schon einen Mann für dich gefunden?“

Padma schüttelte den Kopf. „Das hoffe ich doch nicht. Ich habe ihnen anfangs gesagt, ich wollte vor der Heirat mein Studium abschließen und danach, dass ich erst beruflich Fuß fassen wollte. Ich hoffe immer noch, dass sie es eines Tages einfach vergessen.“

„Und für wie wahrscheinlich hältst du diese Hoffnung?“

„Für sehr unwahrscheinlich.“

„Warum willst du keine arrangierte Ehe?“

„Wegen meiner Schwestern. Eine von ihnen ist recht glücklich, aber die andere … Es ging nicht gut aus.“

„Bei einer Liebesheirat muss man mit den gleichen Problemen kämpfen. Rein statistisch gesehen funktionieren arrangierte Ehen sogar besser.“

Padma zuckte mit den Schultern. Ihr war das Thema sichtlich unangenehm. „Du hast mir noch nicht gesagt, was die Überprüfung des Programms letzte Woche ergeben hat.“

Jetzt zuckte Veera mit den Schultern. „Das Ergebnis war durchwachsen. Viele Kollegen waren von Anfang an gegen die Idee mit der künstlichen Intelligenz. Die epistemologischen Parameter für das Programm waren dann nur das i-Tüpfelchen und sie meinten, ich sollte die Idee endlich aufgeben und mich wieder mit den ‚echten Problemen‘ befassen.“

„Autsch.“

„Ja, autsch.“ Veera ließ die Schultern hängen. „Vielleicht haben sie ja recht.“

Padma richtete sich auf, als wollte sie Veera ihre Last abnehmen. „Nein, das haben sie nicht. Es ist immer noch eine gute Idee. Weil es ein komplett neuer Lösungsansatz ist. Sie können nur nichts damit anfangen, und das gefällt ihnen nicht. Es macht ihnen Angst, dass ein Algorithmus mehr wissen könnte als sie selbst.“

„Sie sind Programmierer, Padma. Sie kennen sich selbst gar nicht. Sie würden mich um Rat fragen, wenn es darum ginge, die Route zur Auslieferung von herzförmigen Pralinen optimal zu programmieren. Aber ihnen verständlich zu machen, wie zwischenmenschliche Beziehungen funktionieren und was AI dazu beitragen kann, damit sie erfolgreicher sind … Na ja, ich könnte genauso gut mit ihnen über die neuesten Modetrends diskutieren.“

„Was durchaus verdienstvoll wäre. Dann würden sie vielleicht endlich damit aufhören, zu ihren Sandalen Socken zu tragen.“

„Ich will die Probleme des menschlichen Herzens lösen. Das ist schon schwierig genug. Verlange nicht das Unmögliche von mir.“

Sie lachten und leerten ihre Gläser. Es war die nur erste Runde von vielen.

 

 

„VEERA, DU hast das Wort.“ Edwin, ihr Teamleiter, lächelte Veera über den Tisch hinweg aufmunternd zu.

Sein Lächeln war überwiegend Show, das wusste Veera. Edwin hatte ihr zu Genüge klargemacht, dass er ihre Idee für wenig erfolgversprechend hielt. Aber trotz seiner Vorbehalte – die er ihr im Verlauf der Woche mehrfach während der Kaffeepausen aufgelistet hatte –, musste das Team in diesem Quartal noch einige erfolgreiche Entwicklungen vorweisen und es war zu spät, um auf eine andere Schiene umzuschwenken. Sie hatten keine andere Option mehr, als Veeras Idee weiterzuverfolgen.

Veera klappte ihr Laptop auf und verband es mit dem Beamer. Auf der Wand am Kopfende des Konferenzzimmers erschien das Titelbild ihrer Präsentation – ein Cupido vor rosa Hintergrund, das Signet von Q*pid. Der Schein des Monitors erhellte den Raum und tauchte die Anwesenden, passend zum Thema, in sein rosa Licht.

Veera sah sich um und bedauerte sofort, sich nicht von einem der Web-Designer Ratschläge zur Farbpalette geholt zu haben. Sie räusperte sich nervös.

