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DAS TELEFON klingelte und riss Brighton McKenzie aus seinen Gedanken. Er schnaubte verärgert und wünschte, er hätte daran gedacht, das verflixte Ding abzustellen. Es hatte sich herausgestellt, dass die kurze Zeit, in der sich sein Bein dazu entschied, sich ruhig zu verhalten und ihm das Still sitzen und produktives Arbeiten für mehr als nur eine Stunde zu ermöglichen, genau die Zeit war, in der ihn alle Welt anrief. Brighton griff nach dem Hörer. Er dachte daran, einfach nicht abzunehmen, aber das würde eine Nachricht und einen Vortrag in Sprachmitteilungsform nach sich ziehen. Das war es einfach nicht wert.

„Hallo, Tante Vera“, sagte er mit so viel Begeisterung, wie er eben aufbringen konnte, und das war nicht gerade viel.

„Ich habe schlechte Neuigkeiten“, setzte sie an, aber er bemerkte einen Hauch von Schadenfreude in ihren Worten. „Dein Grandpa Ed ist gestern gestorben.“ Das erklärte alles. Ja, sie überbrachte ihm Neuigkeiten, von denen man erwartete, dass sie als schlecht empfunden wurden, und daher vernahm er den entsprechenden Tonfall in ihrer Stimme, aber ihre Aufregung war doch zu groß, als dass sie sie komplett hätte verbergen können.

„Gestern“, sagte Brighton leise. „Du hättest anrufen können.“ Grandpa Ed, sein Großvater väterlicherseits, war sehr alt gewesen und mit seiner Gesundheit war es seit geraumer Zeit bergab gegangen, zumindest Tante Vera zufolge, der Schwester seines Vaters.

„Ich wollte dich nicht stören. Es war schon spät. Anscheinend hatte er sich für ein Nickerchen hingelegt und ist nicht mehr aufgewacht. Das haben uns zumindest die Rettungskräfte und Ärzte gesagt. Er wollte eingeäschert werden, und wir werden seine Asche nach einer kleinen Begräbniszeremonie auf der Farm verstreuen, die er so sehr geliebt hat.“ Jetzt zog sie wirklich eine Show ab. „Ich werde dich später wegen der Vorbereitungen anrufen.“

„Hast du Brianne Bescheid gesagt?“ Brianne war Brightons jüngere Schwester.

„Ich habe ihr eine Nachricht mit der Bitte um Rückruf hinterlassen“, antwortete Tante Vera und bemühte sich nicht einmal, den höhnischen Unterton in ihrer Stimme zu verbergen, was bedeutete, dass sie davon ausging, dass Brianne, warum auch immer, absichtlich nicht ans Telefon gegangen war. Tante Vera suchte immer nach Gründen, beleidigt zu sein, und ließ nie eine Gelegenheit dazu aus – ganz gleich, ob berechtigt oder nicht.

„Ich bin mir sicher, dass sie viel zu tun hat. Sie macht dieses Wochenende ihren Abschluss.“ Brighton beließ es dabei. Seine Schwester war brillant und Brighton platzte fast vor Stolz. Er hatte sie bei ihrem Bachelorabschluss unterstützt, indem er zusätzliche Jobs und Webdesign-Aufträge angenommen hatte, um ihr Studium zu finanzieren. Als sie mit dem Aufbaustudium anfing, hatten Tante Vera und Onkel Raymond das für übertrieben gehalten und gemeint, sie sollte sich lieber einen Job suchen. Brighton hatte ihr geraten, ihren eigenen Weg zu gehen, der sie schließlich zu einem Stipendium an die University of Maryland geführt hatte. Auf dem College hatte sie Chemie im Hauptfach belegt und schon im Grundstudium ein bemerkenswertes Verständnis für ihr Fach bewiesen. Nun bekam sie ihren Masterabschluss mit Auszeichnung als eine der besten ihres Jahrgangs und hatte Angebote von einem halben Dutzend Doktorandenprogrammen, die sie so sehr als Promotionsstudentin gewinnen wollten, dass sie ihr einen Erlass der Studiengebühren und ein Lehrgehalt anboten. Sie hatte sich dafür entschieden, an ihrer Universität in College Park zu bleiben.

„Diese ganze Schulausbildung, nur damit sie einmal etwas Besseres wird als wir“, sagte Tante Vera.

