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„AUA!“

„Verdammt!“

Ich hatte keine Ahnung, wer von uns beiden überraschter war. Seinem Gesichtsausdruck nach zu schließen, war der andere Kerl sich darüber genauso wenig im Klaren wie ich.

Es war ein geschäftiger Sonntagnachmittag im Fitnessstudio. Irgendwie – und fragen Sie mich bitte nicht, wieso – hatte ich nicht aufgepasst, als ich nach dem Gewichtestemmen von meiner Bank aufgestanden war. Und so war mein Kopf mit dem des Mannes neben mir kollidiert, der sich just im selben Moment von seiner Bank erhoben hatte. So viel zu gutem Timing!

Wir rieben uns beide einen Moment lang die schmerzenden Köpfe, unsicher, wessen Schuld es eigentlich gewesen war. Und dann fing der Typ an zu lachen.

Wir hatten uns, bevor wir an diesem Nachmittag im Fitnessstudio aufeinandergetroffen waren – und zwar buchstäblich – noch nie zuvor gesehen. Einige Kerle würden in so einer Situation nicht besonders freundlich reagieren, wenn sie erst mal mit dem Training angefangen hatten, aber dieser lachte. Ich nehme mal an, es war wirklich komisch. Sein Lachen war ansteckend und brachte mich ebenfalls zum Lachen, etwas, das ich in letzter Zeit nicht besonders oft getan hatte.

Als er dann aufstand – dieses Mal ohne gegen meinen Kopf zu knallen – und sich entschuldigte, bemerkte ich, wie groß der Mann war. Wirklich groß. Ich meine, echt groß. Bemerkenswert groß. In Ordnung, er war kein Gigant, aber er war so hochgewachsen, dass ich meinen Kopf ein kleines Stück zurücklehnen musste, um ihm ins Gesicht sehen zu können. Und ich bin nicht klein. Mit meinen knapp einsfünfundsechzig ist meine Größe grundsätzlich durchschnittlich. Meiner Meinung nach war der Kerl einsfünfundneunzig groß, vielleicht sogar zwei Meter. Damit war er immer noch gut dreißig Zentimeter größer als ich, also musste ich zu ihm aufsehen, um mit ihm zu sprechen, aber es schien mir die Mühe wert.

Unsere gegenseitigen Entschuldigungen waren schließlich beendet und wir gingen wieder unserer getrennten Wege. Ich dachte nicht länger an den kleinen Zwischenfall, denn ich war mitten in meinem Trainingsprogramm. Mir war zwar aufgefallen, dass der Kerl ziemlich gut aussah, aber ich dachte nicht mehr groß darüber nach. Ich war zwar auch nicht unbedingt hässlich, aber er spielte doch in einer anderen Liga. Weit von meiner entfernt.

Also stellen Sie sich meine Überraschung vor, als ich mich, nach Beendigung meiner Trainingseinheit, in der Umkleidekabine wiederfand, damit beschäftigt, mich nur um meinen eigenen Kram zu kümmern (okay, okay, ich weiß schon, aber dieses Mal stimmte das wirklich) und Mister Groß, Dunkel und Gutaussehend kam herein. Er öffnete den Spind direkt neben meinem. Ich erinnere mich nicht daran, wer zuerst was sagte, aber wir führten bald die unbefangenste und angenehmste Unterhaltung, die zwei völlig Fremde in einer Umkleidekabine haben konnten. Ich glaube, er sagte etwas darüber, wie merkwürdig es sei, zwei nebeneinander liegende Spinde ausgewählt zu haben und auch noch im Fitnessstudio zufällig zusammenzustoßen. Aber dieses Gesprächsthema war bald erschöpft – mit anderen Worten, nach wenigen Sätzen – also schnitt er ein anderes Thema an. Alle Fernseher im Fitnessstudio waren auf CNN eingestellt und so hatte jeder sehen können, wie der Präsident eine Rede an die Nation gehalten hatte, die neueste wirtschaftliche Krise betreffend. Scheinbar kam diese Krise inzwischen fast jede Woche vor. Ich hatte zugehört und das hatte mein hochgewachsener Spind-Kumpel offensichtlich auch.

Dieser große Kerl, der da neben mir stand, kannte sich auf jeden Fall im aktuellen Tagesgeschehen aus. Er hatte seine eigenen Beobachtungen gemacht und stellte mir einige Fragen. Er stellte klar, dass der Standpunkt, den der Präsident vertreten hatte, weit entfernt lag von dem, was die Fernsehsprecher nach dessen Rede darüber zu sagen hatten. Es war ziemlich offensichtlich, dass er entweder ganz genau wusste, wovon er sprach oder ein ziemlich guter Schauspieler war. Ich für meinen Teil entschied, ihn für wirklich klug und gut informiert zu halten.

