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KASEY WUSSTE in dem Moment, als er das Auto sah, dass er ein Problem hatte.

Der Tag fing an wie jeder andere. Kamerateams kamen und gingen in der anderen Hälfte von Reggies Werkstatt, wo die Fernsehshow Krieg der Werkstätten gefilmt wurde, aber hier auf der Südseite arbeiteten Kasey und Tony nahezu in Ruhe und konnten sich glücklicherweise von den Scheinwerfern fernhalten. Weiter hinten in der Werkstatt diskutierten andere Mechaniker, konkurrierten miteinander und verschwendeten Zeit. Kasey ignorierte sie. Er bevorzugte es, unsichtbar zu bleiben. Es war einfacher, als sich Freunde zu suchen, nur um dann herauszufinden, dass er für sie eine Witzfigur war.

Draußen hatte das schöne Sommerwetter dem schmuddeligen Herbstwetter Platz gemacht und die Fenster der Werkstatt wackelten bei jeder Windböe. Kasey war froh, dass er nicht draußen arbeiten musste.

„Ralston!“, brüllte Kaseys Chef, Reggie, von der Tür aus. Reggie war einer dieser Männer, die jeden mit Nachnamen ansprachen und das taten sie fast nie in normalem Ton. Jeder in der Werkstatt drehte sich bei diesem Geschrei um. Erst schauten sie zu Reggie und dann zu der Person, die er rief. In diesem Fall: Kasey.

Kasey zuckte unter der ganzen Aufmerksamkeit zusammen, aber antwortete: „Ja, Chef?“

„Ich brauche dich“, sagte Reggie, seine Stimme zu normaler Lautstärke gesenkt, als er näherkam. „Ich habe draußen einen Kunden, der mit dir reden will.“

„Warum mit mir?“ Normalerweise bediente Reggie die Kunden. Kasey blieb mit Tony hinten und erledigte seinen Job. Er mochte es so.

„Er will mit jemandem reden, der auf Muscle-Cars spezialisiert ist. Also mit dir. Aber er will sicherstellen, dass du auch weißt, wovon du redest. Er glaubt mir nicht und er gibt sein Baby nicht in die Hände von irgendeinem alten Sack. Also komm jetzt und überzeug ihn.“

Kasey hasste es, mit Leuten zu reden. Er hasste es, dass er versuchte, ihnen in die Augen zu schauen. Er hasste es ganz besonders, dass er sich ihretwegen klein und dumm fühlte. Das war der Grund, warum er sein Bestes gab, um die anderen Mechaniker und die Besetzung von Krieg der Werkstätten zu meiden. Aber dann schaute er nach draußen und sah das Auto.

Es war eine 1970 Chevy Chevelle SS, wenn er nicht falsch lag und wenn es um Muscle-Cars ging, lag er für gewöhnlich nie daneben. Wem auch immer dieses Auto gehörte, hatte nach ihm geschaut. Sie war silbern, mit dicken schwarzen Streifen auf der Motorhaube, in verdammt guter Verfassung und vermutlich bis zu fünfundsiebzigtausend Dollar wert. Sie war wunderschön. Perfekt. Und sie schrie förmlich nach ihm und verursachte Gänsehaut und ein Kribbeln in seinem Bauch.

Kasey zog sich ein langärmliges Karohemd über, das ihn vor dem Wind schützen sollte und schaute dann aus dem Fenster, um sicherzustellen, dass das Team von Krieg der Werkstätten nicht in der Nähe war. Als keine Kameras in Sicht waren, öffnete er die Glastür und ging auf den Parkplatz.

Er ging langsam zu der Chevelle, begutachtete die Karosserie und konnte es kaum abwarten, das Innere zu sehen. Als er endlich hineinschauen konnte, wurde er nicht enttäuscht. Die Sitze waren kaum abgenutzt und zerrissen, wie es bei den alten Autos, die er zu sehen bekam, oft der Fall war. Nein. Dieses hier war innen und außen perfekt. Es juckte ihn schon in den Fingern, darin zu sitzen, sich im Sitz zurückzulehnen und das Auto die ganze Arbeit machen zu lassen.