„Sie ist intelligent, und ich möchte, dass sie es so weit schafft wie möglich.“ Brianne verdiente es. Verdammt, sie beide verdienten es, aber Brightons Leben war in eine andere Richtung gelaufen, und seine großen Träume hatten sich verändert und darauf reduziert, einfach ohne Schmerzen oder vollgepumpt mit Medikamenten laufen zu können und sein Leben auf die Reihe zu bekommen. „Bitte ruf mich an, soweit du über die Vorkehrungen Bescheid weißt. Ich rufe dann Brianne an und setze sie in Kenntnis.“

„Okay“, sagte seine Tante. „Ich muss noch ein paar andere Anrufe erledigen, aber ich melde mich bald wieder.“ Sie legte auf. Brighton legte sein Telefon mit dem Display nach unten auf die Tischplatte und versuchte, sich erneut an die Arbeit zu machen. Genau in diesem Moment zwickte sein Bein und erinnerte ihn wieder einmal daran, dass es sein Leben kontrollierte. Brighton stand auf, streckte es aus und griff dann nach seinem Stock, um durch das Wohnzimmer seines kleinen Apartments zu laufen. Die Schmerzen und die Starre klangen ab und Brighton setzte sich wieder hin, streckte sein Bein aus und rief seine Schwester an.

„Was gibt‘s?“, fragte Brianne nur, als sie den Anruf annahm.

„Ich will dich nicht stören. Ich weiß, dass du beschäftigt bist, aber Grandpa ist gestern gestorben.“

Brianne wurde ruhig. „Ist es das, was Tante Vera wollte?“

„Ja“, antwortete Brighton leise. „Anscheinend ist er friedlich im Schlaf gestorben.“

„Das ist alles, was man sich wünschen kann, schätze ich“, meinte Brianne mit belegter Stimme. „Ich habe ihn letzte Woche besucht, und er schien mir so aktiv und energiegeladen zu sein wie immer.“ Sie hielt inne und Brighton hörte, wie sie ihre Nase putzte. „Ich glaube, das war es, was er sich immer gewünscht hat – bis zum Schluss aktiv zu sein und dann abzutreten.“

„Genau“, sagte Brighton und spürte eine leichte Enge in seiner Kehle. „Erinnerst du dich, wie er immer mit uns über den Hof zum Pony gegangen ist?“

„Diablo? Klar.“ Sie gluckste. Dieses Pony war das gutmütigste Tier gewesen, das man sich vorstellen konnte, aber aus irgendeinem Grund hatte Grandpa das arme Ding auf den Namen Diablo getauft. Grandpa hatte eindeutig Sinn für Humor, aber manchmal war er der einzige, der ihn verstand. „Und dann saß er nach dem Unfall stundenlang neben dir im Krankenhaus.“

„Ich weiß. Und er hielt meine Hand nach der letzten Operation, als sie dachten, sie müssten mein Bein vielleicht abnehmen. Er hat sie alle als Versager beschimpft und von ihnen verlangt, gefälligst keine zu sein, ich wäre schließlich auch kein Versager. Ich schwöre dir, sie haben mein Bein nur seinetwegen gerettet.“

„Hast du immer noch starke Schmerzen?“, fragte Brianne.

„Es lässt nach. Die Ärzte sagen, sie wissen nicht, warum, aber so ist es. Ich muss nur immer daran denken, nicht zu lange in einer Position sitzen zu bleiben.“ Er seufzte. „Lass uns über etwas anderes reden. Vielleicht können wir dieses Wochenende, falls du ein paar Stunden Zeit hast, zur Farm hinausfahren, und ihn auf unsere eigene Art verabschieden.“ Die Worte taten sich schwer dabei, seinen Mund zu verlassen. Brighton wischte sich über die Augen und schluckte.