Und sein Lächeln. Oh mein Gott. Dieses Lächeln! Sein Gesicht – hoch über mir – war so lebendig. Einige Kerle arbeiten so hart daran, eine unbewegte, neutrale Maske zu tragen und abgehoben und beinahe gelangweilt in der Öffentlichkeit zu wirken. Etwas in uns Männern fürchtete sich davor, jemandem, den wir nicht kannten, zu viel von uns preiszugeben. Und auch dann, wenn wir diesen Jemand gut kannten, nur so viel wie eben nötig.

Nicht so bei diesem Kerl. Nein. Bei diesem Kerl war das völlig anders. Er trug keine Maske, es sei denn, man würde Freude eine Maske nennen. Wenn er sprach, dann war sein ganzes Gesicht in die Unterhaltung einbezogen. Und er verströmte geradezu Energie. Es war in positiver Weise ansteckend. Der Mann war ein Meister der Mimik. Hatte ich schon sein Lächeln erwähnt? Oh, dieses Lächeln!

Ich tat mein Bestes, mich auf die Unterhaltung zu konzentrieren, auch wenn ich von seinem Lächeln und seiner Freundlichkeit abgelenkt wurde. Er war einfach anbetungswürdig niedlich – nein, gut aussehend. Nein, niedlich traf es schon ziemlich gut. Konnte man niedlich und gut aussehend in einem sein? Sicherlich konnte man das, denn dieser Mann war es!

Als er sich sein T-Shirt über den Kopf zog, gestattete ich mir einen kurzen Moment, um seinen Körper zu bewundern. Nett. Groß und schlank, nicht gertenschlank oder nur Haut und Knochen – nein, das ganz sicher nicht. Er schien das ideale Gewicht für seine Größe zu haben. Ich weiß, es klingt blöd, aber er schien einfach perfekt zu sein. Er hatte weder Übergewicht noch war er zu mager. Er wirkte nicht übermäßig aufgepumpt. Er war kein Muskelmann auf Steroiden. Er war einfach … na ja, genau richtig.

Sein Oberkörper war ebenmäßig, haarlos und bedeckt mit einem feinen Film aus Schweiß, der ihn glänzen ließ. Okay, konzentriere dich. So ist es gut. Reiß deine Augen von diesen Nippeln los. Diesen kecken, strammen Nippeln. Nein! Konzentration! Sieh in sein Gesicht! Pass auf! Oh, dieses Gesicht. In Ordnung, das funktioniert so nicht. Er sagt etwas. Ich muss darauf achten, was der Mann sagt. Muss aufmerksam sein!

Stell dir einen Unfall auf der Autobahn vor, Kumpel, befahl ich mir selbst. Rasch an irgendetwas denken, das mich davon abhielt, in Gegenwart dieses freundlichen Fremden einen kompletten Idioten aus mir zu machen. Es gelang mir, mich auf die schicklichen Teile seiner Anatomie zu konzentrieren, während wir uns unterhielten. Und tatsächlich konnte ich im Verlauf unseres Gesprächs auch punkten und ihn damit zum Lachen bringen.

Er benutzte sein T-Shirt, um sich den Schweiß vom Oberkörper und unter den Armen abzuwischen und warf es dann in seinen Spint. Ich wollte dieses T-Shirt am liebsten ergreifen und meine Nase darin vergraben, mich in seinem berauschenden männlichen Aroma verlieren. Wenn ich gekonnt hätte, dann wäre das T-Shirt in meiner Sporttasche verschwunden und ich hätte es mit nach Hause genommen und neben mir auf dem Bett platziert, während ich mir in der kommenden Nacht einen runterholte.

Es wurde etwas einfacher, als er sich auf die Bank setzte und seine Schnürsenkel öffnete, um dann seine Schuhe samt Socken auszuziehen. Wow, was für große Füße, dachte ich bei mir. Im Nachhinein war mir klar, dass ich es hätte kommen sehen müssen. Das hätte ich wirklich. Es war dumm von mir, es nicht zu erkennen, aber ich war ein bisschen von der Rolle, das muss ich eingestehen.

Scheinbar ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, löste mein neuer, hochgewachsener Freund das Taillenband, das seine lange, ausgeleierte Sporthose hielt. Die Hose glitt von seinem Körper und sackte zu einem Haufen Stoff auf den Boden zu seinen Füßen. Ganz ohne mein Zutun glitt mein Blick über all die neue Pracht, die gerade enthüllt worden war. Seine Sporthose war ihm gerade mal bis zum Knie gegangen und da seine Beine so lang waren … Nun ja, den Rest können Sie sich sicherlich denken. Da war plötzlich jede Menge mehr Fleisch zu sehen, um sich an dem Anblick zu erfreuen. Seine Beine waren mit einem leichten Flaum brauner Haare bedeckt, was eine perfekte Ergänzung seiner Männlichkeit darstellte. Oh Gott, das war endgültig zu viel für mich.