„Du bist der Experte?“, fragte ein Mann auf der anderen Seite des Autos und riss Kasey aus seinen Träumen. Er brauchte all seine Kraft, um seine Augen von dem Auto zu lösen und den Besitzer anzuschauen. Der Mann war größer als Kasey und gut gekleidet, vermutlich Anfang dreißig, mit dunkelblondem Haar, das durch den Herbstwind genau das richtige bisschen verstrubbelt war. Er hätte genausogut direkt aus einer GQ-Werbung kommen können und Kasey kämpfe gegen den Drang, abzuhauen und sich zu verstecken. Reggie hatte ihm gesagt, dass er das Auto checken sollte. Abgesehen davon war das Auto die Verlegenheit des Kennenlernens wert.

„Ich denke schon“, sagte er schließlich.

„Wie ist dein Name?“

„Kasey.“

Der Mann legte den Kopf schief und schaute ihn skeptisch an. „Wie alt bist du?“

Kasey ließ die Schultern hängen und steckte die Hände in seine Taschen. „Vierundzwanzig. Warum?“

„Ich hatte erwartet, dass ein Experte für Muscle-Cars älter ist. Aber egal.“ Er lehnte sich über das Auto und streckte seine Hand aus. Er trug einen Anzug und seine Hand war sauber, weswegen Kasey Angst hatte, sie zu berühren „Ich bin Brandon Kenner.“

Das Lächeln des Mannes konnte einen aus der Fassung bringen, genauso wie seine scheinbar schlichte Freundlichkeit. Obwohl er einen schicken Anzug trug, schaute er nicht auf Kasey herab. Zumindest bis jetzt noch nicht.

Kasey zwang sich dazu, die Hand des Mannes zu schütteln. Neue Leute kennenzulernen, war immer schräg und er war froh über jeden legitimen Grund, den Augenkontakt zu unterbrechen. Das Auto verlangte all seine Aufmerksamkeit.

„Sie ist wunderschön“, sagte er. „454?“

„Stimmt genau. LS6.“ Brandon ging vorne um das Auto herum, griff unter die Haube, um sie zu öffnen, dann hob er sie hoch und brachte einen V8 Motor zum Vorschein. Er war genauso sauber wie der Rest des Autos.

Kasey pfiff anerkennend. „Wo haben Sie sie her?“

„Ich habe sie in einer Werkstatt in Phoenix gekauft. Habe sie seit ein paar Jahren.“ Brandon lächelte ihn an. „Ich bin eine Art Sammler.“

Verdammt. Kasey schüttelte den Kopf und fragte sich, wie viel Geld man wohl haben musste, um Autos zu sammeln. Nicht nur Autos, sondern Autos wie dieses. Natürlich hatte sein Vater auch Autos gesammelt, aber es waren nie mehr als ein paar Schrottkarren im Garten gewesen, viele von ihnen standen auf Betonblöcken. Es war in ihrem vermoderten Inneren, wo Kaseys perverse Leidenschaft geboren worden war. Aber die meisten Autos seines Vaters waren nicht einmal angesprungem und keines davon war so gut erhalten gewesen wie dieser Chevy.

„Sie ist wunderschön“, sagte er zu Brandon. „Also warum sind Sie hier? Macht sie Ihnen Schwierigkeiten?“

„Nicht wirklich und um ehrlich zu sein, sie macht nur ein Geräusch, das ich nicht mag.“ Er schlug die Motorhaube zu und nickte in Richtung des Inneren. „Steig ein und ich zeig’s dir.“

Kaseys Herz begann schneller zu schlagen. Von außen konnte er das Auto durch die Augen eines jeden Autoliebhabers betrachten, aber innen wäre das anders. In einem Auto zu sitzen, löste etwas in ihm aus — etwas, das nicht normal war, wenn es nach den meisten ging. Trotzdem konnte er es nicht vermeiden. Brandon saß bereits hinter dem Lenkrad und schaute ihn durch die Windschutzscheibe erwartungsvoll an, also öffnete er die Beifahrertür und kletterte hinein. Er konzentrierte sich auf Brandon und nicht auf das Auto. Das schien einfacher. Es half, als Brandon das Auto anmachte. Das Geräusch des Motors war Gott sein Dank kein Antörner für ihn. Er war ein Diagnosewerkzeug, mehr nicht.