„Ja, lass uns das tun.“ Auch Briannes Stimme brach. „Am Sonntag ist die Zeugnisvergabe. Wir könnten am Samstag zur Farm hinausfahren. Ich habe immer noch einen Schlüssel zum Haus.“ Brianne hielt wieder inne. „Du weißt, dass Tante Vera und Onkel Raymond den Hof so schnell sie können verkaufen werden.“

„Ich weiß“, sagte Brighton. Onkel und Tante warteten seit Jahren darauf, dass Grandpa Ed abtrat. Die Familienfarm, auf der Grandpa gelebt und in kleinem Umfang gearbeitet hatte, lag in Ellicott City und war mittlerweile von Wohnanlagen und Siedlungen umringt. Großvater hatte nie verkaufen wollen. Die Farm war sein Zuhause – das einzige, das er kannte. Aber seine Tochter Vera und ihr Gatte betrachteten die Immobilie als eine Goldmine und ihr Ticket in den Ruhestand. „Macht nichts, und wennschon.“ Brighton schluckte, denn es machte schon etwas aus. Er konnte es nur nicht aussprechen, und es fühlte sich für ihn irgendwie … leichter an, wenn er es nicht ausformulierte. Ihm war klar, dass Brianne ihn trotzdem verstand. „Wir können es nicht ändern.“

„Nein“, sagte Brianne. „Sieh mal, ich habe noch einiges zu tun. Ich rufe dich zurück, sobald ich fertig bin, und wir können unsere Pläne für Samstag machen. Hast du vor, zur Zeugnisverleihung zu kommen? Ich kann verstehen, wenn das lange Sitzen dir zu viel wird.“

Brighton lächelte. „Machst du Witze? Ich werde mir stundenlang Pillen einwerfen, nur um zu sehen, wie du deine Abschlussurkunde bekommst. Du hast so hart dafür gearbeitet, und ich bin so stolz auf dich.“

„Ich war nicht die einzige, die hart gearbeitet hat, und glaub nicht, dass ich jemals vergesse, was du alles für mich getan hast.“

„Das ist es, was Mom und Dad sich gewünscht hätten.“

„Nein. Sie hätten gewollt, dass wir beide unseren Masterabschluss bekommen. Sie haben immer an eine gute Bildung geglaubt und hielten viel von der Wissenschaft.“

„Dann werde ich dir dabei zusehen, wie du den Abschluss für uns beide bekommst.“ Brighton lächelte, weil er wirklich sehr stolz auf sie war. „Ich bin zufrieden und auf meine eigene Art glücklich. Du bist diejenige mit den großen Ambitionen. Mir reicht es völlig, zu tun, was ich mag und mich selbst zu versorgen.“ Das allein war schon ein großer Fortschritt. Nach dem Unfall hatte er nicht nur befürchtet, nie wieder gehen zu können, sondern auch, sein Leben lang von anderen abhängig sein zu müssen. Und der Gedanke an Tante Vera, wie sie sich um ihn kümmerte, klang zu sehr nach Baby Jane, um überhaupt daran denken zu können.

„Ich weiß, dass du denkst, dass du es bereits bist, aber du verdienst es, wirklich glücklich zu sein.“

Brighton stöhnte.

„Komm schon. Du solltest mehr ausgehen und ein bisschen Spaß haben. Triff dich mit Menschen.“

„Das musst du gerade sagen“, entgegnete Brighton. „Wenn du dich an deinen eigenen Rat halten und jemanden treffen würdest, könnte ich dich vielleicht unter die Haube bringen.“

„Haha“, sagte sie. „Ich habe eher daran gedacht, dich mit einem starken, gut aussehenden Mann zu verkuppeln, damit ich mir keine Sorgen mehr machen muss, weil du die ganze Zeit allein bist.“

„Ja. Ich denke, ich gehe dann wohl am Samstagabend tanzen. Ich werde der absolute Knaller sein, bis ich jemanden mit meinem Stock umniete oder auf die Nase falle. Ich könnte auch nur an der Bar stehen und mich volllaufen lassen. Das wäre bestimmt nett.“ Als ob irgendeiner der Typen in einem dieser Clubs jemandem wie ihm auch nur mehr als einen Blick zuwerfen würde. Er war nie gut aussehend oder süß gewesen, und das lahme Bein … nun ja, das trug wirklich zu seiner Attraktivität bei. Nicht.

„Sei nicht immer so ein Sauertopf! Ich sage doch nicht, dass du in einen Nachtclub gehen sollst. Das war nie dein Ding, soweit ich weiß. Aber suche dir ein Hobby, ruf deine Freunde an, geh mal essen. Irgendetwas, außer die ganze Zeit in Unterwäsche vor dem Computer in deinem Wohnzimmer zu hocken.“

Mist. Brighton sah an sich hinunter und zuckte zusammen, sagte aber nichts. Er würde ihr bestimmt nicht auf die Nase binden, dass sie recht hatte. Hin und wieder sollte er sich wirklich einmal Kleidung anziehen.