„Vielen Dank, Edwin.“ Sie hörte sich unsicher an und fühlte sich auch so, als sie nach vorne ging, um mit ihrem Vortrag zu beginnen. Die wenigen Schritte erschienen ihr plötzlich wie Meilen.

Konzentration, Veera. Du kannst das.

„Künstliche Intelligenz wurde noch nie für Beziehungserkundungen eingesetzt“, fing sie an und benutzte die firmeneigene Umschreibung für Online-Partnervermittlung. „Ich möchte euch heute vorstellen, wie AI für unsere Dienstleistungen einen entscheidenden Beitrag leisten kann. Das Programm beruht auf epistemologischen – also erkenntnistheoretischen – Grundlagen und ich nenne es daher folgerichtig Epistemologie-Maschine. Unsere bisherigen Analyseprogramme funktionieren zwar sehr gut, aber sie können nur Daten verarbeiten, die ihnen zuvor eingegeben wurden. Ihre Ergebnisse sind daher von vergangenem Verhalten und vergangenen Ereignissen abhängig. Was diese Programme nicht leisten können, ist die dynamische Adaption der Daten, um Echtzeit-Analysen zu liefern oder Modelle für die Zukunft zu entwickeln. Sie helfen damit dem zwar nächsten Besucher der Website, aber nicht dem jeweils aktuellen Fall.“

Veera sah in die skeptischen Gesichter ihrer anwesenden Kollegen. Sie schluckte und atmete tief durch.

„Heute möchte ich euch zeigen, wie die Zukunft unserer Beziehungserkundungen aussehen kann. Künstliche Intelligenz lernt und passt sich an. Sie begleitet unsere Kunden durch den Online-Alltag, wird ihnen ein vertrauter Freund und zuverlässiger Partnervermittler.“ Sie machte eine Pause und sah sich wieder im Zimmer um. Auf diesen Moment hatte sie sich seit einer – schlaflosen – Woche vorbereitet. „Ich möchte euch Archer vorstellen.“

Sie klickte auf das nächste Bild ihrer Präsentation. Oben erschien Archers Name neben dem Foto ihres unförmigen Computerturms, der ein T-Shirt mit der Aufschrift ‚I’m with Cupid‘ trug. Von ihren Kollegen war hier und da leises Lachen zu hören.

„Die Grundlage von Archer besteht aus einem allgemein zugänglichen Open-Source-Framework für künstliche Intelligenz. Es greift auf die bereits erwähnte Epistemologie-Maschine zu. Unsere Tests haben gezeigt, dass …“

„Welches Framework?“, fragte ein IT-Kollege grunzend, der ganz hinten im Zimmer saß.

„Watson von IBM“, antwortete Veera.

„Wer hat den epistemologischen Teil codiert?“, fragte ein anderer.

Veera wurde rot. „Ich. Ich codiere ihn. Ich arbeite seit einem Jahr daran, wenn ich zwischen den anderen Projekten die Zeit finde. Vor etwa einem Monat habe ich ihn mit der AI verknüpft. Wie ich bereits sagte, haben erste Tests vielversprechende Ergebnisse gezeigt. Aber genauso wichtig wie das eigentliche Programm ist der Datensatz, mit dem wir die Maschine füttern.“

Vor diesem Teil ihrer Präsentation fürchtete sich Veera am meisten. Edwin hatte darauf bestanden, dass sie das Projekt fallenließ und sich wichtigeren und vor allem schneller umsetzbaren Lösungen zuwandte. Sie musste ihm erst erklären, warum ihr Archer so wichtig war, bevor sie ihn umstimmen konnte und weiterarbeiten durfte. Veera hoffte, ihre Kollegen mit den gleichen Argumenten überzeugen zu können.