„Hört sich gut an, meiner Meinung nach.“

„Das liegt daran, dass wir im Leerlauf sind.“ Brandon nahm den Schaltknüppel und wechselte in den ersten Gang. „Lass uns um den Block fahren.“

Kasey schluckte hart und tat sein Bestes, sich auf seinen Job zu konzentrieren. Es war schwer, aber nachdem er die Augen geschlossen hatte und sich konzentrierte, dauerte es nur einen kurzen Moment, bis er hörte, was Brandon störte.

„Da ist ein leichtes Klopfen, nicht wahr?“

Brandon lächelte ihn an und Kasey wusste, dass er irgendeine Art Test bestanden hatte. „Kannst du es reparieren?“

„Das ist einfach. Es kommt aufs Timing an. Hast du keine Zeitschaltuhr? Du könntest es selbst machen, kostenlos.“

Brandon schüttelte den Kopf. „Ich kaufe sie, aber ich habe keine Ahnung, wie man die Dinger repariert. Wie lange wird es dauern?“

„Ich brauche dafür nur ein paar Minuten, sobald ich dazu komme, aber ein paar Autos sind noch vor dem hier dran. Vermutlich ist es das erste morgen früh.“

„Gut.“

Sie hielten an einer roten Ampel und warteten. Sie waren kaum aus der Werkstatt raus und allein der Gedanke an die kurze Runde um den Block war die reinste Hölle. Kasey kurbelte das Fenster herunter und versuchte, sich auf die kühle Luft zu konzentrieren und auf die Leute, die die Straße entlangliefen, aber er konnte das Auto einfach nicht ignorieren. Das glatte Leder. Das dunkle verführerische Armaturenbrett. Er rutschte auf seinem Sitz hin und her, als sie um den Block zurück in Richtung Werkstatt fuhren und hoffte, dass er seine wachsende Erektion verstecken konnte. Das war lächerlich. Es war ein Auto, in Dreiteufelsnamen, aber alte Autos hatten es ihm schon immer angetan.

Kasey atmete erleichtert auf, als die Fahrt vorbei war. Er zog sich das Shirt über seine Hüften und wischte sich den Schweiß von der Oberlippe. Er hielt die Luft an und konnte seine Freiheit kaum erwarten, als Brandon den Chevy parkte.

„Also …“, sagte Brandon und drehte sich zu Kasey, „… wann soll ich morgen —“ Er stoppte abrupt, starrte Kasey sichtlich amüsiert an und dieser bekam den Eindruck, als wüsste der Mann ganz genau, was auf dem Beifahrersitz vor sich ging. „Alles in Ordnung?“, fragte er mit einer neckenden Stimme.

Kaseys Wangen brannten. „Alles in Ordnung. Wir öffnen morgen um zehn. Dann wird es fertig sein.“

Er legte seine Hand auf den Türgriff, verzweifelt sehnte er sich danach, diesem Auto und dem wissenden Ausdruck in Brandons Augen zu entkommen, als dieser sagte: „Warte.“

Kasey hielt den Türgriff fest und blickte in den leeren Raum zwischen seinen Knien und dem Armaturenbrett. Er stellte sich vor, wie er in sich zusammensackte, klein und hässlich wurde und ihm seine Perversion auf die Stirn tätowiert war. Wenigstens war seine Erektion verflogen. „Was?“

„Dir gefällt das Auto, nicht wahr?“ In Brandons Stimme schwang ein Lachen mit, aber irgendwie nicht abfällig, eher neugierig. „Ich meine, es scheint, als würdest du das Auto wirklich mögen, falls du verstehst, was ich meine.“

Kasey sackte noch weiter in sich zusammen. Sein schlimmster Albtraum wurde wahr. „Es tut mir leid. Ich werde Reggie sagen, dass ich nicht wusste, was damit nicht stimmt. Du kannst jemand anderes finden —“

„Warum sollte ich das tun?“

War das sein Ernst? Kasey riskierte einen Blick und war überrascht, dass Brandon kein bisschen angewidert schaute. Falls überhaupt, schien er eher fasziniert.