Konzentration! Ich rief mich selbst zur Ordnung und stellte mir wieder zerfetzte Körper vor, die auf einer Fahrbahn lagen, nachdem zwölf Fahrzeuge ineinander gekracht waren. Flammen schossen in den Himmel. Tanklastzüge explodierten. Überall nur Chaos. Zerbrochenes Glas. Blut. Eingeweide. Okay. Das funktionierte. Ich konnte es schaffen. Oh, nein!, flehte die Stimme in meinem Kopf. Der Kerl drehte sich um, um etwas aus seinem Spind zu holen und entblößte dabei das knackigste Stück Männerhintern, das ich in meinem ganzen Leben gesehen hatte.

„Oh, Mama!“, sagte ich tatsächlich leise. Und die Art und Weise, wie sein Suspensorium seinen Hintern zur Geltung brachte, ließ mich beinahe hecheln wie einen läufigen Hund. Ich glaube, ich habe an diesem Punkt wirklich leise gewimmert, aber glücklicherweise schien er mich nicht gehört zu haben.

Okay, ich konnte das schaffen. Tief einatmen. Sag irgendein blödes Gedicht auf. Atme. Oh, Scheiße!

Jegliche Hoffnung, aufrecht und erwachsen zu wirken, löste sich in Luft auf, als der Mann direkt vor meinen Augen die beiden Seiten seines Suspensoriums ergriff und sich das dehnbare Stück Stoff vom Körper schälte. Und als er das tat, zog der Schwanz, der daraus hervorgesprungen kam, meinen Blick magisch an und wollte ihn nicht mehr loslassen. Er hielt mich fester gepackt, als jemand es mit zwei Händen vermocht hätte.

Er schien das nicht zu bemerken. Ich allerdings schon. Er drehte sich erneut um und warf das Suspensorium ebenfalls in seinen Spind. Als er sich wieder zu mir umdrehte, stand er mir schonungslos von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Ganz offensichtlich hatte der Typ keine Probleme mit seinem Körper. Keine, überhaupt keine. Er fühlte sich wohl in seiner Haut. Und was das für eine Haut war.

Und dann geschah es. Er brachte lebhaft ein Argument vor, für … ich habe nicht den leisesten Schimmer, denn ich war ganz klar nicht länger in der Lage, ein Wort vom anderen zu unterscheiden, als er seine rechte Hand sinken ließ, um sich an einer Stelle direkt vor seinen Eiern zu kratzen. Dann lockerte er seinen Penis, der in der Enge seines Suspensoriums eingezwängt gewesen war. Und dabei redete er die ganze Zeit über einfach weiter. Er musste glauben, dass ich entweder, (A) ein Idiot war, (B) ein sexbesessener Stalker, der ihn auf der Stelle vergewaltigen wollte oder (C) ich achtete tatsächlich mehr auf das, was er sagte als auf seinen Körper. Und seinen Schwanz. Hatte ich schon seinen Schwanz erwähnt?

Nun ja, alle Kerle hatten Schwänze. Ich war in genug Umkleideräumen gewesen, um das zu wissen. Das und meine Lebensaufgabe, Schwänze zu studieren, hatten es mich gelehrt. „Schwänze sind unsere Leidenschaft“ könnte mein Motto sein. Nur in diesem Fall bedeutete „unsere“ meine.

Schwänze. Ich liebte diese Dinger. Liebte sie inniglich. Konnte einfach nicht genug von ihnen kriegen. Was war daran nicht liebenswert? Sie waren vorhersehbar in ihrer Konstruktion und beständig in ihrem Verhalten. Oh ja, ich liebte diese Schwänze. Erschauern. Hatte ich etwa gerade einen Orgasmus? Oh, Scheiße! Nicht doch! Atme!

In Ordnung. Du kannst das schaffen! Du packst das schon! Komm schon!, instruierte ich mich selbst mit jedem verbleibenden Quäntchen Selbstkontrolle, das ich aufbringen konnte. Aber er stand weiterhin einfach so da, fummelte an seinen tief hängenden Hoden herum und sprach mit mir. Ich meine, hallo? Wer kann sich über die Politik des Präsidenten unterhalten, während er seine verschwitzten Eier von seinem Penis wegdrückt? Nun, ganz offensichtlich dieser Typ! Der konnte das. Und er schien damit ganz hervorragend klarzukommen. Ich war derjenige, der damit jede Menge Probleme hatte. Ich war derjenige, der nur einen Atemzug davon entfernt war, zu hyperventilieren. Ich war derjenige, der um Haaresbreite auf die Knie gegangen wäre, um seine Lippen um den köstlichsten Schwanz zu schließen, den er je gesehen hatte. Und, wenn Sie sich erinnern, ich war ein Professor in Sachen Penisse, ein Kenner in Sachen Schwänze und ein Gourmet, was Erektionen anging. Ich hatte es mir zur Lebensaufgabe gemacht, den männlichen Penis zu verehren. Und was für ein Prachtexemplar dieser hier war.