„Wir sollten damit aufhören, die Beziehungen zwischen Menschen als einen rein algorithmischen Prozess zu betrachten. Menschen verlieben sich nicht ineinander, weil unsere Programme ihnen sagen, dass es so sein müsste.“

„Das tun sie auch nicht“, warf Ross, einer der Werbeleute, ein. „Unsere Kunden sagen uns, was sie von einer Beziehung erwarten. Wir helfen ihnen, in unserer Datenbank alle Entsprechungen zu finden. Die Kontrolle liegt allein bei den Usern.“

„Und dieses Problem habe ich gelöst“, sagte Veera und sah ihm in die Augen. Sie wollte Selbstvertrauen ausstrahlen, was ihr aber nur unzureichend gelang. „In vielen Kulturen werden Ehen arrangiert. Ich denke …“

„Arrangierte Ehen?“ Ross schnaubte. „Willst du damit vorschlagen, dass wir die besten Paarungen herausfinden und ihnen dann empfehlen zu heiraten? Und wenn sie sich weigern? Setzen wir dann Drohnen ein und lassen auf sie schießen?“

„Vielleicht sollten wir Veera erst ausreden lassen“, schlug Edwin vor.

Veera warf ihm einen dankbaren Blick zu und fuhr mit ihrem Vortrag fort.

„Diese arrangierten Ehen funktionieren immer dann am besten, wenn sie von Menschen vermittelt werden, die Braut und Bräutigam besonders gut kennen. Oft handelt es sich dabei um die Eltern oder andere Familienangehörige. Sie kennen den ganzen Menschen und versuchen, einen Ehepartner zu finden, der möglichst gut zu ihm oder ihr passt.“

„Oder der ihnen die meisten Kamele bietet“, rief Ross von hinten.

„Das ist beleidigend“, schnauzte Padma ihn an. Veera hatte ihre Freundin in den zwei Jahren, die sie zusammenarbeiteten, noch nie so aufgebracht gehört.

Alle am Tisch drehten sich zu Ross um und sahen ihn an. Ross rutschte unbehaglich auf seinem Stuhl hin und her und räusperte sich dann, als wollte er sich entschuldigen.

Veera drehte sich wieder zu ihrer Präsentation um, weil sie sich nicht noch einmal von ihm unterbrechen lassen wollte. „Archer ist der Versuch, eine künstliche Intelligenz mit einer Aufgabe zu betrauen, die wir mit den bisherigen Programmen nicht ansatzweise lösen können, weil sie nur eine unzureichende Annäherung an den Kern des Problems erlauben.“

Sie zeigte eine Grafik, auf der die Ergebnisse ihrer bisherigen Vermittlungen anhand der Persönlichkeitsprofile und Zuordnungsparameter dargestellt wurden. „Unser System ist ziemlich gut. Es basiert auf dem selbsterstellten Profil unserer Kunden und den Erwartungen, die sie an einen passenden Partner oder eine passende Partnerin stellen. Dann gleicht das Programm alle Profile ab und ordnet diejenigen mit den besten Übereinstimmungen dem Kunden zu. Wir sind in unserem Sektor marktführend. Aber unser Erfolg beruht auf zwei grundlegenden Fehleinschätzungen und steht deshalb auf tönernen Füßen. Wir gehen nämlich davon aus, dass die Menschen sich selbst am besten kennen und auch genau wissen, welche Eigenschaften ihr Idealpartner aufweisen muss, damit sie mit ihm glücklich werden.“

Sie sah sich um. Ihre Kollegen zogen skeptisch die Augenbrauen hoch. „Wir wissen, dass die meisten Menschen in ihren Profilen bestimmte persönliche Eigenschaften übertreiben oder herunterspielen. Unsere Analysen haben das zweifelsfrei ergeben. Diese selbsterstellten Profile sind also vor allem Wunschprofile und vermitteln Idealvorstellungen der eigenen Persönlichkeit. Wir wissen auch, dass die meisten Kunden an ihre potenziellen Partner genau die Erwartungen stellen, die sie bei ihren letzten Partnern am meisten vermissten. Und das sind nicht unbedingt die Eigenschaften, die eine glückliche Beziehung garantieren.“

„Soll das heißen, unsere Kunden lügen über sich und das, was sie sich wünschen?“, rief jemand. Wieder kam die Stimme aus dem hinteren Teil des Konferenzzimmers. Die Programmierer waren am besten darin, das Problem auf den Punkt zu bringen.