„Du findest also Autos anziehend? Kann es sein, dass du objektophil bist?“

„Nein!“, sagte Kasey und merkte dann, dass er viel zu schnell reagiert hatte. Er schüttelte den Kopf und schaute weiter auf seine Füße. „Nein. Es ist nicht so. Ich will das Auto nicht vögeln. Oder, bei Gott, es heiraten.“

„Aber es ist offensichtlich, dass da etwas vor sich geht.“

Kaseys Wangen glühten vor Scham. Er nickte und hoffte, dass sich das Thema damit erledigt hatte.

Doch er hatte kein Glück.

„Also, was ist es dann?“, fragte Brandon.

Kasey rang mit sich selbst. Vielleicht war es besser, zu lügen. Vielleicht konnte er Brandon überzeugen, dass es gar nichts mit dem Auto zu tun hatte. Irgendwie wusste er aber, dass das nicht funktionieren würde. Dieser Mann war zu scharfsinnig und Kasey war noch nie gut darin gewesen, jemandem etwas vorzuspielen. Also atmete er tief ein und platze mit seinem dunkelsten Geheimnis heraus. „Mich törnt es an, in bestimmten Autos zu sitzen.“ Er räusperte sich beklommen und rutschte auf seinem Sitz hin und her. Jetzt, da er darüber nachdachte, wurde es wieder schlimmer. Etwas an dem Geruch des abgenutzten Leders, des Plastiks und des Öls schmerzte und entfachte ein beinahe schon unerträgliches erotisches Verlangen in ihm. „Sehr sogar.“

Einen Moment lang war es still, bevor Brandon in einer tiefen Stimme sagte: „Das ist irgendwie ziemlich heiß.“

War das sein Ernst? „Das ist nicht normal.“

Brandon lachte. Es war so ein angenehmes, offenherziges Lachen, dass Kasey bemerkte, wie seine Verlegenheit verflog. „Definiere normal.“

„Ähhh —“ Keinen Ständer wegen eines Autos zu bekommen. Das war normal. Aber Kasey war nicht sicher, wie er das sagen sollte, ohne geschmacklos zu klingen und der Art nach zu urteilen, wie Brandon auf die Uhr schaute, hatte dieser eh keine Zeit mehr.

„Hör‘ zu, ich muss los. Ich komme morgen früh wieder, um sie abzuholen. In der Zwischenzeit passt du für mich gut auf sie auf. Und genieß‘ sie.“ Er stieg aus dem Wagen und schloss die Tür. Dann lehnte er sich herunter, um Kasey durch das offene Fenster anzulächeln. „Das meine ich ernst“, sagte er und zwinkerte Kasey zu. „Hab‘ Spaß mit ihr auf jegliche Art und Weise. Hinterlass‘ dabei nur keine Flecken auf ihren Sitzen.“

Damit verschwand er und ließ einen verwunderten Kasey, der sich fragte, ob es möglich war, vor Verlegenheit in diesem perfekten, wunderschönen Auto zu sterben.

 

 

DER RESTLICHE Morgen verging in einer Art Trance. Kasey ging zum Mittagessen nach Hause. Er wohnte in einer Wohnwagensiedlung, die nicht gerade sauber, aber klein und sicher war. Er mochte sogar seine Nachbarn — eine ältere Latina-Dame auf der einen Seite, die mindestens drei Katzen besaß und auf der anderen ein kinderloses Pärchen mittleren Alters. Zugegeben, er redete nicht allzu viel mit ihnen, aber jeder war freundlich. Das Gesetz des Parks schien „Leben und leben lassen“ zu sein. Es war ein Motto, das Kasey zu schätzen wusste.