Der Schwanz dieses Mannes strahlte Perfektion aus. Von der großen, beschnittenen Spitze der sich wölbenden Länge, die sich etliche Zentimeter hinauf bis zu seinem hellbraunen Schamhaar erstreckte, das geradezu darum flehte, sich um eine Zunge zu ringeln. Eine reichlich befeuchtete Zunge. Und diese schweren, baumelnden Eier. Falls mal jemand auf die Idee käme, ein Buch über den perfektesten Penis der Welt zu schreiben, dann hatte ich gerade das richtige Model für das Buchcover gefunden. Keine Anrufe mehr, wir haben einen Gewinner.

Mein neuer Freund hatte einen Penis, der die Proportionen seines Körpers in vollkommener Weise komplettierte. Mehr als ein Mundvoll, nahm ich an. Was zu jener denkwürdigen Debatte innerhalb meines Kopfes führte, ob ich anständig und ehrbar bleiben sollte oder ihn einfach verschlingen, hier und jetzt, um meine Theorie zu testen, dass es mehr als ein Mundvoll war. Informationen! Ich brauchte mehr Informationen! Aber ich erinnerte mich selbst daran, dass ich auch alle meine Zähne behalten wollte. Der gesunde Menschenverstand sagte mir, dass auf die Knie zu sinken und einem Kerl einen zu blasen – unaufgefordert und inmitten einer Umkleidekabine voller Hetero-Männer – wahrscheinlich nicht dazu führen würde, dass ich am Leben blieb und alle meine Zähne behielt. Ach, aber was für eine Art abzutreten! Ich würde sterben, mit einem zahnlosen Lächeln im Gesicht.

Irgendwie gelang es mir, mein Pokerface beizubehalten. Ich hatte keinen Schimmer, wie! Ich hatte im ganzen Leben noch nie Poker gespielt und ich war sicher nicht gerade bekannt dafür, immer ruhig und gelassen zu bleiben. Aber hier machte ich offensichtlich einen recht guten Job, denn der Kerl redete einfach weiter, lachte – und kratzte sich seine verdammten Eier! Wollte er mich umbringen? Ich meine, jetzt mal ehrlich! Nimm wenigstens die Hand von deinen Genitalien, Kumpel!

Ich starrte auf seine ultraharten Nippel, mit einem Mal nicht mehr so bemüht darum, seine Brust zu ignorieren. Weil er so groß war, schien es nur logisch, dass ich das betrachtete, was auf meiner Augenhöhe lag. Außerdem musste ich vorsichtig sein. Die verdammten Dinger waren so steif, dass sie mir ein Auge ausstechen konnten. Ich musste sie im Blick behalten. Entweder das oder eines dieser breiten, roten Absperrbänder benutzen, am besten zusammen mit den orangefarbenen Pylonen für den Straßenverkehr, damit unschuldige Passanten gewarnt wurden.

Das war der Augenblick, in dem ich anfing, an die Existenz göttlicher Wesen zu glauben. Ja, ich war darauf vorbereitet, auf meine Knie zu fallen und sie anzubeten … halt, Moment mal, ganz falsche Spur. Gottheit, nicht Schwanz. Ja, genau. Okay. Zurück zum ursprünglichen Gedankengang. Ich begann, an göttliche Wesen zu glauben, weil – sind Sie bereit? – ich tatsächlich in der Lage war, etwas halbwegs Intelligentes von mir zu geben! Ich meine, ich hatte trotz allem genug von dem aufgeschnappt, was er sagte, um in der Lage zu sein, zwei Neuronen miteinander interagieren zu lassen. Und ich meine damit nicht die beiden Neuronen, die benötigt werden, um eine Erektion zu bekommen. Und ich war auch noch in der Lage, mich an einiges zu erinnern, das ich irgendwann einmal gelesen hatte. Und ich konnte meine Lippen dazu bringen, sich zu bewegen und verständliche Worte zu formen. Oh, was ich mit meinen Lippen alles anstellen könnte.

Nein! Konzentriere dich! Worte! Unterhaltung! Intelligenz! Anstand! Oh, BITTE! Ich ließ meine Lippen Worte formen, die ich laut aussprechen konnte. Und was auch immer dabei herauskam, schien die herzliche Zustimmung meines neuen Freundes zu finden, denn sein Gesicht strahlte vor Aufregung und er hob seine rechte Hand – ja, genau die, die gerade seinen Sack gekratzt hatte – und streckte sie mir entgegen. Ich fragte mich ganz kurz, ob er beleidigt wäre, wenn ich eben jene Hand an meinen Mund führen würde, um seine Finger abzulecken. Ein Teil meines Gehirns meinte, das würde mir einen Hinweis auf den Geschmack des gelobten Landes geben, während der Rest dafür sorgte, dass ich mich wenigstens ansatzweise vernünftig benahm.