„Lügen würde ich es nicht unbedingt nennen“, erwiderte Veera. „Aber die meisten sind zu optimistisch in ihrer Selbsteinschätzung und urteilen zu rückwärtsgewandt, wenn es um die Eigenschaften anderer Menschen geht. Unterm Strich und aus systemischer Perspektive betrachtet, kommt es für uns allerdings auf das Gleiche heraus: Wir haben nie die passenden Informationen, um wirklich herauszufinden, welche Beziehungen für unsere Kunden optimal sind und das größte Potenzial besitzen. Und das wird Archer ändern.“

Sie klickte auf das nächste Bild. „Archer arbeitet vollkommen anders als unser bisheriges Programm. Er nistet sich in den angeschlossenen Geräten unserer Kunden ein, wo er Informationen sammelt, die nicht nur auf Selbstaussagen beruhen, sondern auch auf tatsächlichem Verhalten. Archer analysiert die Aktivitäten in sozialen Netzwerken und stellt aus diesem Befund ein virtuelles Profil zusammen. Das gleicht er dann mit den virtuellen Profilen der anderen Kunden ab und entdeckt so Beziehungspotenziale, die auf realistischeren Informationen basieren, als sie anderen Vermittlungsinstituten mit konventionellen Programmen zur Verfügung stehen.“

„Unsere Kunden müssen uns also Zugang zu ihren persönlichen Konten gewähren?“, ließ sich eine skeptische Stimme hören.

„Ja, und zwar nicht nur zu Facebook und Twitter. Auch zu Snapchat und Tumblr, zu Texten, Videokonferenzen und Browserverhalten. Wir sehen, was ihnen gefällt, welche Emojis sie benutzen und welche Fotos sie nicht teilen. Über die Kameras ihrer Laptops, Tablets und Handys analysieren wir ihre Gefühle und Reaktionen, wenn sie bestimmte Bilder online sehen. Wir finden gewissermaßen heraus, worüber sie lachen und weinen.“

„Warum zum Teufel sollte uns jemand uneingeschränkten Zugang zu seinen persönlichen Daten gewähren?“, wollte Ross wissen, der mittlerweile offensichtlich die Scham über seinen peinlichen Ausrutscher überwunden hatte.

„Weil sie passende Partner finden wollen und von uns erwarten, dass wir ihnen diesen Wunsch erfüllen. Unsere Untersuchungen haben gezeigt, dass den meisten Benutzern unserer Website ihre Privatsphäre weniger wert ist als ein passender Partner. Der Unterschied ist minimal, aber er ist vorhanden. Wenn sie erst erfahren, wie erfolgreich die Beziehungen sind, die wir mit Archers Hilfe angebahnt haben, werden sie ihm mit Begeisterung überall Zugang gewähren. Und da unser System bisher noch niemals gehackt wurde, werden sie uns vertrauen und sich darauf verlassen, dass ihre privaten Informationen bei uns sicher sind.“

„Aus Datenschutzperspektive ist das ein wahrer Albtraum für unsere Kunden“, meinte der Verantwortliche für Datenschutz. „Wie kannst du sicher sein, dass die Kundendaten nicht missbraucht werden oder in falsche Hände geraten?“ Veera hatte schon mit seinem Einwand gerechnet, weil sie noch keine Besprechung erlebt hatte, bei dem er dieses Problem nicht zu bedenken gab. Es war so sicher wie das Amen in der Kirche.

„Wir haben eine kryptografische Hashfunktion vorgesehen. Nur Archer kennt den Schlüssel und kann die Daten der einzelnen Kunden wieder zusammenfügen und entschlüsseln. Nur er kann die gespeicherten Daten wieder einem individuellen Nutzerprofil zuordnen. Sie sind damit perfekt anonymisiert und können durch menschlichen Zugriff nicht wiederhergestellt und zugewiesen werden.“

„Archer arbeitet also nur mit verschlüsselten Daten?“, fragte der Datenschutzbeauftragte nach. „Das kostet sehr viel Rechenzeit und erfordert einen großen Prozessor.“

„Die AI ist sehr effizient und der Kapazitätsbedarf daher gering“, erwiderte Veera.