Der Wohnwagen an sich war gemütlich und bequem und bot ihm und Bandit, der ihn wie immer glücklich grüßend um die Beine wuselte, mehr als genügend Platz. Bandit war eine Australien-Cattle-Dog-Mischung. Kasey hatte ihn vor zwei Jahren aus einem Tierheim mitgenommen und trotz ein paar zerkauter Schuhe hatte er es keinen Moment bereut. Er war so sehr damit beschäftigt, seinen Hund zu begrüßen, dass es einen Moment dauerte, bis er das blinkende Licht seines schnurlosen Telefons, das auf dem Küchentresen lag und auf eine neue Sprachnachricht hinwies, bemerkte. Sein Herz rutschte ihm in die Hose und er fluchte leise. Er bekam nur selten Anrufe — was der Grund war, warum ihm ein altertümliches Telefon genügte — und es gab nur eine Person, die ihm Nachrichten hinterließ: Sein Bruder Richie.

Richie war der mittlere von seinen drei älteren Brüdern. Der Älteste, Roger, hatte nie Interesse an Kasey gezeigt. Der Jüngste, Rod, war vor zwei Jahren gestorben, kurz nachdem ihr Vater gestorben war. Seitdem rief Richie immer an und hinterließ ihm Nachrichten. Für gewöhnlich sagte er nicht viel, lediglich: „Ich würde wirklich gern von dir hören, Kleiner. Melde dich, wenn du Zeit hast.“ Aber Kasey nahm seine Anrufe niemals an, selbst wenn er zu Hause war und er rief auch nie zurück. Nachdem er jahrelang von ihnen ausgeschlossen worden war, konnte er sich einfach nicht dazu bringen, Richies plötzliches Interesse, ihm ein echter Bruder zu sein, ernst zu nehmen.

„Er soll sich ficken“, sagte Kasey zu Bandit, der zustimmend mit seinem Schwanz auf den Boden trommelte. „Wir brauchen ihn nicht.“

Also ließ er das Licht blinken.

Zurück in der Werkstatt vergaß er Richie schnell. Alles, woran er denken konnte, war Brandons Auto. Der Nachmittag kroch dahin und Kasey verbrachte jede Minute damit, zu versuchen, nicht von der Chevelle verführen zu lassen. Sie war so wunderschön. Perfekt. Und er wusste, wie gut es sich anfühlen würde, sich in ihrem Inneren einzuschließen und seinem Verlangen nachzugeben.

Bei seinem vorletzten Auto an diesem Tag, einem langweiligen alten Honda Accord, hielt Kasey inne, nahm sich Zeit, beobachtete die Uhr und wollte sich nicht recht eingestehen, was er da tat. Er redete sich ein, dass er das Auto noch nicht hereingeholt hatte, weil er nicht die Aufmerksamkeit des Krieg-der-Werkstätten-Teams erwecken wollte. Aber das war nicht die ganze Wahrheit.

„Bist du okay?“, fragte Tony ihn um viertel vor fünf.

„Klar. Warum?“

„Ich weiß auch nicht. Du scheinst heute etwas durch den Wind zu sein. Du weißt schon, etwas neben der Spur.“

„Mir geht’s gut.“

Tony nickte, während er sich die verschmierten Hände an einem Lappen abputzte. „Hast du nach der Arbeit Lust auf ein Bier?“

Die Mechanikerbuchten waren paarweise aufgeteilt. Kaseys war am Ende, was bedeutete, dass er nur einen Nachbarn hatte und dieser Nachbar war schon immer Tony gewesen. Nach beinahe drei Jahren hatte Kasey kaum mehr als ein paar Nettigkeiten mit dem älteren Mann ausgetauscht, aber dies hielt Tony nicht davon ab, es zu versuchen. Immer mal wieder lud Tony ihn zu einem Drink in die Bar ein, aber Kasey sagte immer ab. Er war nicht besonders gut im Umgang mit Menschen. Hatte sein Vater ihm das nicht immer gesagt? Noch schlechter war er, wenn es um Bars oder Menschenmengen ging. Er ging immer davon aus, dass er sich zum Deppen machen würde und dann würde sein Job, der immer das Paradies gewesen war, plötzlich zur Hölle werden, weil er vor Tony versagt hatte.