„Ich melde mich bald wieder“, sagte Brianne.

„Okay. Dann lass ich dich mal irgendjemandem in den Akademikerhintern treten.“ Brighton legte auf und starrte auf seinen Computerbildschirm. Er hatte wirklich keine Lust, sich wieder an die Arbeit zu begeben, aber er musste seinen Auftrag fertigstellen. Brighton seufzte und zwang sein Gehirn, sich wieder auf die vorliegende Aufgabe zu konzentrieren. In Trauer versinken konnte er auch später noch.

Nach zwei weiteren Stunden Arbeit fügte er das letzte Detail hinzu und schickte seinem, wie er hoffte, zufriedenen Kunden eine Nachricht mit der Bitte, einen Blick auf die Website zu werfen. Brighton stand auf. Sein Bein war unbeweglich, aber die Schmerzen waren erträglich. Er zwang seine Gelenke, sich zu bewegen und machte sich auf den Weg zum Badezimmer, wo er sich entkleidete und unter die Dusche stieg.

Das heiße Wasser fühlte sich wunderbar an, vor allem auf seinem Bein. Brighton wusch sich und stand dann einfach unter dem Strahl, während das Wasser die Schmerzen in Knie und Hüfte linderte, aber irgendwann musste er sich mal überwinden, das Wasser abzudrehen und vorsichtig aus der Dusche zu treten. Zu stürzen und sich zu verletzen war das Letzte, was er jetzt gebrauchen konnte. Das war ihm einmal passiert und – nein, danke – er hatte nicht das Bedürfnis, es zu wiederholen. Er trocknete sich ab und ging in sein Schlafzimmer, um sich anzuziehen. Gerade, als er fertig war und in Erwägung zog, mit einem neuen Projekt zu beginnen, klingelte das Telefon wieder. Brighton war nicht wirklich versessen darauf, mit seiner Tante zu sprechen, aber dennoch nahm er den Telefonhörer in die Hand. Die Nummer auf dem Display kannte er nicht.

„Hallo“, sagte er zögernd, in Erwartung irgendeines Telefonverkäufers. Er hasste diese Typen.

„Guten Tag, spreche ich mit Mr. Brighton McKenzie?“

„Ja.“

„Ausgezeichnet. Mein Name ist Arthur Granger und ich war der Anwalt Ihres Großvaters. Mir liegt sein Testament vor, und da Sie darin Erwähnung finden, würde ich mich gern mit Ihnen treffen. Edward war ein wenig altmodisch und hat festgelegt, dass sein letzter Wille nach seinem Tod allen Begünstigten verlesen wird. Ich weiß, dass man das heutzutage meistens nicht mehr so macht, aber es war sein Wunsch. Stehen Sie und Ihre Schwester Brianne morgen um diese Zeit für ein Treffen zur Verfügung? Ich habe ihr eine Nachricht hinterlassen, aber bisher keine Antwort bekommen.“

„Sie beendet dieses Wochenende ihr Masterstudium, weshalb sie sehr beschäftigt ist. Aber ich werde mich mit ihr besprechen und Sie wissen lassen, falls es ein Problem gibt.“

„Das wäre sehr nett“, erwiderte Mr. Granger und diktierte Brighton Adresse und Uhrzeit. „Brauchen Sie Hilfe bei der Anreise? Als er sein Testament bei mir hinterlegte, meinte Ihr Großvater, Sie könnten Schwierigkeiten mit der Anreise haben. Ich kann Ihnen einen Wagen schicken.“

„Wenn Sie Zeit hat, wird Brianne mich mitnehmen.“ Brighton fühlte sich hilflos. „Danke sehr.“ Er blieb höflich und ließ sich seine Frustration nicht anmerken.

„Dann sehe ich Sie morgen um vierzehn Uhr.“ Der Anwalt legte auf und Brighton rief seine Schwester ein weiteres Mal an. Er fasste alles für sie zusammen und sie meinte, es bis zur Mittagszeit schaffen zu können. Sie würde vorbeikommen und nach einem schnellen Mittagessen könnte man gemeinsam zur Kanzlei fahren. Keiner von ihnen stellte Vermutungen an, was den Inhalt des Testaments betraf. Dazu gab es keinen Grund. Weder Brighton noch Brianne wollten irgendetwas anderes von ihrem Großvater, als ihn wieder lebendig bei sich zu haben.