Wow! Das männliche Gehirn arbeitete gewiss nicht gerade auf Hochtouren, wenn es mit Testosteron überflutet wurde. Ich wunderte mich darüber, wie wir so bis zum heutigen Tag überleben konnten. Unsere Vorfahren mussten oft flachgelegt worden sein oder hatten sich zumindest oft einen runtergeholt, um es uns zu ermöglichen, zu dem zu werden, was wir heute waren. Entweder das oder sie waren einfach nur ständig geil gewesen, so wie ich, und trafen ständig falsche Entscheidungen, weil ihre Gehirne dauernd vom Testosteron umnebelt waren. Ich fragte mich ganz kurz, ob Frauen wohl dasselbe Problem mit ihrem Gehirn hatten, wenn ihr Östrogenpegel durch die Decke schoss, und ob ihr Pegel wohl ebenso schnell in die Höhe schnellte wie der männliche Testosteronpegel.

Die große Hand zeigte in meine Richtung. Das Gesicht strahlte vor Vergnügen. Und was tat ich? Tja, ich tat, was von mir erwartet wurde und ergriff die mir dargebotene Hand. Und Mr. Groß, Dunkel und Gutaussehend – ohne Probleme mit seinem Körper plus fantastischer Schwanz – erwischte mich kalt. Ich weiß schon! Ehrlich! Und bisher war ich wirklich Herr der Situation gewesen!

„Kumpel! Ich bin total verschwitzt. Ich muss nur kurz duschen. Würdest du auf mich warten? Hast du Zeit, um mit mir einen Kaffee zu trinken? Es passiert nicht oft, dass man jemandem begegnet, der die Auswirkungen der Wirtschaftspolitik des Präsidenten begreift.“

Was für eine Politik?, fragte ich mich. Welcher Präsident? Was ist Wirtschaft? Und worüber spricht dieser Mann da eigentlich? Alles, was ich getan hatte, war, hier zu stehen und zu versuchen, diesen Mann heimlich anzubeten. Einen Mann prächtiger als Michelangelos David, einen Mann, der für Apollo einspringen könnte, wenn der Gott das nächste Mal krank oder anderweitig beschäftigt war.

„Sicher“, antwortete ich, in der Hoffnung, das Wort würde es von meinem Gehirn über meine Lippen bis zu seinen Ohren schaffen.

„Großartig!“, sagte er, schnappte sich ein Handtuch und stürmte in Richtung Duschen davon. „Geh nicht weg!“, rief er mir über seine Schulter zu. „Bitte. Ich beeil mich!“

Oh, Schatz, dachte ich nur, ich werde nirgendwo hingehen, es sei denn, du willst, dass ich das tue.

Ich packte meine Sportsachen zusammen und versuchte mir ein Mantra einfallen zu lassen, um jeder Gottheit zu danken, die es für angebracht gehalten hatte, mir heute zuzulächeln. Bislang hatte ich einen Tag schon für gut gehalten, an dem ich ein gedrucktes Bild von einem hübschen Penis bewundern konnte. Heute jedoch wedelte die waschechte, lebendige Version direkt vor meiner Nase herum. Und, was für eine Überraschung, ein echt netter Kerl hing daran. Ich war eigentlich zu der Überzeugung gelangt, dass an einem großartigen Penis – nun ja, auch ein großes Arschloch hing.

Nun hatte ich allerdings ein Problem – ja, in Ordnung, eine ganze Menge Probleme, denn ich war schließlich auch nur ein Mensch. Und außerdem noch ein männlicher, mit einem Gehirn, das von Testosteron geflutet wurde. Mein spezielles Problem war, dass ich mir, seit ich älter geworden war (ich war gerade erst 32 geworden), angewöhnt hatte, offen meine Meinung kundzutun. Nun, weniger angewöhnt. Vielmehr hatte ich diese Kunst perfektioniert. Und so öffnete ich häufig meinen Mund und trat zielsicher ins nächstbeste Fettnäpfchen, ohne das beabsichtigt zu haben. Ich war wirklich, wirklich, wirklich froh darüber, dass ich das bisher nicht bei Mr. Groß, Dunkel und Gutaussehend – ohne Probleme mit seinem Körper und gesegnet mit dem perfekten Schwanz – getan hatte. Andererseits kannte ich ihn auch erst seit etwa 6 Minuten und so blieb mir noch jede Menge Zeit, um es zu versauen und irgendetwas vollkommen Bescheuertes, Verbohrtes und Spießiges zu sagen. Das traf normalerweise nicht alles auf mich zu. Na gut, vielleicht der verbohrte Teil. Aber ganz sicher nicht spießig. Nein, die Gosse, in der mein Verstand residierte, war freizügig.