„Du wirfst also ein Netz aus, fängst alles ein, was darin hängenbleibt und ordnest es dann zu“, fasste einer der Programmierer zusammen. „Aber wie soll das funktionieren, wenn du nur die Online-Informationen über die einzelnen Kunden hast?“

„An diesem Punkt kommt die Epistemologie-Maschine ins Spiel“, erklärte Veera. „Sie sucht nach Mustern, die sie mit der Analyse der Gefühle und anderen Merkmalen abgleicht. Daraus lernt sie, was für den Kunden wirklich wichtig ist.“

„Sie ordnet also Profile zu, die das gleiche Online-Verhalten haben?“

„Nein, nicht ganz. Sie ordnet nicht nur Aktivitäten und Interessen zu, wie es unser bisheriges Programm tut. Sie lernt auch, wie die Menschen auf bestimmte Dinge reagieren oder wie ihre persönliche Kommunikation sich von ihren beruflichen Aktivitäten unterscheidet. Daraus kann die Maschine ein sehr detailliertes Persönlichkeitsprofil erstellen. Dieses Profil vergleicht sie dann mit den Profilen der Zielgruppe und sucht dabei sowohl nach Parallelen wie auch Ergänzungen. Anschließend berechnet sie die Erfolgswahrscheinlichkeit der Interaktionen zwischen den Paarungen – also der potenziellen Beziehungen. Nach jedem erfolgten Kontakt erfasst sie automatisch diese neuen Informationen und lernt dazu. Sie kalibriert die Profile neu und ermöglicht so bessere Ergebnisse für zukünftige Zuweisungen. Innerhalb von sechs Monaten nach Inbetriebnahme wird Archer seinen Analyseprozess so verfeinert haben, dass er die Beziehungserkundungen nicht nur schneller, sondern auch mit wesentlich höheren Erfolgswahrscheinlichkeiten ermöglichen kann, als jede andere Methode, die bisher zur Partnervermittlung benutzt wurde.“

„Oder wir werden unsere Kunden verschrecken, ihre Daten leaken und massig Rechnerkapazität für eine unerprobte Methode vergeudet haben“, widersprach Ross knallhart. „Leute, damit gehen wir ein Risiko ein, das uns vernichten kann.“ Er lehnte sich selbstgefällig zurück, als hätte er Veeras Idee damit den Todesstoß versetzt.

„Unsinn.“ Das war Alexis, die Chefin der PR-Abteilung. Sie hatte sich bisher mit einer Meinung zurückgehalten und ihre Stimme hallte durch den Raum wie ein Kanonenschlag. „Veera, das hat noch keiner unserer Konkurrenten versucht. Ich denke, deine Idee ist die Zukunft unserer Branche. Arbeite weiter daran, so schnell und so intensiv du kannst. Wenn die technischen Voraussetzungen stimmen, werden wir daraus ein Gesamtpaket schnüren, das unsere Kunden nicht nur begeistert, sondern für das sie sogar extra bezahlen werden.“

Veera hatte schon oft erlebt, dass Alexis mit ihren Einschätzungen eine kontroverse Frage endgültig entschied. Es schien auch dieses Mal zu funktionieren. Die Reaktionen der Anwesenden reichten von enthusiastischem Nicken bis zu gleichgültigem Schulterzucken, aber es gab keinen Widerspruch mehr. Ross saß missmutig und mit versteinerter Miene auf seinem Stuhl und nahm mit einem widerstrebenden Grunzen seine Niederlage zur Kenntnis.

Veera strahlte. Sie hatte zwar Ross nicht überzeugen können, aber sie hatte diese Schlacht gewonnen.

Jetzt musste sie nur noch Archer zum Laufen bringen und liefern.