Nein. Da hielt er sich besser aus allem raus und hielt sich bedeckt. Das hatte ihm sein Vater auch immer gesagt. „Ich hinke etwas hinterher. Dachte, ich bleibe länger und mache die Chevelle noch fertig.“ Das war der eigentliche Grund, warum er so langsam damit war, den Accord zu reparieren. Er wollte Zeit für sich.

Mit einem Auto.

Wie bescheuert und krank war das denn bitte?

„Chevelle?“, fragte Tony. „Ist das die alte Silberne, die heute Morgen reinkam?“

Die alte Silberne. Kasey neigte seinen Kopf, um sein Lächeln zu verbergen. Tony war ein guter Mechaniker, aber er war kein Autofan. „Es ist nicht nur irgendein Auto. Es ist eine Chevelle SS 454.“

Tony grunzte. „Wie auch immer, Mann. Bist du sicher, dass du kein Bier willst?“

„Vielleicht ein andermal.“ Obwohl er sich nicht vorstellen konnte, jemals die Einladung des Mannes anzunehmen.

„Wie du willst.“

Kasey wartete, versuchte seine Ungeduld zu verbergen, während Tony, Reggie und die anderen Mechaniker die Lichter ausschalteten — alle bis auf Kaseys zumindest — und die Türen abschlossen, bis sie ihm endlich ein letztes Mal zuwinkten und gingen. Selbst nachdem sie gegangen waren, stand Kasey mit verschwitzten Handflächen und rasendem Puls da und überlegte, was er mit dem Auto machen sollte.

Reparier es einfach. Sei nicht abartig. Sei kein Freak. Reparier die Steuerung und geh nach Hause.

Aber konnte er das auch?

Seine Hände zitterten, als er das Auto in seine Arbeitsbucht fuhr. Er schaltete die Zündung aus und stieg aus, um das Garagentor zu schließen und sich selbst und die verräterische Chevelle in der Stille einzusperren. Eine Chevelle in dieser Stille. Er stand da und starrte das Auto an, ängstlich und aufgeregt zugleich. Sie war eine große Verführung. Kasey wischte sich die Handflächen an seiner ölverschmierten Jeans ab. „Reparier sie einfach“, sagte er laut. „Das ist alles, was du tun musst.“

Nachdem er sich endlich dazu gebracht hatte, war es einfach, und wie er Brandon prophezeit hatte, brauchte er nur ein paar Minuten dafür. Und danach breitete sich die Nacht vor ihm aus, angereichert mit Möglichkeiten.

Er sollte das nicht tun. Er sollte seinem seltsamen Verlangen nicht nachgeben. Es war ungesund.

Andererseits, wem tat es schon weh? Die einzige Person, die etwas daran auszusetzen haben könnte, wäre Brandon und er hatte ihm ja sozusagen seinen Segen gegeben.

Vielleicht konnte er ja einfach nur eine Minute in der Chevelle sitzen? Sich der Erregung stellen, die sie unausweichlich in ihm verursachte und dann nach Hause gehen und sich wie ein normaler Mensch unter der Dusche einen runterholen?

Kaseys Füße schienen sich von alleine zu bewegen und brachten ihn zur Fahrertür. Er schluckte schwer. Sein Magen fühlte sich leicht an, voll mit Schmetterlingen. Seine Hände zitterten, als er nach dem Türgriff fasste. Er stöhnte beinahe, als er einstieg, nicht wegen des Vergnügens, sondern wegen der Pein. Er war dabei, nachzugeben. Das realisierte er jetzt. Jede Vortäuschung von Willensstärke war über Bord geworfen.

Scheiß drauf, dachte er und schlug die Tür des Autos zu. Warum sollte er es nicht genießen, wie Brandon ihm gesagt hatte?

Nachdem die Entscheidung getroffen war, lehnte er sich zurück und atmete tief ein. Er inhalierte den Geruch des Wagens. Er ließ die Welle an Erregung über sich strömen.