Bevor ich damit fertig war, meine Sachen in meinen Rucksack zu packen, war mein neugefundener Freund schon wieder da. Mal im Ernst, wie kann ein Mann das so schnell erledigen? Ich hätte in der Zeit nicht mal die Wassertemperatur richtig eingestellt und er war fertig und wieder zurück an seinem Spind – nackt. Hatte ich erwähnt, dass er nackt war? Falls nicht, hätte ich das wirklich tun sollen. Er war nackt. Herrlich nackt. Und Nacktheit stand ihm wirklich ganz ausgezeichnet. Einer der Gründe, wieso er so schnell wieder zurück war, war der, dass er sich nicht abgetrocknet hatte. Überall tropfte das Wasser von seinem Körper.

Oh, nein. Bitte, Gott. An jedem seiner harten Nippel, genau wie an der Spitze seines perfekten Penis, hingen ein paar Wassertropfen. Ich hätte bei Gott schwören mögen, sie verspotteten mich und riefen mir höhnisch zu, leck mich ab! Sie schrien so verdammt laut, dass es mich überraschte, dass keiner der anderen Männer sich umdrehte, um zu erfahren, was sie mir zu tun befahlen.

Ich tat es nicht, leckte mir aber die Lippen wie ein Hund, der über einem Fleischknochen sabberte. Mein neugefundener Freund schien das nicht zu bemerken oder wenn doch, so sagte er nichts dazu. Und glücklicherweise machte ihm die Sabberpfütze nichts aus, die sich sicherlich zu meinen Füßen bildete.

Er war höchstwahrscheinlich daran gewöhnt, dass Männer sich in seiner Gegenwart komplett zum Narren machten. Er war schließlich die wandelnde, atmende Perfektion; der Mann, von dem feuchte Träume fantasierten, der Stoff, aus dem Pornofilme gedreht wurden, der Mann, der Heteromänner schwul werden ließ, der Lahme wieder gehen ließ – nein, warte mal, das war jemand anderes. Aber ich schwöre, wenn ich lahm wäre, dann würde ich mich auf die Füße quälen, um zu diesem Mann zu gelangen. Also könnte er die Lahmen vielleicht doch dazu bringen, sich zu erheben.

Er machte seine Sache jedenfalls ziemlich gut, was meine Libido und meinen Schwanz anging. Das arme Ding war unbequem gequetscht worden, seit er damit begonnen hatte, seine Klamotten auszuziehen. Und als er dann angefangen hatte, sich die Eier zu kratzen, nun ja, mein kleiner Kerl litt unter schrecklichen Qualen, so eingesperrt in meiner Unterhose und der Jeans. Er war allerdings ein alter Hase. Wir hatten schon viel zusammen durchgemacht. Hatten eine Menge Festungen erstürmt, Wälle bestiegen, geplündert … nein, denkt nicht weiter in diese Richtung. Lasst uns einfach sagen, wir hingen viel zusammen rum. Tja, ganz offensichtlich. Ich hing ziemlich an dem kleinen Kerl. Nein warte! Nenn deinen Schwanz nicht klein, in keinem Zusammenhang. Gebrauche einen eher männlichen Namen für ihn – der Sturmtruppler. Das war es! Mein kleiner Soldat. Oh verflucht! Da war dieses Wort schon wieder – “klein“. Ich versichere Ihnen, mein Schwanz ist ein vollkommen normaler männlicher Schwanz. Er ist nicht groß, aber klein ist er auch nicht. Genau wie der Rest von mir ist er das perfekte Mittelmaß. Aber ich hatte stets mein Bestes getan, um dem Kerl ein paar wirklich gute Erfahrungen zu verschaffen. Schließlich war ich ein Leben lang für seine Betreuung, Pflege und Ernährung zuständig und ich nahm diese Verantwortung sehr ernst.

Irgendwie gelang es mir, meinen Blick von Mr. Perfekt und den Wassertropfen an seinen Nippeln und an seinem Schwanz loszureißen – schau weg, schau weg, Autounfälle, verstümmelte Körper, Blut, Eingeweide, Chaos, explodierende Tanklaster, Züge, die in Autos voller junger Kätzchen rasen – und den Reißverschluss meines Rucksacks zu schließen.

„Bevor ich‘s vergesse, mein Name ist Kyle“, sagte Mr. Perfekt, während er mir seine große Rechte entgegenstreckte. Wir hatten uns schon zuvor die Hand gegeben, bisher aber keine Namen ausgetauscht. Ich hatte damit keine Probleme, denn es war immer noch dieselbe Hand, die gerade dort gewesen war, wo mein Mund unbedingt hin wollte. Ich würde mich wohl stellvertretend mit meinen schmutzigen Fantasien zufriedengeben müssen und damit, seine Hand zu schütteln. Und das tat ich.

„Joseph“, erwiderte ich, glaube ich. Jedenfalls hoffte ich, dass ich irgendetwas Intelligentes von mir gab. Falls dem nicht so war, schien Kyle es nicht zu bemerken.

Während ich ihn beobachtete, war ich überrascht davon, wie schnell sich der Mann bewegen konnte. Die Geschwindigkeit, mit der er in seine Unterhose schlüpfte, war unglaublich. Nein!, hätte ich am liebsten geschrien. Ich muss dich noch länger angaffen. Meine schmutzige Fantasie bot noch jede Menge Raum für schlüpfrige Bilder von …Übergeh das. Man könnte annehmen, dass er sich mit so langen Beinen in seiner Hose verheddern würde, aber weit gefehlt. Mit überraschender Geschicklichkeit fädelte er seine großen Füße in die Hosenbeine seiner Jeans, zog sie hoch und knöpfte sie zu.

Er zog sich ein T-Shirt über den Kopf und auch seine Nippel wurden meinem Blick entzogen. Seufz. Aber dann bemerkte ich das, was meine Aufmerksamkeit zuallererst geweckt hatte: sein Lächeln. Oh, ja, in Ordnung. Er war also nicht mehr nackt, aber er hatte immer noch dieses Killerlächeln und das galt im Augenblick mir. Keine Ahnung warum, denn ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich gerade in der Lage war, zwei zusammenhängende Sätze zu formulieren, die einen Sinn ergaben. Aber vielleicht hatte ich das doch – ich konnte mich nicht mehr erinnern. Visionen von hüpfenden Penissen rauschten durch meinen Kopf und machten zusammenhängende Gedanken nahezu unmöglich.

Ich hob meinen Rucksack hoch und blickte wieder zu Kyle zurück. Irgendwie, keine Ahnung, wie er das gemacht hatte, war er vollständig angezogen und hatte Socken und Schuhe an den Füßen. Verflucht, war der Junge schnell. Ich hoffte, er würde seine Klamotten genauso schnell runterbekommen wie er sie angezogen hatte. Nein, denk nicht in diese Richtung. Wahrscheinlich war er hetero. Überhetero. Er könnte sogar hetero im Sinne der Mormonen sein. Bei meinem Glück könnte er von der Sorte Heteros sein, bei denen man sich das Hetero abguckte, wie es zu sein hatte. Seufz. Oh, dieses Lächeln. Was hatte ich da gerade mit mir selbst besprochen?

„Danke, dass du auf mich gewartet hast!“

„Kein Problem.“

„Da ist ein Kaffee-Shop am anderen Ende des Blocks. Hast du Lust auf eine Tasse Kaffee?“

„Klar doch!“, stimmte ich zu, obwohl ich keinen Kaffee trank und ganz sicher momentan keine zusätzliche Stimulation benötigte.

Sich mit Kyle zu unterhalten, erwies sich als außerordentlich einfach, denn er war ein gewandter Gesprächspartner. Er war von so vielen Dingen begeistert und gesegnet mit der Fähigkeit, Zusammenhänge auszumachen und in das Gespräch einzubringen. Nicht weiter über einbringen/ausmachen nachdenken. Fang nur nicht damit an. Du weißt doch, wahrscheinlich überhetero. Aber es machte wirklich Spaß, mit ihm zusammen zu sein. Er schien viel über viele Dinge zu wissen und liebte es offensichtlich, darüber zu reden, ohne einer von diesen Besserwisser-Typen zu sein, die andere mit ihrem Wissen erschlugen. Und alles, was ich sagte, schien den Mann dazu zu bringen, dieses Killerlächeln zu lächeln. Damit könnte ich leben.

Wir saßen in diesem Kaffee-Shop und redeten stundenlang miteinander. Ganz allmählich entspannte ich mich ein bisschen und bekam meine anrüchige, überaktive Libido unter Kontrolle. Und ich hörte auf, ihn als gigantischen wandelnden Penis zu betrachten. Trotzdem war das eine hübsche Vorstellung, auf die ich sicherlich zurückgreifen würde, wenn ich mir heute Nacht einen runterholte. Außerdem passte der Vergleich im Augenblick ohnehin nicht, denn er wandelte nicht, sondern saß mir gegenüber.

Auch wenn ich in einer Stadt lebte und umgeben war von zehntausenden Menschen, hunderttausenden von Menschen – na ja, von ein paar Millionen um genau zu sein – war es immer noch schwer für mich mit Leuten zu reden, denn ich war eigentlich ein sehr schüchterner Mensch. Ich weiß schon. Sie denken jetzt: Wie kann ein schüchterner Mensch ständig seine Meinung von sich geben und dauernd in Fettnäpfchen treten? Und ziemlich regelmäßig flachgelegt werden? Vertrauen Sie mir, das ist durchaus möglich. Ich hatte Beweismaterial aus Jahren der Erfahrung. Für beide Punkte.