Brandon kannte die Wahrheit. Er war nicht von Autos an sich angezogen. So durchgeknallt war er dann doch nicht. Und es waren natürlich nicht alle Autos. Nicht mal die meisten. Neue Autos lösten bei ihm gar nichts aus und viele der älteren Modelle waren genauso unattraktiv. Aber das Innenleben eines klassischen Muscle-Cars törnte ihn jedes Mal an. Es brachte sein Blut in Wallung und machte ihn so geil wie nichts anderes auf der Welt.

Es war schon immer so gewesen, bereits seit den Tagen, als er sich noch in den Schrottkarren seines Vaters hinten im Garten versteckt hatte. Einmal, als er gerade ein Teenager war, hatte er eine Handvoll von dem, was er für Automagazine hielt, aus dem Schrank seiner älteren Brüder geklaut und sie in einem Mustang mit Fließheck in der Nähe des hinteren Teils des Gartens unter einer wuchernden Trauerweide versteckt. Hinterher bemerkte er, dass nur die oberen zwei Automagazine waren. Die anderen hatten nackte Frauen drin. Er interessierte sich nicht für die, die nur Frauen zeigten. Aber es gab immerhin noch welche, die Männer und Frauen drin hatten und diese mochte er. Er stellte sich vor, dass er an der Stelle der Frauen auf seinen Knien war und darauf wartete, dass diese Männer ihn berührten.

Und dort, versteckt in den schattigen Innenräumen jener vergessenen Autos, mit Fenstern so schmutzig, dass er nicht nach draußen schauen und niemand ihn sehen konnte, masturbierte er wie der unersättliche Teenager, der er war, oft mehrere Male am Tag. Er erinnerte sich an das moralische Dilemma, dem er sich damals gegenüberfand — nicht nur, weil er masturbierte, sondern weil er sich vorstellte, dass er sich Männern hingab, während er es tat. Manchmal dachte er, dass er das nicht tun sollte und brachte sich selbst dazu, stattdessen Autozeitschriften zu lesen. Aber selbst während er Artikel über Hemi-Motoren und Gangunterschiede überflog, konnte er diese anderen Magazine, die unter dem Sitz versteckt waren, nicht vergessen. Zeitschriften voll mit Männern, die ihre harten Schwänze in den Händen hielten, mit unersättlichem Verlangen in ihren Augen. Er selbst wurde hart, obwohl er Autos statt Menschen ansah. Und irgendwann legte er Auto, Motor, Sport beiseite. Er griff nach den Pornomagazinen und gab dem Verlangen, sich selbst zu berühren, nach. Das weiche Leder des Sitzes unter ihm, seine linke Hand umklammerte das Armaturenbrett.

Er erinnerte sich, wie einfach es war, seinem Verlangen nachzugeben. Es war dasselbe schmerzhafte Verlangen und die verborgene Scham, als er mal wieder seine Hose öffnete und seine Hand hineinführte. Er legte sie um seine Erektion und drückte zu.

Er musste sich auf die Lippe beißen, um das Stöhnen zu unterdrücken, das ihm entweichen wollte. Es gab keinen Weg zurück mehr. Sich selbst zu berühren, fühlte sich einfach viel zu gut an.

Er wollte jedoch mehr, als sich nur einmal kurz einen runterzuholen. Ihm wurde hier eine seltene Chance geboten und er würde sie nicht vergeuden. Er hob seine Hüfte und zog seine Hose langsam bis zu den Knien. Der Sitz fühlte sich straff unter seinem Hintern an, weder warm noch kalt. Er atmete den Geruch des Autos ein, erinnerte sich an den Mix aus Leder, Moder und Unkraut aus seiner Jugend und fühlte die glatten Seiten der Zeitschriften zwischen seinen Fingern.

Er machte langsam, wechselte zwischen Streicheln seiner Erektion und Reiben seiner Eichel mit dem Daumen. Er dachte an die Männer in diesen Magazinen und die in den Autos und am Ende dachte er an Brandon. Wie Brandon es ihm gesagt hatte, genoss er es in vollen Zügen und als er abgespritzt hatte putzte er den Innenraum drei Mal.

Er hinterließ keinen Fleck auf den makellosen Sitzen des Chevys.