Also hatte ich eine wundervolle Zeit. Der ganze Nachmittag war anders gelaufen als erwartet. Normalerweise absolvierte ich mein Pensum im Fitnessstudio, checkte ein paar Kerle ab, die ich mich niemals trauen würde anzusprechen und ging dann nach Hause. Dort las ich dann oder machte sauber oder tat etwas ähnlich Fesselndes, bis es Zeit war ins Bett zu gehen. Und am nächsten Morgen stand ich auf und ging zur Arbeit. Sie wissen schon, dieses ganze Kreislauf-des-Lebens Ding. Nun, zumindest der Kreislauf der Arbeitswoche.

Es war so unerwartet und so absolut wunderbar, Zeit mit einem umwerfenden, fesselnden Mann zu verbringen, der es anscheinend liebte, mir zuzuhören. Hatte ich ihn dafür bezahlt und das bloß vergessen? Niemand hörte mir jemals zu, es sei denn, ich bezahlte sie dafür. Nicht, dass ich das jemals getan hätte, dafür bezahlen, meine ich, es war einfach nur so, dass mir vorher noch niemals jemand wirklich zugehört hatte. Genug von dem Selbstmitleid.

Es ist ja nicht so, dass ich hässlich wäre oder so. Mir wurde gesagt, ich sei ein ziemlich attraktiver Mann. Aber mir wurde ebenfalls gesagt, dass ich an einem Mangel an Selbstvertrauen litt und dazu tendierte, mit meiner Umgebung zu verschmelzen. Ich war kein Einsiedler, der in seiner Höhle lebte und dabei zusah, wie das Leben an ihm vorüberzog. Ich ging aus, traf Kerle, wurde gelegentlich flachgelegt – niemals oft genug, aber andererseits, welcher Kerl kriegt davon schon genug? Ich hatte den Mann noch nicht getroffen oder auch nur von Sichtungen gehört. Mein Großvater war 80 und hatte immer noch Frühlingsgefühle – mit 80! Und er liebte es auch noch, darüber zu reden. Konzentriere dich auf den gut aussehenden Mann dir gegenüber, der an deinen Lippen hängt.

Ich stellte meine Sinne gerade noch rechtzeitig wieder scharf.

„Es tut mir leid, dass ich dich hier festgehalten und vollgelabert habe“, sagte Kyle.

„Nein! Ich liebe es! Entschuldige dich nicht! Und hör um Gottes willen nicht auf!“ Ich rief mich selbst zur Ordnung. Versuch nicht so verzweifelt zu klingen!

„Hast du Hunger?“

Ich schaute auf meine Uhr und konnte nicht fassen, dass es schon Zeit fürs Abendessen war. Wo war der Tag geblieben? Oh, ja richtig, ich hatte ihn über Kyles Körper sabbernd verbracht und damit, jedes seiner Worte aufzusaugen, so wie ich eigentlich seinen Schwanz des Todes aufsaugen wollte.

„Ja, ich habe tatsächlich Hunger.“

„Es gibt da ein tolles Thai-Restaurant ganz in der Nähe. Magst du thailändisches Essen?“

„Ich liebe es!“

„Großartig. Würdest du gerne mit mir was essen gehen? Und bitte versprich mir, dass du mir einen Schlag an den Hinterkopf verpasst, wenn ich wieder anfange, zu viel zu schwatzen, und mir dann sagst, dass ich gefälligst die Klappe halten soll!“

„Sehr unwahrscheinlich“, erwiderte ich mit einem Lächeln. Allerdings brachte mich die Vorstellung, ihn übers Knie zu legen und zu versohlen, wieder auf Touren. Platz, Junge!, versuchte die Stimme in meinem Kopf mich zur Ordnung zu rufen. Eine andere Stimme hörte nicht darauf. Wiesooo? Gottlob war ich der einzige, der die Argumentation in meinem Kopf hören konnte. Möglicherweise ging die gar nicht innerhalb meines Kopfes vonstatten, sondern fand in Wirklichkeit zwischen meinen beiden Köpfen statt – zwischen dem großen auf meinen Schultern und dem kleineren zwischen meinen Beinen, der die Weltherrschaft übernehmen und die Barrikaden erstürmen wollte. Der mutig dorthin vordringen wollte, wo noch nie ein Mensch zuvor gewesen war (allerdings würde ich niemals Sex ablehnen, nur weil irgendein anderer Mann schon vor mir dort gewesen war – ehrlich, ich war nicht bescheuert, nur geil).